Bericht des Rates der EKD (Teil B) - „Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19)

7. Tagung der 10. Synode der EKD, Bremen, 02. - 05. November 2008

Ökumene und interreligiöse Gespräche

Weltweite ökumenische Beziehungen - Ökumene in Deutschland - Interreligiöse Dialoge

Weltweite ökumenische Arbeit

(26) Am 23. August 2008 jährte sich die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen zum 60. Mal. Die Gemeinschaft ist inzwischen auf 349 Mitgliedskirchen in über 110 Ländern angewachsen. Kalter Krieg und Entkolonialisierung, Rassismus und Geschlechtergleichberechtigung, die Frage von Frieden und Gerechtigkeit sind nur einige der großen Themen, mit denen sich der Weltkirchenrat in den Jahren seines Bestehens beschäftigte. Trotz aller Auseinandersetzungen und trotz aller mitunter berechtigten Kritik ist der ÖRK dabei eine wachsende Gemeinschaft. Die jahrzehntelange Arbeit des ÖRK ist eine spannende, konflikt- aber auch segensreiche Geschichte. Auf ihr gilt es, für die weitere Arbeit des ÖRK aufzubauen. Der Rat unterstreicht die Kernaufgabe des ÖRK, das Evangelium glaubwürdig in eine verunsicherte Welt hinein zu bezeugen. Seitens der EKD werden die Dekade zur Überwindung von Gewalt, die auf die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation 2011 auf Jamaika hinarbeitet, der interreligiöse Dialog sowie die Vertiefung der Gemeinsamkeiten mit den orthodoxen Kirchen einerseits und den „neuen“ Kirchen evangelikaler, charismatischer und pentakostaler Prägung andererseits als wichtige Schwerpunkte angesehen.

Die zukünftige Arbeit des ÖRK wird voraussichtlich unter einem neuen Generalsekretär erfolgen. Die Amtszeit des derzeitigen Generalsekretärs, Sam Kobia, endet am 31. Dezember 2008; der Exekutivausschuss des ÖRK hat auf seiner Sitzung vom 23. bis 26. September in Lübeck den Vertrag von Sam Kobia bis zum Amtsantritt eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin verlängert. Die Wahl soll in der Sitzung des Zentralausschusses im August oder September 2009 erfolgen. Zugleich hat das Exekutivkomitee eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die bis zu dieser Sitzung ein Konzept zur Reorganisation des Stabes erarbeitet sowie die Mandate und die Kooperation der Entscheidungsgremien prüft. Das Exekutivkomitee hat ebenfalls eine externe Prüfung zur Mittelverwendung in einigen dem Generalsekretär besonders zugeordneten Programmen veranlasst.

Zur Wahl eines neuen Generalsekretärs oder einer Generalsekretärin ist vom Zentralausschuss des ÖRK eine Findungskommission eingesetzt, der Bischof Martin Schindehütte angehört.

(27) Aus aller Welt sind vom 30. Juni bis 5. August 2008 von der EKD entsandte Pfarrerinnen und Pfarrer zur ersten Gesamtkonferenz deutschsprachiger Pfarrer im Ausland in Berlin zusammengekommen. Insgesamt trafen sich zu der Konferenz 94 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 106 Orten in über 70 Ländern. Der Austausch über die unterschiedlichen Erfahrungen und Bedingungen der Gemeindearbeit im Ausland war ebenso Bestandteil des Kongresses in Berlin wie intensive Diskussionen beispielsweise über die je nach Land verschiedenen Rahmenbedingungen für den interreligiösen Dialog oder die Friedensfähigkeit im Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen. Gegenstand des Kongresses war darüber hinaus die grundsätzliche Reflexion über theologische Begründung, Perspektiven und Strategien der Auslandsarbeit der EKD. Eine besondere Würdigung wurde dieser Arbeit durch die Teilnahme des Bundespräsidenten zuteil.

