Bericht des Rates der EKD (Schriftlicher Teil - B)

5. Tagung der 11. Synode der EKD, Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

1. Kirche auf dem Weg

1.1 Reformationsjubiläum 2017 gestalten

(1) Die Durchführung der Lutherdekade mit ihren verschiedenen Themenjahren und die Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 nimmt zunehmend die Rolle eines zentralen geistlichen Kompasses in der Arbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland ein. Dies keineswegs nur auf der organisatorischen Ebene, obwohl auch hier einige für die Zukunft der Kirche wesentliche Veränderungen anheben, sondern vor allem theologisch-inhaltlich: Mit Leitworten wie „Die Reformation geht weiter“ oder „Die Reformation ist unvollendet“ oder „Jeder braucht Reformation – immer wieder“ wird die von Staat und Kirche gemeinsam verabredete Leitmotivik „Am Anfang war das Wort“ existentiell und programmatisch aktualisiert. Dies ist die wichtigste Entwicklung des letzten Jahres: auf sehr vielen verschiedenen Feldern und Institutionen wird die Frage: „Was bedeutet die Reformation heute bzw. zukünftig?“ aufgenommen und diskutiert. Und die evangelische Kirche braucht diese Klärungen nicht allein in Deutschland, sondern in Europa und weltweit, sie wünscht sich einen Diskurs über die Aktualität und Perspektivität der Reformation. Denn das Jubiläum 2017 soll kein museales Fest werden, sondern eine geistliche Vergewisserung in turbulenten Zeiten und ein kraftvoller Aufbruch ins sechste Jahrhundert reformatorische Kirche.

(2) Der Rat der EKD hat seit Beginn dieser Amtsperiode sogenannte "Studientage" in seine Beratungen integriert, bei denen zentrale Themen expertenbegleitet bedacht und bis zu einer öffentlichen Positionierung des Rates vorangetrieben werden. Auch der inhaltlichen Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 wurde solch ein Studientag gewidmet: Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Kuratoriums „Luther 2017“, Prof. Dr. Dr. Johannes Schilling, der Vorsitzende der Kammer für Theologie, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies und die Vorsitzende des Theologischen Ausschusses der VELKD, Prof. Dr. Christine Axt-Piscalar, referierten aus verschiedenen Perspektiven zu den Leitfragen „Was ist das Reformatorische an der Reformation?“ und „Was feiern wir mit dem Reformationsjubiläum 2017?“. Der inhaltliche Kerngedanke dieses Studientages orientierte sich an der Einsicht, dass das Reformationsjubiläum nicht die eigene Kirche feiern will (gar noch gegen andere Kirchen und Konfessionen), sondern die (Wieder-)Entdeckung des Evangeliums und die damit geschenkte Umkehr zum barmherzigen Gott in Jesus Christus. Entsprechend soll der spezifische Freiheitsbegriff der Reformatoren (in ihrer Vielfalt der später konfessionell ausdifferenzierten Richtungen) mittels aktueller Erläuterungen zu den vier soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola fide, sola gratia – entfaltet werden. Die theologische Verwurzelung der reformatorischen Einsichten sollte ferner entfaltet werden im Blick auf ihre intellektuellen, politischen, zivilgesellschaftlichen und kulturellen Folgen. Der Rat der EKD verabschiedete aufgrund dieser Debatte ein Thesenpapier, das der von ihm berufenen Ad-hoc-Kommission zur Orientierung dienen soll.

(3) Am 26.11.2012 werden sich die vom Rat berufenen Mitglieder der Ad-hoc-Kommission „Reformationsjubiläum 2017“ zum ersten Mal treffen. Aufgabe dieser Kommission unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies ist es, einen orientierenden Grundtext zu formulieren, der die wesentlichen Botschaften des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 zum Ausdruck bringt. Die avisierte Veröffentlichung steht in der Tradition der grundlegend orientierenden Schriften des Rates der EKD „Die Taufe“, „Das Abendmahl“ und „Der Gottesdienst“ und soll Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch interessierte Laien in Grundzügen über das Verständnis der Reformation und die theologische Relevanz für die Gegenwart informieren.

(4) Das Amt einer Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017 wurde im Frühsommer 2011 erstmals konkret geplant; im Juli 2011 beschloss der Rat der EKD, die Landesbischöfin a.D. Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann mit dieser Aufgabe zu betrauen (s. Ratsbericht 2011). Schon bei den ersten Vorüberlegungen, die sich mit dem Reformationsjubiläum 2017 befassten, wurde der Namen Margot Käßmann als Multiplikatorin ins Gespräch gebracht. Einerseits rieten externe Berater, eine Schirmherrschaft für das Reformationsjubiläum einzurichten und so – ähnlich wie bei anderen großen Ereignissen – ein prominentes Gesicht mit dem Reformationsjubiläum 2017 zu verbinden. Andererseits zeigte sich, dass die inhaltlichen Botschaften, die mit dem Jubiläum verbunden sind, neben dem Rat der EKD und den Leitenden Geistlichen der Gliedkirchen eine weitere herausragende Stimme sowie ein markantes Gesicht des Protestantismus benötigen, um eine möglichst breite Resonanz zu erfahren. Der Dienstauftrag der Botschafterin lässt sich in drei Bereiche gliedern: a) die Kernanliegen der Lutherdekade und des Reformationsjubiläums 2017 in unterschiedlichen Kontexten öffentlichkeitswirksam erschließen und dabei den reformatorischen Glauben und den Beitrag der Reformation zur Entwicklung von Kirche, Staat, Kultur und anderen gesellschaftlichen Bereichen veranschaulichen; b) Förderer zur Unterstützung der Lutherdekade und des Reformationsjubiläums gewinnen und schließlich c) die internationalen und ökumenischen Dimensionen des Reformationsjubiläums 2017 verdeutlichen und von der Reformation geprägte Kirchen weltweit in die Vorbereitung des Reformationsjubiläums einbeziehen.

Der Ratsvorsitzende führte Frau Prof. Dr. Käßmann in einem Einführungsgottesdienst am 27. April 2012 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in ihr neues Amt ein. Etwa 500 Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens nahmen an dem Gottesdienst teil. Ihre Einführungspredigt stellte die Botschafterin unter das biblische Motto der Dachmarkenkampagne Luther 2017: „Am Anfang war das Wort“. In der Predigt formulierte sie: „Wenn ich an das Jubiläum 2017 denke, ist das für mich eine der zentralen Botschaften: Luther weniger als Tröster der Deutschen oder Nationalheld wie bei früheren Gedenkfeiern, sondern Luther und die anderen um ihn herum als Denkende, die Glauben und Verstand beieinander halten und auf genau diese Weise jedem Fundamentalismus trotzen, sei er religiöser oder ideologischer Natur. Vielleicht ist das für 2017 die zentrale Botschaft: Glauben nicht als Moralinstanz, sondern als radikale Freiheit zur Einmischung in die Welt.“ Dienstbeginn der Botschafterin war der 1. April 2012. Als Dienstsitz wurden zwei Büroräume im Gebäude des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU in Berlin angemietet. Zur Unterstützung der Arbeit der Botschafterin konnte Frau Swetlana Borth gewonnen werden. Sie verantwortet die Organisation im Büro der Botschafterin. Zu den herausragenden öffentlichen Terminen der Botschafterin im Jahr 2012 zählten neben einem ZDF-Fernsehgottesdienst am 3. Juni 2012 in Wittenberg die Eröffnung des Taufzentrums in Luthers Taufkirche in Eisleben und eine Begegnung mit Mitgliedern des Deutschen Bundestages und des Europaparlamentes, die mit dem Bevollmächtigten des Rates der EKD Wittenberg besuchten. Zusätzlich zu den öffentlichen Veranstaltungen führt die Botschafterin Hintergrundgespräche mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien und wirkt so auch indirekt auf den gesellschaftlichen Diskurs über die Themen des Reformationsjubiläums 2017 ein.

