5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 01. - 07. November 2012

Bericht des Präsidiums der 11. Synode der EKD, Präses Katrin Göring-Eckardt

Text im Wortlaut

04. November 2012

Katrin Göring-Eckardt

Es gilt das gesprochene Wort.

Hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder,
„Verurteilt wegen frecher Ausdrücke gegen die orthodoxe Kirche und die obere Macht.“

Oder: „Ein Teil der rebellierenden Jugend wird ausgegrenzt, verfemt, kriminalisiert. Aber die Kirche ist für sie geöffnet.“

Oder: „Sie haben sich mutig gegen staatliche Bevormundung und für das Recht auf freie Meinungsäußerung eingesetzt.“

Drei Zitate aus einer unerschrockenen Welt. Das erste Zitat, liebe Schwestern und Brüder, stammt aus dem Jahr 1849. Es ist die Begründung für das später nicht vollstreckte Todesurteil gegen Fjodor Dostojewski. Er hatte einen als revolutionär eingestuften Text des Literaturkritikers Wissarion Belinski vorgetragen. Das zweite Zitat stammt aus einem Bericht über das Leben des inzwischen über 80-jährigen Pfarrers Walter Schilling, der als sogenannter „Punk-pfarrer“ in die Geschichte meiner Landeskirche eingegangen ist. Er hat es zu DDR-Zeiten für seine Aufgabe als Christ gehalten, sich der Tramper, der Gammler und eben der Punker anzunehmen. Und mit dem dritten Zitat begründet der WDR, warum er der Band Pussy Riot einen Sonderpreis verleiht.

Eine der Sängerinnen sagt: „Das Christentum, so wie ich es verstehe, unterstützt die Suche nach der Wahrheit.“ Es ist manchmal gar nicht so schwer, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Und mitunter braucht es dazu Menschen, die den Mut dazu haben. Die Frau, die dieses unerschrockene Wort sagt, heißt Nadja Tolokonnikowa, sie ist jetzt für zwei Jahre in Sibirien wohnhaft. Und das sage ich hier als eine ganz persönliche Stellungnahme: Ich freue mich, dass die russische Band Pussy Riot für den Preis mit eben jenem Titel: „Das unerschrockene Wort“ der Lutherstadt Wittenberg nominiert ist. Das Evangelium, das sahen wir schon bei Martin Luther, befähigt zur Freiheit. Es ist eine Freiheit, auch das sahen wir schon bei Luther, die auch zum Mittel der Provokation greifen kann. Bei der Aktion der russischen Frauen mischt sich in die Provokation mindestens ebenso viel Verzweiflung über Verhältnisse zwischen Staat und Kirche, die wir uns hier in Deutschland kaum, kaum noch, vorstellen können. „Das Christentum, so wie ich es verstehe, unterstützt die Suche nach der Wahrheit.“ Wir suchen ja gerade mit der chrismon-spezial-Ausgabe nach starken Sätzen. Das ist einer und er sollte uns auf dem Weg zu unserem großen Jubiläum nicht verloren gehen.

Doch ich will dem morgigen Thementag nichts vorweg nehmen. Die Freiheit des Glaubens kann sich in sehr unterschiedlichen Formen äußern, manchmal auch in leicht subversiven oder eben provokanten. Zu einer solchen leicht subversiven Form möchten wir sie heute quasi verführen. Es gibt diese absolut friedliebenden Guerilleros, solche, die auf Gewalt ausdrücklich verzichten, fast ein Widerspruch in sich. Immer mehr auch in Deutschland. Zu solchen wollen wir Sie heute machen.

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, schreibt unsere Bibel in Jesus Sirach, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und blühen wie die Lilien.“ (Jesus Sirach 39, 17-18)

Liebe Töchter und Söhne!
Vor Ihnen, auf Ihrem Platz liegt eine kleine, unscheinbare Tüte. Dunkles Grün, Violett, Blau, mit Lichtspiegelungen. Dazu der Schriftzug „Am Anfang war…“ Sie ahnen, das Entscheidende ist der Inhalt. Er macht Sie zum Guerillero, zur Guerillera. Eine Kämpferin für die Schöpfung Gottes.