(28) Die Weltkonferenz der Deutschen Seemannsmission fand vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2008 unter dem Motto „Mission: Seemann“ in Bremen und Rastede statt. In seiner Predigt während des Eröffnungsgottesdienstes würdigte der Ratsvorsitzende die Arbeit der Seemannspastoren und -diakone als Wanderprediger der Moderne, die einen verlässlichen Anker der Zuwendung in den Häfen der Welt bieten. Die Deutsche Seemannsmission e.V. unterhält außerhalb Deutschlands über 17 Seemannsstationen, die zum weltweiten ökumenischen Netzwerk der International Christian Maritime Association (ICMA) gehören. Vor allem für Seeleute aller Nationalitäten und Religionen, die auf Handelsschiffen unter deutscher Flagge unterwegs sind, will die Deutsche Seemannsmission eine verlässliche Anlaufstelle sein. Als Teilnehmer an einer Podiumsdiskussion betonte Bischof Martin Schindehütte die diakonisch-missionarische Ausrichtung dieser Arbeit, die sich in der Regel an Bord der Schiffe und unter der Bedingung immer kürzerer Liegezeiten in den Häfen vollzieht.

(29) In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) hat der Aufbau einer evangelischen Gemeinde deutscher Sprache begonnen. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung ist Dubai ein Ort wachsender Präsenz deutscher Staatsbürger; derzeit leben sieben- bis zehntausend Deutsche in den VAE mit einem Schwerpunkt im Emirat Dubai. Darüber hinaus werden die VAE bei steigender Tendenz von jährlich etwa 700.000 deutschen Touristen besucht. Die deutsche Gemeinde in Dubai hat sich über vier Jahre hinweg aus einer Initiativgruppe entwickelt. Im Frühjahr wurde die Gemeinde offiziell gegründet, der Gemeindevorstand eingeführt und der Entwurf der Gemeindesatzung erarbeitet. In Dubai soll die in Ansätzen bereits bestehende Gemeinde weiter aufgebaut werden. Zu diesem Zweck ist im Rahmen einer Projektstelle ein Pfarrer in die VAE entsandt worden, der in Zusammenarbeit mit der im Iran bestehenden Gemeinde deutscher Sprache ein Konzept für eine Regionalgemeinde um den Persischen Golf entwickeln und umsetzen soll. Die Gemeindearbeit in den VAE stellt sich der zunehmenden Herausforderung einer Arbeit für Deutsche, die sich nur verhältnismäßig kurz im jeweiligen Ausland aufhalten (von wenigen Monaten bis zu drei Jahren), zumeist einer relativ jungen Altersgruppe (20-45 Jahre) angehören und sich einem hohen Maß von Leistung, Belastung und Verantwortung stellen.

Die deutsche Gemeinde in der serbischen Hauptstadt Belgrads wurde am 2. Dezember 2007 wiedergegründet. Sie versteht sich als Rechtsnachfolgerin der ehemaligen Deutschen Evangelischen Kirche in Jugoslawien. Anders als für die Kirchengemeinde in Dubai steht die offizielle Registrierung durch die staatlichen Behörden hier noch aus. Schwerpunkt der Arbeit in der Gemeinde soll auf der Versöhnungsarbeit liegen, um einen Beitrag zur Heilung der Spätfolgen des Bürgerkriegs zu leisten.

(30) Vom 9. bis zum 21. September 2008 fand die Delegationsreise des Rates in das südliche Afrika nach Namibia (9.-12.09.) und Südafrika (13.-17.09.) sowie nach Äthiopien (18.-21.09) statt. Das dichtgefüllte Programm der Reise zielte insbesondere auf die Wahrnehmung der aktuellen Situation der Partnerkirchen und der deutschsprachigen Gemeinden, schärfte das Bewusstsein für die sozialen und politischen Herausforderungen in den besuchten Ländern, setzte sich in verschiedenen Hinsichten mit der Pandemie HIV/Aids auseinander und lieferte einen Einblick in das Spannungsverhältnis zwischen der charismatischen Bewegung und den historischen Kirchen.
In den Begegnungen mit Gemeinden der Partnerkirchen im südlichen Afrika sind bemerkenswerte Veränderungen im Hinblick auf die sprachliche und kulturelle Prägung der Gemeinden deutlich geworden. Nur 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika und 18 Jahre nach der Unabhängigkeit Namibias sind in vielen Gemeinden Mehrsprachigkeit und Multikulturalität zur Normalität geworden.

