6. Tagung der 10. Synode der EKD

Dresden, 04. - 07. November 2007

Einbringungsrede zum Kundgebungsentwurf "evangelisch Kirche sein"

Dr. h.c. Peter Bukowski

05. November 2007

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Einbringungsrede zum Kundgebungsentwurf

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Sehr geehrte Frau Präses, hohe Synode.

I.

Auf der 5. Tagung der 10. Synode in Würzburg, haben Sie, liebe Schwestern und Brüder, einstimmig das Thema „Kirche im Aufbruch“ als Schwerpunktthema für diese Synode gewählt. Damit haben Sie die lebhafte Diskussion um das am 6. Juli 2006 veröffentlichte Impulspapier des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ‚Kirche der Freiheit’ konstruktiv aufgenommen, und zugleich deutlich gemacht, dass die Synode der EKD den Reformprozess in unserer Kirche substanziell mit gestalten will. Einen wichtigen Hinweis haben Sie denen, die das Schwerpunktthema vorzubereiten hatten, mit auf den Weg gegeben. Sie erinnern an Artikel 23 Absatz 1 der Grundordnung der EKD, welcher der Synode die Aufgabe zuweist, „der Erhaltung und dem inneren Wachstum der Evangelischen Kirche in Deutschland zu dienen“; und entsprechend äußern Sie die Erwartung, es mögen diejenigen „Themen und Perspektiven“ in den Blick genommen werden, die „speziell von der EKD-Ebene zu verantworten sind“.

Daraufhin hat der Vorbereitungsausschuss zunächst die Diskussion um das Impulspapier, die Ergebnisse des Reformkongresses in Wittenberg sowie Berichte über den Fortgang des Reformprozesses in den Landeskirchen ausführlich analysiert mit dem Ziel, im Sinne des Arbeitsauftrages möglichst präzise die Fragestellungen auszumachen, auf die sich diese Synode konzentrieren sollte. Das Ergebnis liegt ihnen in Form eines Kundgebungsentwurfs und dreier Vorschläge zur Konkretion vor.

Beides steht unter der Überschrift: „evangelisch Kirche sein“. Diese Überschrift verhält sich zu dem Arbeitstitel „Kirche im Aufbruch“ wie eine Medaillenseite zur anderen: „evangelisch Kirche sein“ bedeutet vom inneren Verständnis des Evangeliums her ja nichts anderes als „Kirche im Aufbruch“, denn wir sind kein Verein zur musealen Pflege religiöser Traditionsgüter, sondern wir sind lebendige Gemeinde des lebendigen Herrn Jesus Christus; wir sind wanderndes Gottesvolk, das durch die Zeit Seiner Zukunft entgegengeht und sich deshalb alle Morgen neu aus der Güte Gottes empfängt. Ecclesia reformata semper reformanda - haben die Alten gesagt: die reformatorische Kirche ist eine ständig neu in Form zu bringende Kirche, Kirche im Aufbruch eben. Diese muss nun aber auch: „evangelisch Kirche sein“! Kirche also, die sich von der Besinnung auf den Grund, der sie trägt und vom Hören auf die Worte ihres Herrn Orientierung und Wegweisung für ihren Aufbruch verspricht. Wohlgemerkt: Evangelische Orientierung enthebt uns gerade nicht der Pflicht einer möglichst präzisen alles menschliche Wissen und Vermögen dankbar in Anspruch nehmenden empirischen Analyse der vor uns liegenden Wegstrecke. Auch mit noch so biblischen Sätzen im Sinn wäre die Parole „Augen zu und durch“ eine falsche, eine unfromme Parole, denn der liebe Gott spielt mit den Seinen nicht Blindekuh! Wohl aber zeugen die Worte der Verheißung vom ew’gen Licht, das da herein geht und der Welt und der Kirche in der Welt einen neuen Schein gibt.

II.