Die Bewegung nennt sich guerilla gardening. Es gibt sie bereits seit 30 Jahren. Ihre An-hänger kämpfen gegen tristen Asphalt und graue Betonwüsten und dafür, dass Orte lebenswerter werden.

Eine Rose, sie blüht am muffigen Abwasserkanal. Eine Lilie, sie sprießt aus dem winzigen Spalt zwischen den Stufen eines betonierten Treppenaufgangs. Eine Sonnenblume mitten auf einer öden Verkehrsinsel. Tulpen und Blattsalat zwischen Baumstämmen und Bordsteinkanten. Fahrradfahrer, die während der Fahrt eine unscheinbare Kugel auf Brachland werfen. Fußgängerinnen, die im Vorbeigehen unauffällig und ein wenig subversiv einfach etwas fallen lassen.

Wir vertrauen Ihnen eine Samenkugel an, Tonerde mit Saatgut gefüllt, zum Pflanzen. Der Einsatz ist einfach. Alles, was Sie brauchen, ist die eigene Tatkraft und ein Fleckchen Erde, das es zu verschönern gilt.

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und blühen wie die Lilien.“

Aber bitte nicht – wie in der Schule – dem Nachbarn in die Hosentasche stecken, auch nicht die Kugel unvorsichtigerweise in den Händen zerbröseln lassen. Nehmen Sie sie mit nach Hause und vielleicht zuerst einmal gedanklich mit in die nächsten Tage mit der Frage: Welche tristen Ecken, welche triste Betonlandschaft, welches Brachland gibt es in meiner Kirche? Wo bin ich als Guerillera gefragt?

Während der Synodaltagung im vergangenen Jahr in Magdeburg haben wir auch schon danach gefragt; damals nicht guerilla-gardening, sondern guerilla-preaching. Mit den Schlagworten „Hinhören – Aufbrechen – Weitersagen“ war unsere Kundgebung überschrieben. Gemeint war, Gottes Wort weiterzugeben im Brachland der Unkenntnis, des Abstandes, der Distanz. Wir hatten mit unserem Thema „Missionarische Impulse“ eine breite Medienöffentlichkeit. Auch außerhalb war man gespannt darauf: Was sagt evangelische die Kirche zum Thema „Mission“?

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, schreibt unsere Bibel in Jesus Sirach, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und blühen wie die Lilien.“

Mission? Ist das überhaupt noch ein Begriff für das 21. Jahrhundert? Und ohne, dass die andere Hälfte selbstverliebt darauf verweist: „Sagen wir doch schon immer: Mission ist der Kern!“ Stattdessen wissen wir: Kirche hat nicht eine Mission, sondern sie ist Mission, früher wie heute.

Wir haben deutlich machen können: Als evangelische Kirche suchen wir nicht etwa nach einer genialen Strategie zur Gewinnung von Mitgliedern. Sondern anders: Vor allem wollen wir unsere Botschaft „Weitersagen“, wir wollen „Hinhören“ und zu neuer Zukunft „Aufbrechen“.

Zum Weitersagen gehört es, dass viele in unserer Kirche sprachfähig in Sachen Glauben werden. Das EKD-weite Projekt zur Verbreitung von Glaubensgrundkursen, ausgeführt durch die AMD, auch gemeinsam mit der Erwachsenenbildung, hat in allen Landeskirchen Aufnahme gefunden. Die Anzahl der durchgeführten Kurse hat sich in einigen Landeskirchen verdoppelt oder verdreifacht. Das ist eine gute Entwicklung.

Für viele von uns am eindrücklichsten waren die Kurzstatements. „Ich bin immun gegen Religion“, sagte die in der DDR aufgewachsene Jazz-Sängerin Pascal von Wroblewski. Oder der Wikimedia-Mann Pavel Richter, der uns damit konfrontierte, dass ihm als erste Assoziation zum Christ-Sein die Kirchensteuer einfalle. Mit seiner Frage „Wofür braucht denn die Kirche mich?“ traf er uns mitten im Eigentlichen. Wenn man heute fragt, warum Menschen neugierig auf christlichen Glauben sind, antworten sie in erstaunlich hohem Maß damit, dass sie neugierig sind auf gefeierten Gottesdienst – am Sonntag wie bei besonderen Gelegenheiten.