In allen besuchten Partnerkirchen, der deutschen Gemeinde in Addis Abeba sowie in den Kirchenräten wurde in bemerkenswerter Weise die praktizierte soziale Verantwortung und die Anwaltschaft der Kirchen für die Interessen der Armen deutlich. Alle besuchten Kirchen haben entweder eigene eindrucksvolle Projekte im Bereich der Armutsbekämpfung oder der HIV/Aids-Prävention (wie z.B. die Friedenskirche in Johannesburg) oder tragen im Verbund mit anderen Kirchen oder den Kirchenräten solche Projekte gemeinsam. Sie werden dabei meistens von den Entwicklungswerken Brot für die Welt oder EED gefördert. Aber auch in den Gemeinden am Ort stellt man sich den sozialen Herausforderungen z.B. durch das Betreiben von Kindergärten, Schulen, Altenheimen, Suppenküchen oder Straßenkinderprojekten. Die Kirchen und Kirchenräte spielen in den besuchten Ländern hinsichtlich der Frage der Armutsbekämpfung und dem Empowerment der Armen eine wichtige, unverzichtbare Rolle. Hier unterscheiden sie sich oft von den neuen charismatischen Kirchen, die in diesem Feld kaum aktiv sind.

In Äthiopien wird jedoch diese Arbeit der Kirchen wie auch die vieler NGOs zur Zeit durch eine Gesetzesinitiative der Regierung massiv bedroht, eine Gefahr, die von der Delegation in der Begegnung mit einem Regierungsvertreter wie auch gegenüber der Presse mit deutlicher Kritik kommentiert wurde.

Die wachsenden charismatischen Kirchen führen zu der Frage, wie die spirituellen Bedürfnisse, die für bestimmte Gruppen in diesen Kirchen offenbar besser erfüllt werden, kirchlich aufgenommen werden können, ohne das evangelische Profil in Frage zu stellen. Die theologische Arbeit der Kirchenräte braucht Förderung, um den neuen spirituellen Herausforderungen begegnen zu können.

Die Kirchen sehen sich zunehmend dazu herausgefordert, gegenüber den Regierungen die Einhaltung der Menschenrechte und den Aufbau demokratischer und partizipativer Strukturen einzufordern. Für die Entwicklungswerke entsteht dadurch die Notwendigkeit, neben der Förderung von Projekten der Armutsbekämpfung auch solche Projekte zu fördern, die politische Lobbyarbeit und soziale Anwaltschaft gegenüber der Politik betreiben. Von den Kirchen wird erwartet, dass sie öffentlich für Werte wie Gerechtigkeit und Achtung der Menschenwürde eintreten. „Afrika ist und bleibt eine große Herausforderung und Verantwortung für die EKD und ihre Entwicklungswerke“ so der Ratsvorsitzende.

(31) Mitglieder des Rates besuchten vom 17. bis zum 20. Mai 2008 die Deutsche Gemeinde in Dublin. Die Gespräche mit Gliedern der Gemeinde und dem Gemeindekirchenrat zeugten von einer außerordentlich engagierten Arbeit in der Gemeinde. Für das ökumenische Klima in der Stadt Dublin wie für die gesamte irische Insel nimmt die Gemeinde als vertrauenswürdiger und geschätzter Gesprächspartner und Initiator ökumenischer Gesprächsforen eine zentrale Funktion ein. Zugleich spürt die Gemeinde die personellen Grenzen angesichts der Herausforderungen durch ein enormes Bevölkerungswachstum, das sich derzeit in der Republik Irland vollzieht und weiterhin prognostiziert ist.

Gespräche mit der Church of Irland (CofI) insbesondere im Blick auf ihr Verhältnis zum Porvoo-Prozess und zur Meißener Erklärung ebenso wie Vorträge des Ratsvorsitzenden am Trinity College in der irischen Hauptstadt und beim Dublin Council of Churches, Begegnungen mit hohen Vertretern der katholischen Kirche und politischen Repräsentanten sowie ein Besuch des Irish Council of Churches in Belfast ergänzten das Programm. Insbesondere dieser abschließende Teil des Besuchsprogramms ließ die wichtige Rolle der christlichen Kirchen im irisch-nordirischen Versöhnungsprozess erkennen und unterstrich die hohe Bedeutung der deutschen Gemeinde auch für diesen Teil der irischen Insel.

(32) Eine vertrauensvolle Atmosphäre und eine bemerkenswerte Offenheit in der theologischen Debatte prägten die sechste Konsultation mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands (ELKF) vom 12. bis 15. Juni in Ratzeburg. Unter Leitung finnischen Erzbischofs Jukka Paarma und des Ratsvorsitzenden sowie seines Stellvertreters informierten sich die Delegationen über die zukünftigen Entwicklungen und Reformen in den jeweiligen Kirchen. Weitere Schwerpunkte bildeten der Austausch über die ökumenischen Beziehungen zur Orthodoxie, zu den ökumenischen Verbänden auf europäischer und auf Weltebene, ferner die Vorbereitungen auf das Luther-Jubiläum 2017 sowie die Gestaltung der Ökumene in Kooperation mit den nördlichen Gliedkirchen der EKD im Ostseeraum. Die in einem dreijährigen Turnus stattfindenden Gespräche zwischen ELKF und EKD entsprechen der vertraglichen Vereinbarung zwischen den beiden Kirchen.

