4. Tagung der 11. Synode der EKD

Magdeburg, 06. bis 09. November 2011

Predigt im Abschlussgottesdienst der 4. Tagung der 11. Synode der EKD in der Pauluskirche zu Magdeburg, (Micha 6, 1-8)

Präses Alfred Buß, Evangelische Kirche von Westfalen

09. November 2011

Es gilt das gesprochene Wort.

Die Synode ist zu Ende. Fleißig waren wir wieder, betriebsam, problembewusst, auftragsorientiert. Tapfere Protestanten eben.

Und nun zum Schluss: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert...  Hat uns dieses Wort zum guten Ende noch gefehlt? Ist das ein Maßstab, an dem wir messen, ob wir den Ansprüchen genügten? Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist... Nicht ein isoliertes Wort ist das, sondern Schlusspunkt eines dramatischen Dialogs.

Was spielt sich ab? Einer Gerichtsverhandlung wohnen wir bei, die Gott selbst einberufen hat. Er setzt sich auf die Anklagebank und fragt: Was habe ich getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Gottesmüde war das Volk, frustriert. Gott auf der Anklagebank, Gott, der Gefährte seines Volkes und Lastenträger in der Sklaverei, Gott, auch Gefährte der Freude Mirjams am Schilfmeer. Gott, der in Wüstenzeiten mitging, auch alle Umwege, als Wolke am Tag und Feuersäule in der Nacht – fast leise erklingt seine Verteidigungsrede, wirbt und erinnert er: Was habe ich getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Denkt daran, was Balak, der König von Moab vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors schließlich als Antwort entgegenhielt, entgegenhalten musste: Segen über euch und nicht Fluch. Nie habe ich euch aus den Augen verloren. Mein Segen ist ohne Ende, unwiderruflich. Beschützen musste ich euch und vor Dummheiten bewahren, wenn ihr tanzen wolltet ums Goldene Kalb. Womit habe ich dich ermüdet, mein Volk? Was habe ich dir getan?

Gott auf der Anklagebank – das befreit Menschen. Der mit seinem Volk gehende Gott lässt sich befragen, anklagen, beschweren. Wir können abladen, was uns bedrängt, umtreibt, uns Angst macht. Warum diese Krankheit, das Schicksal, dieses Ende? Wie viele persönliche Tragödien legen Gott die Rechnung vor. Und wie oft mit triftigen Gründen?!

Wir haben heute den 9. November. Anlass zuhauf, Gott die Rechnung vorzulegen. Was sollte das? Wo warst du, Gott? Gott auf der Anklagebank, auch am Kreuz Jesu: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Israel lernte zu klagen, Gott in den Ohren zu liegen. Ihn an seine Wohltaten und Verheißungen zu erinnern. Gott dabei zu behaften. Ihn und sich selbst zu erinnern. Israel gab die Befreiungsgeschichte vom Exodus weiter von Generation zu Generation. Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das ist jüdische Erinnerungskultur in Glauben und Gottesdienst.

Gott bittet geradezu um solche Erinnerung. Er lässt sich anklagen: Womit habe ich dich ermüdet, mein Volk? Was habe ich dir getan?

Es ist kein Streit auf leerer Bühne. Gott ruft die ganze Schöpfung zu Zeugen auf. Die Natur steht nicht stumm dabei. Wir Heutigen haben sie stumm gemacht, nehmen das Leben wie einen Steinbruch, machen die Atmosphäre zur Müllhalde, manipulieren an den Bausteinen des Lebens und streben danach, grenzenlose Wesen zu werden. Die zur Ohnmacht verdammte Schöpfung aber seufzt und stöhnt...
Nein, es ist kein Streit auf leerer Bühne: Berg und Hügel, Flüsse und Wälder, Höhen und Tiefen werden in den Zeugenstand gerufen im Prozess Gottes mit den Menschen. Gott fragt: womit habe ich dich ermüdet, mein Volk?

Da tritt Micha, der Prophet, in den Zeugenstand. Er sagt es gerade heraus: Gott, die Menschen haben den Draht zu dir verloren. Und sie haben keinen Schimmer, wie sie ihn wieder finden sollen. Sie suchen nach Sinn und Heil. Sie sind bereit, dafür große Opfer zu bringen. Welche Opfer sind dir recht, damit du wieder in ihr Leben kommst? In der Sprache von damals fragt Micha: sollen wir Kälber opfern oder Widder oder unzählige Ströme von Öl? Was soll es kosten, dass du uns wieder Kraft, Ideen und Visionen für unser Leben gibst. Willst du unsere Erstgeborenen? Kinder opfern? Wieder Isaak auf den Altar legen? Barbarisch! Unter der Hand wird Gott - der Gefährte in Freude und Leid - verwandelt in einen abständigen Gott da oben in Ferne und Höhe, der willkürliche Götze, deus ex machina.

Doch spricht Micha wirklich die Sprache von damals? Kälber, Widder, Öl? Zartes Kalbfleisch, Lamm, Mineralöl sind Schmierstoffe heutigen Lebensstils. Der Ölpreis ist der Brotpreis unserer Zeit. Was die Erde in ihrem Innersten bildete in einer Million von Jahren, verbrauchen wir in einem Jahr. Der Ausstoß von Klimagasen war noch nie so hoch wie heute.