Wahrgenommen wird Kirche heute vor allem als diakonische Kirche, weil die Menschen Zutrauen haben zu einer helfenden Kirche. Deshalb ist es wichtig, dass in unserer Diakonie deutlicher zum Leuchten kommt, inwiefern sie eine Ausdrucksform des Glaubens ist. Dass dazu auch das Arbeitsrecht gehört, wissen wir, nachher wird darauf einzugehen sein.

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, und ihr werdet wachsen wie die Rosen…“

Aber das guerilla-preaching geht auch noch ganz anders: Das klingt ein bisschen verrückt. Ein Pfarrer legt in der menschenleeren Uckermark einen Rosengarten an, mithilfe von Internet-Freunden aus aller Welt, und trifft damit offenbar einen Nerv auch bei Leuten, die bisher weder Garten- noch Kirchenfreunde waren. Der Garten wächst schneller, als es Ulrich Kasparick, erwartet hat. Drei Tage nach seiner Rosen-Spenden-Bitte, die er im Internet verbreitet hat, kam die erste per Post – von einer Facebook-Freundin aus Finnland. Inzwischen sind rund 35 Rosenstöcke gepflanzt, etwa 450 Menschen folgen dem Garten-Tagebuch im Internet. Insgesamt haben etwa 25.000 Menschen das neue Blumenparadies entdeckt, und nicht wenige kommen zu Besuch. Mission? Das scheint es zu sein. Und eine neue Form von Gemeinde auch, die da in der menschenarmen Uckermark entsteht, die im Netz verbunden ist und zugleich einen sehr realen, duftenden Ort hat.

Wissen wir wirklich, was es ist, das Menschen nach Gott fragen lässt in gottesvergessener Zeit und wann sie darauf ansprechbar sind, wann diese Fragen regelrecht aufbrechen? Sprießen nicht auch Blumen in der Ecke des Gartens, wo wir sie gar nicht gesät haben? Die Publizistin Carolin Emcke hat das auf eine Formel gebracht, als sie in 2017 Worten auf dem Forum der Außenansichten auf das Reformationsjubiläum gesprochen hat. Im Lesebuch zum Schwerpunktthema oder in der ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ der vergangenen Woche können Sie es nachlesen. Sie erzählt einerseits von ihren Zweifeln und Selbstzweifeln, aber andererseits auch von der tiefen Zuversicht, aufgehoben zu sein, die sie bei aller Gefahr bei den Recherchen in Kriegs- und Konfliktgebieten keine Angst spüren lässt. Manchmal tauchen die Rosen eben einfach nur irgendwo auf, an den Rändern der für uns sichtbaren Welt, und man ist dann erstaunt, dass da doch etwas aufgegangen ist, auch auf trockenem Boden, mitten im Abgasnebel, in einer scheinbaren Brache.

Deswegen: guerilla-gardening, nicht nur um die Welt um uns herum zu verschönern, sondern um uns daran erinnern zu lassen: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8)

Liebe Geschwister,

der zweite Schwerpunkt der letztjährigen Tagung hat gezeigt, dass wir mit einem aktuellen Thema verantwortlich umgehen und ihm, wenn es notwendig ist, auch höchste Priorität einräumen. Da war nicht sehr viel mit duftenden Lilien, man hatte, auch in der Öffentlichkeit, eher das Gefühl, dass hier recht viel ins Kraut schießt. Das ist so wie mit der Herkulesstaude. Wer sie kennt, der weiß: die treibt aus, macht sich schnell riesengroß und verschattet alles andere. „Zehn Forderungen zur solidarischen Ausgestaltung des kirchlichen Arbeitsrechts“ sind nach reiflicher Überlegung verabschiedet worden. Nach wie vor meine ich, die damalige Diskussion kann als gutes Beispiel eines synodalen Prozesses gelten.

