Predigt im Abschlussgottesdienst der EKD-Synode in der Frauenkirche zu Dresden

Bischof Peter Krug

07. November 2007

Redigierte Fassung


Liebe Gemeinde!

Abendgottesdienste tun gut. Die Zeit zwischen Tag und Nacht hat ihren eigenen Charakter. Viele Menschen können die berufliche Arbeit hinter sich lassen und die verbleibenden Stunden nach eigenem Belieben füllen. Mit mehr oder weniger Tiefgang. Mit Wasser oder Wein oder beidem.

Für die Mitglieder der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gehen fünf kompakt gefüllte Tage zuende. So viel lesen, reden und hören, so viel sitzen und so wenig schlafen, so viele geistliche Früchte, bisweilen gewürzt mit einem Schuss Humor aus Sachsen oder dem Rheinland oder den anderen Landeskirchen, so viele gute Vorsätze bei einer Menge offener Fragen und stiller Sorgen um die Zukunft der eigenen Existenz und um den Frieden in der Welt - das alles lässt sich nicht einfach abschalten oder vertagen auf morgen.

Hier in dieser wunderschönen Frauenkirche ist aber jetzt Raum und Zeit, eine Weile mit unseren Gedanken und Gefühlen Gottes Wort und Sakrament zu begegnen.

In der Geschichte aus Matth. 14, die wir in der Lesung gehört haben, stieg Jesus gegen Abend auf einen Berg, um zu beten. Ein anstrengender Tag lag hinter ihm. Kranke Menschen erhofften sich Linderung ihrer Leiden. Sie jammerten den Herrn, und er heilte sie. Vor einer großen Menschenmenge hatte er am Nachmittag die Botschaft vom Himmelreich verkündet.

Nun wollte er mit Gott allein sein, ihm danken für die Kraft, die ihm geschenkt war, und ihn bitten um Erleuchtung und Weisheit für sein jüdisches Volk und die Nachbarvölker, die an andere Götter glaubten. Jesus war mit seinen Gedanken bei den Jüngern, die noch so wenig verstanden hatten von der Freiheit und der Zuversicht des neuen Menschen in der Nähe und Nachfolge ihres Herrn und Meisters.

Der evangelische Reformator Martin Luther hat uns einen Abendsegen hinterlassen, mit dem er sich und seine Familie vor einer müden Art der Gottvergesslichkeit bewahren wollte. Ihm war es für seine seelische Gesundheit wichtig geworden, so zu beten:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten.

Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Und dann folgte die fast schon wieder aufmunternde Regieanweisung Luthers:

Alsdann flugs und fröhlich geschlafen!

Wer davon gehört hat, welchen geistlichen Nöten und weltlichen Bedrohungen Martin Luther in seinem Leben von 1483 bis 1546 ausgesetzt war, kann sich dem Eindruck gar nicht entziehen, wie lebensnotwendig ihm das Zwiegespräch mit dem Gott des Himmels und der Erde bis zum Ende seines Lebens war.

Luther hatte in seiner schweren Jugend- und Studienzeit vielfach schätzen gelernt, gnädiglich behütet zu sein. Zweimal gebrauchte er diese schöne Wendung in seinem Abendsegen, zweimal wird auch in seinem ähnlich gefassten Morgensegen das Behütetsein durch Gott und seinen Engel gepriesen und erbeten.
In der biblischen Geschichte von Jesus und dem sinkenden Petrus wird von einer ausgesprochen unruhigen Nacht auf dem See Genezareth erzählt.

Es ist eine der eindrücklichsten Glaubensgeschichten des Neuen Testamentes.

Die Jünger sind auf dem nächtlichen Wasser allein mit den Elementen und geraten in Seenot. Sie erleben in ihrem Schiffsmanöver vorweg, was die Kirche seit Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt als einen Dauerzustand zu bewältigen hat: Der Herr ist weg, er ist ins Unsichtbare entrückt und darum für den Glauben nur schwer begreifbar.

