Bericht des Rates der EKD (Schriftlicher Teil - B)

5. Tagung der 11. Synode der EKD, Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

2. Kirche im ökumenischen und interreligiösen Dialog

2.1  Den ökumenischen Dialog im eigenen Land suchen – gemeinsame Herausforderungen wahrnehmen

(44) Die Evangelische Kirche hat auf vielen Ebenen institutionalisierte Kontakte zur römisch-katholischen Bischofskonferenz (DBK), vor allem auf der politischen Ebene den Kontaktgesprächskreis, der halbjährlich zentrale Fragen des ökumenischen Miteinanders bedenkt. Die unterschiedlichen Einschätzungen und mögliche Gemeinsamkeiten im Blick auf die Vorbereitung des Reformationsjubliäums 2017 und die von der römisch-katholischen Seite intensivierten Vorbereitungen für die Würdigung der 50jährigen Wiederkehr des Vaticanums II sind gegenwärtigen die bestimmenden Themen im Gespräch der beiden Kirchenleitungen. Dabei sind die Einschätzung der Reformation naturgemäß sehr unterschiedlich: Für die römisch-katholischen Geschwister ist die Spaltung der westlichen Kirche der entscheidende Fluchtpunkt der Überlegung, sodass sie auch lediglich von der Möglichkeit eines Reformationsgedenkens sprechen mögen, während die evangelische Seite den reformatorischen Aufbruch im 16. Jahrhundert als "Wiederentdeckung des Evangeliums" und damit als wesentlichen Ausgangspunkt für wichtige Entwicklungen hin zur modernen Gesellschaft versteht und insofern vom Reformationsjubiläum spricht. Aber trotz dieser fundamentalen und wohl auch bleibenden Verschiedenheit gehört es zu den besonders erfreulichen Ergebnissen des Kontaktgesprächskreises, dass es gemeinsame Verabredungen für die nächsten Jahre gibt. Für das Jahr 2013 ist eine gemeinsam herausgegebene Schrift mit dem Arbeitstitel „Was man vom Christentum wissen soll“ in Auftrag gegeben, in der besonders das herausgestellt wird, was die beiden Kirchen theologisch eint. Außerdem wurde verabredet, eine ökumenisch besetzte Arbeitsgruppe einzusetzen, die unter dem Leitwort „healing of memories“ zu klären versucht, ob und wenn wie die beiden großen Kirchen im Blick auf die Geschichte der Trennungen im 16. und 17. Jahrhundert einen gemeinsamen Vergebungs- bzw. Bußgottesdienst im Jahr 2017 gefeiert werden kann. Geplant ist darüber hinaus im Jahre 2015 ein ökumenischer Bibelkongress, da neben der Taufe die Bibel das größte Band der Einheit ist.

(45) Der Rat der EKD hat in Kontinuität zu bestehenden Kontakten mit der ehemaligen Kommission der orthodoxen Kirchen in Deutschland beschlossen, dass regelmäßige Kontaktgespräche zwischen dem Rat der EKD und der 2010 neu gegründeten Orthodoxen Bischofskonferenz (OBKD) stattfinden. Dieser Dialog ist nicht zuletzt deshalb notwendig und hilfreich, da den orthodoxen Kirchen als drittgrößter christlicher Konfession eine hohe politisch-gesellschaftliche Relevanz zukommt. Grundlage der regelmäßigen Gespräche sind die beim Ersten Ökumenischen Kirchentag unterzeichnete Charta Oecumenica und die wechselseitige Anerkennung der Heiligen Taufe in Magdeburg 2007. Die EKD und die OBKD haben am 1.3.2012 vereinbart, dass jährlich zwei Gesprächsbegegnungen stattfinden sollen, nämlich eine Begegnung, die wie bisher, die gemeinsamen pastoralen Anliegen des Zusammenlebens von evangelischen und orthodoxen Christen in den Blick nimmt und ein zweites Treffen, das mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 das theologische Gespräch zwischen der Kirche der Reformation und der Orthodoxie neu aufnehmen soll. Hinsichtlich der Seelsorge stehen die orthodoxen Kirchen vor zum Teil erheblichen Neuorientierungen, da einerseits bestimmte liturgische Handlungen orthodoxer Provenienz, wie etwa die Salbung von Entschlafenen, im Kontext deutscher Krankenhäuser nicht praktiziert werden können, andererseits aktuelle Themen wie u.a. neue Formen der Bestattung, Umgang mit nicht-christlichen Elementen der Trauerfeier, Notfallseelsorge, Umgang mit Soldatinnen und Soldaten, die im beruflichen Einsatz sterben, im Raum stehen. Ein weiteres Themenfeld ist der konfessionelle Religionsunterricht an staatlichen Schulen.

