4. Tagung der 11. Synode der EKD

Magdeburg, 06. bis 09. November 2011

Morgenandacht

Pfarrer Wolfgang Prawitz

09. November 2011

Wolfgang Prawitz

Losung zum 9.11.2011:

„Der Herr wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat.“ 5. Buch Mose 30, 9:

„Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“
Lukas 5, 10
 
Ansprache zum 9.11.2011
 
Der theologische Antijudaismus, der sich immer wieder zum Anti-Semitismus steigern konnte, ist tief in unserer protestantischen Tradition verankert. Kurz skizziert ist es das folgende Modell: Die Juden waren nicht nur die Mörder Christi, sie hatten durch ihre Nicht-Anerkennung Jesu als Messias ihre eigene Verwerfung provoziert. Es gibt also keine Fortsetzung des jüdischen Wegs mit Gott, die zum Heil führen könnte. Das Christentum reklamiert für sich, das „wahre Israel“ zu sein. Die Schemata „Gesetz und Evangelium“, „Verheißung und Erfüllung“, „alter Bund und neuer Bund“ laufen auf die theologische Notwendigkeit der Judenmission hinaus.

Von Anfang an, schon beim Boykott jüdischer Geschäfte 1933, scheut die evangelische Kirche entsprechend ein öffentliches Wort zugunsten der verfolgten Juden, und das trotz einer ausdrücklichen Bitte der Reichsvertretung der deutschen Juden an den Ev. Oberkirchenrat Berlin:

„Die deutschen Juden erhoffen gegenüber den gegen sie gerichteten Bedrohungen ein baldiges Wort, das im Namen der Religion von der evangelischen Kirche in Deutschland gesprochen wird, damit unwiederbringlicher Schade auch für Gemeinsames des Glaubens abgewendet werde.“

Die laue Antwort des Ev. Oberkirchenrates:

„Verfolgen Entwicklung mit größter Wachsamkeit, hoffen, daß Boykottmaßnahmen mit heutigem Tag ihr Ende finden. E.O.K.R.“

Selbst nach dem Krieg braucht die Evangelische Kirche fünf Jahre, bis sie bereit ist, ihre Mitschuld an der Vernichtung der Juden öffentlich zu bekennen.

Zufällig war es der spätere erste Präsident der EKHN, der das Protokoll der Preußischen Generalsynode (Generalsynode der Altpreußischen Union) vom 5. und 6. September 1933 zu führen hatte, der Synode, die die Einführung des Arier-Paragraphen in die Evangelische Kirche beschlossen hat. Das führte unmittelbar zur Gründung des Pfarrernotbundes unter Niemöllers Leitung. Es wurde nicht gegen den staatlichen Arierparagraphen protestiert, erst die Einführung entsprechender Regeln in die Kirche provozierte den Widerstand. Denn dieses Gesetz betraf jüdisch-christliche Beamte und Pfarrer. Leicht überspitzt: Es ging darum, missionierte Juden zu schützen, also Christen. Auch Martin Niemöller stand in der antijudaistischen Tradition des Protestantismus. Das kommt unter anderem in Formulierungen zum Ausdruck, die Niemöller in der „Jungen Kirche“ vom 2. November 1933 unter der Überschrift „Sätze zur Arierfrage in der Kirche“ veröffentlichte:

Es geht um die Gliederung der Kirche „nach Völkern“, also so, „daß jedem Volk das Evangelium in seiner Art und Sprache gebracht werden soll; daraus ist auch die selbstverständliche Übung geworden, daß jedem Volk diese Botschaft durch Menschen seiner Art und Rasse gebracht wird, sobald die eigentliche Zeit der Mission, der erstmaligen Verkündigung, vorüber ist.

