Bericht des Rates der EKD - Teil A (5. Tagung der 10. Synode der EKD, Würzburg, 5. - 9. November 2006)

Mit Würde begabt - zur Freiheit berufen

I. Gebete in Beirut

1.

Die Häuser sind zerstört. Sie sind im Süden Beiruts nicht alle dem Erdboden gleichgemacht wie in manchem Dorf im Süden des Libanon. Es ist nicht jene willkürliche Zerstörung erkennbar, die Katjuscha-Raketen im Norden Israels anrichteten. Es ist in diesem Fall die gezielte Zerstörung von Straßen und Häusern, die den Wahnwitz des Krieges vor Augen führt.

An einer Stelle wurde ein mehrstöckiges Haus regelrecht zerteilt. Während der eine Flügel fast unversehrt stehen blieb, wurde die andere Seite in Schutt und Asche gelegt. Gleich gegenüber ergießen sich die Überreste eines Hauses auf den mit Steinen übersäten Bürgersteig; eine befestigte Straße gibt es hier ohnehin nicht. Wer von einem kundigen Führer in diesen Wochen durch die Straßen Südbeiruts geführt wird, erfährt, dass in dem einen Haus die Radiostation der Hisbollah, in dem anderen ein Wohnkomplex ihrer Kämpfer angesiedelt waren. Die Zerstörungen zeichnen Straße für Straße die Infrastruktur der Hisbollah nach; auch wichtige operative Einrichtungen lagen inmitten von Wohnblocks. Mit einer entsetzlichen Präzision wurden sie zerstört – und mit ihnen das Leben ungezählter Zivilisten sowie die Wohnungen von Hunderttausenden, in die sich der Hass umso tiefer eingräbt. Die Ausfallstraße zu diesen Stätten der Zerstörung, die zugleich neue Brutstätten von Hass und Vergeltung wurden, ist mit großen Plakaten gesäumt, die den „göttlichen Sieg“ der Hisbollah proklamieren.

Unsere späte christliche Einsicht in Gottes ungekündigten Bund mit dem Volk, dem Jesus entstammte, wie die besondere Verantwortung Deutschlands für das Existenzrecht des Staates Israel werden uns den Mund für notwendige Kritik am Handeln der Regierung Israels nicht verschließen. Das Ausmaß der Zerstörung in Beirut, die ich Mitte Oktober mit eigenen Augen sah, geht weit über das hinaus, was ich mir zuvor vorgestellt hatte. Das hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass die Reaktion Israels das Maß der Verhältnismäßigkeit weit überschritten hat; auch israelische Kritiker sehen das so. Die Regierung Israels hat zudem inzwischen eingeräumt, Phosphorbomben eingesetzt zu haben. Seit langem fordern Menschenrechtsorganisationen völkerrechtlich ein Verbot dieser Waffen. Mit den wechselseitigen Angriffen dieses Sommers wurde mehr als der Lebensraum von Menschen zerstört. Die Spuren werden auf Jahre hin sichtbar bleiben. Es wird große Anstrengungen kosten, einem neuen Friedensansatz in dieser Region den Weg zu ebnen.

Zugleich ist es mit Händen zu greifen, dass in der Region das Existenzrecht Israels bei weitem noch keine Anerkennung gefunden hat. Die verbalen Attacken gegen Israel sind kämpferischer und unerbittlicher, als das noch vor einigen Jahren zu erleben war; bis in höchste politische und religiöse Kreise sind Antizionismus und Antisemitismus in erschreckendem Maße hoffähig geworden. Entstanden ist eine Spirale der Gewalt und des wechselseitigen Misstrauens. Die christlichen Gemeinden – in Beirut wie in Jerusalem insbesondere auch unsere deutschsprachigen evangelischen Gemeinden – haben im Rahmen des ihnen Möglichen unermüdlich geholfen und eine beeindruckende Vermittlungs- und Versöhnungsarbeit geleistet.

2.

Die Reise, die eine kleine Delegation der EKD nach Beirut führte, galt dem 150jährigen Jubiläum der deutschen wie der französischen evangelischen Gemeinde. Die Eindrücke dieser nachdenklichen, ja erschütternden Reise haben in einer besonderen Weise die Gefährdung jener beiden Güter vor Augen geführt, die über diesem Ratsbericht stehen sollen: „Mit Würde begabt – zur Freiheit berufen“: Die Freiheit wie die Würde der betroffenen Menschen sind in einem erschreckenden Maß in Frage gestellt worden. Ich sage hier mit Dankbarkeit und auch mit Stolz, dass unsere Gemeinden im Nahen Osten, in besonderer Weise die deutschen Gemeinden in Beirut und Jerusalem, für die Menschenwürde und für die Freiheit eingetreten sind. Ein Telefondienst in Beirut rund um die Uhr wurde für mich zum Symbol für eine Gemeinde, die den einen den Weg aus einer Situation zeigt, die sie als unerträglich empfinden, und anderen, die den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren haben, ein Dach über dem Kopf und zugleich menschliche Nähe gewährt. Unsere Gemeinden öffneten den Verzweifelten eine neue Perspektive und wurden zu Orten des Vertrauens und des Friedens. Viele Glieder der Gemeinden setzten sich für die Freiheit und für die Menschenwürde ein, ohne sich zu schonen. Sie stellten die Verletzung von Würde und Freiheit in Klage und Bitte Gott selbst anheim.

3.

In einer solchen Situation der Anfechtung spürt man es besonders deutlich: Würde und Freiheit des Menschen haben in Gott ihren Ursprung und ihr Ziel. Beide Begriffe führen sofort auf Gott hin: auf sein schöpferisches Handeln und auf seinen Ruf zu verantwortlichem Tun. Der mit Würde begabte Mensch ist wie der zur Freiheit berufene Mensch der Mensch vor Gott.

Jedes Reden von Freiheit und Menschenwürde beginnt in dieser Perspektive mit dem Gebet; von Würde und Freiheit lässt sich recht verstanden nur dann sprechen, wenn diese Rede aus dem Gebet, aus Klage und Lob, kommt und in das Gebet mündet. Gott die Ehre zu geben, heißt aber zugleich, für die Würde und Freiheit des Menschen einzutreten.



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