4. Tagung der 11. Synode der EKD

Magdeburg, 06. bis 09. November 2011

Einbringung des Kundgebungsentwurfes zum Schwerpunktthema "Was hindert’s, dass ich Christ werde?" (nach Apg. 8,36) Missionarische Impulse

Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses, Bischof Ralf Meister

07. November 2011

Ralf Meister

 

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrtes Präsidium, hohe Synode,

„Am Anfang aller Mission steht das Evangelium von Jesus Christus.“

So beginnt der Kundgebungsentwurf. So schlicht dieser Anfangssatz klingt, so weitreichend ist, was er sagt. Am Anfang der Mission steht nicht das, was einem beim Stichwort Mission manchmal als erstes vor Augen schwebt oder was der Kirche von anderen unterstellt wird: keine kirchliche Mitgliedschaftsprognose, kein Aktionsprogramm, noch nicht einmal eine religiöse Haltung. Am Anfang steht, was die Kirche als Ursprung, Wesen und Gestalt ausmacht, worüber sie aber selbst nie verfügen kann: das Evangelium von Jesus Christus.

Martin Luther drückte das in der 62. seiner 95 Thesen so aus: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Es ist ein Schatz, den wir nie besitzen, aus dem wir selbst leben und den wir immer wieder neu entdecken. Das Ziel der Mission liegt in dieser „Herrlichkeit und Gnade Gottes“. Sie zielt auf die Verheißung des „ewigen Heils der Seelen“ und der „Erlösung für die ganze Schöpfung“. Nach diesem Verständnis geht es bei dem Thema Mission um keine christliche Motivationsstrategie, auch nicht um Rekrutierung von neuen Mitgliedern sondern um eine heilsame Besinnung auf das, was uns von Christus geschenkt ist. Besinnung auf Christus als Grund und Gegenstand des Glaubens ist Mission!

Erlauben Sie mir im Namen des Vorbereitungsausschusses, in Aufnahme der drei Begriffe, Hinhören, Aufbrechen, Weitersagen, die Sie hier vorne an der Themen-Tafel sehen, einige Grundlinien des Kundgebungsentwurfs zu entfalten. Es sind missionarische Impulse, so wie der Untertitel es beschreibt. Sie versuchen, die zentrale Herausforderung zu benennen, vor der unsere Kirche hier heute steht. Darin fügen sie sich ein, regen an, ergänzen und kommentieren die vielfältigen Formulierungen, Initiativen und Einsichten, die es seit der EKD-Synode 1999 auf allen kirchlichen Ebenen gegeben hat - bis hin zu den Diskussionen der UEK-Vollkonferenz und der VELKD-Generalsynode in den vergangenen Tagen.

1. Hinhören: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ Joh 8,32

Das Christentum ist eine Religion mit dem Gesicht zum Himmel und zur Welt. Deshalb ist eine Mission, die sich am Evangelium von Jesus Christus orientiert, eine wahrnehmende  Mission. Sie hört auf das, was „der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb. 2-3). Sie spürt - im Bilde der EKD-Synode von Leipzig 1999 gesprochen - ihrem eigenen Herzschlag nach. Und sie nimmt - im Lichte des Evangeliums - zugleich das offen wahr, was Menschen ihr sagen und was unsere Gesellschaft heute bewegt.

(Möglicher Bezug auf Eingangs-Impulse)

Unter einigen Stichworten entwirft der Kundgebungsentwurfstext eine Zeitbeschreibung. Der Text greift dafür die Begriffe Krise, Schulden und Erschöpfung aus der aktuellen Diskussion auf. Das kann sicher nur skizzenhaft sein. Im Blick auf gesellschaftliche Themen, wie Ökologie, Ökonomie aber auch im Blick auf das eigene Leben hat sich ein Gefühl von Selbstüberforderung und Erschöpfung breit gemacht. Es geht dabei nicht allein um eine Burn-out-Diagnose. Es geht um die Wahrnehmung einer Welt, in der es eine tiefe Form von Sinn-Entleerung und Geist-Erschöpfung gibt. In der flüchtigen Moderne werden nicht nur Worte aus dem Wortschatz gestrichen, sondern auch Bedeutungstiefe verfliegt.