Heute wird aus dieser unleugbaren Tatsache die Forderung abgeleitet, daß Juden und Nichtvollarier grundsätzlich und dauernd von dem Amt der Wortverkündigung und sonstigen Dienstes in der Kirche unseres Volkes auszuschließen seien.“ Niemöller begründet dann mit Römer 11 die besondere Stellung der Juden und ihre Angewiesenheit auf die „Gliedschaft in der Kirche ihres Gastvolkes“. Er schreibt weiter:

„Unter diesen Umständen ist ein kirchliches Gesetz, das die Nichtarier oder Nichtvollarier, soweit sie dem jüdischen Volk angehören, von den Ämtern der Kirche ausschließt, bekenntniswidrig, weil es die im dritten Artikel benannte Gemeinschaft der Heiligen grundsätzlich negiert. […] Diese Erkenntnis verlangt von uns, die wir als Volk unter dem Einfluss des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt haben, ein hohes Maß an Selbstverleugnung, so daß der Wunsch, von dieser Forderung suspendiert zu werden, begreiflich ist. Das ist indessen nicht möglich, weil wir als Kirche das Bekenntnis auf gar keinen Fall und um gar keinen Preis auch nur vorübergehend außer Kraft setzen dürfen.“

Alles das zeigt Niemöllers Gebundenheit an den zerstörerischen Geist des Antijudaismus. Es gibt aber Dokumente, die zeigen, wie sehr er sich nach dem Krieg mit der christlichen Mitschuld an der Judenverfolgung auseinander gesetzt hat. Es sind Dokumente einer echten Umkehr in seiner Haltung zum Judentum. Auf der Synode der EKD 1950 in Berlin-Weißensee, sagte Niemöller, inzwischen Kirchenpräsident:

„Wir haben um dieses Wort […] durch die Geschichte einer zwischen Bekennen und Verleugnen ringenden Kirche hindurch in den Jahren, ehe die große Katastrophe passierte, gerungen, und ich muss sagen, ich fühle mich als Mann der Bekennenden Kirche, auf den man damals hörte, sehr tief schuldig, daß wir damals nicht geredet haben, wie wir hätten reden müssen. Und was dann 1938 passierte und was sich daraus entwickelt hat – liebe Brüder, ich weiß nicht, ob nicht im Jüngsten Gericht Gott mich dafür ganz anders vornehmen wird als etwa die SS, weil wir es wußten. Und wir waren uns bewusst, dass wir es wußten; aber wir wollten nicht.“
 
Und noch deutlicher und vor allem theologischer sagt Niemöller in einer Rede:

„Mich hat seit meiner Heimkehr immer wieder der Gedanke gequält: Es könnte so sein, daß am Jüngsten Tage der Herr Christus mich ruft und mich fragt: Ich bin gefangen gewesen (und er zeigt dabei auf die Kommunisten im Konzentrationslager des Jahres 1933) – und du hast mich nicht besucht. […] Es gab 1933 und in den darauf folgenden Jahren vierzehntausend evangelische Pfarrer und annähernd ebenso viele Gemeinden. Wenn wir erkannt hätten, daß in den Kommunisten, die ins Konzentrationslager geworfen wurden, der Herr Jesus selber gefangen dalag und nach unserer Liebe und Hilfe Ausschau hielt, wenn wir gesehen hätten, dass beim Beginn der Judenverfolgung der Herr Christus es war, der in den geringsten unserer menschlichen Brüder verfolgt und geschlagen und umgebracht wurde, wenn wir da zu ihm gestanden und uns zu ihm bekannt hätten, ich weiß nicht, ob Gott uns dann nicht beigestanden hätte und ob dann nicht das ganze Geschehen einen anderen Lauf hätte nehmen müssen. Und wenn wir mit ihm in den Tod gegangen wären, ob es dann nicht bei einigen zehntausend Opfern geblieben wäre? Ich bin überzeugt, ein Chamberlain und ein Daladier hätten danach Hitler keinen Glauben mehr geschenkt, und der ganze Krieg mit seinen dreißig und mehr Millionen Opfern hätte nicht zu kommen brauchen.“

Beginnend mit der Synode der EKD von 1950 hat in den Evangelischen Kirchen ein Umdenken stattgefunden, das die christliche Abwertung des Judentums durchbricht und eine neue Epoche im christlich-jüdischen Verhältnis eingeleitet hat. Fertig sind wir damit aber nicht. Immer noch und immer wieder sind wir gefordert, unser Verhältnis zu den Juden und zu Israel theologisch zu bedenken – und wir tun das auch. Und es ist unsere Aufgabe, das damals verübte Unrecht nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das unendliche Leid und die Verfolgung und Ermordung von Millionen von Menschen wach zu halten.
„Sich erinnern“, so hat der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel formuliert, „heißt, den Glauben an die Menschheit erneuern - im Sinne einer Herausforderung an die Menschheit - und so unseren schwachen Anstrengungen Sinn verleihen."

