Bibelarbeit (1. Kor 12,22-26) am 8. November 2010

Pfarrerin Dr. Antje Fetzer

08. November 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

I Hinführung

Vergleiche mit dem Altertum sind wohlfeil, liegt doch die bildgebende Geschichte in mythischer Ferne und ruft keine empfindlichen Erinnerungen mehr hervor. Umso peinlicher ist man berührt, wenn ein Vergleich trotz des zeitlichen Abstands völlig fehl geht.

„Spätrömische Dekadenz“ lautete der Vorwurf, der vor einigen Monaten die Hartz IV-Empfänger der Republik traf, und dieser Vorwurf von einschlägiger Seite traf in doppelter Weise hart: Zum einen kann ein mediengewandter Politiker offensichtlich darauf rechnen, mit dieser Aussage bei der Mehrheit des Wahlvolks zu punkten, zum anderen zählt er die Chancengerechtigkeit für arme Menschen anscheinend nicht zu seinen Aufgaben.

Was das mit unserem Thema zu tun hat, ist deutlich: Wenn wir über Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit sprechen, dann geht es um die realen Bildungschancen in unserem Land. Wir sprechen über Startbedingungen und die Koppelung von Bildungserfolg und Herkunftsfamilie. Wir sprechen über Rahmenbedingungen des Aufwachsens, über Vorbilder und Zukunftsperspektiven. Die aktuelle Debatte über Kinderarmut und die Höhe des Hartz IV-Satzes ist dafür der angemessene gesellschaftliche Kontext.

II Die eigentliche Herausforderung

Wir alle werden uns auf der Grundlage unseres christlichen Menschenbilds schnell darauf einigen, dass es gut ist, Kinder und Jugendliche mit sozial schwachem Hintergrund bei der Entfaltung ihrer Gaben zu unterstützen. Pisa und Iglu geben uns die nötigen fachlichen Argumente, Oberlin, Wichern und Sieveking stehen Pate. Woran liegt es, dass sich die Bildungs- und Teilhabechancen junger Menschen aus sozial schwierigen Familien nach wie vor nicht merklich verbessert haben?

Die ernüchternde Antwort lautet: weil ihr Schicksal den Politik gestaltenden Kräften nach wie vor fern ist. Die Kinder und Enkel der VolksvertreterInnen leben unter anderen Bedingungen. Bildungserfolg setzt in Deutschland mehr denn je lernbegleitende Eltern und Nachhilfestunden voraus. Auf diese Weise verschärft unser Bildungssystem Ungleichheiten, die es beseitigen sollte. Denn nur ein gut gebildetes Umfeld gibt die mentale und praktische Unterstützung, die ein Kind heute im Bildungsdschungel braucht.

Diese Eckdaten sind sattsam bekannt. Sie allein erklären nicht, warum so wenig geschieht. Eine andere Spur führt zur Innovationsblockade: Bereits wenige Gespräche mit besorgten Mittelschichtseltern machen deutlich, welche Ängste damit verbunden sind, wenn ein anscheinend so knappes Gut wie gesellschaftlicher Erfolg einer größeren Gruppe zur Verfügung gestellt werden soll.

Unter solchen Voraussetzungen handelt die Politik treibende Elite halbherzig. Die deutsche Bildungsrepublik, deren Stärke lange das Vertrauen in die öffentlichen Schulen und die Vernetzung von schulischer Ausbildung und Berufsvorbereitung war, fällt zusehends auseinander in stark geförderte und auf sich allein gestellte Kinder und Jugendliche.

Der entscheidende Punkt in dieser Dynamik ist, ob die Ängste der bildungsbewussten Eltern berechtigt sind. Stimmt es denn, dass Kinder mit derzeit guten Bildungsvoraussetzungen schlechter dran wären, wenn die Chancen der anderen verbessert würden?
Der Schlüssel zum Erfolg einer inklusiven Bildungspolitik liegt darin, ob die derzeitigen Bildungsgewinner es als Erfolg begreifen können, wenn benachteiligte Kinder und Jugendliche gleiche Chancen erhalten.

