4. Tagung der 11. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2011

Verstehst Du, was Du liest? Bibelarbeit (Apg. 8, 26 bis 40)

Prof. Dr. h.c. Peter Schmid, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK)

07. November 2011

Prof. Dr. h.c. Peter Schmid

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Liebe Schwestern und Brüder!

Die Darsteller

Philippus erhielt einen Ruf des Engels des Herrn, ich einen Anruf aus dem Kirchenamt in Hannover. Philippus brach auf "gegen Süden"; ich in Richtung Norden. Philippus stand auf, ich setzte mich hin, an meinen Laptop. Philippus "tat seinen Mund auf" und sprach frei, ich halte mich an den vorbereiteten Text, gestärkt durch die Zuversicht, dass Sie sich gemäß Ihrem Kundgebungsentwurf der "kreativen Fehlerfreundlichkeit" gegenüber offen zeigen. Philippus war mutig, ich bin zaghaft, denn ich wage es nicht, Sie angesichts der vor Ihnen liegenden Aktenberge zu fragen: "Verstehen Sie auch, was Sie lesen?"

Wer ist Philippus? Einer der sieben Diakone, den die Apostel in Jerusalem zu ihrer Unterstützung einsetzten. Das Anforderungsprofil war knapp, aber anspruchsvoll: Guter Ruf und voll des Geistes und der Weisheit. Philippus bestätigte den guten Ruf auch nach der Berufung. Er gab damit - von den christlichen Kirchen noch zu wenig bedacht - einen wegweisenden Hinweis auf das Ordinationsverständnis: den guten Ruf auch nach dem Ruf beibehalten! Wenn Philippus sprach, kam Freude auf. Am Anfang des 8. Kapitels wird von seinem Wirken in einer Stadt Samarias berichtet: "Und es war eine große Freude in jener Stadt". So nebenbei begründete Philippus - von den christlichen Kirchen noch zu wenig bedacht - ein wegweisendes Predigtverständnis: große Freude in der ganzen Stadt zu verbreiten. Philippus konnte sich erfolgreich gegen den Zauberer Simon durchsetzen, der von sich selber sagte, "dass er ein Großer sei". Simon, der die Volksmenge in Aufruhr versetzte, geriet selber außer sich, als er Philippus zuhörte und seine Zeichen sah. Er ließ sich taufen. Philippus hatte vier Töchter, so wird in Kapitel 21 berichtet. Von einer Frau vernehmen wir nichts. Deshalb wissen wir auch nicht, ob sie Philippus begleitete, als es zur Begegnung mit dem Kämmerer aus Äthiopien kam. Ich hätte ihr einen Platz im Wagen gegönnt.

Was wissen wir über den Kämmerer? Nicht unglaublich viel, aber dennoch Verblüffendes. Er ist Schatzmeister der äthiopischen Königin Kandake, Finanzchef eines Königinnenreiches. Er fährt einen Wagen, für einen Finanzspezialisten noch nichts Besonderes. Das Besondere folgt: ein Mann, ein Finanzspezialist liest ein Buch - (wahrscheinlich eine Buchrolle, heute wäre es ein eBook) er gesteht ein, dass er das Gelesene nicht versteht und nimmt bereitwillig Hilfe an.

Die Frage

Damit sind wir bei einer der bekannten Kurzfrage aus der Bibel: "Verstehst du auch, was du liest?" Ein weiteres Beispiel für die im wahrsten Sinne des Wortes treffenden Fragen aus der Bibel: "Adam, wo bist du?"; "Wo ist dein Bruder?"; "Wer ist mein Nächster?"; "Verstehst du, was du liest?" Die Frage unterstellt zunächst, dass es gut ist, einen gelesen Text  zu verstehen. Das muss nicht immer zutreffen. Selbst das verstandesmäßig Erfasste, bleibt einem gelegentlich unverständlich. Wer hätte nicht schon Nachrichten sehr wohl verstanden ohne sie begreifen zu können?