Eine Form solchen Erinnerns ist der Versuch des Kölner Künstlers Gunter Demnig, den Opfern der Nazis symbolisch ihre Namen wieder zu geben, indem er vor dem jeweils letzten selbstgewählten Wohnhaus einen Stolperstein verlegt. Und dabei entstehen immer wieder ganz erstaunliche Geschichten. Anfang dieses Jahres bekam der württembergische Pfarrer Joachim Hahn einen Anruf einer Familie, in deren Besitz sich ein Kästchen befand, und zwar seit 1941. Diese Schachtel mit Erinnerungsstücken einer jüdischen Familie, mit Fotos und Gebetbüchern, war den Eltern in Darmstadt vor der Deportation eines jüdischen Ehepaares überreicht worden mit der Bitte, sie aufzubewahren, bis man zurückkommen würde. Das Ehepaar waren Leopold Hirsch und Johann Hirsch geb. Bruchfeld, für die wir am 24. Oktober in Büttelborn Stolpersteine verlegen konnten.

Deren Tochter Elsie Levy, die heute in St. Louis in den USA lebt, schrieb zu dem Päckchen: „Seit das Paket ankam, hat sich mein Gemüt in Traurigkeit verwandelt. Immer wieder geht mir durch den Kopf, was meine armen Eltern ertragen mussten und wir konnten sie nicht retten“.

Und zur Verlegung von Stolpersteinen, an der jüngere Verwandte aus den USA teilnehmen konnten, schrieb Frau Levy:

"Aus weiter Ferne begrüße ich - Else Hirsch-Levy - Sie alle herzlichst. Heute bin ich in Gedanken ganz bei Ihnen in Büttelborn. Kann ich noch hie und da ein Gesicht erkennen? Dass junge und jüngere Leute sich interessieren für alte und schwere Zeiten ist sehr bemerkenswert. Und ich freue mich besonders über meine eigenen Angehörigen, die zu dieser Ehrung anwesend sind.

Ruth ist die nächste Verwandte der Hirschs; die Tochter meines verstorbenen Bruders Ludi (also Ludwig), der mit Ferdi (also Ferdinand) und mir in diesem Haus geboren und aufgewachsen ist unter den wachsamen Augen unsrer Eltern LEOPOLD & JOHANNA HIRSCH. Sie wurden am 29. Januar 1943 in Auschwitz ermordet - das Datum wissen wir durch das ROTE KREUZ, die einen schriftlichen Beweis dafür haben.“ Dann folgen Danksagungen und dann schreibt sie weiter:

„Meine Gedanken sind heute nur in der Weiterstädter Straße 12. Ich gehe dabei in Gedanken von Zimmer zu Zimmer bis zum Speicher, durch die Hofreite und die Scheuer in den Garten; ich suche in Gedanken die Bäume, auf denen ich herum geklettert bin, vor allem den großen Nussbaum und anderes mehr. Seit vielen Jahren bin ich hier in den USA, zwar sehr zufrieden, aber diese besonderen Erinnerungen in diesem Jahr und der heutige Anlass  haben mein Inneres aufgewühlt. […]

Ihnen allen alles Gute wünschend, bin ich mit herzlichen Grüßen Ihre frühere Büttelbornerin Leopold's Else Levy.“

Das Verlegen der Stolpersteine, diese Form des Gedenkens, schließt gerade nicht die Geschichte ab – sie eröffnet auf je besondere Weise neue Geschichte und Geschichten. Die Abkehr vom Antisemitismus ist ein Lernprogramm. Es braucht den Blick in die Geschichte und in die Geschichten. Wir sind immer noch dabei zu lernen, unsere antisemitische und antijudaistische Geschichte zu analysieren und Konsequenzen für uns selbst und die Gesellschaft, in der wir leben, zu formulieren. Deshalb sind Projekte wie die Stolpersteine und andere Erinnerungsprojekte so eminent wichtig, die es uns ermöglichen, aus unserer schlimmen Geschichte zu lernen. Nicht, um das Geschichtsbuch dann als abgearbeitet zuschlagen und wegstellen zu können – sondern um immer wieder (und immer wieder neu) zu lernen, dass Menschen sich nicht über Menschen erheben dürfen – nicht aus politischen, und schon gar nicht aus religiösen Gründen.



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