Predigt im Abschlussgottesdienst der 3. Tagung der 11. Synode der EKD in der Elisabethkirche zu Langenhagen

Präses Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

10. November 2010

Es gilt das gesprochene Wort!

„Der Kirche fehlt Unruhe“,

so, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, titelte eine Zeitung den Kommentar über den Eröffnungstag unserer Synode. Und der Kommentar führte aus: „Die evangelische Kirche war immer dann am stärksten, wenn sie leidenschaftlich beunruhigt war.“

Ich gestehe zu: Unruhe kann, um Gottes und der Menschen willen, heilsam und vielleicht sogar notwendig sein. Das gilt für uns Menschen: Wenn wir uns in satter Selbstzufriedenheit eingerichtet haben und unsere eigene Befindlichkeit selbstgerecht zum Maß aller Dinge machen. Das gilt für unsere Kirche: Wenn sie sich arrangiert mit den Verhältnissen in dieser Welt, wie sie nun einmal sind; wenn sie es sich genug sein lässt mit der ästhetisch schönen Ausgestaltung persönlicher und gesellschaftlicher Ereignisse und aus Frömmigkeit und Glauben keine Konsequenzen für das Handeln und Leben in dieser Welt zieht.

  • Aber: Genau das alles sehe und erlebe ich gerade nicht. Ich sehe und erlebe: Menschen, die an innerer und äußerer Unruhe leiden;
  • Menschen, die ihre Wurzeln und ihre Bodenhaftung verlieren;
  • Menschen, die über Beziehungskrisen, Berufskrisen und Glaubenskrisen erzählen und klagen;
  • Menschen, die nach Orientierung und Halt suchen und
    Menschen, die nicht verloren gehen wollen!

Und ich sehe und erlebe unsere Kirche als eine Kirche, die sich dieser Unruhe stellt und auch selbst unter dieser Unruhe leidet:

  • als Kirche, die sich nicht auf alte Antworten und alte Strukturen zurückzieht;
  • als Kirche, die nach neuen Wegen und Strukturen sucht und sich der fortschreitenden Säkularisierung, dem demographischen Wandel und der religiösen Pluralität stellt und
  • als Kirche, die teilhat hat und teilnimmt an den unruhigen Zeiten von Menschen und unserer Gesellschaft.

Ich setze deshalb dem zitierten Zeitungskommentar entgegen:
Die Kirche Jesu Christi war und ist immer dann am stärksten, wenn sie leidenschaftlich und in Mitleidenschaft lebt und bezeugt: Gott schenkt ein ruhiges Herz, ein gewisses Herz in unruhigen Zeiten! Ein ruhiges Herz, ein festes Herz in unruhigen Zeiten, das, liebe Gemeinde ist zugleich realistische Weltsicht und zuversichtliche Lebenshaltung.
Eine realistische Weltsicht und eine zuversichtliche Lebenshaltung –  Sie  werden uns im Gottvertrauen und in der Nachfolge Jesu Christi verheißen und geschenkt!

Eine vertrauensvolle Lebensbindung an Gott verpasst Menschen keine rosarote Brille, mit der die Schrecken und Nöte der Welt gleichsam ausgeblendet, weichgezeichnet oder schön geredet werden. Gottvertrauen ist eben nicht „Opium des Volkes“, das leidende Menschen ruhig stellt, oder in Wolkenkuckucksheime entrückt.  Gottvertrauen schenkt einen klaren Blick auf die schöne und oft so schreckliche Welt, auf die liebenswerten und oft so zerstörerischen Menschen.

Gottvertrauen schenkt uns die Kraft und die Zuversicht mit diesen ambivalenten Erfahrungen in der Welt, in unserer Kirche und in uns selbst zu leben.
Nicht Unruhe fehlt unserer Kirche. Aber unsere Kirche braucht die Kraft und Zuversicht von Menschen mit ruhigem Herzen in unruhigen Zeiten!

Das Bibelwort, das in den Losungen als Leitwort für die diesjährige Friedensdekade gewählt ist, gibt davon Zeugnis. Es ist auch in der Übersetzung Martin Luthers der Predigttext für diesen Gottesdienst. Der Psalmbeter bekennt und bezeugt zu Beginn des 46. Psalms:
„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben, darum fürchten wir uns nicht“.

Gott hat den Menschen, die ihr Leben an sein Wort binden, keinen Rosengarten versprochen. Das Leben auf dieser Erde war und ist auch für gottesfürchtige Menschen nicht frei von Leid, Gewalt, Unrecht und Todeserfahrung.

Und die Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes offenbart und erweist sich in der Nachfolge Jesu Christi nicht in der Erfahrung einer heilen und gerechten Welt und auch nicht in dem Vorzeigen einer heilen und bruchlosen Lebensbiografie.

Wir Christenmenschen bekennen und bezeugen Gottes Wirken und Gottes Menschenliebe inmitten der großen Nöte, die die Welt und die Lebensgeschichte des Menschen treffen. Und gerade deshalb erleben und durchleiden wir Christenmenschen immer wieder neu „unruhige Zeiten“.

„Gott macht einem das Beten schwer. Man schlägt ihm täglich die Welt und die eigenen Nöte um die Ohren, und er schweigt. Gerade wenn man der Empörung fähig ist. Wenn man fähig ist, das Augenlicht der Blinden und das Recht für die Armen zu vermissen, dann vermisst man das Wunder und den starken Arm Gottes, von den die Psalmen so viel wissen“, so bringt es Fulbert Steffensky auf den Punkt.

In- und außerhalb unserer Kirche leiden Menschen an zerstörerischer Unruhe und an lähmender Furcht in ihrem Fühlen, Denken und Handeln.

In- und außerhalb unserer Kirche suchen Menschen nach Hilfe, Halt und Orientierung. Um Gottes- und um der Menschenwillen gibt unsere Kirche nicht Zeugnis von der großen Unruhe, die uns betrifft, sondern sie gibt Zeugnis von dem Frieden mit Gott, der uns in dieser Unruhe stärkt.

So bezeugt der Apostel Paulus zu Beginn des
5. Kapitels im Römerbrief:

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus; ... Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5 1.3b-5)

Der Glaube an Christi Kreuz und Auferstehung ist Zuversicht und Stärke in allen Nöten, weil wir in diesem Glauben ganz gewiss sind:
Alle Siege des Todes sind nur vorläufige Siege!

In der Nachfolge Jesu Christi gewinnen wir deshalb immer wieder neu innere Ruhe und Lebenszuversicht

  • trotz aller und in allen Schrecken dieser Welt;
  • trotz aller und in allen Schrecken unseres persönlichen Lebens.

Deshalb können und wollen wir nicht aufhören zu glauben, zu lieben und zu hoffen und damit das Reich Gottes in unserer Welt bezeugen.

Deshalb wollen wir die Liebe zu den Menschen und die Liebe zu dieser Welt nicht preisgeben, damit ein Vorgeschmack von dem, was kommen wird, auch jetzt schon möglich ist. Gott schenkt uns dazu ein ruhiges Herz in unruhigen Zeiten! Darauf können wir uns verlassen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben, darum fürchten wir uns nicht.“

Amen.



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