(5) Zu den besonderen Entwicklungen in der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 gehört die geplante Zusammenarbeit zwischen der EKD und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Rat und Kirchenkonferenz der EKD haben sich gemeinsam mit dem Präsidium des DEKT darauf verständigt, die Organisationserfahrungen des DEKT zu nutzen und einen gemeinsamen Durchführungsverein zu gründen, der für die Organisation der verschiedenen Großveranstaltungen, die im Jahre 2017 in und um Wittenberg, aber auch in ganz Deutschland geplant werden, verantwortlich sein soll. Inhaltlich sollen die gemeinsamen Projekte in einem gemeinsamen Leitungskreis erarbeitet werden, in dem möglichst viele verschiedene Perspektiven beteiligt werden. Der Rat der EKD hat sich ebenso wie das Präsidium der DEKT vorbehalten, die jeweiligen grundsätzlichen Verantwortlichkeiten und Entscheidungsabläufe nicht aufzugeben, da sie die Basis für das vertrauensvolle Miteinander bilden. Zugleich wurde in allen gemeinsamen Gesprächen deutlich, dass beide Partner ein hohes Interesse daran haben, dass diese Zusammenarbeit nicht dazu führen sollte, die bestehenden Unterschiede aufzugeben oder gar abzuschleifen; die Verschiedenheiten sind vielmehr Quelle der gemeinsamen Energie für dieses wichtige Jahr 2017.

(6) Zu den wichtigsten und unumstrittensten Verabredungen innerhalb der EKD im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 gehört die Festlegung, dass dieses Jubiläum – anders als in den Jahrhunderten zuvor – nicht nationalistisch gefeiert werden soll. Die Reformation gehört allen, der ganzen Christenheit weltweit; deswegen werden an vielfältigen Stellen innerhalb der EKD Initiativen unternommen, diese internationale Dimension des Reformationsjubiläums 2017 zu entwickeln:

    • Die Weltkonferenz der Pfarrerinnen und Pfarrer in den deutschsprachigen Auslandsgemeinden der EKD, die im Juli 2012 in Wittenberg stattfand, hat sich unter dem Thema „Reformatorische Theologie in ökumenischer Verantwortung“ inhaltlich und strategisch mit der Vorbereitung des Reformationsjubiläum 2017 befasst. Eindrücklich wurde, wie unterschiedlich im jeweiligen Kontext die theologischen und kirchlichen Perspektiven auf das Reformationsjubiläum sind. Zugleich wurde deutlich, dass die Auslandsgemeinden für die gegenseitige Vermittlung theologischer Erkenntnisse und konkreter Veranstaltungsplanungen hilfreich sein können und sein sollen. Sie sind hervorragende „Botschaften“ für die ökumenische Vernetzung des Reformationsjubiläums.
    • Für den theologischen Austausch und die Verknüpfung von Vorbereitungsprozessen und Kooperationen für das Reformationsjubiläum wird für den 6. bis 10. Oktober 2013 gemeinsam mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund ein „Internationaler Ökumenischer Kongress“ in Zürich geplant. Dazu werden alle ökumenischen Partner des SEK und der EKD, sowie Vertreter der Glied- bzw. Kantonalskirchen und der Ökumenischen Organisationen eingeladen.
    • In Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt führt der Bevollmächtigte des Rates der EKD Informationsreisen für Botschafter ausländischer Staaten nach Wittenberg durch. In diesem Jahr nahmen Diplomaten aus verschiedenen afrikanischen Staaten an diesem Besuchsprogramm teil. Gleichzeitig begleitet der Bevollmächtigte die Vorbereitung der im Auswärtigen Amt in Aussicht genommenen Internationalen Ausstellung zum Reformationsjubiläum.
    • In diesem Sommer hat der Vorsitzende des Rates der EKD die Kommunität in Taizé besucht und dort einige Zeit verbracht, nicht zuletzt um die Brüder einzuladen, im Sommer 2017 an der Gestaltung des Jubiläumsjahres in Wittenberg mitzuwirken. Der Leiter der Kommunität, Bruder Alois, verschloss sich einem solchen Ansinnen keineswegs, machte aber deutlich, dass in der Regel der Sommer für die Brüder in Taizé aufgrund der vielen jugendlichen Besucher selbst eine große Herausforderung sei.

(7) Am 2. September 2012 fand auf Einladung des Ratsvorsitzenden und der Präses der Synode der EKD erstmals ein neues Veranstaltungsformat im Vorfeld der EKD-Synode statt: das Forum "2017 Worte – Außenansichten zur Reformation". Etwa 100 geladene Gäste und ausgesuchte MedienvertreterInnen wohnten an einem außergewöhnlichen Ort – der Kulturkirche St. Elisabethen an der Berliner Invalidenstraße – Vorträgen von Carolin Emcke und Navid Kermani bei. Anschließend folgte, moderiert von der Präses der EKD-Synode, ein Gespräch mit den beiden Vortragenden, dem Regisseur und Filmemacher Jürgen Flimm, dem Philosophen Rainer Forst, der Architektin Hilde Léon, der Juristin und Richterin am Bundesverfassungsgericht Gertrude Lübbe-Wolff, dem Autor und Dramatiker Moritz Rinke, dem Veranstaltungsmanager Jochen Sandig und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank Walter Steinmeier. Ziel des Formates war es, bewusst „Außenansichten“ von Menschen, die nicht im Raum der Kirche tätig sind, zum Thema „Reformation“ und „Reformationsjubiläum 2017“ zu rezipieren.

(8) Mit der Martin Luther Medaille würdigt die Evangelische Kirche in Deutschland exemplarisch evangelische Christinnen und Christen, die ihre Kraft, ihre Zeit und ihre Leidenschaft in herausragender Weise in den Dienst ihrer Kirche gestellt haben und stellen. Seit 2008 wird die Medaille jährlich am Reformationstag verliehen. Im Jahr 2011 wurde mit dieser Auszeichnung Oberlandeskirchenrat i.R. Harald Bretschneider geehrt. Die Laudatio hielt der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Thomas de Maizière. Am 31. Oktober 2012 wird die Medaille im Rahmen des Themenjahres „Reformation und Musik“ an Prof. D. Dr. hc. mult. Helmuth Rilling übergeben werden. Die Verleihung der Medaille übernimmt der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Dr. h.c. Nikolaus Schneider. Sie findet im Anschluss an einen Fernsehgottesdienst mit dem Ratsvorsitzenden in der Leipziger Thomaskirche statt.

(9) Das Themenjahr 2012 der Lutherdekade griff mit der Musik einen elementaren „Herzschlag der Reformation“ auf. Hierfür wurde durch das Kulturbüro des Rates der EKD das bundesweite Projekt „366+1, Kirche klingt 2012“ initiiert. Als deutschlandweit wirksames Projekt des Themenjahres wurde es maßgeblich durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt. Exemplarisch sind in diesem am 1. Januar in Augsburg begonnenen und am 31. Dezember in Zittau endenden Projekt die unterschiedlichsten Gemeinde- und Musikstrukturen eingebunden. Stadt und Land sind im Miteinander profilierter Citykirchen und kleingemeindlicher Dorfkirchen ebenso vertreten wie die Vielfalt der Musizierenden aus dem Profi- und dem Laienbereich und die verschiedensten musikalischen Stile und Epochen. Ziel des Projektes war es, das selbständige Musizieren im gemeindlichen und darüber hinausgehenden Kontext vor Ort zu stärken und die kirchenmusikalische Arbeit als lebendige Verkündigung und reformatorische Qualität zu würdigen. Höhepunkte wie die international besetzten Tagungen in Wittenberg und Erlangen oder Chor- und Jazz-Festivals in Greifswald und Bielefeld flankierten die Reihe ebenso wie Sonderveranstaltungen, zu denen der Johannisempfang des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU und international besetzte Konzerte, u.a. mit dem University of the Philippines Concert Chorus zählten. Die Resonanz auf „366+1, Kirche klingt 2012“ war überwältigend. Neben einer Auslastung der Kirchen von durchschnittlich 80% berichtete deutschlandweit die Presse über das Projekt und brachte so das Reformationsjubiläum in das kollektive Bewusstsein. Die das Projekt begleitende Chronik wurde täglich mehr zu „einem einzigartigen Dokument der kirchenmusikalischen Landschaft in Deutschland“ (Prof. Dr. Konrad Klek, Nürnberg).

(10) Im Kuratorium „Luther 2017“ bereiten EKD und Landeskirchen gemeinsam mit Bund und Ländern die Themenjahre der Dekade und das Reformationsjubiläum vor. Diese Form der Zusammenarbeit ist ein Ausdruck der besonderen Bedeutung des Jubiläums und spiegelt das gesamtgesellschaftliche Interesse an den Themen der Lutherdekade wider. Haben bisher vor allem die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen im Kuratorium mitgewirkt, wird durch das Hinzutreten der Länder Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen die nationale Tragweite weiter unterstrichen. Um die staatlich- kirchliche Ausgewogenheit zu erhalten, lädt das Kuratorium die entsprechenden Landeskirchen zur Mitarbeit in den Gremien zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums ein. Neben der Arbeit an einer tragfähigen Gremienstruktur nimmt die inhaltliche Arbeit zur Erschließung von Themen und Formaten, die die Ausstrahlung der Reformation für die heutige Gesellschaft erlebbar machen, breiten Raum ein. Das Kuratorium hat auf diesem Weg die Bildung eines „Beirates der Geschäftsstellen“, die Festlegung der Stadt Worms als Ort der Eröffnung des nächsten Themenjahres und den Rahmen für die gemeinsame Kommunikationskampagne beschlossen.