Ich las auf der Bahnfahrt von Basel nach Magdeburg in mehreren Tageszeitungen über Griechenland, über die unfassbare hohe Verschuldung vieler Staaten, über Rettungsschirme. Leider kam niemand vorbei und fragte: "Verstehst du auch, was du liest?"

Wer etwas verstehen will, setzt sich der Genauigkeit aus, im Guten wie im Bösen. Man muss auch zu fragen wissen! Die Frage, "verstehst du, was du liest?" ist von großer gesellschaftlicher Bedeutung geblieben und in Europa wieder neu geworden. In weiten Teilen der Welt möchten Menschen durchaus lesen können, doch es fehlt an Schulen, Schulbildung und Lehrmitteln. Vor einem Jahr besuchte ich mit einer Delegation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes einen palästinensischen Flüchtlingsstadtteil in Beirut. Eine christliche Initiativ-Gruppe lehrt dort palästinensischen, längst erwachsenen Frauen lesen und schreiben. Wir waren dabei, als eine dieser Frauen zum ersten Mal ihren Namen an die Wandtafel schreiben konnte. Ihre Freude lässt sich kaum in Worte fassen. Und bei uns, in Deutschland und in der Schweiz? Trotz obligatorischer Schulbildung verstehen unzählige Menschen nach der Schulzeit nicht zu lesen und verstehen das Gelesene nicht. Sie sind still und leise von unzähligen Bereichen des alltäglichen Lebens ausgeschlossen. Was heißt das für unsere Gesellschaft, für die Demokratie, und auch für das friedliche, einer profilierten Toleranz verpflichteten Zusammenleben der verschiedenen Religionen? Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig, es wäre einfältig, sie ausschließlich bei den Lehrpersonen zu orten. Es braucht den politischen Willen, die Menschen lesefähig zu machen, in ihrer Muttersprache und wenn immer möglich in der Sprache des Aufenthaltslandes. Ist es von gut ausgebildeten Verantwortlichen für Konzerne wirklich zu viel verlangt, sich in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz auf Deutsch und nicht nur auf Englisch verständlich zu machen? Es scheint viel einfacher zu sein, solche Fähigkeiten von schulisch bescheiden gebildeten muslimischen Frauen zu verlangen.

"Verstehst du, was du liest?" So darf nur jemand fragen, der (oder die) auskunftsfähig ist. Da orte ich bei vielen Mitgliedern unserer Kirchen ein Problem. Der Traditionsabbruch führt zu einer Sprachlosigkeit in religiösen Dingen. Ich war kürzlich Zeuge einer interessanten Begegnung. Ein junger Mann, christlich erzogen verliebt sich in eine muslimische Frau. Sie möchten heiraten. Sie will nach muslimischem Brauch die Ehe schließen, der junge Mann denkt an eine christliche Heirat. Sie fragt. "Warum?" Ihm fällt dazu nichts ein! Da wird die Luft dünn im interreligiösen Dialog zwischen den zukünftigen Eheleuten. Die Ursachen der religiösen Sprachlosigkeit sind vielfältig, auch hier wäre es einfältig, ausschließlich Religionslehrer und Pfarrerinnen verantwortlich zu machen. Mit großem Respekt höre ich die Berichte jener Menschen, die alles andere als in eine Kirche hineingeboren wurden, die gegen große Widerstände bis hin zu Anfeindungen ankämpfen mussten und dennoch an ihrem Glaubensweg festhielten und sich taufen ließen.

