7. Tagung der 10. Synode der EKD, Bremen, 02. - 05. November 2008

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Einbringung des Berichtes über die Lage der jungen Generation und der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit

Generalsekretär Mike Corsa

02. November 2008

Frau Präses,
hohe Synode
liebe Schwestern und Brüder,

Jugend - das ist wohl die am intensivsten ausgeforschte gesellschaftliche Gruppe. Jährlich erscheint eine beachtenswerte Anzahl von Jugendstudien, durch die sich die Auftraggeberinnen und Auftraggeber mehr Erkenntnisse über die ihnen fremden Lebenswelten und die oft irritierenden Verhaltensweisen erhoffen - sehr interessengeleitet übrigens: um diese Gruppe geschickt an Produkte heranzuführen, sie an Marken zu binden, um sie mit Bildungszielen wirksam zu erreichen und für die notwendige Nachwuchssicherung unterschiedlicher gesellschaftlicher Organisationen.

Daneben eignet sich Jugend gut, politische und gesellschaftspolitische Defizite anzuprangern, das Versagen in der Welt der Erwachsenen auf den Nachwuchs zu projizieren oder auch ganz einfach die persönlichen Vorstellungen über eine bessere Welt am Verhalten der Jugend abzuarbeiten oder sie kollektiv zu beschimpfen. Blütezeiten sind Wahlkampfzeiten mit dem Ruf nach rigorosem Durchgreifen; aber auch den Fachprofessionen ist der Griff in diese Kiste nicht fremd: Ob ein ehemaliger Rektor (Bernhard Bueb) eines süddeutschen Internats (Salem) mehr Disziplin und Gehorsam empfiehlt oder ein Kinder- und Jugendpsychiater (Michael Winterhoff) viele Kinder in Deutschland als Tyrannen und kleine Monster bezeichnet, denen Eltern keine Grenzen setzen - all diesen müsste keine Aufmerksamkeit geschenkt werden, wenn sie mit ihren Szenarien nicht die Seele der Öffentlichkeit bedienten und mit ihren Pamphleten, die so fern von jungen Menschen und ihren Lebenswelten sind, die Charts eroberten. Stichhaltige Belege, eine seriöse empirische Basis bieten diese im Grunde kinder- und jugendfeindlichen Werke nicht.

Der von uns vorgelegte Jugendbericht will etwas anderes:
Er will Sie mitnehmen in Lebenswelten und Sichtweisen von jungen Menschen und in die Realität der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit. Unterschiedliche und vorbehaltlose Blickwinkel sind notwendig, um junge Menschen verstehen zu können - als Grundlage für verantwortungsvolles kirchliches Handeln mit jungen Menschen und für junge Menschen.

Wir kommen zu einem ganz anderen Bild als im gängigen Blätterwald gern dargestellt:
Kinder und Jugendliche wachsen heute in diesem Land so gut wie nie zuvor auf. Das ist die erste Botschaft.
Dies unterlegt dieser Jugendbericht eindrücklich:

  • 81,7% der Kinder und Jugendlichen im Alter bis 18 Jahren leben in der Familie mit beiden Elternteilen zusammen, 74,6% haben Geschwister.
  • Die Generationen leben weitgehend harmonisch zusammen - Jugendliche selbst schildern ihre gute und vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern. Mütter und Väter sind neben Gleichaltrigen mit Abstand die wichtigsten Beraterinnen und Berater. In der überwiegenden Zahl meistern die Eltern die notwendige Begleitung und Erziehung mit den Unterstützungsangeboten gut. Übrigens schildern 80 bis 90% von ihnen, dass sie auch ganz natürlich Grenzen setzen, die für das Aufwachsen notwendig sind (DJI, Christin Alt).
  • Kinder sind heute gesünder als Generationen vor ihnen und als Kinder in anderen Regionen der Welt. 90% haben einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand, so das Robert-Koch-Institut. Auch das in den einschlägigen Medien gern gepflegte Bild der bewegungsfeindlichen Jugend hält einer seriösen Betrachtung nicht stand: 58% der 4- bis 17-Jährigen sind in einem Sportverein, 77% der unter Zehnjährigen spielen fast täglich im Freien.
  • Und trotz aller PISA-Schockwellen: Zu keiner Zeit war das Bildungsniveau in Deutschland so hoch wie heute. Davon haben vor allem Mädchen und junge Frauen profitiert.
  • Zu keiner Zeit hatten junge Menschen mehr Geld zur Verfügung und stand ihnen eine Infrastruktur von gestaltbaren Räumen und Freizeitangeboten in dieser Zahl und Qualität zur Verfügung.
  • Und: Junge Menschen sind engagiert! Die Freiwilligensurveys der Bundesregierung zeigen, dass junge Menschen zur Gruppe der am stärksten Engagierten zählen. Einflechten darf ich, dass sich in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit mehr als 1,35 Mio. junge Menschen im Alter von 6 bis 20 Jahren engagieren - in sehr vielfältiger Weise - und dass an dieser Stelle grundlegende Erfahrungen mit Zugängen zum Glauben und mit einer einladenden evangelischen Kirche gemacht werden - ein ungeheures Potential für die Gegenwart und Zukunft von Kirche. Evangelische Kirche begegnet Jugendlichen in einer der wichtigsten Orientierungsphasen des Lebens mit großer Offenheit und mit Interesse an ihren Fragen und Vorstellungen durch gelingende evangelische Kinder- und Jugendarbeit. Hier wird ein Grund gelegt für eine spätere Ansprechbarkeit für kirchliche Angebote bzw. für ein aktives Engagement.

Aber wir leben nicht mehr im Paradies - es gibt am unteren Rand der Gesellschaft eine erschreckende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die daran nicht teilhaben können. Die zweite Botschaft:

  • In Deutschland leben 13% der Gesamtbevölkerung in Armut. Kinder und Jugendliche sind davon besonders betroffen: Im Alter bis 15 Jahren sind es 26%, im Alter von 16 bis 24 Jahren 28% (BMAS 2008, S. 294). Das sind mehr als 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren!
  • Ihre Grundversorgung, insbesondere bei der Ernährung und Kleidung, ist eingeschränkt, die Qualität der Ernährung mangelhaft. Sie leben in beengten räumlichen Verhältnissen und in verdichteten und sozial belasteten Wohnquartieren mit einem Wohnumfeld, das wenig Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten bietet und zusätzliche Konflikte bereithält. Sie begegnen vergleichsweise wenigen Bildungs-anlässen und erhalten wenig individuelle Förderung von den Eltern und dem gesellschaftlichen Umfeld - mit den bekannten negativen Folgen für die Bildungsbiographie.
    (Beispiel: Von 100 Akademikerkindern haben 83 einen Studienplatz, von 100 Nichtakademikern 23!).
  • Die Sozialpolitik festig diese Zwangslage in unerträglicher Weise: Der Regelsatz für Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfänger ist für Familien und Kindern zu niedrig, um die Grundbedingungen für das Aufwachsen und eine gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Eine bestmögliche Förderung von Kindern und Jugendlichen erfordert einen erhöhten Einsatz finanzieller Ressourcen! Der Ratsvorsitzende hat schon darauf hingewiesen.
  • Aber Vorsicht: Junge Menschen, die unter Armutsbedingungen aufwachsen, entwickeln je eigene Bewältigungsstrategien - an die konstruktiv angeknüpft werden kann. Wir müssen nur den Mut haben, uns auf diese Menschen einzulassen und ihnen würdevoll zu begegnen.