(11) Die „Stiftung der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Wahrnehmung gesamtkirchlicher Verantwortung in Wittenberg“ nimmt ihre Aufgabe in Wittenberg durch die Führung des „Zentrums für Predigtkultur“ und die „Geschäftsstelle der EKD Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ wahr. Die Lutherstadt Wittenberg in ihrer nationalen und internationalen Bedeutung sichtbar werden zu lassen und die EKD und ihre Landeskirchen als gute Gastgeberinnen erlebbar zu machen, ist das Ziel der Arbeit. Dazu tragen die alljährlichen internationalen Konfirmandentreffen ebenso bei wie der jährlich wechselnde Resident. Nach einer schwedischen Pastorin ist dieses Jahr ein reformierter Pfarrer aus Ungarn Gast der Evangelischen Wittenbergstiftung, der sich u.a. die Verbreitung der Reformation von Wittenberg aus nach Ungarn als Thema für seine Zeit in Wittenberg vorgenommen hat. Für die Arbeit der Evangelischen Wittenbergstiftung spielt gerade im Themenjahr „Reformation und Toleranz“ die interkonfessionelle und interreligiöse Dimension des Jubiläums eine besondere Rolle. Sehr zu begrüßen ist in diesem Zusammenhang die sich entwickelnde aktive Beteiligung der reformierten Kirchen in der Schweiz sowohl an der Arbeit der Evangelischen Wittenbergstiftung, als auch an den anderen Aktivitäten der Dekade. Diese Zusammenarbeit kann Perspektiven über das Jubiläum 2017 hinaus eröffnen.

(12) Im Zentrum der Arbeit der Geschäftsstelle der EKD in Wittenberg im zurückliegenden Jahr standen einerseits das wachsende nationale und internationale Interesse an Dekade und Jubiläum und andererseits die Bemühungen, eine bis zum Jubiläum tragfähige Struktur der Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche in Wittenberg weiter zu entwickeln. Bei den zahlreichen Besuchen von Botschaftern aus allen Kontinenten war der Besuch des eidgenössischen Botschafters von besonderer Bedeutung. In seiner Folge kam es zu einer Vielzahl von neuen Kontakten, die vor allem den Partnern in der Schweiz Chancen und Potentiale der Dekade und des Jubiläums erfahrbar machen. Die Präsenz der EKD in Wittenberg hat sich gerade auch durch die Betreuung der verschiedenen Gruppen aus Kirche und Gesellschaft zu einer positiven Selbstverständlichkeit entwickelt. Die Entwicklung der gemeinsamen Handlungsfelder von kirchlicher und staatlicher Geschäftsstelle erfolgt in enger Kooperation.

(13) Beim Zentrum für Evangelische Predigtkultur hat im Februar 2012 die neue Leiterin, Pfarrerin Kathrin Oxen, ihren Dienst begonnen und wurde gemeinsam mit OKR Michael Wegener am 1.4.2012 in der Schlosskirche in Wittenberg in ihr Amt eingeführt. Neben den zahlreichen Veranstaltungen des Predigtzentrums kann besonders das Konzept einer Repräsentanz der EKD in Wittenberg durch ein profiliertes inhaltliches Angebot als sehr gelungen bezeichnet werden. Zahlreiche Konvente aus dem gesamten Bereich der EKD verbinden einen Aufenthalt am historischen Ort mit einer Fortbildung im Zentrum für Evangelische Predigtkultur. Dabei ist das Team bemüht, individuelle Angebote für verschiedene homiletische Themen zu entwickeln. Höhepunkt des Jahres war die Internationale Tagung der Societas Homiletica im August. Erneut stattfinden wird um den Reformationstag auch der Wettbewerb „Jugend predigt“ unter Schirmherrschaft des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister.

(14) In Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Regierung des Landes Sachsen-Anhalt, der Lutherstadt Wittenberg und der UEK gemeinsam umfangreiche Maßnahmen zur Neuordnung kirchlich genutzter Liegenschaften in Wittenberg getroffen. So soll namentlich die im Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt stehende Schlosskirche zu Wittenberg mit den Gräbern von Martin Luther und Philipp Melanchthon in das Eigentum der EKD übergehen. Gleichzeitig wird das Evangelische Predigerseminar der UEK in Räumlichkeiten des sanierten angrenzenden Schlosses überwechseln, so dass mit Schloss und kirchlichen Nutzungen der Schlosskirche  bis zum Jubiläumsjahr 2017 ein sowohl kirchliches als auch der öffentlichen Nutzung angemessenes Schlosskirchenensemble gleichsam als ein zentraler Kirchencampus in Wittenberg entsteht. Mit dieser Umgliederung gehen umfangreiche Eigentumsübertragungen einher, in deren Ergebnis das Land Sachsen-Anhalt von künftigen Baulastverpflichtungen freigestellt wird, so dass die Finanzierung dieser Vorhaben gänzlich durch das Land Sachsen-Anhalt geschieht.

(15) Seit ihrer Einführung im vergangenen Jahr hat sich die Dachmarke „Luther 2017 – Am Anfang war das Wort“ als ein Instrument zur Identifikationsbildung etabliert. Im Themenjahr „Reformation und Musik“ wurden die Wortbildmarke und die anderen zur Verfügung gestellten Materialien von vielen Akteuren im gesamten Bundesgebiet genutzt. Die Zugriffe auf die Web-Site www.Luther2017.de haben sich im Jahr 2012 gegenüber 2011 mehr als verdoppelt. Auf der Grundlage des Beschlusses des Kuratoriums „Luther 2017“ vom 17.11.2011 wird die Umsetzung eines Kosten- und Finanzierungsplanes von einer aus Vertretern des Bundes, der Länder, der Landeskirchen und der EKD gebildeten Arbeitsgruppe fortgeführt. Mit dem Amtsantritt von OKR Dr. Michael Brinkmann als Leiter des Referates für Publizistik im Kirchenamt der EKD hat die inhaltliche Arbeit an der Kampagne eine deutliche Verstärkung in verantwortlicher Position erfahren. Mit dem Themenjahr „Reformation und Toleranz“ wird ein auch sehr nachdenklich machendes Kapitel der Dekade eröffnet. Die verschiedenen, auch kritischen Punkte auf dem Weg, Toleranz als Lernprozess deutlich zu machen, sollen hier bedacht werden. Im Rahmen der Kampagne sollen Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft eingeladen werden ihre ganz persönliche Haltung zum Thema Toleranz zu finden. Ein aktueller Arbeitsschwerpunkt ist dabei auch, die Anschlussfähigkeit der Kampagne an andere kulturelle bzw. konfessionelle Zusammenhänge zu ermöglichen.


