5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Mündlicher Bericht des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland e.V. (EMW)

Direktor Christoph Anders

05. November 2012

Sehr geehrte Frau Präses! Sehr geehrte Synodale! Liebe Schwestern und Brüder! „Ein Gott. Ein Wort?“, so lautet der Titel des diesjährigen EMW-Jahresberichtes. Um biblische Hermeneutik geht es dabei. Das Fragezeichen weist darauf hin, dass um die Eindeutigkeit der Bezeugungen dieses einen Wortes in der Weltchristenheit gegenwärtig heftig gerungen wird.

Für uns ist diese Themenstellung folgerichtig, denn in den Jahren zuvor haben wir bei den Arbeiten zu "Bewährungsproben in zwischenkirchlichen Partnerschaften" und "Charismatisierungsprozessen in afrikanischen Kirchen" verschiedentlich festgestellt, dass für Spannungen und Streitfälle in der Ökumene unterschiedliche Verständnisse der Bibel verantwortlich gemacht werden. Dem sind wir nun nachgegangen und haben dabei vor allen Dingen Prozesse der Übertragung der Bibel in andere kulturelle Kontexte untersucht.

„Am Anfang war das Wort“ – dieser Satz steht nun zur Halbzeit der Lutherdekade über den zwischenbilanzierenden Beratungen dieser Synode. Wir sehen darin ein erfreuliches Zusammentreffen vor allen Dingen in Bezug auf die Heilige Schrift als Grundlage des christlichen Glaubens. Das liegt in beiden Fassungen auf der Hand.

Was Sie, verehrte Synodale, nun in den Unterlagen vor sich haben, ist das Resultat eines Dilemmas; denn wir sind den strengen Vorgaben der Synodenleitung zur Berichtslänge gefolgt. Aber dadurch ist ein differenzierter Bericht, der auf fast 50 Seiten Entwicklungen zu beschreiben versucht, auf knapp drei Seiten sozusagen eingedampft worden, und da bleibt Wichtiges unerwähnt.

Eine interessante Wegstrecke haben wir mit dem Thema in der Geschäftsstelle, im Vorstand und auch in der Mitgliederversammlung des Evangelischen Missionswerkes abgeschritten.

Folien und Bildmaterial zum mündlichen Bericht als PDF-Datei

Hier sehen Sie einige Bilder aus dem Jahresbericht, die Ihnen ein bisschen Appetit machen sollen, auch einmal in die größere Fassung hineinzuschauen.

In der Mitgliederversammlung hörten wir: "Wusstest du, dass ich vor der Erde existierte? Wusstest du, dass meine Augen Fenster zur Welt sind? Wusstest du, dass ich nicht nach Zion gehen und Jerry-Locken tragen kann?", Teil eines Reggaes von Damian Marley – solche Rhythmen haben unlängst den ehrwürdigen Luthersaal der Diakonie im fränkischen Neuendettelsau erfüllt, was vermutlich nicht allzu häufig geschieht. Die anglikanische Theologin Evi Vernon aus Jamaika brachte unserer Mitgliederversammlung nahe, wie sich die dortige Rasta-Bewegung mit diesem Buch des Lebens auseinandersetzt, nach musikalischen Wegen zwischen einem Leben im babylonischen Exil und der Heimkehr nach Zion sucht.

So soll die Bibel unterdrückerischem Gebrauch entwunden werden, um in ihr "nach Hoffnung zu graben", wie es die Theologin Elsa Tamez formuliert. Hoffnung für Widerstand und Befreiung in der Schöpfung Gottes. Sehr spezielle Übersetzungen entstehen aus dieser Inkulturation, kollektive Deutungen der Schrift für einen sehr besonderen Kontext!

Ein solches Umgehen mit der Bibel mag faszinieren, mag aber auch verunsichern oder gar befremden. Eine praktische Konsequenz der Überlegungen, die in diesem Jahresbericht unser neuer Grundsatzreferent, Dr. Biel, anstellt, lautet jedenfalls: Wir sollten uns den Möglichkeiten interkultureller Bibellektüre stellen, beharrlich, hörbereit und offen. Wir sollten uns dabei auch gegenseitig aufklären, welche Bedeutung die Bibel und das Lesen darin für unser Leben hat.