Überhaupt:

  • Gern wird in Erwachsenenkreisen von den verschlechterten Bedingungen gesprochen, in die die Bewältigung der Jugendphase eingebettet ist. Jugendliche sehen das anders. Jede Jugendgeneration entwickelt eigene Muster zur Bewältigung der Anforderungen, die an sie gestellt werden.
    Junge Menschen müssen heute mit höheren Wissensbeständen umgehen. In viel stärkerem Maße erwerben sie täglich Kompetenzen und bewerten Wissen für die Bewältigung und Gestaltung ihres Lebens. Das hat Folgen für die evangelische Kinder- und Jugendarbeit.

Und zum Faktor Beschleunigung:

  • Junge Menschen müssen heute schneller agieren können - auch bei entscheidenden Weichenstellungen für ihr Leben. Die Bedeutung der eigenen Entscheidung nimmt dabei zu - bei gleichzeitig unsicherer Zukunft und unklaren Aussichten. Handeln und Einlassen auf Probe bestimmt ihr Leben.
    Deshalb: Die Jugendphase ist - generell, aber unter den heutigen Bedingungen noch etwas mehr - ein ambitioniertes Projekt.

 „Ambitioniertes Projekt“ ist ein gutes Stichwort, denn erwachsen werden ist gar nicht so einfach. Junge Menschen müssen physische und psychische Veränderungen bewältigen. Hinzu kommt der permanente Druck, Dinge zu tun, die für ihr künftiges, vor allem berufliches Leben nützlich sein sollen. Mindestens Abitur in 12 Jahren, währenddessen bitte schon ein Jahr im Ausland gewesen sein, dann nahtloser Übergang ins Bachelorstudium, noch mal ins Ausland, in den Semesterferien unbezahlte Praktika machen. Und selbst wenn man dieses Programm in der Regelstudienzeit durchgezogen hat, ist das noch lange keine Garantie für den Einstieg in eine normale Erwerbsbiographie.

Wir sollen mobil und flexibel sein. Heute hier, morgen dort haben wir an mindestens zwei verschiedenen Universitäten studiert und unser erster fester Job verschlägt uns im Zweifelsfall von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen.

Es wird viel geredet über das fehlende politische/gesellschaftliche Interesse/Bewusstsein junger Menschen. Vor allem von jenen, die vor 40 Jahren auf die Straße gegangen sind. Diesem Vorwurf widerspreche ich vehement, denn er ist schlichtweg falsch, entbehrt jeglicher Grundlage und ist für die Evangelische Jugend mehr als ungültig!

Ein passendes Beispiel ist das entwicklungspolitische Engagement, das in der Evangelischen Jugend nach den Blüten der 80er Jahre einige Zeit nicht im Vordergrund stand, in den letzten Jahren aber zunehmend wieder auf der Agenda auch von jungen Menschen steht. Es waren und sind die jungen, Ehrenamtlichen, die die Beschäftigung mit Themen der nachhaltigen Entwicklung mit Vehemenz und Penetranz auch bei vielen Hauptberuflichen wieder in den Fokus gerückt haben. Sie wollen Glauben und Verantwortung für die Eine Welt zusammenbringen und sichtbar und hörbar handeln. Auch wenn unsere Ansätze andere sind als die der studentenbewegten 68er wollen wir zuallererst eines: nämlich evangelisch die Welt gestalten.

Jugendliche bringen sich dort, wo sie die Gelegenheit dazu bekommen, ein - sei es in Kirchenvorständen, in Jugendausschüssen auf Gemeinde-, Kreis- und Landesebene und auch auf Bundesebene. In der Mitgliederversammlung der aej gibt es keine Landeskirche, die nicht durch jugendliche, ehrenamtliche Delegierte vertreten wird, die Tagungsausschüsse leiten und die Chance nutzen den Anliegen junger Menschen Gehör zu verschaffen.