1.2 Den Glauben ins Gespräch bringen

(16) Es gehört zur Grundaufgabe des Rates der EKD, die christlichen Grundüberzeugungen im Diskurs mit den verschiedensten gesellschaftlichen Partnern deutlich zu formulieren und so den Auftrag einer „Kommunikation des Evangeliums“ zu erfüllen. Naturgemäß wechseln von Jahr zu Jahr die im Zentrum stehenden Themen:

(17) Im Arbeitsfeld „Kirche und Sport“ fanden im Berichtszeitraum vier wichtige Veranstaltungen statt: Am 19. April 2012 hat der Ratsvorsitzende der EKD zu einem Spitzengespräch zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund, der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD eingeladen. Die Themenkomplexe „Umgang mit Herausforderungen durch den Rechtsextremismus“, „Nachhaltiges Handeln in Kirche und Sport“ und „Sexueller Missbrauch und Prävention gegen sexualisierte Gewalt“ standen bei dem einstündigen Gedankenaustausch im Vordergrund. Eine größere Anerkennung der Bildungsleistungen von Kirchen und Sportvereinen forderten die beiden Kirchen und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bei der sich an das Spitzengespräch anschließenden gemeinsamen Bildungskonferenz „Bildung ist mehr als Schule“, zu der die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) erstmals gemeinsam eingeladen hatten. Vom 5. bis 7. August 2012 besuchte der Vorsitzende des Rates der EKD die Olympischen Spiele in London. Dabei hat er seine besondere Wertschätzung für die Arbeit des Olympia- und des Paralympics-Pfarrers zum Ausdruck gebracht. Neben Gottesdiensten und Begegnungen mit Aktiven und Betreuern besuchte der Ratsvorsitzende auch verschiedene Wettkämpfe. Höhepunkt der Reise war ein ökumenischer Gottesdienst mit den beiden Olympiapfarrern und den Pfarrern der deutschsprachigen Londoner Gemeinden im Deutschen Haus, an dem auch einige Präsidiumsmitglieder des IOC und des DOSB teilnahmen. „Die Pastoren, die seit vielen Jahren die Olympischen Spiele und die Paralympics begleiten, leisten mit ihrem Angebot der Seelsorge für die Athletinnen und Athleten, aber auch für die Betreuerteams, eine wichtige Arbeit“, so Präses Schneider. Gerade bei solch international und medial beachteten Wettkämpfen, wo Triumph und Enttäuschung oft nur Bruchteile von Sekunden auseinander lägen, machten sie deutlich, dass Gottes Zuneigung nicht nur Siegern gelte. Der Sportbeauftragte des Rates der EKD, Prälat Dr. Bernhard Felmberg, hat vom 6. bis 8. September 2012 die sich an die Olympiade anschließenden Paralympics in London besucht. Die Deutsche Behindertensportjugend freute sich über die Mitgestaltung des ökumenischen Gottesdienstes am 7.9.2012 in der Unterkunft des paralympischen Jugendlagers.

(18) Auch im Bereich Freizeit, Erholung und Tourismus tritt die evangelische Kirche als vielfältiger Anbieter auf. Das vom Rat der EKD eingesetzte Netzwerk "Kirche in Freizeit und Tourismus" vernetzt die Arbeit innerhalb und außerhalb der Kirche und entwickelt sie konzeptionell weiter. Der Bereich des spirituellen Tourismus/geistlichen Reisens hat in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen und spielt im Blick auf 2017 auch international eine wichtige Rolle. Als Beispiel für einen boomenden Bereich können die Radwegekirche genannt werden. Seit April 2012 ist der Internetauftritt www.radwegekirchen.de als EKD-weiter Service für Radtouristen online. Deutschlandweit haben sich seitdem mehr als 200 Kirchen dort eingetragen, die durch das Signet „Radwegekirche“ ausgeschildert sind. Der großen Bedeutung dieses Bereiches kirchlicher Arbeit steht ein breites Nichtwissen gegenüber. Deshalb ist im Frühsommer ein Forschungsprojekt „Gemeinde auf Zeit“ gestartet worden, das die empirischen, kirchentheoretischen und praktischen Fragen von passageren Formen kirchlicher Arbeit näher beleuchten soll. Beteiligt sind drei praktisch-theologische Lehrstühle in Mainz, Tübingen und Erlangen, jeweils mit einem von der EKD bzw. der bayrischen Landeskirche geförderten Dissertationsprojekt. Die Erforschung neuer Gemeindeformen jenseits der klassischen Parochie und deren Präge- und Bindekräfte hat exemplarischen Charakter für kirchliche Präsenz auch in anderen kirchlichen Handlungsfeldern. Auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin, der weltweit größten Tourismusmesse, konnte im Rahmen des fest verankerten „Kirchenforums“ in diesem Jahr ein besonderer, öffentlich wahrgenommener Akzent durch die gemeinsame Teilnahme des Ratsvorsitzenden und des Vorsitzenden der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, gesetzt werden. Der EKD-Beauftragte für „Kirche in Freizeit und Tourismus“, Regionalbischof Prof. Dr. Stefan Ark Nitsche, hat nach mehrjähriger Amtszeit seine Beauftragung aus beruflichen Gründen aufgeben müssen. Der Rat sprach ihm Dank für sein großes ehrenamtliches Engagement aus. Als Nachfolger wurde in der Oktober-Sitzung des Rates Propst Dr. Sigurd Rink (EKHN) gewählt.

(19) Mit der ersten „Kulturkirchenkonferenz“ im April 2012 in München setzte sich ein Impuls des ersten Kirchen-Kultur-Kongresses vom September 2011 in Berlin in den Regionen fort. Dieses Mal ging es um Erfahrungen und Projekte jener Orte, an denen sich das Zusammenspiel von Kultur und Kirche alltäglich bewährt: in den „Kulturkirchen“ des Landes, also in den Kirchen, Gemeinden (oder diakonischen Orten wie Kaiserswerth), die sich selbst einen Schwerpunkt im Austausch mit den Künsten gegeben haben. Pfarrer, Kirchenmusikerinnen und deren kongeniale Partner – Künstler, Theatermacher, Literaten und Museumsleute – hatten ihre „Produktionen“ im Stile eines „Theatertreffens“ auf das Münchner „Kulturkirchenfestival“ mitgebracht. Die Kulturbeauftragte begrüßte die Vernetzung mit Norwegen, Schweden, Holland und Österreich und den ökumenischen Austausch. Folgekonferenzen in Lübeck und in Oslo sind in Planung.

(20) Unter der Leitperspektive „Seelsorge missionarisch stärken“ hat über den Weg einer engeren Vernetzung der verschiedenen Seelsorgefelder in der EKD ein innerer Verständigungsprozess begonnen. In diesem Prozess geht es um eine geschärfte Profilierung der Alleinstellungsmerkmale kirchlicher Seelsorge- und Beratungsangebote, um die Wiederentdeckung theologischer Themen und spiritueller Zugänge in der Seelsorge, um die Definierung von Qualitätsstandards, um eine verbesserte Koordination von EKD-weiten Fortbildungsangeboten sowie um eine angemessene Wahrnehmung von Öffentlichkeitsarbeit für die Seelsorge. Kirchliche Seelsorge genießt ein ausgesprochen hohes gesellschaftliches Ansehen und infolgedessen soll auch ihre wichtige Bedeutung z. B. im Blick auf Zugänge zum Glauben und ihr Beitrag zur Nachhaltigkeit von Kirchenbindung stärker als bisher eine Abbildung in der binnenkirchlichen Öffentlichkeit finden.

(21) Über vier Jahre konnten im Projekt „Erwachsen glauben“ Impulse zur breiten Implementierung von Glaubensgrundkursen gesetzt werden. Das Projekt hat in allen Landeskirchen Aufnahme gefunden. Theologische Anstöße zum Verhältnis von Bildung und Mission wurden erarbeitet und ein reiches  Materialangebot entwickelt (vgl. www.kurse-zum-glauben.org). Ziel dieses vom Rat der EKD in Auftrag gegebenen Projektes ist es, dass Angebote von Glaubensgrundkursen zum Regelangebot in der evangelischen Kirche werden. Es geht in dem Projekt also nicht um eine begrenzte Kampagne, sondern um Anstöße zu einer langfristigen Veränderung: In jeder Region sollten in Zukunft regelmäßig solche missionarischen Bildungsangebote zu Themen des Glaubens für Erwachsene vorgehalten werden. Wenn die Projektförderung Ende 2012 endet, wird es darauf ankommen, die bestehenden Impulse in den Landeskirchen nachhaltig umzusetzen. Die AMD wird weiterhin für eine Koordination der Akteure sorgen.

(22) Unter dem Motto „'Brannte nicht unser Herz…' – Zwischen Überforderung und Verheißung“ fand vom 24.9. bis 27.9.2012 in Dortmund der 5. bundesweite AMD-Kongress für Theologinnen und Theologen statt. Veranstalter war die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die rund 850 Teilnehmenden, von denen 130 unter 35 Jahre alt waren, und die Mitwirkenden aus dem In- und Ausland beschäftigten sich in diversen Großveranstaltungen und über 60 Foren, Workshops und Seminare mit dem Thema „Stärkung missionarischer Arbeit“ – auch und gerade unter Bedingungen, die von vielen Hauptamtlichen in der Kirche als Überforderung empfunden werden.