Wir hatten manche Fehlentwicklungen im Arbeitsrecht in der Diakonie feststellen müssen. Es wurde deutlich, dass wir festhalten an der Arbeitsrechtssetzung im sog. Dritten Weg, verbunden mit dem klaren Bekenntnis, dass diese wirklich solidarisch ausgestaltet wird. Im Blick auf diakonische Träger, die systematisch vom kirchlichen Arbeitsrecht abweichen, indem sie auf schlechte Arbeitsbedingungen setzen, Lohnsenkungen, ersetzende Leiharbeit, Outsourcing, Niedriglöhne setzen, hat der Rat den Diakonischen Werken empfohlen, mit einem gestuften System von Beratung, Ermahnung, Abmahnung und Ausschluss zu reagieren.

Zugleich waren die Verabschiedung des Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetzes und der „Zehn Forderungen zur solidarischen Ausgestaltung des kirchlichen Arbeitsrechts“ wichtige Zeichen, dass wir den Dritten Weg nicht als unveränderbar ansehen. Die vom Rat eingesetzte paritätische Arbeitsgruppe hat in ihrem Schlussbericht vom Oktober 2012 dafür votiert, dass die kirchlichen und diakonischen Dienstgeber stärker an das kirchliche Arbeitsrecht gebunden werden müssen. Sie hält, wie auch bereits die Synode, die Zahl von 15 Arbeitsrechtlichen Kommissionen und zwei kirchengemäß modifizierte Tarifvertragssysteme für eine deutliche Überorganisation. Über die weiteren Ergebnisse der Arbeitsgruppe und die Weiterarbeit an einer solidarischen Ausgestaltung des kirchlichen Arbeitsrechts in der Diakonie hat der Rat der Synode einen eigenständigen Bericht vorgelegt (siehe Drucksache III f / 1).

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe will der Rat aufnehmen und unter Berücksichtigung der für den 20. November anstehenden Entscheidung des Bundesarbeitsgerichtes zum Dritten Weg Änderungsvorschläge zum Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetz erarbeiten. Diese sollen – neben dem Entwurf des Sechsten Änderungsgesetzes zum Mitarbeitervertretungsgesetz – der Synode möglichst zu ihrer Tagung im November 2013 vorgelegt werden.

Zudem haben der Rat und der Bevollmächtigte bei vielen Gelegenheiten deutlich machen können, dass der Wettbewerb nicht über die Personalkosten zu führen ist. Das geht zu Lasten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deshalb muss der Kostendruck dort sein Ende haben, wo die Zahlung angemessener Entgelte – wie sie das kirchliche Arbeitsrecht erbringt – in Gefahr steht.

Mit der im September dieses Jahres vorgelegten Studie „Arbeitsrechtsverhältnisse in der Diakonie“ wurde der Bitte entsprochen, eine empirische Analyse der Arbeitsbedingungen in kirchlichen Einrichtungen vorzulegen. Kirchliche Tarife kommen danach mit 85 % zu einem sehr hohen Prozentsatz zur Anwendung, Zeitarbeit spielt eine deutlich geringere Rolle als im Durchschnitt der Erwerbswirtschaft.

Um die von der Synode geforderten Verbesserungen des Dritten Weges und der Rechte der Mitarbeitervertretungen zu erreichen, ist eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen EKD, den Gliedkirchen und den Diakonischen Werken erforderlich. Dazu wird das vor einigen Wochen aus Diakonischem Werk der EKD, Evangelischem Entwicklungsdienst und „Brot für die Welt“ fusionierte „Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung“ seinen Beitrag leisten.

Wir könnten es auch so formulieren: Die ausgeworfenen Samen sind schon zum Teil aufgegangen. Aus Fehlern wurde gelernt, vieles ist auf einem guten Weg. Nun kommt es darauf an, dass wir die richtigen Schritte begleiten, damit unsere Kundgebung aus dem letzten Jahr weiterhin nachhaltige Wirkung zeigt.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und blühen wie die Lilien.“

Jeder Gärtner, jede Gärtnerin weiß: Es wachsen nie nur Rosen und Lilien. Im vergangenen November haben wir uns schon gegen den neuen Rechtsextremismus in Deutschland gewandt, wir waren erschrocken über die Aufdeckung der Mordserie der NSU-Rechts-extremisten. Unterdessen hat unsere Gesellschaft verstanden, dass der neue Rechtsextremismus mit seinen kriminellen Auswüchsen keinesfalls bagatellisiert werden darf. Kaum einer könnte das mehr bestätigen als Günter Beckstein. Der erste Mord ist unweit seiner Wohnung in Nürnberg passiert. Bei dem Blumenhändler Enver Simsek hat er oft Blumen gekauft. Ihn im Besonderen schmerzt es, dass es nicht gelang, diese Mörderbande beizeiten dingfest zu machen.