(33) In Erinnerung an den zwanzigsten Jahrestag der Unterzeichnung des Textes „Auf dem Weg zu sichtbarer Einheit - Eine gemeinsame Feststellung“ hielt die Meißen-Kommission der EKD und der Kirche von England ihre Tagung vom 11. bis 15. September in der Evangelischen Akademie in Meißen ab. Die sogenannte „Meißener Erklärung“ bildet die Grundlage für die wechselseitige Anerkennung beider Kirchen, die auch die Kanzel- und die Abendmahlsgemeinschaft einschließt. Im Mittelpunkt der Gespräche stand der Austausch über die Schrift der VELKD „Ordnungsgemäß berufen“ vom Oktober 2006. Ferner wurden der Umgang mit wachsenden muslimischen Gemeinden in Europa, die Präsenz und mögliche Zusammenarbeit evangelischer und anglikanischer Gemeinden im Nahen Osten und die Frage nach missionarischen Initiativen in den westeuropäischen Gesellschaften thematisiert.

(34) Die Lage in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland (ELKRAS) hat sich verbessert. Im Jahr 2004 hatte der Rat ein Moratorium beschlossen, weil im Bereich der ELKRAS zahlreiche offene Fragen und ungeklärte Verhältnisse, insbesondere bei der Haushaltsführung, wahrzunehmen waren. Seitdem haben sich einerseits die Beziehungen der sechs regionalen Kirchen der ELKRAS zu den jeweiligen Partnerkirchen in Deutschland stabilisiert. Andererseits hat die Rolle der regionalen Kirchen als Gegenüber zum Kirchenamt der ELKRAS an Bedeutung gewonnen. Aus- und Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit wie auch geistliche Gemeinschaft werden stärker als gemeinsame Aufgabe wahrgenommen. Der Rat der EKD unterstützt diese Fortschritte, indem er das Moratorium bis zum Ende des Jahres 2009 teilweise ausgesetzt hat. Er hat für diese Aussetzung zur Bedingung gemacht, dass bis zur Generalsynode der ELKRAS im kommenden Jahr ein Konsultationsprozess stattfindet. Für das Zentrale Kirchenamt der ELKRAS wird eine Übergangslösung angewendet.

(35) Im Anschluss an die Projektstudie der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) „Gestalt und Gestaltung des Protestantismus in Europa“ (2006) wurden im vergangenen Jahr Maßnahmen, wie etwa die Verlagerung des Büros der GEKE nach Wien, ergriffen, die darauf zielen, die Kommunikation und Verständigung unter den protestantischen Kirchen in Europa zu vertiefen, die Wahrnehmbarkeit in der öffentlichen Debatte zu schärfen und die Verbindlichkeit innerhalb der GEKE zu erhöhen. In diesem Jahr ließ sich eine erste Bilanz ziehen, die trotz einzelner Verbesserungsmöglichkeiten insgesamt sehr positiv ausfällt. Bewährt hat sich insbesondere die vorhergehende Prüfung der Machbarkeit von Aufgaben durch den Rat der GEKE sowie die Weiterführung der bisherigen Lehrgespräche auf methodisch neuen Wegen, die zu einer intensiveren Partizipation der Mitgliedskirchen führen können.

Der Rat der GEKE hat die Lehrgesprächsarbeit neu strukturiert; derzeit werden innerhalb der GEKE die Themen „Amt, Ordination, Episkope“, „Schrift, Bekenntnis, Kirche“ sowie „Die evangelischen Kirchen vor neuen Herausforderungen sozialer Gerechtigkeit“ bearbeitet. Der Dialog der GEKE mit den orthodoxen Kirchen innerhalb der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) hat sich nicht als Konkurrenz, sondern als hilfreiche Unterstützung für die KEK erwiesen. Die Gespräche der GEKE mit den Anglikanern sind vor allem für die britischen Mitgliedskirchen der GEKE von großer Bedeutung. Eine Auswertung des Dialogs mit der Europäischen Vereinigung der Baptisten (EBF) ist in Aussicht genommen; die EBF hat Interesse an einer „assoziierten Mitgliedschaft“, die aufgrund des Selbstverständnisses der GEKE freilich als problematisch erscheint. Für einen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche fehlt es weiterhin an einer geeigneten europäischen Gesprächsebene auf Seiten der römisch-katholischen Kirche.