Manchmal scheint die Gemeinde Jesu Christi von allen guten Geistern verlassen zu sein. Dann befindet sie sich nicht auf einer beschaulichen Fahrt mit dem Raddampfer an Pillnitz vorbei nach Bad Schandau.

Haben wir nicht auch als getaufte, konfirmierte und in die Synode der EKD berufene Christenmenschen bisweilen das Gefühl, allein und verlassen zu sein? Wir müssen doch auch sehen, wie wir uns über Wasser halten und mit all dem fertig werden, was unser Lebensschifflein leck geschlagen hat oder gar verschlingen will.

Ich kann mich natürlich nicht mehr daran erinnern, wie ich mit anderthalb Jahren am Abend des 13. Februar 1945 eingeschlafen bin, als Dresden in der Nacht furchtbar zerstört wurde.

Wir waren bei meinen Großeltern in Blasewitz und haben im Keller auch den zweiten Angriff am 15. Februar überlebt, während etwa 35.000 Menschen in der Innenstadt dem Inferno zum Opfer gefallen sind.

Erst Ende der vierziger Jahre  ist mir so recht bewußt geworden, welches Ausmaß an Zerstörung der Stadt und an Erschütterung des Glaubens und Lebens der Wahnsinn des Krieges bewirkt hat.

Mein Großvater starb Ende 1946 an Unterernährung. Von meinem Vater kam nie ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft.

Als meine Mutter 1951 mit mir nach Düsseldorf übergesiedelt war, wuchs ich weiter in einer Stadt auf, deren Ruinen erst nach und nach beseitigt werden konnten.

Die Jünger Jesu aller Zeiten leben in solchen Augenblicken wohl weniger davon, dass sie kluge Gedanken über Gott im Kopf gespeichert haben. In der Not verbreitet sich zu viel Nebel um das, was uns an Glaubensbekenntnissen mit auf den Weg gegeben worden ist.

In solchen Situationen, liebe Schwestern und Brüder, leben wir davon, dass Jesus Christus an uns denkt. Der Griff unseres Glaubens, mit dem wir den Herrn festhalten wollen, mag sich lockern. Aber der, dem wir vertrauen, hält uns mit seinem Griff fest, wie den Petrus damals, der zu versinken drohte.

Als Jesus über das Wasser zu den Jüngern kommt und sie an seiner Stimme hören, dass ihnen mitten im Sturm nicht ein Gespenst begegnet, da wirken seine Worte Wunder: „Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!“

Das ist Evangelium pur, frohe Botschaft, die allein alles Widrige, Zweifelhafte und im Glauben Verkümmerte zu beleben vermag.

In jener Nacht steigert sich Petrus in eine Art Hochform des Glaubens, die schon in Übermut zu kippen droht. Ist es nicht ungemein keck, wenn der Jünger den Herrn auffordert, ihm zu befehlen, über das Wasser zu gehen?

Aber Jesus bejaht das etwas ausgefallene Experiment und hat vielleicht seine Freude daran, dass da jemand einmal ganz ohne theologische Bremsen seinen Glauben um Jesu Willen aufs Spiel setzt.

Wer allzu sehr darüber nachdenkt, was er beten soll und wie weit er mit seinem Beten gehen darf, und wer vor lauter Angst, etwas Unmögliches von Gott zu fordern, schließlich immer nur sagt: Dein Wille geschehe, der traut am Ende Gott gar nichts mehr zu.

Aber Petrus hält sich nur so lange über Wasser, wie er den Herrn im Auge behält. In dem Augenblick, wo sein Blick auf Wind und Wellen wandert, droht er zu ertrinken.

Im Grunde ist der Glaube nichts anderes als eine bestimmte Blickrichtung. Ein dauerhaft falscher Blick kann mich in den Abgrund sinken lassen.