(23) Die Mitarbeit von Ehrenamtlichen in allen Bereichen der kirchlichen Arbeit – auch und gerade in verantwortlichen Führungspositionen – ist ein großer Schatz und ein unverzichtbares Merkmal der evangelischen Kirche. Dabei ist die Zahl der ehrenamtlich Engagierten in der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Dies ist das Ergebnis einer Sonderauswertung des dritten Freiwilligensurveys (erschienen 2011), die das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) bei TNS Infratest Sozialforschung für den Bereich der evangelischen Kirche in Auftrag gegeben hat. Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung analysiert eine bundesweite Befragung aus dem Jahr 2009. Laut Freiwilligensurvey engagieren sich insgesamt nach wie vor mehr als 23 Millionen Menschen über 14 Jahre. Die Sonderauswertung unterstreicht, dass die Kirche zu einem der größten Engagement-Bereiche in Deutschland zählt. Sie ist aber nicht nur Plattform, sondern auch Motor für zivilgesellschaftliches Engagement; besonders typisch für die Engagierten sind ein großer Freundeskreis und eine starke kirchliche Bindung. Insgesamt zeigt der Survey, dass die Motivation zum freiwilligen Engagement sich deutlich von der Geselligkeits- zur Gemeinwohlorientierung verschoben hat. Die Ergebnisse der Sonderauswertung machen darauf aufmerksam, dass die Angebote für Menschen in der dritten Lebensphase, die Chancen für Jugendliche angesichts von G8, die wachsende Mobilität und die Zusammenarbeit mit anderen Engagementbereichen, sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt noch stärker in den Blick genommen werden müssen. Während 1999 1,5 Millionen Frauen und Männer angaben, ihr zeitaufwändigstes Ehrenamt sei im Bereich der evangelischen Kirche, waren es 2009 schon 2,2 Millionen. Diese Steigerung ist deswegen beachtlich, weil das Engagement in Deutschland insgesamt nur wenig zugenommen hat. Ein wichtiger Faktor für das Wachstum ist das verstärkte Engagement der Älteren, das in der evangelischen Kirche besonders stark ausgeprägt ist. Entgegen der allgemeinen Entwicklung brachten sich aber auch Jugendliche und Erwerbstätige verstärkt in der evangelischen Kirche ein. Zugleich allerdings ist der Anteil derer gewachsen, die sich neben ihrem kirchlichen Engagement auch in anderen Organisationen einsetzen. Im Vergleich zum ersten Survey 1999 engagieren sich Ehrenamtliche in der evangelischen Kirche länger. Obwohl ihre Angaben darauf schließen lassen, dass die Anforderungen weiter gewachsen sind, kommen die Befragten damit auch im Vergleich zu den früheren Befragungsergebnissen gut zurecht. Offenbar etabliert sich allmählich eine Kultur verstärkter Werbung und Wertschätzung in unserer Kirche. Dabei spielt die Unterstützung Hauptamtlicher möglicherweise auch eine entscheidende Rolle: immerhin 75 Prozent der Ehrenamtlichen geben an, hauptamtliche Ansprechpartner in der Kirche zu finden.


1.3 In Bildung investieren – Nachwuchs fördern

(24) Im Juni 2012 gewann die Evangelische Schule Neuruppin den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2012. Das Gymnasium sei in allen Qualitätsbereichen (Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution) exzellent, urteilte die Jury. Nachdem in den letzten Jahren auch andere evangelische Schulen für Teilbereiche ihrer Arbeit mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden, rückte 2012 die hervorragende und profiliert evangelische Arbeit der Evangelischen Schule Neuruppin in Trägerschaft der Schulstiftung der Evangelischen Kirche in Berlin, Brandenburg-schlesische Oberlausitz in den Fokus von Erziehungswissenschaft, Bildungspolitikern und Schulpraktikern. Die positive Wirkung dieser Würdigung hat auch der Ratsvorsitzende in seiner Gratulation an die Schule betont. Um das evangelische Schulwesen in seiner Breite und Qualität noch besser öffentlich wahrnehmbar zu machen und gezielt weiter zu entwickeln, setzt das Kirchenamt der EKD seit Frühjahr 2012 entsprechend den Rats- und Kirchenkonferenzbeschlüssen eine EKD-Statistik evangelische Schule auf. Die erste Vollerhebung mit einem Online-Modul ist für das Frühjahr 2013 geplant. Schon die im Herbst 2012 abgeschlossene Vorerhebung eröffnet für Kirche, Diakonie, Erziehungswissenschaft und Religionspädagogik interessante Einblicke in die Größe, die Struktur und die Leistungen evangelischer Schulen.

(25) Am 5.7.2012 wurde der 6. Hanna Jursch-Preis der EKD im Rahmen einer Festveranstaltung an der Universität Marburg an Dr. Ruth Poser verliehen. Mit ihrer Dissertation „Es stand dort geschrieben: Tiefstes Wehklagen, Ach und Weh (Ez 2,10b): Das Ezechielbuch als Trauma-Literatur“ bahnt die Preisträgerin einen neuen, überraschend fruchtbaren Zugang zu diesem schwierigen biblischen Buch mit seinen auf den ersten Blick verstörend und abschreckend wirkenden Gottes- und Menschenbildern. Sie zeigt in beeindruckender Weise, dass das Ezechielbuch als ein Buch gelesen werden kann, das die schwere und dunkle Thematik der Traumatisierung differenziert aufgreift und viele Anknüpfungspunkte für die Arbeit mit Menschen bietet, die schwere Gewalt erfahren haben. Der Hanna Jursch-Preis der EKD dient der Auszeichnung herausragender wissenschaftlich-theologischer Arbeiten von Frauen und soll einen Beitrag zur Stärkung der Genderperspektive in der wissenschaftlichen Theologie leisten. Im Kontext der Reformationsdekade wird bei den nächsten drei Ausschreibungen zusätzlich ein Nachwuchspreis ausgelobt, damit auch kleinere wissenschaftliche Arbeiten, die dieser Perspektive Rechnung tragen, prämiert werden können.

(26) Nach entsprechenden Beschlüssen des Ev.-theologischen Fakultätentages und der Kirchenkonferenz hat der Rat im März 2012 die „Übersicht über die Gegenstände des Studiums der Evangelischen Theologie“ als Richtlinie gem. Artikel 9 Buchstabe a) der Grundordnung der EKD erlassen. Der sogenannte Stoffplan bildet den Abschluss der Bemühungen um die Reform des Theologiestudiums anlässlich der tiefgreifenden Veränderungen des Hochschulstudiums durch den Bologna-Prozess. Zuvor waren bereits im Jahr 2009 die Rahmenstudienordnung und im Jahr 2010 die Rahmenordnungen für die Zwischenprüfung und die Erste Theologische Prüfung revidiert worden. In der öffentlichen Diskussion wird die vor zehn Jahren in Deutschland eingeführte Bologna-Reform, die ein schnelles, internationalisiertes und strukturiertes Studium zum Ziel hatte, inzwischen zunehmend kritisch gesehen und es häufen sich die Stimmen, die eine „Reform der Reform“ fordern. Durch die behutsame Arbeit der paritätisch aus Vertretern bzw. Vertreterinnen der Kirchen und Ev.-theologischen Fakultäten zusammengesetzten Gemischten Kommission konnten durch die Reform das Theologiestudium und die Examensphase besser strukturiert werden und zugleich Freiräume zum selbstbestimmten Studium erhalten bleiben wie Möglichkeiten zum Auslandsstudium vorgesehen werden. Es verbindet sich damit die Hoffnung, dass ein interessantes und attraktives Studium einen wichtigen Beitrag zur Gewinnung und Förderung des pastoralen Nachwuchses leistet.

(27) Auch die Koordination und Steuerung der Programme für theologische Stipendien wurden weiter entwickelt und mit einem Abschlussbericht vom Rat zustimmend zur Kenntnis genommen. Nach sorgfältigen Recherchen zur Bestandserhebung konnte ein gemeinsames internetgestütztes Stipendienportal eingerichtet werden. Dadurch sind die Vergleichbarkeit und ein verlässlicher Zugang zu den Stipendienprogrammen gewährleistet. Es wurde eine Konferenz aller Stipendiengeber im Raum der EKD installiert, die dem gegenseitigen Austausch, der Weiterentwicklung strategischer Gemeinsamkeiten und möglichst gemeinsamer Standards dient. Für die Stipendien des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung, des EMW und der EKD wird ein gemeinsamer Bewilligungsausschuss gebildet, der für den Beitritt weiterer Stipendiengeber offen ist.