Ökumene in Deutschland

(36) Der Ratsvorsitzende hat Karl Kardinal Lehmann für die außerordentlich intensive und tief gehende ökumenische Partnerschaft im Namen aller vier Ratsvorsitzenden gedankt, die mit Kardinal Lehmann in dessen Amtszeit zusammen gearbeitet haben. Durch seine außergewöhnliche ökumenische Leidenschaft, durch seine Verlässlichkeit als Partner im ökumenischen Dialog und durch seine Beharrlichkeit, mit der er ökumenische Verabredungen mutig und gegen manche Widerstände festhielt, ist das ökumenische Miteinander nachhaltig geprägt worden. Als Vorsitzender der Glaubenskommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz bringt Kardinal Lehmann sich weiterhin in grundsätzliche, auch die Ökumene betreffende Fragen ein.

In seinem Brief zur Bekanntgabe des Ausscheidens von Kardinal Lehmann würdigte der Ratsvorsitzende dessen Amtszeit mit den Worten: „Ihr Wirken als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war ein großes Geschenk nicht nur für die katholische Kirche in unserem Land, sondern für die Gemeinschaft der Christen und der Kirchen, ja für unser Land insgesamt.“

Mit dem Rückzug von Kardinal Lehmann vom Amt des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist eine außergewöhnliche Epoche des deutschen Katholizismus an ihr Ende gelangt. Über zwanzig Jahre hat Kardinal Lehmann dem deutschen Katholizismus Gesicht, Stimme und Gewicht gegeben. Er hat wesentlich die gesellschaftliche Diskussion von Fragen mitbestimmt, die für die Zukunft des Gemeinwesens von zentraler Bedeutung sind: Fragen der politischen Kultur wie der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, Fragen zur Zukunft der Familie wie zum Respekt für die Würde menschlichen Lebens. In besonderer Weise war sein Wirken durch die europäische Wende sowie die Wiederherstellung der deutschen Einheit mit ihren gesellschaftlichen und auch kirchlichen Folgen geprägt.

(37) Als Nachfolger für Kardinal Lehmann als Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz wurde am 15. Februar 2008 Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg gewählt. Für den Rat der EKD brachte der Vorsitzende in seinem Glückwunsch Erzbischof Zollitsch gegenüber die Hoffnung zum Ausdruck, „dass wir miteinander die über die zurückliegenden Jahrzehnte guten und gefestigten ökumenischen Beziehungen zwischen unseren Kirchen fortführen und weiterentwickeln können. Gerne nehme ich dabei das kürzlich geprägte Wort von einer „anspruchsvollen Ökumene“ auf, das auch meine eigene Überzeugung trifft.“

Erzbischof Zollitsch hat gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Bedeutung der Ökumene hervorgehoben. Er bringt in sein Amt gute Erfahrungen in diesem Bereich aus seinem Bistum in Freiburg ein, die für das Miteinander von evangelischer und katholischer Kirche in ganz Deutschland fruchtbar werden können.

(38) Die erste Gelegenheit für das gemeinsame öffentliche Auftreten der Repräsentanten der beiden großen Kirchen war die vorbereitende Pressekonferenz zur Woche für das Leben 2008, die am 5. April 2008 eröffnet wurde. Diese stellt eine regelmäßige Gelegenheit dar, das ökumenische Zusammenwirken zu praktizieren und die Verbundenheit der Kirchen zu stärken. Die Woche für das Leben stand in diesem Jahr unter dem Motto „Gesundheit – höchstes Gut?“. Sie thematisierte damit ein Thema, das sozial-, gesellschafts- und gesundheitspolitisch in gleicher Weise aktuell ist. Die Idealisierung von Jugendlichkeit wie auch der Gesundheits- und Fitnesswahn finden in dem im christlichen Glauben wurzelnden Wissen von den Grenzen des Lebens einen heilsamen Widerstand. Ein falsches Ideal von Gesundheit und Leistungsfähigkeit verführt die Gesunden, ihre Grenzen zu überschreiten, und zerstört die Fähigkeit zu Einfühlung, Mitleid und Hilfsbereitschaft. Zum menschlichen Umgang miteinander gehört es indessen, auch die dem menschlichen Leben gesetzten Grenzen zu bejahen. Ebenso wichtig ist es, die Kraft der Fürsorge neu zu wecken, nicht nur bei denen, die dafür bezahlt werden, sondern zugleich bei denen, die diese Fürsorge praktizieren, ohne sie zum Beruf zu machen. Ihnen allen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen, wäre die wirkliche Revolution, die unser Gesundheitssystem braucht.