Ich lade Sie also herzlich ein, sich das Original bei uns zu besorgen und das dort Beschriebene mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen und dann Ihrerseits nach Verbindungen zu suchen, im Verstehen der Bibel damals und heute, weltweit und bei uns.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Reflexion von aktuellen ökumenischen Grundlagentexten zum Thema Mission und Kirche. Unlängst bei der Sitzung des Zentralausschusses auf Kreta wurde die neue Missionserklärung des Ökumenischen Rates angenommen. Sie trägt den Titel „Gemeinsam für das Leben – Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“. Vorarbeit hatte die Kommission für Weltmission und Evangelisation geleistet, in der das EMW mitarbeitet.

Diese Stellungnahme ist der Versuch einer Gesamtschau der derzeit in der Weltchristenheit vorhandenen Positionen und nimmt das Spektrum der weiteren Ökumene auf. Der Text wird als Basisdokument an die Vollversammlung 2013 des ÖRK nach Busan weitergeleitet und von daher auch Gegenstand von Vorbereitungen der Delegierten der EKD und der Landeskirchen in den kommenden Monaten sein. Ich lade Sie ausdrücklich ein: Wenn Sie in Ihren kirchlichen Zusammenhängen eigene Vorbereitungen für Busan planen, sind wir gerne bereit, Ihnen zu helfen, was die Missionsthematik betrifft.

Sie finden im Geschäftsstellenbericht auch Beobachtungen zum ökumenischen Text „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. Dieser Text wird bei uns sehr häufig unter dem Titel „Verhaltenskodex für Mission“ gehandelt, und ich weiß, dass in verschiedenen kirchlichen Zusammenhängen bereits darüber beraten worden ist.

Es gibt jedenfalls auch einen Prozess der allgemeinen Rezeption, mit dem wir versuchen, die Aufmerksamkeit für den Text noch höher werden zu lassen. Wir haben dazu einen Studientag in Hamburg durchgeführt, und ein weiterer folgt in zwei Wochen in Kassel. Wir werden versuchen, aufgrund der Anregungen, die dort stehen, einen konkretisierenden Text der Mission in unseren Kontext in Deutschland zu erarbeiten und ihn auf einer ganz breiten ökumenischen, zwischenkirchliche Ebene hier in Deutschland auf den Weg zu bringen.

Nimmt man nun, verehrte Synodale, diese Erklärung zusammen mit den grundsätzlichen Überlegungen der ökumenischen Veranstaltungen von 2010 auf und nimmt außerdem noch einmal Bezug auf die Kundgebungen, die Sie im letzten Jahr in Magdeburg beschlossen haben – Präses Göring-Eckardt hat gestern noch einmal ausdrücklich daran erinnert –, dann haben wir es gegenwärtig mit einer ganz überraschenden, außergewöhnlichen Brandbreite von wichtigen Texten zu tun.
 
Solchen Konstellationen versuchen wir im EMW nachzuspüren. Wir laden Sie herzlich ein, sich an dieser Spurensuche zu beteiligen.

Diese Bemerkungen weisen uns auf den größeren Zusammenhang der Kooperation mit weltweiten Partnern hin. Ich erwähne das hier, weil es für uns als EMW ein Schlüsselbereich unserer Arbeit ist. Die Bedeutung der langjährigen Kooperation mit dem Ökumenischen Rat ist erneut deutlich geworden. Auch das können Sie unserem Jahresbericht entnehmen.

Ich weise hier nur exemplarisch auf verschiedene Impulse im Blick auf die komplexe Situation im Nahen Osten, etwa in der Begleitung des Rates der Kirchen im Mittleren Osten und des Ökumenischen Freiwilligenprogramms für Israel und Palästina hin, zwei wichtige, aber auch sehr delikate Programme.

Ein Bereich mit fundamentaler Bedeutung für die ökumenische Bewegung ist die Frage nach einer zeitgemäßen theologischen Ausbildung. Besonders das ÖRK-Programm für diese ökumenisch-theologische Ausbildung ETE ist dafür ein wichtiges Instrument.