Dies zu erreichen, scheint mir die größte bildungspolitische Herausforderung unserer Gesellschaft überhaupt und unserer Evangelischen Kirche im Besonderen.

III Ermutigung

Vergleiche mit dem Altertum sind hilfreich, wo nicht schon von vorne herein feststeht, welchen Impuls der Vergleich an uns heute gibt, wo die historische Situation nicht instrumentalisiert wird. Diese Überzeugung prägt unsere evangelische Predigtarbeit seit Luther und Melanchthon. Der biblische Text bleibt eine eigene Persönlichkeit, die sich befragen lässt.

Für die Bibelarbeit zum Thema Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit habe ich einen Abschnitt aus 1. Kor 12 ausgesucht. Das Kapitel handelt davon, dass die Gemeinde in Korinth sich nach dem Bild des Leibes verstehen soll, um die internen Streitigkeiten zu überwinden. Ich lese die V. 22-26:

22 Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten;
23 und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand;
24 denn die anständigen brauchen’s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammen gefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben,
25 damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise für einander sorgen.
26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.

Paulus stellt sich mit dem Bild des Leibes in eine breite antike Tradition: Von Platon und Aristoteles wurde es ebenso verwendet wie von dem römischen Patrizier Menenius Agrippa, der den Auftrag hatte, die aufständischen Plebejer zu besänftigen und nach Rom zurückzubringen. Aufgebracht über die Untätigkeit der herrschenden Patrizier, die sie durch ihrer Hände Arbeit mit zu versorgen hatten, waren die Plebejer ausgezogen und hatten die Oberschicht sich selbst überlassen. Agrippa überzeugte die Aufständischen in einer legendären Rede zur Rückkehr, indem er ihnen darlegte, die tätigen Gliedmaßen könnten ohne die Versorgung des scheinbar untätigen Magens nicht überleben.

Man mag sich in vielfacher Hinsicht an dem Vergleich zwischen dem menschlichen Organismus und der Sozialform stören: so können Arme und Beine ja den Magen tatsächlich nicht verlassen, ohne zugrunde zu gehen, während es freien Individuen durchaus gelingen mag, eine neue Gesellschaftsform aufzubauen oder zumindest die bestehende zu reformieren.

Beim Vergleich zwischen organischen und sozialen Formen ist also kritisch auf die Intention zu achten, für die er herangezogen wird: Versucht hier jemand, bestehende Machtverhältnisse zu seinen Gunsten für unumstößlich zu erklären? Soll die gegenseitige Abhängigkeit von Gliedern einer Gemeinschaft illustriert werden, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern? Ist vielleicht ein pädagogisches Interesse im Spiel, um die positiven Beziehungen innerhalb der Gruppe zu stärken?

Im Falle des 1. Korintherbriefs ist die Sache klar: Paulus möchte die Schismata beenden, die Spaltungen kitten, die in der korinthischen Gemeinde zwischen verschiedenen Gruppierungen aufgebrochen waren. Ein tiefer Riss spaltete die Gemeinde, und das nicht nur im Alltagsleben, sondern vor allem in Glaubensfragen.

Inwiefern können wir diese Situation auf unsere Frage nach der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit übertragen? Die sozialen Unterschiede in der deutschen Gesellschaft sind kein innergemeindliches christliches Problem, die Evangelische Kirche kann daran allein nicht viel ändern, auch wenn sich alle Verantwortlichen zu diesem Thema einig wären.

Stellen wir diesen Vorbehalt für einen Augenblick zurück und lenken unseren Blick auf das Gemeinsame:

Paulus gibt der Gemeinde in Korinth im Text drei Hinweise, die ihren Separationstendenzen abhelfen könnten:

1. Die scheinbar Schwächsten sind für die Gemeinschaft am notwendigsten.

2. Spaltungen in der Gemeinschaft werden dadurch verhindert, dass die Glieder für einander sorgen. Dies ist kein Sozialappell an die Reichen, sondern konstituiert ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit.