Viele verwenden einen Großteil ihrer immer knapper werdenden Freizeit auf die Arbeit für und in der Evangelischen Jugend und somit auch für und in der evangelischen Kirche, weil sie heute schon mitgestalten wollen, was morgen geschieht. Denn wir sind nicht die Kirche von morgen, wie so gern gesagt wird, sondern wollen Teil der Kirche von heute sein. Apropos heute: Kirche ist jünger, als wir heute morgen im ZDF sehen konnten. Nicht nur ich würde mir wünschen, dass im Eröffnungsgottesdienst einer EKD-Synode Menschen aller Generationen zu Wort kommen.
Die Initiativen der Jugenddelegierten für eine volle und gleichberechtigte Teilnahme an der Synode sind auch deshalb richtig und unverzichtbar.

Rückblickend hat mir die Evangelische Jugend einen Raum geboten, in dem ich ausprobieren, gestalten und auch mal Fehler machen konnte. Einen Raum, der mich meine Stärken und Schwächen kennen lernen ließ und mir, egal wie weit ich mich in die große weite Welt hinaus gewagt habe, immer eine Heimat war und hoffentlich auch noch lange bleiben wird. Dort waren Gleichaltrige, mit denen ich essentielle Fragen des Heranwachsens - von Klamotten, Musik, Pubertätsproblemen über Glaubensfragen und auch -krisen - bearbeiten und gemeinsam nach Antworten suchen konnte.
Aber auch die Hauptberuflichen waren neben den Gleichaltrigen wichtig, indem sie immer wieder ermutigt und auch in den Momenten, in denen ich es selbst nicht mehr tat, an mich geglaubt haben.

Und diese „offenen Räume“ mit ihren vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten möchte ich auch für die nächsten Generationen junger Menschen verteidigen. Aus meiner Sicht ist evangelische Kinder- und Jugendarbeit unverzichtbar: als Gestaltungs- und Orientierungsraum für junge Menschen genauso wie auch als Impulsgeber in Richtung Kirche und Gesellschaft.


Herausforderungen (für die Zukunft)

  1. Evangelische Kinder- und Jugendarbeit elementarisiert christliche Religion und Glauben. Kinder und Jugendliche finden Menschen, die ihren Glauben vorleben und ihn kommunizieren können. Sie finden Orte und Räume, in denen sie mit ihrem Glauben angstfrei und vorbehaltlos experimentieren können und ihre eigenen Wege des Glaubens entdecken können.
  2. Evangelische Jugend übernimmt Verantwortung. Sie konfrontiert sich mit den Lebenslagen junger Menschen, die nicht den Anforderungen standhalten und die nicht ausreichend gefördert werden. Evangelische Jugend stellt sich der Herausforderung, ihnen einen Raum der Akzeptanz und Würde, der Entdeckung eigener Stärken und der Unterstützung anzubieten. Dabei ist sich Evangelische Jugend ihrer Zugangsbarrieren bewusst.
  3. Evangelische Jugend ist experimentierfreudig. Örtliche Foren mit Entscheidungs-befugnis für alle interessierten Kinder und Jugendliche, Urabstimmungen, bundesweite Kongresse zu zentralen Fragen des Lebens und junger Menschen ergänzen die demokratischen Strukturen.
  4. Evangelische Jugend ist ein Ort vielfältiger Engagementformen für junge Menschen. Das spezifische Setting evangelischer Kinder- und Jugendarbeit ermöglicht jungen Ehrenamtlichen, christlich motivierte Handlungsmodelle für Leitung in unterschiedlichen Zusammenhängen zu erleben und Führungskompetenzen zu erwerben.
  5. Evangelische Kinder- und Jugendarbeit ist ein Feld professionellen Handelns. Hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen erkennbaren Bezug zum christlichen Glauben und der evangelischen Konfession. Sie sind authentische Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen Kirchen und haben Ausstrahlung. Sie verfügen über eine qualifizierte religions- und sozialpädagogische Grundausbildung und sind zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit mit den besonderen Bedingungen, Rollenansprüchen und Managementanforderungen durch eine spezifische Einführung als Teil der Ausbildung vertraut gemacht worden.


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