Die Voraussetzungen beim Kämmerer aus Äthiopien sind etwas einfacher: er war in Jerusalem, um zu beten und er liest in der jüdischen Bibel. Es handelte sich somit um einen religiös "musikalischen" Mann. (Max Weber) Er war unterwegs von Jerusalem nach Gaza. Heute wäre dieselbe Reise aus politischen Gründen schwierig. Der Kämmerer liest einen Text des Propheten Jesaja. Er stellt die sogenannte "richtige" Frage. "Von wem spricht Jesaja eigentlich?". Philippus antwortet nicht einfach knapp: "Von Jesus aus Nazareth". Er beginnt gemäß dem Text aus der Apostelgeschichte bei den Jesaja-Worten und schlägt den Bogen zum Evangelium von Jesus. Da sehe ich angedeutet, dass der Text in Jesaja 53 kein einfacher ist. Im Gegenteil, schon für sich alleine genommen, ist die Sache mit dem leidenden Gottesknecht reichlich anspruchsvoll. Wenn wir die beiden Linien sorgfältig auszeichnen, die jüdische hin zum Messias, die christliche hin zu Christus, dann stellen sich neue Fragen. Die Frage nach dem richtigen Verständnis des Jesaja-Textes ist keine Einstiegsfrage, so wenig wie der Kämmerer ein Anfänger im Glauben war.

Die Auskunftsfähigkeit

Auskunftsfähig werden, sein und bleiben. Das ist die Aufgabe von uns Christinnen und Christen. Selbst viele Kirchenmitglieder sind - so will mir scheinen - das unbefangene Gespräch über den christlichen Glauben nicht mehr so richtig gewohnt, vor allem außerhalb eines wenigstens teilweise geschützten Rahmens der Kirche. Kürzlich fragte mich eine junge Sitznachbarin im Flugzeug ohne Überleitung, ohne schonungsvolle Ankündigungen: "Sind Sie Christ?" Ich gestehe freimütig, während eines Bruchteils einer Sekunde ging mir durch den Kopf: "Ja, sieht man mir das jetzt schon an?" Ich fand dann doch noch zu einem freudvollen "Ja". Ich bin mir bewusst, dass sich meine Erfahrung auf die Schweiz und nur auf einen Teil Deutschlands bezieht. Wer sich als Christin oder Christ in der DDR bewähren musste oder sich noch heute in einer stark atheistisch geprägten Gesellschaft zum christlichen Glauben bekennt, verfügt über einen andern Erfahrungshintergrund.

Der Traditionsabbruch oder der Traditionsunterbruch führt zu Menschen in unserer Nähe, die nichts oder kaum etwas vom Christentum wissen. Die Miss Schweiz des vergangenen Jahres wurde nach ihren Bibelkenntnissen befragt. Das einzige, was ihr in den Sinn kam war, dass in der Bibel Sex vor der Ehe verboten sei! Der Mister Schweiz hätte ihr wahrscheinlich beigepflichtet. Ich füge gerne bei, dass sich äußerliche Schönheit und Bibelkenntnisse nicht gegenseitig ausschliessen.

Was sollen wir da tun? Ich würde nicht mit Jesaja beginnen. Ich würde damit anfangen, das Leben von Jesus aus Nazareth zu erzählen. Das Stilmittel der Evangelien kann kein Zufall sein. Im Kern sind sie erzählte Wahrheit. Jesus hat seine Lehre in erster Linie vorgelebt - und vorgestorben. Ich denke an die Sätze von Heinz Zahrnt, dem unvergessenen Meister der religiösen Gegenwartssprache: "Von Jesus aus Nazareth muss man erzählen - um seinetwillen, weil er ein leibhaftiger Mensch war, und um der Zeitgenossen willen, damit sie ihn gleichfalls leibhaftig sehen. Dazu aber muss man "unten" ansetzen, auf der Erde, nicht im Himmel, in Raum und Zeit, nicht in der Ewigkeit, bei Jesu Geschick, bei seinen Worten und Taten, bei seinem Glauben, Verkündigen und Verhalten, bei seinem Leiden, Sterben und Auferstehen."

Das Erzählen ist für mich mehr als ein Stilmittel; es ist eine Haltung. Erzählende laden ein, Lehrende argumentieren. Ich plädiere für diese Reihenfolge, erst das Erzählen und dann das Lehren! Es ist meine große Sorge, dass der christliche Erzählstrang abbrechen könnte. Wer sich verständlich machen will, muss sich einer zugänglichen Sprache bedienen. Missionarische Impulse müssen allgemein verständlich sein, auch in Kundgebungsentwürfen, sonst verfehlen sie von vorneherein ihr Ziel. Ich glaube, den Entwurf des Kundgebungsentwurfes zu verstehen!