1.4 (Medien)Präsenz stärken – Öffentliche Kommunikation ausbauen

(28) Zusammen mit den Gliedkirchen und den Organen des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik hat die EKD eine weitreichende strukturelle Neuausrichtung des Werkes auf den Weg gebracht. Dabei ging es insbesondere darum, die Gesellschafterfunktion, die bisher von 30 Gesellschaftern wahrgenommen wurde, möglichst weitgehend in der Hand der EKD zu bündeln, um Entscheidungsstrukturen zu straffen, das Gemeinschaftswerk in seiner Funktion als Dienstleister für die Gemeinschaft der Gliedkirchen in der EKD zu stärken und die finanzielle Handlungsfähigkeit des Gemeinschaftswerkes für eine wirkungsvolle evangelische Medienarbeit zu gewährleisten. Im September 2012 sind diese Anliegen zur strukturellen Neuausrichtung des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik umgesetzt worden. Die Gesellschafterstruktur des Gemeinschaftswerkes ist mit der EKD als 94-prozentiger Gesellschafterin und dem Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung als 6-prozentigem Gesellschafter vereinfacht worden. Wesentliche Verantwortung kommt nun dem neuen Aufsichtsrat dafür zu, dass die Aufgaben des Gemeinschaftswerkes auch in der neuen Gesellschafterstruktur weiterhin auf den Nutzen der Gemeinschaft der lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen ausgerichtet bleiben. Diese Verantwortung zeigt sich auch in der Zusammensetzung des neuen Aufsichtsrates. Hier kommen theologische, rechtliche und wirtschaftliche Leitungskompetenzen aus den Gliedkirchen mit fachlicher Expertise für die evangelische Verlags- und Medienarbeit zusammen. Damit wird das Gemeinschaftswerk als Kompetenzzentrum für evangelische Publizistik mittelfristig stabilisiert und gestärkt und die im Rahmen der Beschlussfassung zu chrismon von der EKD-Synode 2008 formulierte Zielvorgabe umgesetzt. Auf dieser Grundlage kann es gelingen, mehr als bisher gemeinsam Themen in der öffentlichen Kommunikation der evangelischen Kirche zu setzen und Inhalte für solche gemeinsamen Themen zu identifizieren. Gerade die kommenden Jahre der Lutherdekade auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 bieten reiche Möglichkeiten für neue Wege und konzertierte Aktionen im Raum der evangelischen Publizistik zwischen den Medienschaffenden und den Verantwortlichen in den Gliedkirchen und der EKD. Ein erstes Beispiel dafür ist im Sommer 2012 in guter und vertrauensvoller Kooperation aller Beteiligten mit dem „chrismon spezial“ zur Veröffentlichung am diesjährigen Reformationstag auf den Weg gebracht worden. In dem 32 Seiten starken Heft, das mit einer Gesamtauflage von fast 7 Millionen Exemplaren den klassischen chrismon-Trägermedien sowie einer Auswahl renommierter Regionalzeitungen und der Kirchengebietspresse Ende Oktober beigelegt wurde, konnte sich der Protestantismus rund 20 Millionen Leserinnen und Lesern zum Auftakt der zweiten Hälfte der Reformationsdekade reichweitenstark präsentieren.

(29) Auch die Eikon-Gruppe hat ihre Vorarbeiten zum Reformationsjubiläum im ersten Halbjahr 2012 verstärkt und ein umfangreiches Projektportfolio vorgelegt. Für die weiteren Gespräche mit öffentlich-rechtlichen und privaten Partnern sind sieben Projektvorhaben konzipiert, die Geschichte, Orte und Personen des Reformationszeitalters einem breiten Publikum vermitteln sollen. Eikon möchte mit dem aktuellen Projektportfolio an die Mobilisierungswirkung erfolgreicher Filme wie „Johannes Calvin“ und „Luther“ anknüpfen.

(30) Die EKD präsentiert seit Juli 2012 mit der kostenfreien Applikation (App) „Kulturkirchen“ zum ersten Mal all jene evangelischen Kirchengebäude, in denen besondere kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Dabei werden neben zahlreichen Terminen in der Rubrik „Kalender“ zu Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Theateraufführungen etc. auch die Kirchen selbst in der Rubrik „Kirchen“ mit ihrer Architektur und Geschichte vorgestellt. Eine Karte hilft beim Finden einzelner Kirchen sowie bei der Routenplanung. Die vom Kulturbüro des Rates der EKD verantwortete App ermöglicht, dass Kulturkirchen im ganzen Land ihre jeweiligen Veranstaltungen bekannt machen und aktualisieren. Die engagierte Kulturarbeit einzelner Kirchen wird damit in einer so noch nicht da gewesenen Sichtbarkeit vernetzt und bietet eine gemeinsame Plattform für das Anliegen, den Künsten in Kirchen Raum zu geben und sich gegenseitig anzuregen. Mit dieser Form der Beteiligung ist die App ein Ausdruck des protestantischen Selbstverständnisses breiter Partizipation. Zudem sind im „Reformations-ABC“ dieser App kurze Artikel zu wichtigen Themen der Reformation versammelt: von A wie Ablass bis Z wie Zwingli können sich Nutzerinnen und Nutzer über die Reformation informieren und es werden exemplarische Orte vorgestellt, an denen Martin Luther gewirkt hat und das erarbeitet und erstritten hat, was bis in die gegenwärtige Kultur hineinwirkt. Als Projekt im Rahmen der Lutherdekade wird die App vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

(31) Der Ratsvorsitzende hat dem 9. Jahrgang der Evangelischen Journalistenschule (EJS) in Berlin am 3.8.2012 zu ihrem erfolgreichen Lehrgangsabschluss gratuliert und dabei die Bedeutung medienethisch profilierter Ausbildung unterstrichen: „In Zeiten zunehmender Säkularisierung und von Traditionsabbrüchen braucht unsere Kirche in allen Medien Journalistinnen und Journalisten, die mit Sachkenntnis, Engagement und Sensibilität religiöse Themen bearbeiten und präsentieren.“ 16 neue Absolventinnen und Absolventen lassen den Kreis der alumni und alumnae der EJS auf jetzt 150 Medienfachleute anwachsen. Neben exzellenter Ausbildung – wie sie sich in diesem Jahr auch im Lesebuch zur EKD-Synode dokumentiert findet – kommt dem Dialog mit Ehemaligen der Schule zukünftig eine Schlüsselaufgabe zu. Der Ratsvorsitzende hob hervor: „Wir brauchen Journalistinnen und Journalisten, die gleichsam eine Brücke schlagen – und vielleicht sogar selbst in ihrer Person eine Brücke sind – zwischen den öffentlichen Medien und unserer Kirche. Die Evangelische Journalistenschule ist in besonderer Weise geeignet, diese Brücken bauen zu helfen.“

(32) In dieser und zwei weiteren Reden hat sich der Ratsvorsitzende mit der Problematik der "Übertribunalisierung" unserer Gesellschaft (vgl. Odo v. Marquardt) und dabei besonders mit der Rolle der öffentlichen Meinungsbildung in Internet und Medien kritisch auseinander gesetzt. In seiner Karfreitagsbotschaft warnte er – ausgehend vom Gebrauch des "Opfer"-Begriffs in der Jugendsprache – von der öffentlichen (Vor)Verurteilung von Personen und warb für einen barmherzigeren Umgang miteinander. Diesen Appell hat er in seiner Rede anlässlich des Johannisempfangs des Bevollmächtigten in Berlin erneut aufgegriffen und bekräftigt.