(39) In Anwesenheit des Ratsvorsitzenden und des Vorsitzenden des Kuratoriums des Konfessionskundlichen Instituts, Landesbischof Friedrich Weber, wurde am 23. Januar 2008 feierlich die Rückkehr des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim an seinen Ursprungsort begangen. Das Institut arbeitet nun wieder an dem Standort im Bensheimer Metzendorf-Viertel, an dem es 1947 durch das große Engagement von Wolfgang Sucker gegründet wurde. Die Arbeit des Konfessionskundlichen Instituts wird finanziert durch die EKD, den Evangelischen Bund sowie die Evangelische Landeskirche in Baden, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche der Pfalz. Von Anfang an schaute das Institut in seiner wissenschaftlichen Arbeit aus evangelischer Perspektive auf die konfessionelle Landschaft. Untersucht werden das Leben und die Lehre aller christlichen Konfessionen sowohl in historischer als auch in aktueller Perspektive. Als Ziel gilt eine evangelische Vergewisserung in ökumenischer Verantwortung und Verbundenheit. Es geht darum, „den Nächsten zu kennen wie sich selbst“, wie es das Motto des Instituts sagt. Auch wenn in Deutschland die evangelischen Landeskirchen und die römisch-katholische Kirche nach wie vor im Vordergrund stehen, so werden inzwischen doch auch der Reichtum der orthodoxen Traditionen und das Zeugnis der evangelischen Freikirchen intensiver wahrgenommen. Das Konfessionskundliche Institut leistet in dieser ökumenischen Arbeit einen fachkundigen und eigenständigen Beitrag.

(40) Ein Jahr nach der feierlichen wechselseitigen Anerkennung der Taufe durch elf Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) hat die ACK in diesem Jahr ihr sechzigjähriges Bestehen gefeiert. Am 10. März 1948 schlossen sich damals die EKD, fünf Freikirchen und die Alt-Katholische Kirche zusammen, um die Einheit der Christen in Deutschland zu fördern. Martin Niemöller war erster Vorsitzender.

Der heutige Vorsitzende, Landesbischof Friedrich Weber, verwies anlässlich der Jubiläumsfeiern einerseits auf die schwierige Situation, in der sich insbesondere die Ökumenische Centrale in personeller und finanzieller Hinsicht befindet. Andererseits unterstrich er, dass die ACK weiterhin als wichtige Austauschplattform zwischen Freikirchen, orthodoxen Kirchen, EKD und römisch-katholischer Kirche fungiert.

Der Rat der EKD hat die ACK in dieser Situation gebeten, sich insbesondere auf die in § 2 der Satzung der ACK niedergelegten Aktivitäten zu konzentrieren, die darauf gerichtet sind, das ökumenische Miteinander in Deutschland zu fördern. Insbesondere geht es dabei um „gegenseitige Information, Beratung und Zusammenarbeit im gemeinsamen Zeugnis, Dienst und Gebet“, „Unterstützung der Zusammenarbeit zwischen den Kirchen auf lokaler, regionaler und  internationaler Ebene“ und die „Förderung des theologischen Gesprächs mit dem Ziel der Klärung und Verständigung“. Heute gehören der ACK sechzehn Vollmitglieder an. Weitere vier Gemeinschaften nehmen als Gastmitglieder und nochmals drei als Beobachter teil.


Interreligiöse Dialoge

(41) Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK), die sich 2004 wieder zur Deutschen Rabbinerkonferenz (DRK) zusammengeschlossen haben, kamen am 3. März 2008 in Düsseldorf mit Vertretern der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Vertreterinnen und Vertretern des Rates der EKD zu ihrer dritten Begegnung zusammen. Einem internen Gesprächsteil folgte eine öffentliche Veranstaltung zum Thema „Sabbat und Sonntag“. Der Rat der EKD begrüßt die Begegnung mit den geistlichen Repräsentanten des Judentums sehr und sieht darin eine erfreuliche Erweiterung des jüdisch-christlichen Dialogs. Es gilt nun, diesen Dialog hinsichtlich der Struktur, des Rhythmus und der inhaltlichen Schwerpunktsetzung weiterzuentwickeln. Das Gesprächsforum hat innerhalb der Woche der Brüderlichkeit einen guten Ort. Vertreter des Deutschen Koordinierungsrates (DKR) nahmen an dem Gespräch beratend teil; der Dialog entstammt einem Impuls des DKR.

