5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

„Am Anfang war das Wort…“ - Perspektiven für das Reformationsjubiläum, Voten aus der UEK-Vollversammlung

Landespfarrer Peter Nietzer und Pfarrerin Dr. Ellen Strathmann-von Soosten

05. November 2012

A   Rechtfertigung

  1. Das Reformationsjubiläum 2017 ist nicht nur eine Feier zur Identitätssicherung der evangelischen Kirche, sondern ein Anlass, die reformatorische Botschaft an alle Menschen neu zu formulieren. Es kommt darauf an, mit dieser Botschaft in unsere Gesellschaft hineinzuwirken. Dabei gilt: Nur was für alle Menschen relevant ist, wird auch zur innerkirchlichen Verständigung beitragen. Dies ist vor allem eine Frage an unsere Fähigkeit, verständlich von Gott zu reden.
  2. Die Frage nach dem gnädigen Gott liegt nur scheinbar nicht mehr im Erfahrungshorizont der Menschen. Auch heute nehmen wir zahlreiche Erscheinungsformen eines gekränkten Gewissens bei uns selbst und in unserer Umgebung wahr:

    • das Zerbrechen an einer permanenten (Selbst-)Überforderung;
    • den Zwang, sich ständig selbst zu rechtfertigen;
    • die Sucht, durch Konsum dem Leben Sinn zu verleihen;
    • den Druck, angesichts der eigenen Unvollkommenheit ein perfektes Image von sich zu schaffen.

    Die Situation des überanstrengten Menschen kann als Ausdruck seiner Gottesferne verstanden werden. Es kommt darauf an, die theologische Dimension dieser Belastungen aufzuspüren. Dabei ist seelsorglich von „Sünde“ und „Vergebung“ zu sprechen.
  3. Das Leitwort des Reformationsjubiläums „Am Anfang war das Wort“ ist in seinem biblischen Sinn zu entfalten: Die Brücke zwischen Angst und Vertrauen ist Christus selbst, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist. In Jesus Christus hat Gott selbst uns in unserer Gottesferne aufgesucht. Seitdem gilt: „Keinem unter uns ist Gott fern!“ (nach Apg 17,27) Weil Gott uns in Christus rechtfertigt, sind wir entlastet von allen Bemühungen, uns selber zu rechtfertigen. Die Rechtfertigungsbotschaft hilft dazu, sich als unvollkommener Mensch angenommen und „an-gesehen“ zu erfahren. So lernen wir, mit dem Fragmentarischen unseres Lebens zu leben und zur eigenen Unvollkommenheit Ja zu sagen.
  4. Die Orientierung an der Situation der Menschen nötigt uns zu einem Perspektivwechsel. Die Frage: Wozu „braucht“ der Glaube eigentlich die Kirche, ist ernst zu nehmen und zu beantworten. Die Kirche ist zu entdecken als der Raum, in dem die Wahrheit über den Menschen ausgesprochen und ausgehalten werden kann. Sie ist aber vor allem der Ort, an dem das Evange-lium:  Gottes Ja zu jedem Menschen, zugesprochen und erfahren wird.


B   Allgemeines Priestertum

  1. Die Lehre vom allgemeinen Priestertum der Getauften stellt das zentrale gesellschaftsverändernde Moment der reformatorischen Theologie dar. Sie ist die soziale Gestalt der Rechtfertigungslehre.
  2. Dieser Impuls motiviert, das Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft so zu gestalten, dass darin Freiheit gelebt werden kann. Die verfasste Kirche und die Organe des Staates sind von hier aus als „freiheitsverbürgende Institutionen“ zu verstehen und auf diese Bestimmung hin ständig zu reformieren.
  3. Die Kirche ist zukunftsfähig, weil sie das kirchliche, gesellschaftliche und persönliche Leben in Korrespondenz bringt zur biblischen Botschaft. Als eine Auslegungsgemeinschaft des Wortes Gottes sucht und findet sie Antworten auf die Grundfragen des Lebens und Zusammenlebens.


C   Katechismus

  1. Das allgemeine Priestertum zielt auf die Sprachfähigkeit aller Christenmenschen: Wir geben Auskunft über das, was unser Leben trägt.
  2. Wir haben einen reichen Schatz reformatorischer Quellen, aus denen wir schöpfen können. Dazu gehört auch der Heidelberger Katechismus. Unsere Aufgabe ist es, die Botschaft dieser Texte in die heutige Zeit zu übersetzen.
  3. Es ist eine Stärke der reformatorischen Katechismen, dass sie das Fragen lehren und Antworten anbieten, die zur Annahme und Weitergabe des Glaubens befähigen. Darum ist die Beschäftigung mit ihnen auch heute eine Chance für die Weitergabe des Glaubens. Katechismen bieten die Möglichkeit, auszuprobieren, ob Aussagen des Glaubens zu Erfahrungen meines ei-genen Lebens werden können.


D   Ökumene

  1. In der Evangelischen Kirche in Deutschland feiern wir das Reformationsjubiläum 2017 erstmals auf der Grundlage der Leuenberger Konkordie von 1973. Das Jubiläum der Konkordie im kommenden Jahr ist ein willkommener Anlass, auf die durch Leuenberg veränderte Grundlage evangelischer Ökumene hinzuweisen. Die hier eröffnete Möglichkeit, gemeinsam Gottesdienst zu feiern und in eucharistischer Gastbereitschaft mit allen Getauften Brot und Wein zu teilen, öffnet einen weiten ökumenischen Horizont. Sie ist die spirituelle Grundlage, unsere Unterschiede in Lehre und Gestalt der Kirche zu bearbeiten und sie auch als bereichernd zu erfahren.
  2. Daraus folgt zunächst, dass wir das Reformationsjubiläum innerevangelisch nur gemeinsam vorbereiten und feiern können. Die ökumenische Gestaltung des Reformationsjubiläums kann nur dann gelingen, wenn wir in der versöhnten Verschiedenheit der Evangelischen Kirche in Deutschland untereinander klarer abgestimmt den ökumenischen Geschwistern begegnen und damit  auch als Gastgeberin klar identifizierbar sind. Es bedarf darum einer vertieften und konkretisierten Verabredung zwischen den gliedkirchlichen Zusammenschlüssen und der EKD über den weiteren Vorbereitungsprozess und die Durchführung des Reformationsjubiläums.
  3. Als Evangelische Kirche in Deutschland können wir das Reformationsjubiläum seinem Anlass entsprechend nur begehen, indem wir die ganze Christenheit einladen, mit uns zu feiern. Bei der Vorbereitung darauf können wir im Dialog mit der römisch-katholischen Kirche die Gemeinsamkeiten zwischen reformatorischer Theologie und der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils herausstellen. Dazu gehören: die Wertschätzung des Wortes Gottes, die Betonung der Gewissensfreiheit und die Partizipation des Volkes Gottes bzw. das allgemeine Priestertum. Unsere Vorbereitung braucht über den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche hinaus auch das Gespräch mit unseren orthodoxen und evangelisch-freikirchlichen Geschwistern.