Wenn ich unaufhörlich an das denke, was alles an Komplikationen und Gefahren mein Leben bedrängen könnte, was etwa passieren würde, wenn ich durchs Examen falle, was geschehen würde, wenn jede Anstrengung zu einem Herzinfarkt führen, wenn das Kind, das wir erwarten, behindert sein sollte, wenn ein Selbstmordattentäter sich neben mir in die Luft sprengen würde, wenn ich wie gelähmt auf dies alles blicke, was an bedrohlichen Möglichkeiten vor mir steht, dann saugt mich irgendwann der Strudel ständiger Angst an, und die Freude an meinem Leben wird schwinden.

Mit allerletzter Kraft brüllt Petrus seinen Hilferuf gegen Sturm und Wellen an die richtige Adresse: Herr, hilf mir!

Dieses Minimum an Glauben und dieser kümmerliche Rest seiner Tollkühnheit, auf dem See wandeln zu wollen, das genügt Jesus Christus, um auf den Plan zu treten und ihn in seine rettenden Arme zu schließen.

Die Geschichte vom Seewandel Jesu und der Begegnung mit Petrus auf dem Wasser bleibt einmalig. Sie ist eine Lerngeschichte für den Glauben. Für jeden persönlich und für die Kirche insgesamt. Seid getrost, ich bin´s.

Glauben heißt: Die Stimme Jesu hören und seine Hand ergreifen. Nicht mehr und nicht weniger braucht die evangelische Christenheit, wenn sie als Kirche der Freiheit von Wittenberg über Dresden unter vollen Segeln unterwegs sein will - auf jedem Meer der Zeit.

Die neue Schrift zum Frieden setzt dabei einen ausgesprochen hilfreichen Akzent für unser persönliches Ergehen und für den Weg unserer evangelischen Kirche reformatorischer Prägung mit den vielfältigen Bemühungen, Frieden zu stiften und Frieden zu bewahren.

Der Titel gibt geistliche Orientierung, ermutigt zu so viel Gewaltfreiheit wie irgend nur möglich und bleibt dort redlich, wo friedensethische Postulate und friedenspolitische Entscheidungen möglicherweise  nicht zur Deckung gebracht werden können.

Der Titel lautet: „Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen.“ Fürchtet euch nicht! spricht unser Herr.

Abendgottesdienste tun gut, manchmal auch Not.. Die Zeit zwischen Tag und Nacht hat ihren eigenen Charakter. Wie gut ist es dann, wenn uns Wünsche vom Tag in die Nacht geleiten.

Seit Jugendzeiten begleitet mich ein Wort meiner Großmutter, die eine echte Dresdnerin war, aber seit den 50er Jahren in Berlin lebte.

Sie hatte ein über und über von Runzeln gezeichnetes Gesicht. Auf ihrer schmalen Nase klemmte solch eine alte Brille ohne Bügel. Auf ihrem einen Auge hatte sie einen Grünen, auf dem anderen einen Grauen Star.

Dennoch schickte sie mir alle 14 Tage einen mit ihrem Füllfederhalter geschriebenen Brief in alter deutscher Schrift.

Anfangs waren mir die beigelegten Geldscheine von 2 Mark bis später 20 Mark wichtiger als die letzten beiden Zeilen ihrer Briefe. Dort war jedes mal zu lesen: Gott behüte Dich! Deine Omi.
Je älter ich wurde, desto mehr spürte ich, was sie in ihrem Glauben und Leben getragen und geprägt hatte.

Was ich dann unseren Kindern am Abend nach Liedern und Gebet zugesprochen und dabei mit der Hand auf ihrem Haupt bestätigt habe, was ich nun meinen Enkelkindern, wenn ich sie denn ein paar mal im Jahr zu Gesicht bekomme, sage und zu verstehen gebe, möchte ich auch Dir, liebe Gemeinde, an diesem Abend ans Herz legen: Gott behüte Dich!

Amen

Peter Krug

07. November 2007



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