Die Schuldensituation ist ein Dauerthema der vergangenen Monate, er steht für eine Grunddimension kritisch wahrgenommener Gegenwart. Wir leben über unsere Verhältnisse, in vielen Dimensionen. Der Begriff in der Skizze weist über die aktuelle Situation hinaus. Es geht um die Grunderfahrung einer schuldigen Existenz, es geht um die Schuld-Erfahrung gegenüber dem Umgang mit der Natur, es geht um die Schuld der Sprachlosigkeit. In dieser Richtung geht der Blick auch auf die Kirche selbst.

Das Evangelium stimmt damit aber nicht in ein aktuell stark verbreitetes Krisen-Szenario ein. Das Evangelium ist ein Krisen-Ruf, ein Ruf zur Umkehr und zum Sinneswandel. Aber in ihm ist in grundlegend anderer Weise von Krise die Rede: wahrhaftig, befreiend, zum Leben bestärkend. Es ist eine Botschaft, die sich nicht in einer apokalyptischen Szene verliert. Es geht nicht um den Luxus feuilletonistischer  Hoffnungslosigkeit, die sich der Erschöpfung hingibt, sondern um den christlichen Aufstand gegen Leerstände, - innere und äußere.

Darüber denkt der Kundgebungstext nach: Welche Sichtweisen kommen in den Blick, welche Worte sind zu sprechen, welche Haltungen hilfreich, welche Handlungen notwendig? Es gibt Worte, die aus dem aktiven Wortschatz außerhalb der Kirche längst verschwunden sind. Krise ist eine Erfahrung des Ungesicherten und des Ungewissen auf das die Gewissheit im Glauben antwortet.

Der Kundgebungstext versucht zu beschreiben, wie der Umgang mit diesen Phänomenen vielfach geschieht. Die drei Stichworte Angst vor Veränderung, Flucht in Geschäftigkeit und Verlust an Tiefe, man könnte auch sagen, Mangel an Konzentration, versuchen dieses beispielhaft zu beschreiben. Es sind Szenen der Vermeidung einer Sinnkrise, auch Fluchtwege aus der Verantwortung. Das Evangelium muss im Blick auf die prägenden Erfahrungen der Menschen in unserem Land zur Sprache gebracht werden: nicht in dem es dramatisiert oder mit guten Ratschläge verharmlost, sondern in dem es vom Grund unserer Glaubenshoffnung zeugt, die es erlaubt mit Krisen, Sorgen und Ängsten umzugehen.

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost ich habe die Welt überwunden.“

Eine in ihrer Tiefe getröstete Seele ist frei, Gefahren und Sorgen offen ins Auge zu sehen - und zugleich mutige Zeichen zu setzen. Zeichen, die diese Gefahren und Sorgen nicht wahr werden lassen. Oder um es mit der berühmten ersten Frage des Heidelberger Katechismus zu sagen: Dass Jesus Christus alleine unser Herr ist, ist der eine Trost, der uns so gewiss macht, dass wir darauf hin mutig leben und getrost sterben können. Der Grundauftrag der Mission ist der Trost der Seelen und das Heil der Schöpfung in einer verängstigten Zeit.

2. Aufbrechen: „Eins aber tut not“ Lk 10, 42
 
Wenn wir das Evangelium gerade auch als Gegenüber der Kirche ernst nehmen, so müssen wir allerdings bekennen: Angst vor Veränderung, Flucht in Geschäftigkeit und Konzentrationsverlust sind nicht alleine Phänomene der Gesellschaft, sondern sie prägen auch unsere Kirchen. Und indem sie das tun, erschweren und verstellen wir Menschen den Zugang zum Evangelium, stellen sein Licht unter den Scheffel. Dies zu sagen, ist kein Ausdruck von depressiver Grundhaltung. Es ist vielmehr eine befreiende Wahrheit, die hilft, Kirche zu verändern. In unserer Kirche ist oft viel von emsiger Angestrengtheit zu spüren. Viel von den Mühen, institutionelle Strukturen zu reformieren. Die geistliche Herausforderung der Kirche am Anfang des 21. Jahrhunderts ist jedoch eine geistliche Konzentration: eine konsequente Ausrichtung auf das Zentrum, auf Gott und Christus selbst. Es ist gut, wenn wir uns in der Diskussion ehrlich und offen dieser Frage stellen, wo wir 12 Jahre nach der EKD-Synode von Leipzig stehen, in denen auf allen kirchlichen Ebenen viel unternommen, gepredigt, formuliert, verkündigt wurde.