Als evangelische Christinnen und Christen sind wir umso mehr gefordert, Nächstenliebe und Fremdenfreundlichkeit im gesellschaftlichen Diskurs sowohl einzufordern als auch selbst
 
vorzuleben. Unser Beschluss „Zum Engagement gegen Rechtsextremismus“ vom vergangenen November war deshalb eine deutliche Zeitansage. Auch unsere Beschlüsse zum Bleiberecht und zur Einrichtung eines Neuansiedlungsprogrammes für Flüchtlinge machten deutlich, dass wir unsere Kampagnen (z.B. „Nächstenliebe verlangt Klarheit“) mit Nachdruck und Ernsthaftigkeit verfolgen. Die Entscheidung des Verfassungsgerichtes, wonach der Unterhalt von Asylbewerbern auf ein menschenwürdiges Existenzminimum erhöht werden muss, ist ein Zeichen, dass auch die Gesellschaft sich dieser Verantwortung stellen muss.

Doch in diesem Punkt gilt: Der Kampf gegen Rechtsextremismus und für ein gutes Miteinander von Menschen verschiedener kultureller und religiöser Herkunft in unserem Land wird weiterhin Thema bleiben müssen. Hier ist beherztes Engagement gefragt, dazu Klarheit in den Verlautbarungen. Das Themenjahr „Reformation und Toleranz“, das wir vor wenigen Tagen eröffnet haben, wird viele Gelegenheiten dazu bieten, einerseits selbstkritisch auf unsere Geschichte zu blicken, andererseits aber unser heutiges Engagement gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit fortzusetzen und zu profilieren. Das betrifft auch die Situation der Sinti und Roma in Europa. Das Denkmal, das am 24. Oktober 2012 der Öffentlichkeit übergeben wurde, ist ein guter Schritt auf dem Weg der Erinnerung. Wie aber Sinti und Roma in europäischen Ländern leben und mit welchen Vorurteilen und Erschwernissen sie auch in unserem Land zu kämpfen haben, kann uns nicht egal sein.

Liebe Schwestern und Brüder,

als ein gemeinsames und hoffentlich – so Gott will – fruchtbares gardening von EKD, VELKD und UEK darf der auf die Irritationen der vergangenen Synode folgende Prozess um die Einführungs-Ordinationsagende gelten. Wie viel Guerillataktik dabei war, vermag ich nicht sicher zu sagen. Ich erinnere mich aber gut an einen auf meiner Seite stimmlosen Moment auf der letzten Synode, bei dem ich gebeten wurde, doch einfach zu jenem Vorschlag zu nicken, das würde schon reichen. So leicht nickt sich freilich nichts ab. Und die zahlreichen Gespräche, die seitdem stattgefunden haben, haben ja nun ein Einvernehmen herstellen können, aber auch manchen Lernschritt erbracht beim Umgang miteinander.

Das Formular für die Verpflichtung von Mitgliedern der Synode der EKD, der Generalsynode der VELKD und der Vollkonferenz der UEK wird bis zur konstituierenden Sitzung der 12. Synode novelliert werden. Im Vorwort der jetzt erscheinenden Druckfassung wird auf dieses Vorhaben ausdrücklich hingewiesen.