3. Gott hat den schwächsten Gliedern in seiner Schöpfungsordnung die höchste Ehre gegeben, damit der Anreiz für die Stärkeren bestehen bleibt, sie gut zu versorgen.

4. Gemeinwohl und individuelles Wohl bedingen einander: wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit.

In diesem letzten Argument fasst Paulus die drei anderen zusammen. In Vokabeln der modernen Sozialethik gesprochen, kann es das Gemeinwohl nur auf der Basis des Wohls aller Individuen geben; Unterdrückung und Zwang sind keine Optionen. Andererseits können auch die Stärkeren außerhalb der Gemeinschaft nicht in vollem Umfang gut leben. Zu einer lebendigen Gemeinschaft gehören Freiheit und gegenseitige Verantwortung.

Diese Zusammenfassung ist eine soziale Utopie. Was Paulus schreibt, lässt sich ganz direkt auf die Herausforderung der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit in Deutschland übertragen:

1. Was würde es bedeuten, ernst zu nehmen, dass die Schwächsten für die Gemeinschaft am notwendigsten sind?

Mit John Rawls wäre hier nach den verletzlichsten Gliedern der Gesellschaft zu fragen (Steffen Fleßa, Arme habt ihr allezeit. Ein Plädoyer für eine armutsorientierte Diakonie (Göttingen: Vandenhoeck  & Ruprecht, 2003), S. 57ff.): 
Wer braucht im Sinne der Option für die Armen am meisten Unterstützung? Dabei kristallisieren sich vier Zielgruppen heraus (Vgl. dazu Köser, aaO, 82ff. Köser nennt statt (3) Arbeitsmarkt / Ausbildung den Punkt der Schulmüdigkeit.):

(1). Kinder und Jugendliche in Armut

(2)  Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund

(3)  Jugendliche mit niedrigem Bildungsabschluss im Übergang zu Ausbildung und
Arbeitsmarkt

(4). Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarfen
Die Auseinandersetzung mit 1. Kor 12 führt demnach zunächst auf eine genauere Beschreibung der Menschen, um die es geht. Von wolkigen Absichtserklärungen kommt man zu Gesichtern und Lebenssituationen, die konkrete Antworten brauchen.

2. Spaltungen in der Gemeinschaft werden dadurch verhindert, dass die Glieder für einander sorgen. Dabei geht es um die gegenseitige Verantwortung von „Starken“ und „Schwachen“.

Gegenseitige Fürsorge beugt Spaltungen vor. Daraus lassen sich verschiedene Rückschlüsse ziehen.
Zum einen: Fürsorge zu üben gehört zu jedem Menschen und soll ihm offen stehen. Gerd Theißen hat für die Urgemeinde nachgewiesen, dass die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem keineswegs nur von den Betuchten eingesammelt wurde, sondern dass das Spenden zur christlichen Identität schlechthin gehörte. Für die Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit könnte das heißen, Kinder und Jugendliche aus den beschriebenen Zielgruppen als gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinschaft zu würdigen, ihre Wünsche und Begabungen auch jenseits geprägter bürgerlicher Bildungsideale wahrzunehmen und zu unterstützen. Dazu bedürfte es stetiger Begegnung über Milieugrenzen hinweg, z.B. im Rahmen von Bewerbungspatenschaften oder Handy-Kursen für Ältere (…)

Zum anderen: Dort, wo es Spaltungen gibt, zum Beispiel auch in Form von Verständigungsschwierigkeiten zwischen Milieus, ist das ein Hinweis auf eine zu geringe Fürsorge. Für die Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit hieße das, jede Position ist zynisch, die den betroffenen Kindern und Jugendlichen ein Zuviel an Versorgung andichtet. Andererseits ist materielle Versorgung nicht genug. Um Hoffnungsperspektiven zu eröffnen, sind konkrete Erfahrungen von Zuwendung notwendig, wie zum Beispiel im Fall von Kathrin:

Kathrin

ist jetzt 20 Jahre alt. Fast hat sie es nicht mehr geglaubt: Nur noch wenige Wochen, dann hat sie ihren Realschulabschluss geschafft! Nach eigenen Worten hat sie eine „krasse Schulkarriere“ hinter sich: In der Realschule hat sie die 5. Klasse wiederholt und ist in der 7. auf die Hauptschule gewechselt, obwohl sie zwischendurch auch mal die beste war. Sie ist früh von zuhause ausgezogen, hat sich mit Jobs den Lebensunterhalt verdient. Auf die Dauer war sie damit aber doch nicht zufrieden. Ihr Arbeitsberater hat ihr dann von dem Modellprojekt „FSJ +“ erzählt. Das passte genau: Den Realschulabschluss nachholen im Rahmen eines zweijährigen Freiwilligenengagements, das hat sie interessiert. Zuerst war ihr Ziel ganz einfach die mittlere Reife. Blockunterricht in einer Abendschule, das war hart, aber immerhin eine Möglichkeit. Der Praxiseinsatz in der Außenwohngruppe des Behindertenheims hat ihr gar nicht behagt: dieser Schichtdienst und die körperliche Arbeit. Aber dann hat sich das komplett gedreht. Sie hat gespürt, dass sie einen Draht hat zu den Leuten. Dass die sich freuen, wenn sie kommt. Dass sie gar nicht lange überlegen muss und das Richtige tut. Nach langer Zeit hat sie endlich gespürt: „Ich kann ja etwas! Mich kann man brauchen!“. Dadurch hat sich der Nebel gelichtet. Sie hat im FSJ+ Orientierung bekommen, mehr Selbstvertrauen. Jetzt will sie Heilerziehungspflegerin werden. (Vgl. Christof  Schrade, „Doppelter Nutzen“, in: DWW (Hg.), Festschrift 50 Jahre FSJ (2007), S. 22f.)

Das Beispiel macht deutlich: Bildung ist keine Frage des Verstandes und der Intelligenz. Ein ganzheitliches Bildungsverständnis im Sinne des christlichen Menschenbilds zielt auf die Entfaltung der Gaben des einzelnen, unabhängig von seinen Ausgangsvoraussetzungen. Es hat die bedingungslose Annahme im Blick, die jedem Kind und Jugendlichen vermittelt: „Du bist gewollt! Du wirst gebraucht!“

3. Gott hat den schwächsten Gliedern in seiner Schöpfungsordnung die höchste Ehre gegeben, damit der Anreiz für die Stärkeren bestehen bleibt, sie gut zu versorgen.

Gibt es eine „höchste Ehre“, die darin bestehen würde, ein Kind mit schlechten Bildungsvoraussetzungen zu sein? Das klingt nach fataler Romantisierung von Armut.
Worum geht es aber dann? Es geht um den besonderen Schutz, unter den Gott die Rechtlosen und Marginalisierten in der Geschichte seines Volkes gestellt hat, um seine Option für die Armen. Witwen und Waisen stehen unter diesem Schutz, der dort zur Mahnung wird, wo marginalisierte Menschen in ihrer Würde angegriffen werden. In diesem Sinne ist die „höchste Ehre“ zu verstehen, die Kindern und Jugendlichen mit sozial schwierigem Hintergrund oder Assistenzbedarf gebührt.

Für die Evangelische Kirche tut sich hier eine besondere Herausforderung auf: Für die verletzlichsten Glieder der Gesellschaft einzutreten und anwaltschaftlich die Stimme der betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien zu verstärken, ist der Auftrag der Kirche im Rahmen öffentlicher Meinungsbildung.