Eine Mission, die sich am Evangelium von Jesus Christus orientiert, ist eine konzentrierte Mission. Sie hat den Mut – um es mit einem Bild von gestern zu sagen – ganz bewusst Schale zu sein und nicht Kanal. Erst kommt die innere Füllung, dann der Überfluss, erst die befreiende Konzentration, dann das missionarische Projekt. Positive Beispiele dafür kennen wir aus unserer eigenen Arbeit, viel haben wir in den vergangenen Tagen in der UEK und VELKD gehört. Sie zeichnen sich aus durch ein Gespür für unterschiedlichste Situationen, für  Erwartungen und Enttäuschungen von Menschen. Für ihre Sehnsüchte und Hoffnungen. Sie zeichnen sich aus durch intensive persönliche Begegnungen, offensives Nutzen von Kommunikationsmittel, Ideenreichtum und Talent. Und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus der Mitte des eigenen Glaubens kommen.

Eine Grundhaltung der Mission ist der Aufbruch: ein Aufbruch, um Zeit und Raum für das Eigentliche, das Wesentliche zu schaffen, für die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Darin sehen wir die zentrale Aufgabe der Kirche.

3. Weitersagen: „und zog seiner Straße fröhlich“ Apg 8,39

Die Geschichte des Kämmerers ist für mich der schönste Road-Movie der Bibel. Es ist eine dramatische Filmsequenz mit einer wunderbaren Verwandlung. Sie zeigt, was zu sehen sich lohnt: zeitlich und ewig. „Wir wollen sie nicht missionieren“ lautete manchmal ein Satz vorauseilender Selbstsäkularisierung. Man kann nicht jemanden missionieren. Missionieren ist kein transitives Verb, Mission macht nicht Menschen zum Objekt, sondern zum Subjekt. Bei Mission geht es immer um die Freiheit meines Gegenübers.

Gott missioniert. Und oftmals auf überraschenden Wegen. Die schönsten Missionen für mich sind die Gottesüberraschungen, die ich an den ungewöhnlichsten Orten erlebt habe. Aber so wie Jesus im Johannesevangelium sagt: „Wie ich gesandt bin, so sende ich euch“, sind wir auch unterwegs. „On the road“; in der Kultur, Bildung, Diakonie. Heute sind wir – auch durch die Wirkungen der EKD-Synode von Leipzig, aber besonders durch intensive Begegnung mit Christinnen und Christen aus anderen Kirchen – offen, verheißungsfroh in der Welt unterwegs. „Wir wollen den Menschen das Evangelium nicht vorenthalten“. Wir können als Christen nicht schweigen von dem, was sich uns als wahr erschlossen hat - weil die und der andere ein Recht auf die Wahrheit des Glaubens hat. Es wäre seltsam, wenn sich einem die Wahrheit des eigenen Lebens erschließt und man sie anderen nicht weiter erzählt. Martin Luther schreibt im Großen Katechismus über den Heiligen Geist, und darin kritisch über die Kirche damals: „ … wo …der Glaube ganz unter die Bank gesteckt worden ist, erkennt niemand Christus als Herrn ...“ (Gr. Katechismus,154) Wie oft bleibt der Glaube unter der Bank versteckt?

Eine Mission, die sich am Evangelium von Jesus Christus orientiert, ist fröhlich, zugewandt und kommunikativ freie Mission. Sie lässt den Glauben nicht unter der Bank. Sie ist eine Mission mit dem Gesicht zum Himmel und zur Welt. Sie bringt sich kritisch ein in die allgemeine Diskussion von Kultur, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Lebensstil. Der Kundgebungsentwurf entfaltet dies exemplarisch an der Kultur heilsamer Unterbrechung, einem bewussten Lebensstil, dem Engagement für andere, der kreativen Fehlerfreundlichkeit und einer nicht absicherbaren Gewissheit. Darin fördert die Kirche, dass Menschen „ihre Straße fröhlich“ ziehen können.

Liebe Synodale,
wir hoffen, dass wir als Vorbereitungsausschuss mit dem Kundgebungsentwurf einen Beitrag dazu leisten können, Mission in diesem Sinne in unserer evangelischen Kirche zu fördern - zur Ehre Gottes, zum Heil der Menschen und zum Wohle unserer Gesellschaft. Wir freuen uns, dass die VELKD und UEK das Thema ihrerseits aufgegriffen haben und - angesichts der Weite des Themas - die Beschäftigung um zusätzliche Aspekte bereichert.

Wir legen Ihnen unsere Arbeit zur weiteren Beratung vor.



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