Liebe Synodale, gegenwärtig ist es durchaus nicht selbstverständlich, dass Formen der theologischen Ausbildung weltweit möglich bleiben und gestärkt werden, die einerseits ökumenische Offenheit, andererseits direkten Kirchenbezug und zugleich akademische Erwartungen miteinander verbinden können. Der ÖRK und das EMW, aber auch die EKD und andere arbeiten hier eng miteinander zusammen, um entsprechende Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

In finanziell angespannter Situation plant der ÖRK die Vollversammlung. Wie sein Profil danach aussieht, welche inhaltlichen Akzente gesetzt werden, ist noch unklar. Wir jedenfalls versuchen, bei der Vorbereitung dieser Konferenz engagiert dabei zu sein und beharren unsererseits darauf, dass die Bereiche Mission und Evangelisation sowie ökumenisch-theologische Ausbildung künftig einen erkennbaren Platz in der Agenda des Ökumenischen Rates einnehmen. Und wir werben um Unterstützung für die wichtige Arbeit des ÖRK als bleibend besonderem Instrument der ökumenischen Bewegung bei uns.

Aber wir weisen auch auf das Miteinander mit dem Lutherischen Weltbund hin. Das hat sich auf verschiedenen Ebenen gefestigt. Wir sind dankbar dafür, dass wir den programmatischen Ansatz der Vorstellung einer "ganzheitlichen Mission", wie er in verschiedenen Arbeitsvorhaben deutlich wird, bei der Umsetzung in kirchliche Praxis begleiten können.

Sie haben es heute gehört, als Dr. Setri Nyomi von der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen den Umzug nach Hannover angekündigt hat, dass auch wir vom EMW mit dieser Gemeinschaft etablierte Beziehungen weiterentwickeln wollen. Dies gilt besonders dann, wenn sich bei der WERK die inhaltlichen Möglichkeiten für die Arbeit weiterentwickeln. Wir jedenfalls aus Hamburg begrüßen die neuen Nachbarn in Hannover aufs Allerherzlichste.

Ein kleiner Hinweis: Über die Mittel der Liste des Bedarfs unterstützen wir auch die Weltbibelgesellschaft. Das wird über die Deutsche Bibelgesellschaft kanalisiert. Sie finden einen sehr interessanten Beitrag in unserem Jahresbericht, er heißt das Maria-Martha-Problem. Mehr verrate ich aber nicht.

2011 wurde die Kampagne „mission.de“ nach drei Jahren Laufzeit beendet. An ihr waren 26 Missionswerke, Verbände und Kirchen unter dem Dach dem EMW beteiligt, darunter auch die EKD. Manche von Ihnen mögen sich an die Bremer Synode erinnern. Da hingen die großflächigen bunten Banner herab, und es wurde 2008 beschlossen, diese Kampagne zu unterstützen.

Seitdem sind viele Veranstaltungen durchgeführt und umfassende Materialien produziert worden. Die beteiligten Akteure haben die damit verbundenen Lernprozesse gemeinsam reflektiert und mit der Auswertung begonnen. Ein Resultat ist der Entschluss, diese Kampagne in veränderter Weise fortzuführen, um sowohl die Materialien als auch das bewährt markant bunte Logo von „mission.de“ weiter nutzen und verbreiten zu können.

Es war für uns interessant zu erfahren, dass weiterhin aus den Gemeinden und Gruppen gewünscht wird, dass es einen möglichst unkomplizierten Zugang zu themen- und gruppenspezifischen Arbeitshilfen geben soll. Anscheinend ist es trotz des Umstands, dass sie seit langem produziert werden, so, dass die Vielfalt als disparat erlebt wird. Wir versuchen, uns dem zu stellen.

Wir finden, der Aufwand der vergangenen Jahre hat sich gelohnt. Wir fragen weiterhin, wie wir dazu beitragen können, dass es zu einer angemessenen Wahrnehmung gegenwärtiger Theorie und Praxis von Mission kommen kann. Wir sind für jede Anregung dankbar.

Ein Hinweis auf das brisante Thema von Transparenz und Korruptionsvermeidung. Wir haben gemeinsam an einer theologischen Präambel und an Rahmenrichtlinien gemeinsam mit Brot für die Welt und EED gearbeitet. Dazu wurde ein kleines Heftchen publiziert, eine Rahmenrichtlinie, die es nun immerhin in sechs Sprachen gibt. Das führt dazu, dass die Diskussion mit Partnern und Partnerkirchen auf verschiedenen Ebenen aufgenommen werden kann. In jüngster Zeit notieren wir zudem ein verstärktes Interesse auch von der katholischen Kirche, dort weiter mit zu beraten.