In diesem Sinne möchte die Kundgebung im Horizont des Reformprozesses zur evangelischen Orientierung beitragen, indem sie mit wenigen Grundstrichen an Wesen und Auftrag der Kirche erinnert. Wir halten es in einem doppelten Sinne für hilfreich und wichtig, uns als EKD-Synode über ein theologisch verantwortetes Grundbild unserer Kirche zu verständigen. Eine theologische Fundierung des Reformprozesses ist gerade auch in Wittenberg immer wieder angemahnt worden. Nur die ausgesprochene Klarheit bezüglich des Auftrags der Kirche führt zu einem inhaltlich gefüllten Qualitätsbegriff pastoralen Handelns. Über die interne Orientierung hinaus gilt es aber gleichzeitig nach außen theologisch begründet zu kommunizieren, wofür die Evangelische Kirche steht und was man von ihr auch in Zukunft unter veränderten (womöglich: erschwerten) Rahmenbedingungen erwarten kann.

Um beides bemüht sich der Kundgebungsentwurf. Wir haben uns bei seiner Abfassung von den elementaren Bekenntnistexten, die in unseren Gliedkirchen in Geltung sind, inspirieren lassen, darüber hinaus vor allem von der Studie „Die Kirche Jesu Christi“ (Wien 1994), einem Text, dessen Bedeutung nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Denn hier hat sich der Europäische Protestantismus erstmalig gemeinsam über die Grundfragen der Kirche verständigt. Wir haben bewusst einen ökumenischen Basistext zu Rate gezogen und die Chance gerne genutzt, Sie via Synodenunterlagen an dieses Dokument zu erinnern.

Gestatten Sie mir einige Hinweise zum Verständnis des Kundgebungsentwurfs. Nach einer Einleitung, die den „Sitz im Leben“ unserer Überlegungen markiert, erfolgt unter A. die Erinnerung an Wesen und Auftrag der Kirche: Sie lebt von Beginn an aus dem Geheimnis der Gegenwart des Auferstandenen und ist gesandt, die Botschaft von Gottes Liebe zu den Menschen zu bringen. Hier ist unter anderem die Pointe von Barmen VI aufgegriffen, derzufolge der Kirche gerade aus dem Gehorsam gegenüber ihrem Auftrag Freiheit zuwächst. Aus dem Vertrauen auf seine Gegenwart schöpft die Kirche die Kraft zur evangeliumsgemäßen Gestaltung ihres Lebens.

Die Grunddimensionen eines evangelischen Kircheseins werden in Teil B. entfaltet. Sie nehmen ihren Ausgangspunkt beim Gottesdienst. Das hat manche befremdet: „Ist Kirche nicht mehr als nur Gottesdienst?“ „Müssen grundsätzliche Überlegungen nun ausgerechnet bei der Veranstaltung einsetzen, die mancherorts so kümmerlich daherkommt?“ - so wurde gefragt. Antwort: Gottesdienst ist hier verstanden als der Lebensvollzug, in dem Christenmenschen Kontakt aufnehmen zu dem, der sie trägt. Wo immer Menschen hörend und redend, singend und betend und feiernd in Beziehung zum biblisch bezeugten Gott treten, um sich von ihm neu beschenken und leiten zu lassen, da geschieht Gottesdienst. In diesem elementaren Sinne ist er der Grundakt kirchlichen Lebens schlechthin. Keine Frage, dass kirchliches Leben sich in anderen Vollzügen fortsetzt! Keine Frage auch, dass praktisch und faktisch manche gottesdienstliche Versammlung jenes Geschehen eher verdunkelt als ans Licht bringt. Dies alles mag Anlass und Ansporn zu weiterem Nachdenken sein. Aber es kann dem Grundgedanken nicht widersprechen, dass der Gottesdienst - das „In-Seinem-Namen-versammelt-Sein“ (Matthäus 28) - der eine, entscheidende Grundvollzug kirchlichen Lebens ist (modern gesprochen: sein Hologramm), der die wesentlichen Dimensionen des ganzen kirchlichen Auftrags zur Darstellung bringt: Gottesbegegnung, Lebenserneuerung, Gemeinschaft. Die Besinnung auf diese Dimensionen soll, wie der Entwurf im letzten Teil ausführt, nach innen und außen zur Konzentration und zur inhaltlichen Profilierung kirchlichen Handelns beitragen.