(46) Die Interkulturelle Woche wird seit den 1970er Jahren gemeinsam von der EKD, der Deutschen Bischofskonferenz und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Deutschland getragen. Unter dem Motto „Herzlich Willkommen – wer immer du bist!“ konnte auch im Jahr 2012 eine Ausweitung der Initiative verzeichnet werden. Am 21.9.12 wurde die Woche mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet, der von Kardinal Woelki, Bischof Dröge und Metropolit Augoustinos gestaltet wurde. Mittlerweile finden bundesweit in dem vom Ökumenischen Vorbereitungsausschuss vorgeschlagenen Zeitraum mehr als 5.000 Veranstaltungen in über 500 Kommunen und Gemeinden statt. Um das derzeitige Niveau der Arbeit in der gemeinsamen Geschäftsstelle zu halten und die kirchliche Trägerschaft zu stärken, haben sich DBK und EKD im Kontaktgesprächskreis auf ein erhöhtes finanzielles Engagement verständigt.

(47) Zwischen EKD und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) findet jährlich ein Kontaktgespräch statt. Die dort behandelten Themen sind: Aktuelle Berichte aus EKD und VEF, ein Thema von gemeinsamem Interesse, gemeinsame Projekte sowie Gravamina. Auf Initiative der EKD wurde seit 2008 die Frage „Was ist evangelisch?“ beraten. Theologische Grundlage der Beratungen war die Leuenberger Konkordie. Die VEF hat eine von allen ihren Mitgliedskirchen und Gemeindebünden getragene Stellungnahme abgegeben, dass die VEF Mitgliedskirchen mit der Leuenberger Konkordie übereinstimmen und dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass es zu einer vertieften praktischen Wahrnehmung dieser theologischen Übereinstimmung kommen möge. Wenngleich ein förmlicher Beitritt der VEF zu der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) aufgrund der Zurückhaltung der täuferischen Kirchen nicht zu erwarten ist, so ist doch aus Sicht der EKD das Interesse an gemeinsamer institutioneller Kommunikation und Abstimmung gewachsen. Mit Blick auf das Reformationsjubiläum sollte zusätzlich zu dem jährlichen Kontaktgespräch ein theologischer Dialog initiiert werden, der eine gemeinsame Themenstellung bearbeitet. Hier erscheint aus Sicht der EKD die Weiterführung des Gespräches zur Taufe wichtig, als Konvergenztext bietet sich der Text der Lutherisch-baptistischen Arbeitsgruppe aus Bayern „Voneinander lernen – miteinander glauben“ an. Ein weiteres Feld theologischer Reflexion ist die Ausbildung ehrenamtlicher Pastoren in Migrationsgemeinden. Aus Sicht der EKD kann eine strukturierte Kooperation zwischen Ausbildungsstätten der evangelischen Freikirchen und den Missionswerken und der Missionsakademie sinnvoll sein, die jedoch die Standards des Studiums der Evangelischen Theologie an den Universitäten in keiner Weise beeinträchtigen darf.

(48) Ein ökumenisches Jubiläum konnten EKD, UEK und VELKD in diesem Jahr mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland begehen: Vor einem Vierteljahrhundert, im September 1987, wurde die Kirchengemeinschaft zwischen den evangelischen Landeskirchen und der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland (EmK) festgestellt und mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Nürnberger St. Lorenz-Kirche feierlich in Kraft gesetzt. Diese Kirchengemeinschaft nahm vorweg, was zehn Jahre später auch auf europäischer Ebene erreicht werden konnte: Seit 1997 sind die methodistischen Kirchen Europas Teil der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, der Leuenberger Kirchengemeinschaft (GEKE). Die EKD ist dankbar für die inzwischen vielfach bewährte Kirchengemeinschaft mit den Methodisten. Diese Verbundenheit bildet auch eine wichtige Brücke in den Beziehungen zwischen den Gliedkirchen der EKD und den evangelischen Freikirchen.