(42) Mit einem „Ruf aus Sapporo“ schloss die Konferenz hochrangiger internationaler Religionsführer im Vorfeld des G8-Gipfels in Japan. Die Vertreter der Weltreligionen, darunter der Ratsvorsitzende der EKD, fordern darin die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten auf, ihre Militärausgaben zu reduzieren und mit dem eingesparten Geld einen „Earth-Fonds“ zum Schutz der Umwelt und zur Bekämpfung der Armut einzurichten. Die Konferenz bildete eine Fortführung der Religionsführerkonferenzen, die in den Jahren zuvor auf Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2007 in Köln, auf Initiative des russischen Interreligiösen Rates 2006 in Moskau und durchgeführt worden waren. Ein besonderer Impuls zu solchen Treffen ergab sich auch durch die kirchlichen Initiativen aus Anlass des G8-Gipfes in Greenagles 2005. In Sapporo forderten die Vertreter von Christentum, Judentum, Islam, Shintoismus und Buddhismus die Umsetzung der UN-Millenniumsentwicklungsziele, die unter anderem die Halbierung der globalen Armut bis zum Jahr 2015 anstreben. Die 300 Teilnehmer aus mehr als 20 Ländern waren sich einig, dass die Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele wie auch die Maßnahmen zum Schutz des Klimas in den kommenden Jahren aufmerksam begleitet und beharrlich eingefordert werden sollten. Erfreulich ist an dieser Initiative, dass die Vertreter der verschiedenen Religionen gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung einer gerechten und solidarischen Zukunft übernehmen. Es ist zu hoffen, dass sich dieser Einsatz für die Überwindung der Armut und die Bewahrung der Schöpfung auch im Blick auf die kommenden G8-Gipfel in Italien und Kanada fortsetzen wird.

(43) Rund zwanzig hochrangige Repräsentanten von Christentum, Judentum und Islam kamen am 5. Mai 2008 in Brüssel im Rahmen des Dialogs der Europäischen Union (EU) mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften zu einem Meinungsaustausch mit Vertretern der EU zusammen. An der Begegnung nahmen EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der slowenische Ministerpräsident und damalige EU-Ratsvorsitzende Janez Jana sowie EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering teil. Der Ratsvorsitzende der EKD war der einzige deutsche Kirchenvertreter. Es war das dritte Dialog-Treffen auf dieser Ebene mit Religionsvertretern, an dem die Präsidenten der Europäischen Kommission und des Europäischen Rats teilnahmen; an zwei dieser drei Treffen nahm auch der Präsident des Europäischen Parlaments teil. Die Schwerpunktthemen der Unterredung im Mai 2008 waren der interkulturelle Dialog und Konsequenzen aus dem Klimawandel.

(44) Der Ratsvorsitzende hatte zu dem jährlichen Spitzengespräch mit den muslimischen Verbänden diese für den 30. April 2008 nach Berlin eingeladen. Von muslimischer Seite wurde kurzfristig um eine Terminverschiebung gebeten. Das Gespräch wurde für den 20. Oktober 2008 anberaumt.

(45) Zum Ende des Ramadan 2007 wandten sich 138 Islamgelehrte aus aller Welt mit einem Offenen Brief an Vertreter der Weltchristenheit. Mit ihrem Vorschlag, „die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nachbarn“ zum Ausgangspunkt eines christlich-muslimischen Dialogs zu machen, haben sie eine neue Debatte angestoßen. Der Ratsvorsitzende hat in einer Antwort auf eine entsprechende Initiative des ÖRK angeregt, dass der ÖRK in Weiterführung des Impulses des Offenen Briefes das christlich-muslimische Gespräch auf globaler Ebene wieder aufnimmt. Der Zentralausschuss des ÖRK hat auf seiner Sitzung im Februar 2008 beschlossen, kein Antwortschreiben zu verfassen, sondern einen Prozess des Dialogs mit den Unterzeichnern des Offenen Briefes zu initiieren. Dieser Prozess solle möglichst in gemeinsamer christlich-muslimischer Trägerschaft durchgeführt werden. Diese Initiative des ÖRK wird in engem Kontakt mit dem Päpstlichen Rat für interreligiösen Dialog und entsprechenden Initiativen in Nord-Amerika vorangetrieben.