Es kann jetzt nicht darum gehen, die inhaltliche Füllung der drei Grunddimensionen noch einmal vorzustellen - entweder sie sprechen für sich oder sie müssen umgeschrieben werden! Nur darauf sei verwiesen, dass ihre besondere Aussagekraft und damit ihr heuristischer Wert sich nicht zuletzt ihrer inneren Bezogenheit verdankt: Es ist eben die lebenserneuernde Gottesbegegnung, welche die evangelische Kirche sucht und für die sie steht. Denn ohne Lebenserneuerung bliebe Gottesbegegnung abständig, museal, situationsvergessen. Eine Kirche, die sich hinter zeitlosen Wahrheiten verschanzt, wird im besten Fall irrelevant, im schlimmsten Fall gefährlich. Es ist andererseits die in der Gottesbegegnung gründende, aus ihr sich speisende Lebenserneuerung, die kirchlichem Liebes- und Lebensdienst allererst das eigene Profil und die unverwechselbare Nachhaltigkeit verleiht. Und nur als eine Größe, die auf Gemeinschaft bedacht ist, vermag die Kirche Gottesbegegnung und Lebenserneuerung glaubwürdig zur Darstellung zu bringen. Denn wenn sie selber nicht lebt, wovon sie zeugt, wird ihr Zeugnis schwach. Und würde sie Gemeinschaft bilden unter Ausklammerung ihrer ureigensten Inhalte, würde ihre Existenz banal. Als Gemeinschaft aber, die sich von Gottes Wort erneuern lässt und so dem Leben dient, stehen wir unter der Zusage Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

III.

An das Stichwort Gemeinschaft knüpfen auch die drei Vorschläge zur Konkretion an. Sie verstehen sich nicht als (womöglich einzig zwingende) Deduktionen aus theologischen Obersätzen, wohl aber als begründeter Versuch, im Lichte unserer in der Kundgebung dargestellten Sendung das angesichts des Reformprozesses auf der Ebene der EDK heute Gebotene in den Blick zu nehmen. Das verbindende Stichwort aller drei Vorschläge lautet: „gemeinsam“. Dieses Stichwort beinhaltet, evangelisch verstanden, eine doppelte Abgrenzung. Es ist zum einen antiseparatistisch. Und wer wollte leugnen, dass es gerade im Protestantismus eine offene Flanke zu dieser Gefahr hin gibt. Das Dictum: „Die armen Katholiken haben nur einen Papst, wir Evangelischen haben Hunderte!“ ist ja nicht nur aus der Luft gegriffen. In Gemeinden, in einzelnen Kirchentümern aber auch im föderalen Gesamtsystem des deutschen Protestantismus ist in dieser Hinsicht manches verbesserbar. Einiges benennen wir, indem wir unser „Reden“, „Handeln“ und „Leiten“ in den Blick nehmen.

