5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

„Am Anfang war das Wort…“ - Perspektiven für das Reformationsjubiläum, Impulse aus der Generalsynode der VELKD

Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk

05. November 2012

Reformation geht weiter…

Es begann alles mit einer Tür. Dieses Bild tragen wir in uns: Die massive Kirchentür der Schloss-kirche zu Wittenberg, Martin Luther in schwarzer Kutte, der auf sie zugeht und dann mit schweren Hammerschlägen ein großes mit Tinte beschriebenes Büttenpapier anschlägt. Mit der reformato-rischen Erkenntnis des unmittelbaren und dem Menschen zugewandten Gott hat Luther damals Türen und Räume geöffnet. An dieser reformatorischen Bewegung gilt es festzuhalten und zu fragen, wo wir auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 Türen öffnen und neue Räume betreten.


1. Herzenstüren
Martin Luther hat das Wort wiederentdeckt, das Türen öffnet. Er verstand es so zu über¬setzen, dass es die Herzen der Menschen bewegte. Die Aufgabe des Übersetzens stellt sich uns bis heute. Dazu sollten alle Ebenen der menschlichen Kommunikation genutzt werden. Der Gene-ralsekretär des Lutherischen Weltbundes, Pfarrer Martin Junge, erzählte ein¬drücklich, wie sehr das gehörte Wort auch in der Körpersprache der Kirche Ausdruck findet. Der Protestantismus hat die Konzentration auf das Wort lange Zeit mit einer Ablehnung der Körperlichkeit verbun¬den. Doch in Jesus Christus ist Gott Mensch geworden: Das Wort wurde Fleisch. Gott berührt uns und lässt sich berühren. Zur Körpersprache der Kirche gehören von Anfang an die Sakra¬mente, Taufe und Abendmahl, in denen Gott den Men¬schen nahekommt. Wir ermutigen die Gemeinden, Erfahrungen zu machen mit Formen wie Tauferinnerung, Krankensalbung oder Friedensgruß. 

2. Kirchentüren
Luther wollte keine Türen zuschlagen. Dass es dennoch zu Trennungen kam, gehört zur Geschichte. Wir sind dankbar, dass sich, besonders in den letzten 50 Jahren, Türen geöffnet haben. Wir erinnern an die Leuenberger Konkordie (1973), die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999), wie auch den Versöhnungsprozess mit den Mennoniten (2011). Aber die Reformation geht weiter; das bedeutet für uns, mutig Räume zu öffnen, in denen Begegnung, theologische Gespräche  und Tischgemeinschaft möglich werden. Darüber hinaus wäre es eine Chance, Pfingsten als das ökumenische Fest der gemeinsamen 2000 jährigen Glaubensgeschichte neu zu entdecken und zu feiern.

3. Türen in die Welt
Martin Luther hat die Tür in die Moderne einen Spalt weit geöffnet. Er erkannte, dass der Mensch persönlich  verantwortlich ist vor Gott und in seinem Auftrag in die Welt hinein han¬deln soll. Damit war eine wesentliche Voraussetzung geschaffen, dass sich später   auch aufgrund anderer gesellschaftlicher Prozesse - Bildungsgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und diakonisches Handeln  zu zentralen evangelischen Werten entwickeln konnten. Dies gilt nicht nur für uns in Deutschland, sondern für die Kirchen der Reformation weltweit. Die Reformation ist eine Weltbürgerin geworden.  Wir sind dankbar für ökumenische Begeg¬nungen, für den Dialog und die Lernprozesse, die sich daraus ergeben. Darum wollen wir das Reformationsjubiläum weltweit feiern - in der Zuversicht, dass Gott uns die Türen in die Zukunft öffnet.