4. Gemeinwohl und individuelles Wohl bedingen einander: wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit.

Dies ist der Spitzensatz der Perikope. Er rührt im Innersten an die Identität der christlichen Gemeinschaft und benennt ihren sozialethischen Anspruch. Doch ist er auch geeignet, die gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit zu beschreiben oder ihr zumindest einen Maßstab zu geben?

An der Oberfläche erleben wir eine andere gesellschaftliche Realität. Eine Stern-Umfrage vom August 2010 belegt, dass 52% der Deutschen gegen eine Erhöhung des Hartz IV-Satzes sind. (Stern-Umfrage vom 11.8.2010. Im Widerspruch dazu nannten 58% derselben Befragten einen angemessenen Regelsatz für einen Alleinstehenden von 420 € oder mehr. http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage-zu-hartz-iv-erhoehung-eher-nicht-gutscheine-auf-jeden-fall-1591886.html, Zugriff am 15.10.2010.) Neoliberale Politiker nutzen solche Umfragewerte, weitere soziale Schnitte zu legitimieren. Doch geht es in der Umfrage tatsächlich um die Solidaritätsbereitschaft der Menschen oder nicht vielmehr um ihre Angst, selbst abzurutschen? Die Untersuchungen des Soziologen Wilhelm Heitmeyer lassen dies vermuten. Er hat fest gestellt, dass Menschen umso schärfer über Hartz-IV-Empfänger urteilen, wenn sie selbst in prekären Verhältnissen leben. Dann aber ist diese Angst selbst als Beleg für das Leiden aller am Leiden des einen zu werten.

Eine andere Studie mag anschaulich machen, dass die Sehnsucht nach gesellschaftlichem Ausgleich tatsächlich groß ist: In einer Studie mit 450 000 US-Bürgern (sic!) hat Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman erhoben, wie Glücksgefühl und Einkommen zusammenhängen. Ergebnis: Die Befragten taxierten ihr größtes emotionales Wohlbefinden bei umgerechnet 4800 € monatlich. (Christian Thomas, „Times mager: Glück“, Frankfurter Rundschau, 8.9.2010) Die Mehrheit wollte lieber in einer gerechten Gesellschaft leben, in der sie auskömmlich, aber nicht luxuriös leben könnten, als extrem gut situiert in einer ungerechten Gesellschaft.

Angst macht unsolidarisch, dies gilt sowohl für Existenzängste als auch für die Sorge um die Zukunftschancen des eigenen Nachwuchses. Die Stärkung der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit muss dabei beginnen, bestehende Ängste wahrzunehmen und durch gute Erfahrungen Vertrauen der Menschen zu stärken. Erst wenn die eigene Existenzangst abfällt, werden sie frei, den Erfolg ihrer Mitmenschen mit Freude zu sehen.

Diese gemeinschaftliche Freude aber, von der Paulus spricht, ist die Voraussetzung dafür, dass benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht nur hier und da Zuwendung bekommen, sondern nachhaltige, gleichberechtigte Bildungschancen erhalten.

Kehren wir noch einmal zum Ausgangspunkt der Erörterung zurück: Ist es angemessen, den Korintherbrieftext, der für eine innergemeindliche Spaltungssituation geschrieben ist, auf die gesamtgesellschaftliche Herausforderung der Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit zu übertragen?

Die gesellschaftliche Rolle der Kirche hat sich seit den Lebzeiten des Paulus stark gewandelt. Wir haben dennoch von seinen Gedanken und Erfahrungen profitiert, um eine tiefe Spaltung in unserer heutigen Gemeinschaft genauer in den Blick zu nehmen.

Der Riss geht durch die gesamte Gesellschaft, er geht aber auch durch unsere Gemeinden, und die Kinder und Jugendlichen aus benachteiligten Familien sind es, die mangels Alternativen am meisten darunter leiden. Wenn es uns gelänge, auch „nur“ in unseren Kirchengemeinden die Spaltung zu heilen – es wäre ein Hoffnungszeichen, das weit in die Gesellschaft hinausstrahlt.

Amen.



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