Die andere Abgrenzung von „gemeinsam“ lautet: antihierarchisch. Gerade in Zeiten der Krise tut es auch Protestanten gut, daran erinnert zu werden, dass unsere Kirche auf allen Ebenen ihres Handelns - auch auf der Ebene der Leitung - auf die Gaben der Vielen vertraut, die es zum Nutzen aller gemeinsam einzubringen gilt. Presbytorial-synodal sind wir deshalb verfasst. Mit den schlichten Worten Zwinglis: Es braucht mehrere, um intelligent zu sein! Dass unser partizipatorisches Leitungsverständnis seine eigene Mühsal haben kann, wissen wir alle. Dass es gleichwohl verheißungsvoll ist und sich nicht zuletzt gerade in Zeiten der Bedrängnis heilsam bewährt hat - auch dies wird unter uns Konsens sein. Der Vorbereitungsausschuss bittet die Synode in diesem Zusammenhang zu prüfen, ob und wie das synodale Element der EKD gestärkt werden kann. Die Intention zielt, nicht auf die Schwächung der anderen beiden Organe, auch nicht auf eine Kritik derselben, viel mehr bewegt uns die Frage, ob mit der jetzigen Funktionszuweisung an die Synode nicht Chancen verpasst werden. Es hat uns im Vorbereitungsausschuss zu denken gegeben, dass auch die unter uns, die sich als engagierte EKD-Synodale verstehen, in der Regel sagen: „Wir im Rheinland (oder Württemberg, oder...) haben dies und das beschlossen“, oder auch „Meine Kirche hat...“, dass wir aber andererseits sagen „Die EKD-Synode hat...“, und keiner von uns benutzt die Formulierung: „Meine EKD hat... Mit bezeichnenden Ausnahmen, nämlich da, wo nun tatsächlich die EKD-Synode „hat...“, will sagen: wo die Synode sich als primär handelndes Subjekt betätigt hat. Sei es die Missionssynode, oder sei es die Synode, auf der wir um die Neuordnung der Militärseelsorge gerungen haben - in beiden Fällen war das Ergebnis tragfähig, nachhaltig und hat tatsächlich im deutschen Protestantismus „Mentalitäten verändert“. Diese Beispiele von good practice sollten uns ermutigen, in diese Richtung weiter nachzudenken! Sie merken, ich werbe dafür, gerade diesen Beschlussvorschlag ernst zu nehmen: Er speist sich aus der Erwartung, dass eine gestärkte Synode eine verbindlichere Gemeinschaft im deutschen Protestantismus befördert.
Dieser Aspekt ist so wie alle anderen Teile der Vorlage vom Vorbereitungsausschuss einstimmig verabschiedet worden.
Ich möchte in diesem Zusammenhang allen Mitgliedern des Vorbereitungsausschusses für die kollegiale Zusammenarbeit danken, auch unserem Geschäftsführer Dr. Thies Gundlach, den Mitarbeitenden seiner Abteilung und des Synodenbüros. Bruder Gundlach hat unsere Arbeit mit Engagement und Geduld, bisweilen sogar mit sichtlich strapazierter Geduld, aber immer konstruktiv und hilfreich gefördert.

IV.

Kirche im Aufbruch - evangelisch Kirche sein.

Ein besonders sprechendes biblisches Bild ist für mich die Geschichte am Beginn des Markusevangeliums (Mk 2,11-12), die davon erzählt, wie die Vier den Gelähmten auf seiner Bahre zu Jesus tragen. Da erleben wir Kirche im Aufbruch: Da haben sich welche auf den Weg gemacht. Und sie haben ein klares und benennbares Ziel: Sie wollen zu Jesus. Und sie vertrauen darauf, dass sie in seiner Gegenwart dem lebendigen Gott begegnen. Und sie erwarten von dieser Begegnung Lebenserneuerung, die den ganzen Menschen betrifft: „Deine Sünden sind Dir vergeben“, und: „Steh auf, nimm dein Bett und geh heim“. Und sie sind gemeinsam auf dem Weg. Und weil sie zusammenhalten, können sie den mitnehmen, der für sich allein den Weg zu Jesus nicht gehen könnte.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir so unterwegs bleiben: gezogen vom Verlangen nach Gottesbegegnung, im Vertrauen auf Seine lebenserneuernde Kraft, als tragfähige Gemeinschaft, die anderen zu Gute kommt - wenn wir so aufbrechen, dann werden wir auch in Zukunft „evangelisch Kirche sein“.



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