1.5 An der Zukunft orientieren – Neuanfänge wagen

(33) Im zurückliegenden Jahr ist das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) in seinen rechtlichen Strukturen abschließend geformt worden. Auf der gemeinsamen Versammlung von Diakonischer Konferenz und Mitgliederversammlung des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) im Juni dieses Jahres wurde die Verschmelzung der beiden Teilwerke endgültig beschlossen. Nach Verabschiedung der Satzung wurden u.a. mit Geschäfts- und Wahlordnungen auch weitere normative Grundlagen wie die Ordnung für die Übergangsphase erarbeitet und beschlossen. Zur Konstituierung der neuen Konferenz für Diakonie und Entwicklung wurden von den kirchlichen und diakonischen Entscheidungsgremien Delegierte mandatiert. Mit Eintragung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung Ende August ins Vereinsregister und Bezug des neuen Gebäudes Caroline-Michaelis-Str. 1 im Oktober ist der Neuanfang in zentraler Lage in Berlin auch äußerlich sichtbar geworden. Von hier aus kann die Interessenvertretung für diakonische Sozialpolitik und kirchliche Entwicklungsarbeit deutlich gestärkt werden. Von den insgesamt über 600 Mitarbeitenden arbeiten etwa ein Drittel im Diakonie-Bundesverband und zwei Drittel im Bereich Ökumenische Diakonie und Entwicklung. Eine wesentliche Aufgabe bleibt die Ausgestaltung der Zusammenführung der Entwicklungswerke von „Brot für die Welt“ als wesentlich spendenfinanzierter Organisation und dem EED, der in erster Linie aus Mitteln des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und der Gemeinschaft der Gliedkirchen in der EKD finanziert wird. Eine weitere Herausforderung bleibt es, Entwicklungsarbeit und Diakonie auch thematisch stärker aufeinander zu beziehen. Der zurückliegende erfolgreiche Prozess der Fusion hat nicht nur erhebliche Investitionen gefordert, insbesondere für das neue Gebäude in Höhe von ca. 65 Millionen, sondern auch erhebliche Energien gebunden. Um die damit verbundene Zielsetzung einer Bündelung der Kräfte, Profilierung der Außenwirkung und synergetische Nutzung interner Dienstleistungen zu erreichen und zu gesellschaftlichen Innovationen beizutragen, wird es nun notwendig sein, Ressourcen verstärkt wieder für Strategieentwicklungen und ihre Umsetzungen einzusetzen. Dabei wird es in der evangelischen Kirche, ihrer Entwicklungsarbeit und ihrer Diakonie notwendig sein, konsistente Strategien für die Teilwerke und ihr Zusammenwirken im Gesamtwerk zu entwickeln.

(34) Nach einem intensiven mehrjährigen Fusionsprozess haben sich die bisherigen Gliedkirchen Nordelbische Evangelisch-Lutherischen Kirche, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und Pommersche Evangelische Kirche zu Pfingsten 2012 zur neuen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) zusammengeschlossen und dies in Ratzeburg mit einem großen Fest gefeiert. Die EKD hat diese Entwicklung begleitet und unterstützt. Die Fusion setzt die Konzentrationsprozesse im Bereich der Gliedkirchen der EKD fort und verbindet zum ersten Mal Gliedkirchen über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze hinweg. Mit rund 2,2 Millionen Gemeindegliedern ist die Nordkirche die fünftgrößte Gliedkirche der EKD. Sie erstreckt sich von Sylt im Westen bis nach Usedom im Osten. Die ehemaligen östlichen Kirchen sind als Kirchenkreise im neuen Sprengel Mecklenburg und Pommern verbunden. Unter umfassender Beteiligung aller Interessierten ist eine moderne Verfassung der neuen Kirche zustande gekommen, die der Tradition und der Gliederung der durch die Fusion verbundenen Kirchen Rechnung trägt.


1.6 Weitere Entwicklungen aus der Arbeit der EKD

(35) Neben diesen weitreichenden strukturellen Neuausrichtungen und der Weiterarbeit an der Thematik des Dritten Weges (s. gesonderter Bericht während der Synode) gibt es weitere organisatorische und personelle Entwicklungen aus der Arbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland zu berichten.

(36) In Hannover wurde im Mai 2012 mit dem "Friedrich-Karrenberg-Haus" ein neues Zentrum für soziale Fragen eröffnet. Seit Beginn der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise ist die Bedeutung sozial- und wirtschaftsethischer Fragen in der evangelischen Kirche gewachsen. In vielen Landeskirchen wurde das Arbeitsfeld Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt neu gebündelt. Auch auf EKD-Ebene ist es im vergangenen Jahr gelungen, die unterschiedlichen Perspektiven und Organisationen des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA), des Bundesverbands evangelischer Arbeitnehmerorganisationen (BVEA) und des Arbeitsbereichs Handwerk und Kirche, der bislang über die Männerarbeit organisiert war, unter einem Dach zusammen zu führen – im Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (VKWA). Um den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis zu stärken, hat der neu gegründeten Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt zusammen mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD eine gemeinsame Geschäftsstelle bezogen. Das neue Zentrum für soziale Fragen in der Arnswaldstr. 6 in Hannover, das mit einem Festakt am 14.5.2012 eröffnet wurde, trägt den Namen „Friedrich-Karrenberg-Haus“. Prof. Dr. Friedrich Karrenberg (1904-1966) war nicht nur der erste Vorsitzende der Sozialkammer, sondern auch der erste Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (damals noch SWI) und im Auftrag des Evangelischen Kirchentages Herausgeber des Evangelischen Soziallexikons. Damit verkörpert er zugleich die Sozialwissenschaftliche Forschung wie das soziale Engagement der EKD.

(37) Die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr (ESB) hat die Umsetzung ihres Perspektivprozesses, in dem sie ein inhaltliches Leitbild entwickelt und ihre Strukturen geklärt hat, weiter umgesetzt. Im Zuge des Perspektivprozesses und der Bundeswehrreform hat die ESB neben ihren originären Aufgaben in Fragen der Verkündigung, Seelsorge und Bildung im Inland und Ausland in den Jahren 2012 bis 2016 die Seelsorge an Hinterbliebenen, Einsatzbelasteten und Einsatzgeschädigten, ehemaligen und im Einsatz erfahrenen Bundeswehrangehörigen (sowie Mitarbeitenden ziviler Organisationen) und ihren Familien als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit definiert. Insgesamt begegnet die Seelsorge in der Bundeswehr dem Anspruch einer sich in Richtung einer Einsatzarmee verändernden Bundeswehr. Hinzu kommt ein stärkeres Engagement für den friedensethischen Diskurs in der Bundeswehr, in der EKD und innerhalb der Gesellschaft. Dafür ist durch den Militärbischof eine Arbeitsgruppe für ethische Bildung in den Streitkräften eingesetzt worden, in deren Rahmen auch verschiedene Projekte und Veranstaltungen mit den Evangelischen Akademien geplant sind, die den gesellschaftsethischen Diskurs befördern sollen. Mit einer engen Verzahnung der am friedensethischen Diskurs beteiligten Organe innerhalb der EKD soll der gesellschaftliche Diskurs auf breite Füße gestellt werden. Die Entscheidung von 2009, bei Äußerungen in friedensethischen Themen abgestimmt zwischen dem Ratsvorsitzenden, dem Friedensbeauftragen und dem Evangelischen Militärbischof vorzugehen, bildet sich an dieser Stelle auch strukturell im Zusammenspiel der operativen Bereiche ab und hat sich insgesamt als tragfähig erwiesen.

Im Ergebnis weiterer Beratungsprozesse ist die Leitung und Organisation der Verwaltung der Seelsorge in der Bundeswehr verändert worden: An der Spitze des Haushaltes ESB steht kein Jurist mehr, sondern der (theologische) Büroleiter des Militärbischofs. Die Struktur wird insgesamt weiter verschlankt und führt zu klaren Zuständigkeiten. Ziel dieser Veränderung ist es, die Kooperation zwischen dem Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr (EKA) und der Verwaltung für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr möglichst eng zu gestalten und Leitungsentscheidungen zügig, transparent und verlässlich zu treffen. Dazu wurde ein Kollegium bestehend aus Militärbischof (Vorsitz), Militärgeneraldekan und Büroleiter des Militärbischofs gebildet, in dem Grundentscheidungen für die Militärseelsorge im Rahmen der Regelungen des Militärseelsorgevertrages und der geltenden Regelungen und Regelungsbefugnisse des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg), der EKD und der Gliedkirchen sowie ihrer Gremien getroffen werden.

Der Rat der EKD hat im April 2012 einem in der ESB erarbeiteten neuen Gebet- und Gesangbuch für Soldatinnen und Soldaten zugestimmt. Der Entwurf ist vom Kompetenzzentrum der EKD für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst in Hildesheim und vom Kompetenzzentrum für Mission in der Region in Dortmund begutachtet und bearbeitet worden. Die Kompetenzzentren geben dem Gesangbuch ein durchgehend positives Echo. Begrüßt wird u.a. die Aufnahme von Andachten zu Beginn jedes Kapitels, die Berücksichtigung auch weltlicher Lieder, die große Auswahl an Gebeten für alle Lebenslagen sowie der Abdruck von Textteilen, in denen grundlegende Glaubensinhalte dargestellt werden. Diese Elemente werden das Gesang- und Gebetbuch – so die Erwartung – zu einem Buch machen, das auch jenseits explizit gottesdienstlicher Zusammenhänge intensive Nutzung erfahren wird. Vor dem Hintergrund der besonderen Lebenssituationen, die Soldatinnen und Soldaten in Einsätzen zu bewältigen haben, ist es außerordentlich wichtig, neben den Liedern und Gebeten auch Texte für die Vergewisserung im Glauben zur Verfügung zu stellen und darüber hinaus Informationen und Grundlagen des Glaubens in einer Weise zu erläutern, die auch die kognitive Ebene anspricht.