Sprache von damals? Kalb und Lamm? Auf den Äckern der Armen wächst der Stoff für den Sprit und das Fleisch der Reichen. Und auf Lebensmittelpreise wird spekuliert an den Börsen.

Kinder opfern? Ja. Sie sterben zuerst, wenn der Hunger nagt. Auch an den Folgen des Klimawandels. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Krisen überlagern und verstärken sich. Und Gott? Unvorstellbar weit weg ist er, irgendwie verflüchtigt, irrelevant. Etsi deus non daretur, als ob es Gott nicht gäbe.


Da hinein fällt dieser Satz: Es ist dir gesagt, Mensch... Es ist dir gesagt. Nicht falsch hören: Wie oft habe ich dir schon gesagt... oder Wie oft soll ich dir noch sagen.... Nein. Mensch, du weißt, was gut ist. Du weißt das nicht aus dir selbst. Es wurde dir gesagt. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert... Im hebräischen Text klingt es werbend: was Gott bei dir sucht.

Der Einzelne ist angesprochen: Bei dir sucht Gott, was gut ist. Das ist eine Auszeichnung. Ich bin, du bist Gott nicht gleichgültig. Das wunderbare Gemälde von Emil Nolde kommt mir vor Augen: In leuchtenden Farben, die Umrisse eher angedeutet als ausgeführt, steigen Blumenstängel und Bäume auf. Blätter und Blüten entfalten sich. Über sie beugt sich ein bärtiges Gesicht und schaut, was sich da entfaltet. So schaut Gott uns an: fast zärtlich sieht er hin, behutsam fasst er nach einer Blüte. Auch die kleinste Blüte ist ihm etwas wert. Wenn wir doch unsere Mitmenschen, uns selbst und unsere Welt so anschauen könnten!

Und was ist gut? Gottes Wort halten. Gut ist, was die Torah sagt: Tzedaka! Gerechtigkeit tun. Gerechtigkeit will ich und nicht Opfer. Der jüdische Theologe Leo Baeck lehrte uns die Perspektive der ganzen Torah, als er schrieb: Das biblische Gesetz ist vom Standpunkt der Schwachen, Kleinen, Bedürftigen aus geschrieben – damit sie leben können. Auch den Schwächsten Anteil geben an der Fülle des Lebens, nicht nur Brosamen. Auch kommenden Generationen Raum zum Leben lassen und der Kreatur.

Und Liebe üben. Das sucht Gott bei dir – Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst. Gottesliebe und Menschenliebe, die Liebe des einen bringt uns zu der Liebe des andern. Liebe üben– hebräisch Chäsäd, ein ganzes Wortfeld - das verlässliche Füreinander-Dasein, Aufeinander-Acht-Haben, Sich-nicht-im Stich-Lassen, einander auch das Ungeschuldete tun – verbindlich und verlässlich leben. Ohne Chäsäd wird das Leben wüst. 

...und demütig sein vor deinem Gott. Demütig. Was sonst. Wir sollen Mensch sein und nicht Gott. Genauer übersetzt, spricht der hebräische Text vom aufmerksamen Mitgehen mit deinem Gott. Mitgehen. Gott sitzt nicht über den Wolken und ist auch nicht Schnee von gestern. Seit Moses Zeiten wissen wir ihn unterwegs hier unten, selbst in Wüstenzeiten. Er ist in der Welt, in Jesus Christus ging er Menschenwege mit, in Alltagskleidern.

Und wir sollen mit ihm gehen. Wie Paulus, der Missionar, nach dem diese Kirche benannt ist. Unterwegs sein mit seinem Wort. Die Mehrzahl seiner Hörer fand Paulus nicht im Gotteshaus, sondern auf Straßen und Märkten. Er setzte sich der Fremdheit aus, der fremden Kultur, auch fremden Milieus. Das kann auch demütig machen. Aufmerksam mitgehen mit deinem Gott bringt uns auf die Straße, auf den Weg, wo wir zum Mitmenschen finden, in seine Lebenswelten. Weg von den Heimspielen der Kanzelreden hin zu den Fragen und auch zum Gespött der Leute. Das Wort Gottes muss seinen Weg gehen durch die eigenen und fremden Widerstände, um Wahrheit in die Welt zu stellen. Dabei lernen wir, wo Gerechtigkeit verlangt ist, wie der Mitmensch unserer Liebe bedarf und wie wir die Liebe des anderen brauchen. Und wir werden wach für die Wege und Winke, aufmerksam auf Zeichen und Spuren des Reiches Gottes in der Welt.

Dahin sind wir unterwegs: zum Reich Gottes. Darum hat uns dieses Wort am Schluss unserer Synode tatsächlich noch gefehlt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht... Es stellt uns in die Perspektive der neuen Welt Gottes. Das lässt uns nicht alle Probleme lösen. Aber es schenkt uns die Gewissheit: Wir haben einen Herrn, der frei und freudig macht, der mit uns geht, aus dessen Hand uns nichts reißen kann, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen



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