Erfreulich ist es freilich auch, dass sich viele VELKD-Synodale nach einer Umfrage in diesem Jahr mehr EKD-Gemeinsamkeiten wünschen. Auch der durch EKD, UEK und VELKD gemeinsam getragene Vorbereitungsausschuss für das diesjährige Schwerpunktthema, darf als ein Baustein im Blick auf eine Weiterentwicklung des Verbindungsmodells gelten. Weder die UEK-Vollkonferenz noch die VELKD-Generalssynode werden eigene Entschließungen verabschieden, sondern die Ergebnisse der Beratungen dieser Gremien werden in die EKD-Synode einfließen und zu einer gemeinsamen Kundgebung führen. Ich freue mich jedenfalls darüber, wenn wir als Synode Vorreiterin sind und immer wieder Anstöße geben, die das Verbindungsmodell vorantreiben, ganz im Sinne der ursprünglichen Vertragsideen, dass wir so viel wie möglich gemeinsam machen wollen. Das gilt auch für die zukünftigen verbundenen Tagungen, über die wir bei einer gemeinsamen Sitzung der Präsidien beraten haben. So sind wir uns mit dem Präsidium der Generalsynode einig, auch zukünftig nicht zu Sondertagungen der Synoden auseinanderzugehen (was freilich thematische Veranstaltungen nicht ausschließen soll), sondern im Verbund zu tagen. Zusammen mit dem Präsidium der Vollkonferenz der UEK und dem Präsidium der Generalsynode der VELKD wollen wir zu weiteren Optimierungen im Tagungsablauf und damit zu geringeren zeitlichen Belastungen für die Teilnehmenden kommen.

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, und ihr werdet wachsen wie die Rosen, an den Bächen gepflanzt, und werdet lieblichen Duft geben wie Weihrauch und blühen wie die Lilien.“

Es gibt nicht nur Unkraut, das ausgerissen werden muss, sondern auch eine Art Überwucherung, die ein Stückchen Erde völlig überfordert. Dann wächst so viel auf einer kleinen Fläche, dass sich alle Pflanzen gegenseitig behindern. Eine typische Aufgabe für einen Gärtner, eine Gärtnerin. Das kann uns übrigens auch passieren: Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 22 Synodenbeschlüsse. Diese Zahl entspricht unserem erklärten Willen, eine Konzentration von Beschlüssen zu erreichen. Ich lade uns hier an der Ostsee ein, an dieser Konzentration festzuhalten.

Der Wunsch nach einer Verschlankung unserer Beschluss- und Berichtskultur möge bitte in der Absicht richtig verstanden werden. Unsere Aufgabe als Synode ist es, Positionen zu beziehen. Aber wir wollen dieser Aufgabe, zu den wichtigen Themenfeldern unserer Zeit in Kirche und Gesellschaft Stellung zu nehmen, durch Konzentration noch besser gerecht werden. Und wir meinen, ein Weniger in der Anzahl von Beschlüssen, Kundgebungen und in den Seitenzahlen der Berichte wird zu einem Mehr an theologischer Klarheit und Kraft unserer Beschlüsse führen.

Als hilfreich für eine Klärung in der Frage, welche Themen Priorität besitzen müssen, hat sich das im vergangenen Jahr eingeführte Gespräch des Präsidiums mit den Ausschussvorsitzenden und Gruppensprecherinnen im Vorfeld der Synodaltagung erwiesen. Auch das Treffen mit dem Präsidium der Generalsynode der VELKD war – nicht zuletzt im Hinblick auf das Schwerpunktthema dieser Synode – ausgesprochen förderlich. Insgesamt brauchen wir eine gemeinsame Klärung, welche Blüten wir diesmal in das „Schaufenster EKD-Synode“ stellen wollen, es kann gerne ein Blumenstrauß sein, aber der sollte nicht durch Überfülle die einzelnen Blumen unsichtbar machen.   

Bei der Sichtung Ihrer Tagungsunterlagen werden Sie zudem eine Veränderung in den Berichten feststellen. Die Berichte stehen für die wechselseitige Verantwortung zwischen den Berichtenden, z.B. den Werken und der Synode. Sie sind deshalb von hohem Wert. In Zukunft sollen sie aber deutlicher als bisher in ihrer Zielrichtung geschärft werden unter der Frage, was für die Arbeit der Synode wichtig ist. Der Umfang soll sich an dem Richtwert von vier DIN-A4-Seiten messen. Neu ist auch, dass schriftlicher und mündlicher Präsidiumsbericht zusammengeführt sind. Wir sind an Ihren Rückmeldungen interessiert, ob das so bleiben solle.