(38) Der vom Rat als Beauftragter für die evangelischen Freiwilligendienste berufene Bischof Jan Janssen hat zusammen mit dem Beirat für die evangelischen Freiwilligendienste seinen Dienst effizient und öffentlichkeitswirksam begonnen. Er war auf der Konferenz evangelischer Freiwilligendienste präsent und berichtete der Kirchenkonferenz im Juni 2012 über das wichtige und sich dynamisch entwickelnde Arbeitsfeld. Der Beauftragte und der Beirat wollen gemeinsam mit der Kammer für soziale Ordnung über die Begriffsbestimmungen und die Abgrenzung von Freiwilligkeit, Freiwilligendienst und Ehrenamt beraten. Auch die Frage, ob die neue Bundeswehr in das Format des „Freiwilligendienstes“ eingeordnet werden kann, wird in diesem Zusammenhang diskutiert werden.

(39) Die miteinander gekoppelten Evaluationen des Vereins für Friedensarbeit im Raum der EKD, in dem die Friedenskonferenz der EKD, die AGDF und die EAK miteinander verbunden sind, des Online-Mediums „Zivil“, das im Auftrag des Rates vom GEP produziert und durch einen Taschenkalender ergänzt wird und der Servicestelle für internationale Freiwilligendienste im Raum der EKD wurden begonnen. Mit Direktorin Marlehn Thieme und Bischof Dr. Ulrich Fischer sind Ratsmitglieder unmittelbar in diese Evaluationen einbezogen. Der Beauftragte für die Friedensarbeit der EKD, Schriftführer Renke Brahms, wird das Ergebnis der Evaluationen gegen Ende des 1. Quartals 2013 dem Rat vorstellen.

(40) Auch beim Frauenstudien- und Bildungszentrum (FSBZ), ehemals in Gelnhausen und seit 2008 in Hofgeismar ansässig, sind im vergangenen Jahr neue Weichenstellungen getroffen worden: Auf Vorschlag einer Arbeitsgruppe beschloss der Rat im Februar 2012, das Zentrum in eine „Studienstelle für Genderfragen in Kirche und Theologie“ umzuwandeln und organisatorisch vom Comenius-Institut zu trennen. Die neue Studienstelle hat die Aufgabe, Erkenntnisse und theoretische Konzepte aus genderorientierter Theologie und Sozialwissenschaft sowie genderrelevante Modelle, Erfahrungen und Praxisbeispiele der Organisationsentwicklung auszuwerten, für die kirchliche Praxis aufzubereiten und zugänglich zu machen. Sie soll vorrangig nicht selbst forschend tätig sein, sondern den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Modellprojekten in die kirchliche Praxis hinein leisten. Ein Gründungsbeirat erarbeitet derzeit Entwürfe für Ordnung und Haushaltsplan und bereitet das Stellenbesetzungsverfahren vor, Optionen für eine sinnvolle Verortung des Zentrums werden geprüft.

(41) Ende 2011 verabschiedete der Rat einen Maßnahmenplan zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit und zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Er umfasst eine Reihe von terminierten Einzelmaßnahmen unterschiedlicher Komplexität und Reichweite, von denen bereits einige umgesetzt wurden. So gilt seit April 2012 für die Berufung und Entsendung in Gremien der EKD das Reißverschlussverfahren, nach dem für die zur Verfügung stehenden Gremienplätze alternierend Frauen und Männer vorzuschlagen bzw. zu berufen sind. Abweichungen bleiben möglich, insbesondere wenn eine Frau bzw. ein Mann mit der erforderlichen Qualifikation nicht zur Verfügung steht. Einer geschlechtergerechten Organbesetzung tragen die Vorschläge zur Änderung der Grundordnung der EKD Rechnung, die der Synode für diese Synodaltagung zur Beschlussfassung vorliegen. Eingeführt wurde auch eine Gleichstellungsprüfung bei Ratsvorlagen. Seit Januar 2012 sollen alle Ratsvorlagen Auskunft darüber geben, ob mit dem vorgeschlagenen Beschluss genderspezifische Disparitäten verstärkt, verringert oder belassen werden. Die Maßnahme wurde zunächst für die Dauer eines Jahres eingeführt. Die in diesem Zeitraum gemachten Erfahrungen sollen ausgewertet werden, bevor über eine Fortführung bzw. ggf. Weiterentwicklung dieser Maßnahme entschieden wird. Weitere Maßnahmen zur beruflichen Gleichstellung und zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden initiiert. Den Einrichtungen, die Mittel der EKD in Anspruch nehmen, wurde die Erwartung mitgeteilt, dass sie sich auf betrieblicher Ebene aktiv um die Gleichstellung und um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bemühen, den Status quo regelmäßig erheben und sich auf dieser Basis Ziele setzen. Sie wurden gebeten, sich darauf einzustellen, dass im Rahmen der Mittelanmeldungen ab 2014 Angaben zur betrieblichen Gleichstellungspolitik erwartet werden. In der Arbeitsrechtlichen Kommission der EKD wird die Schaffung von Arbeitsrechtsregelungen über familienfreundliche Arbeitsbedingungen geprüft. Außerdem soll das Audit berufundfamilie der Hertiestiftung in weiteren EKD-Einrichtungen zur Anwendung gebracht werden. Das Kirchenamt der EKD ist bereits seit dem 26.11.2007 in dem Audit berufundfamilie zertifiziert. Das Zertifikat wurde am 17.3.2011 bestätigt. Im Rahmen des Audits wurden nach und nach eine Reihe von Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingeführt, so neben Verbesserungen in der Arbeitsorganisation z.B. die Möglichkeit, auf geeigneten Arbeitsplätzen an bis zu 2 Tagen in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Im kommenden Jahr werden Regeln für die Personalauswahl sowie die Personalführung und -entwicklung einen Schwerpunkt der Bemühungen bilden.

(42) Im Kirchenamt der EKD konzentrierten sich die internen Reformprozesse darauf, die Einführung eines neuen kirchlichen Rechnungswesens ab dem Jahr 2013 für den Bereich der EKD zu erreichen. Dieses hatten die Organe der EKD als einen wichtigen Baustein kirchlicher Reformprozesse beschlossen. Bei diesem neuen Finanzmanagement geht es darum, die bislang rein ausgabenorientierte Darstellung durch ein ressourcenorientiertes Finanzsystem zu ersetzen. Dadurch sollen Inhalte und Ziele kirchlichen Handelns stärker in den Vordergrund rücken und damit transparenter werden. So soll es den Verantwortlichen ermöglicht werden, Finanzdaten und Ergebnisse des Handelns in ihrem Zusammenhang zu sehen und zu gestalten. Auch gegenüber den Mitgliedern und nicht zuletzt der Öffentlichkeit soll damit eine größere Transparenz hergestellt werden. Die Einführung eines solchen Finanzmanagements beansprucht namentlich die Ressourcen im Kirchenamt erheblich, so dass der begonnene Reformprozess „fit for future“, der sich im weiteren Rahmen auf die Verbesserung der Geschäftsprozesse des Kirchenamtes unter Einbeziehung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezieht, zunächst zurückgestellt worden ist.

(43) Über zwei personelle Veränderungen im Bereich der EKD ist zu berichten: Dr. Stephan Iro hat am 1.9.2012 als Stellvertreter des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union in Berlin die Nachfolge von David Gill angetreten. David Gill leitet seit März 2012 als Staatssekretär das Bundespräsidialamt. Dr. Stephan Iro ist Jurist mit abgeschlossener Attaché-Ausbildung und war zuletzt nach mehreren Stationen im Auswärtigen Amt als Leiter des dortigen Osteuropa-Referates tätig. Nach dem Ausscheiden von Dr. Alexander Deeg als Leiter des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg hat Pfarrerin Kathrin Oxen diese Aufgabe ab 1.2.2012, zunächst befristet bis zum 31.12.2017, übernommen. Kathrin Oxen war vorher Gemeindepfarrerin in Mecklenburg. Sie hat mehrere Predigtpreise gewonnen, u.a. den internationalen Predigtwettbewerb zum Calvin-Jahr 2008 und einen Predigtpreis des Verlags für die Deutsche Wirtschaft im Jahr 2009.