Nachdem sich eine Initiative des Rates der EKD, gemeinsam mit den Kirchen von England, Schweden, Finnland und Norwegen sowie dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund auf den Brief der 138 Islamgelehrten zu antworten, nicht umsetzen ließ, nahm der Ratsvorsitzende in seinem diesjährigen Grußwort zum Ramadan an die Muslime in Deutschland ausdrücklich auf den Offenen Brief der 138 Bezug. Dabei hob der Ratsvorsitzende das Verständnis der Liebe als die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten als eine Gemeinsamkeit beider Religionen hervor; auf dieser Grundlage könnten offene Fragen und bleibende Unterschiede im Horizont guter Nachbarschaft und mit dem Ziel verstärkter Zusammenarbeit zur Sprache kommen.

(46) Für Irritationen sorgten Äußerungen von Erzbischof Rowan Williams zur Anwendung der Scharia. In einer Rede vom 7. Februar 2008 vor einem juristischen Fachpublikum schlug der Erzbischof von Canterbury vor, Traditionen der islamischen Scharia-Gesetzgebung, sofern diese universalem Rechtsbewusstsein entsprechen oder mit ihm vergleichbar sind, im Rahmen der muslimischen Gemeinschaft Großbritanniens zur Anwendung kommen zu lassen. Der Ratsvorsitzende wies darauf hin, dass die Äußerungen auf dem Hintergrund der englischen Geschichte gesehen werden müssen, die im Vergleich zu Deutschland von staatlicher Seite aus andersgeartete Integrationsanstrengungen erfordert. Zugleich werfen die Äußerungen des Erzbischofs die bedenkenswerte, aber zugleich sehr riskante Frage auf, inwieweit in einem staatlichen Rechtssystem die Geltung von kulturell und religiös bestimmten „Subsystemen“ verabredet werden kann. Dabei ist besonders zu bedenken, dass die islamische Scharia keine Unterscheidung zwischen Recht und Religion kennt. Die Scharia ist religiöses Recht und bedarf einer religiösen Autorität. Rechtsstaatliches Recht hingegen setzt die Unterscheidung von Recht und Religion voraus und kann sich nur auf eine weltliche Autorität stützen. Es soll dem Zusammenleben der Verschiedenen dienen und ist gerade deshalb für alle Bürgerinnen und Bürger ein und dasselbe Recht.
 
(47) Der Rat hat beschlossen, den 2005 begonnenen und 2006 weitergeführten Trialog zwischen der EKD, dem Institut für Interreligiösen Dialog in Teheran und der Kirche von England unter veränderten Rahmenbedingungen fortzusetzen.

Das Institut for Interreligious Dialogue (IID) in Teheran versteht sich als eine Nicht-Regierungsorganisation, die die friedliche Koexistenz zwischen den Religionen fördern will. Das Institut arbeitet vor allem in den Bereichen von Bildung und Ausbildung und unterhält Kontakte zu den christlichen Kirchen und anderen religiösen Minderheiten im Iran wie zum ÖRK und zum Vatikan. Vor kurzem hat es ein Jugendseminarprogramm mit religiösen Minderheiten im Iran ins Leben gerufen. Das Institut steht den Reformkräften im Iran nahe.

Dieser Trialog hat sich als Erprobungsfeld für das Gespräch mit einem Partner aus dem Bereich des schiitischen Islam bewährt. Auf iranischer Seite war die Einbeziehung von christlichen und jüdischen Repräsentanten ausdrücklich erwünscht. Die Situation religiöser Minderheiten und das Verhältnis des Islam zu den Menschenrechten konnten angesprochen werden.

In der in Aussicht genommenen zweiten Phase dieses interreligiösen Gesprächsprogramms haben neben der Kirche von England auch die Kirche von Norwegen, die Kirche von Schweden und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ihre Mitwirkung zugesagt. Den Themenschwerpunkt der Dialogreihe bildet das Verhältnis von Religion und Kultur unter dem Thema „The Cultural Face of Religion in a Changing World”. Die für den 12. bis 16. Oktober 2008 in Nürnberg vorgesehene Konferenz mußte auf Bitten der iranischen Partner verschoben werden.



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