Der Antrag der Synodalen Krey, steht nach unserer Auffassung für den Wunsch nach einer stärkeren Transparenz des Reformprozesses und einer größeren Beteiligung daran. Über den Stand der Arbeit werden wir uns noch anhand des vorliegenden Berichts informieren und ihn diskutieren. Die im Antrag vorgeschlagene Arbeitsgruppe gibt es mit der Steuerungsgruppe jedoch bereits. Der Wunsch nach einem deutlich transparenteren und auf Partizipation zielenden Leitungshandeln steht auf ihrer Agenda. Wir gelangen damit zu keiner besseren Struktur als der jetzigen mit der aus Synode, Kirchenkonferenz und Rat zusammengesetzten Steuerungsgruppe und dem Projektbüro Reformprozess.

Gärtner und Gärtnerinnen sind wir in einer Beziehung schon seit einiger Zeit: Bei der 4. Tagung der 11. Synode wurden durch An- und Abreise sowie Energieverbrauch während der Tagung 33,09 Tonnen CO2 emittiert. Der Ausgleich der Emissionen ist über die Klima-Kollekte mit der Zahlung von 761,07 Euro erfolgt. Damit haben wir das Ergebnis von Hannover nochmals unterschritten, wobei man auch für Magdeburg sicher berücksichtigen muss, dass die zentrale Lage des Tagungsortes und damit seine gute Erreichbarkeit mit der Bahn zu diesem erfreulichen Ergebnis beigetragen haben.

Hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder,

zuletzt möchte ich Ihnen den Job des guerilla-gardening noch mit einem anderen Aspekt nahelegen. Sie alle kennen ja zur Genüge, dass Wachsen und Werden keine Mauern und Zäune verträgt. Das ist ja der Witz bei der Samenkugel: Wir werfen sie auf eine Brachfläche
 
und sind selbst gespannt, was daraus wird. Wir haben es nicht in der Hand, was davon aufgeht. Mancher Samen wird keine Wurzeln schlagen und manches wird an Stellen sprießen, an denen wir gar nicht damit gerechnet hätten, es womöglich sogar erst einmal störend finden, weil es so gar nicht in unser Konzept passt. Und ob es zuletzt ein schönes Gesamtbild ergibt oder eher eine unübersichtliche Vielfalt, steht auch dahin, obwohl wir Gottes Segen einiges zutrauen dürfen.

Ein wenig ist es auch bei der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 so: Wir werden uns ja reichlich und intensiv heute Abend durch eine Präsentation und morgen anhand des Kundgebungsentwurfes damit beschäftigen. Aber die Gewissheit, mit der wir hier zusammenkommen und beschließen wollen, dass 2017 ein großes, fröhliches, glaubensgewisses und auch ökumenisches Jahr werden möge und dass uns die Jahre bis dahin die Gelegenheit geben, die vielen Schichten der reformatorischen Entdeckungen zu erfassen und für das 21. Jahrhundert zu entfalten, soll nicht als Abschluss verstanden werden, sondern als Startschuss und Aufbruch. Deswegen ist das guerilla-gardening das passende Bild: Es ist eben längst nicht alles, was uns geschieht und was geschehen wird, von uns zu sehen oder gar zu planen. Manche Rose und manche Lilie, aber auch die Gänseblume und der Ginster werden wachsen außerhalb des uns bekannten Zauns, jenseits unserer Vorstellungskraft, womöglich gänzlich ohne unser Zutun. Nicht dass wir uns schlaff zurücklehnen könnten und der Dinge harren, die da kommen. Aber, dass wir uns überraschen lassen dürfen, ja auch von dem ganz großen Gärtner, der uns die Saat und die Sonne, den Regen und die Ernte schenkt, gehört dazu. Und wenn dabei auch mal ein unerschrockenes Wort dabei sein sollte, kann ich nur sagen: Da hab ich schon Schlimmeres gesehen! Und dass wir nichts geschehen und niemanden reden lassen, ohne uns in den Diskurs, den Zweifel oder gar Zustimmung zu begeben, ist ja auch mehr als selbstverständlich.

Insofern, liebe Geschwister, gilt auch hier Jesus Sirach:

„Gehorcht mir, ihr frommen [Töchter und] Söhne, … und kommt jetzt zum „Welt -Cafe!“