Seit 50 Jahren ist die eben schon erwähnte Liste des Bedarfs ein wichtiges Instrument zur weltweiten Förderung von Mission und Ökumene. Auch dazu haben wir im vergangenen Jahr eine kleine Publikation bereitgestellt. Sie heißt „Der Reichtum des Teilens“. Darin wird Rechenschaft über die Arbeit abgelegt, die wir mit diesem Förderinstrument leisten und künftig leisten wollen, um veränderten Rahmenbedingungen Rechnung tragen zu können.

Wir versuchen, im Rahmen des uns Möglichen unseren Partnern in der Abwicklung, Antragstellung und Evaluierung ihrer Projekte zu helfen. Wir sind sehr dankbar dafür, dass aus diesen Kirchen die Unterstützung für diese Liste insgesamt stabil ist. Bitte, nutzen Sie diese kleine Broschüre, um sich darüber zu informieren, und auch andere, die Fragen haben, in ihren Gremien an diesen Informationen teilhaben zu lassen.

Bisweilen werde ich danach gefragt, wie das Verhältnis des EMW zum neuen Werk EWDE ist. Deshalb ein kurzer Hinweis zur Kooperation. Wir haben uns in den zurückliegenden Monaten und Jahren regelmäßig auf Leitungsebene und in den Ausschüssen getroffen. Das hat uns gezeigt, wie intensiv die Verflechtungen, die gemeinsame Kooperation zwischen dem EMW als Dachverband, aber auch den einzelnen Missionswerken mit dem neuen Werk sind. Wir haben gleichwohl festgestellt, dass in einigen Bereichen Klärungsbedarf für die künftige Zusammenarbeit herrscht. Wir arbeiten intensiv an der Einrichtung eines Gremiums, einer Verabredung, um diese klärungsbedürftigen Punkte zu identifizieren und dann in gemeinsame Arbeit überführen zu können.

Als EMW sehen wir der Kooperation mit dem neuen Werk zuversichtlich entgegen und wünschen ihm von Herzen, dass die nun geschaffenen Rahmenbedingungen die hohen Erwartungen an eine ertragreiche Verzahnung von Entwicklung und Diakonie hier und weltweit erfüllen können.

Eine Schlussbemerkung: Gestern und heute sind wir noch einmal an das Jahr von Reformation und Musik erinnert worden. Zu seinem Ausklang haben wir einen kleinen Ton beizusteuern, der die weltweite Vielstimmigkeit des Singens in Partnerkirchen zum Ausdruck bringen möchte. Es ist ein kleines Liederheft entstanden – „Begeistert loben“ heißt es – mit mehrstimmigen Sätzen nicht zuletzt auch für Bläser, Chöre und andere ausgesprochen geeignet. Wenn Sie sich einmal dem Abenteuer hingeben wollen, einen indischen Bhajan mit einer Gemeinde zu singen, finden Sie darin Anhaltspunkte.

Im Ablaufplan der Synode steht für diesen Tagesordnungspunkt: Mündlicher Bericht des Evangelischen Missionswerks der EKD. Sie haben es eben auch noch einmal gesagt. Ich habe das nicht ohne eine gewisse Überraschung zur Kenntnis genommen, dass aus dem Zusatz „Evangelisches Missionswerk in Deutschland“ nunmehr die Zuordnung „Evangelisches Missionswerk der EKD“ geworden ist.

Ich habe mich gefragt, ob dies vielleicht eine versteckte Ansage sein möchte und, wenn ja, wofür sie eigentlich steht. Wie auch immer, wir jedenfalls halten es für einen sinnvollen Ansatz, dass im EMW neben der EKD und den regionalen Missionswerken auch Freikirchen und andere Mitglieder aktiv beteiligt sind. Andererseits sind wir als Werk, das in erheblichem Umfang von der EKD unterstützt wird, dafür dankbar, dass das Miteinander in den zurückliegenden Jahren konstant vertieft und ausgebaut worden ist.

In nicht wenigen Vorhaben sind wir auf ökumenischen Foren gemeinsam engagiert. So danke ich Ihnen als Synodalen, die dafür mitverantwortlich sind, auch im Namen unseres Vorstandes und seines Vorsitzenden Bischof Janssen und bitte Sie darum, die Arbeit des EMW weiterhin in Kritik und Unterstützung, in Nachfrage und Fürbitte
zu begleiten.