Das Wort

Die Kirchen der Reformation legen grossen Wert auf "das Wort". Weil dem so ist, begleitet uns der Vorwurf der Wort- und Kopflastigkeit. Es lässt sich mit Fug und Recht über das richtige Mass der Wörter streiten. Angesichts der Kritik einer Kopflastigkeit würde ich zunächst nach der Qualität des Kopfes fragen. Einen guten Kopf empfinde ich nicht als Last. Die Behauptung, wonach Worte allzu einseitig vernunftgeleitet seien, halte ich nicht für ausreichend belegt. Sie kann nur von Leuten erhoben werden, die noch nie um Worte gerungen haben.

Die bilderstürmenden Zeiten sind sogar bei uns Reformierten vorbei, eine brennende Kerze im Gottesdienst vermag keine reformiert-puristische Seele mehr aufzuregen. Auf das Ganze gesehen sind wir schöpferischer geworden. Musik und andere Bereiche der Kunst, die ansprechende Gestaltung der Räume finden oft hohe Aufmerksamkeit. Ihre Synode erprobt angemessene, weniger formalisierte Formen des Austausches. Vielleicht ist es trotzdem die historische Aufgabe der evangelischen Kirchen, die Kultur der ganzen Sätze zu pflegen. Ich will dies kurz ausführen. Sie kennen die Bilder von den Fernsehnachrichten. Vor dem Bildwechsel machen die befragten Personen nur noch stumme Maulbewegungen wie Fische im Wasser, weil ihnen buchstäblich mitten im Satz das Wort abgeschnitten wurde. Ich sehe die Kirche als eine unverwechselbare Institution, die die Menschen ausreden lässt, ohne sie zur Ausrede einzuladen, ihnen zuhört bis zum Schluss, ihnen Zuspruch gewährt und ihnen -wo nötig - widerspricht. Die evangelischen Kirchen dürfen den Menschen helfen, in Worte zu fassen, was von Herzen kommt, ihnen jedoch nicht leicht über die Lippen geht.


Die Immediat-Taufe

Ich komme zum Schluss unserer Geschichte, zur Immediat-Taufe! Der Kämmerer zeigte sich beeindruckt von den Erzählungen über Jesus aus dem Munde des Philippus. Es war wie später bei den Predigten Luthers in Magdeburg: der Kämmerer wurde "schlagartig" überzeugt! Er entdeckte wie zufällig etwas Wasser und machte Philippus darauf aufmerksam. "Schau mal, dort ist Wasser! Was hindert mich, getauft zu werden?" "Die Kirchenordnung" so würde die korrekte Antwort in der Schweiz lauten. Aber Philippus kannte die Schweizerischen Verhältnisse und Ordnungsliebe nicht. Die Taufszene am Ende des 8. Kapitels ist durch eine unbekümmerte Schlichtheit gekennzeichnet. Beide stiegen zum Waser hinunter, Philippus erfüllte den Wunsch des Kämmerers und taufte ihn. Keine Gemeinde, keine Taufliturgie, keine Taufzeugen sind erwähnt. Von einem Taufregister hören wir nichts, somit konnte kein Gericht die Streichung des Kämmerers aus dem Taufregister mehr verlangen. (Siehe Evangelische Zeitung vom 6. November, Seite 5) Ich glaube nicht, dass diese kurze Taufbeschreibung der Formlosigkeit das Wort reden möchte. Aber sie macht deutlich, wie sehr es stets auf den Einzelfall und die besondere Situation ankommt.

Philippus verschwindet vor den Augen des Kämmerers und der Kämmerer zog seinen Weg mit Freuden. Die Geschichte schließt mit einem Happy End. Nicht jede Geschichte endet glücklich, das wissen wir. Aber spätestens seit gestern im Dom zu Magdeburg wissen wir nach den eindrücklichen Tauferinnerungen: es gibt sie noch immer, die glücklich endenden Taufgeschichten.



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