2.2 Multilaterale ökumenische Institutionen unterstützen

(49) Die Konferenz Europäischer Kirchen ist die entscheidende Phase eines vollständigen Neuaufbaus eingetreten. Die bei der Vollversammlung der KEK 2009 auf Antrag der EKD mit sehr großer Mehrheit eingesetzte „Revision Working Group“ hat einen Bericht über die grundlegende Ausrichtung der inhaltlichen Arbeit der KEK und eine vollständig neu erarbeite Verfassung vorgelegt. Alle Mitgliedskirchen wurden zur Stellungnahme aufgefordert. Die von der „Steuerungsgruppe Europa“ erarbeitete Stellungnahme wurde vom Rat der EKD beschlossen und von der Kirchenkonferenz unterstützt. Die neue Verfassung ist konsequent von der Mandatierung und inhaltlichen Steuerung der KEK durch ihre Mitgliedskirchen bestimmt. Themen und Projekte sollen von den Anliegen und Ressourcen der Mitgliedskirchen her identifiziert und bearbeitet werden. Die inhaltliche Arbeit der bisherigen Kommissionen (Church in Dialogue, Church‘s Commission for Migrants in Europe, Commision for Church and Society), die bisher mit eigenständigen Leitungsorganen mit der KEK lediglich vertraglich verbunden sind, sollen als „Departments“ unter einer Leitungsstruktur integriert werden. Mitgliedschaftsrechte und -pflichten (inklusive Finanzierung) sind klar und verbindlich geregelt. Die Vollversammlung im Juli 2013 in Budapest muss über die neue Verfassung entscheiden. Von einem positiven Beschluss über die Verfassung wird es entscheidend abhängen, ob die Kirchen in Europa eine effektive und wirkmächtige ökumenische Organisation haben werden, die ihnen in der tiefen wirtschaftlichen und kulturellen Krise unseres Kontinentes eine gemeinsame Plattform der Wahrnehmung ihrer öffentlichen Verantwortung bietet.

(50) Vom 20. bis 26. September 2012 hat in Florenz unter dem Motto „Frei für die Zukunft“ die 7. Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) stattgefunden. Das Motto bezieht sich auf die zukünftigen Arbeitsschwerpunkte der GEKE, die in einem Bezug zum Reformationsjubiläum 2017 stehen. Die Vollversammlung hat wichtige Texte im Zusammenhang ihrer „Lehrgespräche“ diskutiert und verabschiedet („Amt, Ordination und Episkope“ und „Schrift, Bekenntnis, Kirche“). Sie nimmt Empfehlungen aus Arbeitsgruppen und Vorschläge zu Studien auf. So wurden Ergebnisse eine Jugendforums zu den neuen Herausforderungen sozialer Gerechtigkeit und Stellungnahmen des Rates dazu diskutiert. Die Vollversammlung verabschiedete unter dem Titel „Frei für die Zukunft – Verantwortung für Europa“ ein Statement zur sozialen und politischen Krise in Europa. Von erheblicher Bedeutung für die Kirchen ist ein Text zu Kriterien und Standards für die Vergleichbarkeit von Studiengängen der Theologie in Europa. Von hohem Interesse war ein Forum "Kirchen Europas im Aufbruch", das vom Kirchenamt der EKD mitgestaltet wurde. Hier wurde deutlich, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der kulturellen Kontexte zugleich gemeinsame Grundmuster und Herausforderungen gibt (Säkularisierung, Rückgang von Mitgliederzahlen, Suche nach spirituellen Orientierungen). Die GEKE-Vollversammlung hat einen neuen Rat gewählt. Die neuen Ratspräsidenten sind: Friedrich Weber (Geschäftsführender Präsident), Deutschland; Gottfried Locher, Schweiz und Klara Tarr Cselovsky, Ungarn.

(51) Der Ökumenische Rat der Kirchen hat in seinem tiefgreifenden Transformationsprozess wesentliche Zwischenziele auf dem Weg zur Vollversammlung im Oktober 2013 in Busan, Korea, erreicht. Für die Vollversammlung wurden unter dem Motto „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden!“ („God of life, lead us to justice and peace!“) bei der jüngsten Sitzung des Zentralausschusses auf Kreta wichtige thematische Fokussierungen festgelegt: Zum einen wird es durch die Vorlage eines Textes der „Kommission für Weltmission und Evangelisation“ um ein weiterentwickeltes Verständnis von Mission gehen, das der Reziprozität missionarischer Initiativen Rechnung trägt und ein überholtes Verständnis einer Mission von Nord nach Süd ablöst. Zugleich wird Mission stärker als eine Grunddimension des Christseins und des kirchlichen Handelns verstanden, die sich in Zeugnis und Dienst ausdrückt. Ansätze eines Verständnisses von Mission in einem Dialog der Religionen sind angelegt. In diesen Kontext gehören auch ein neues Papier zum Kirchenverständnis der Kommission „Faith and Order“ und der erste Entwurf eines Textes zur Einheit der Kirche. Zum anderen wird der Vollversammlung eine „Pilgerschaft zu Gerechtigkeit und Frieden" vorgeschlagen, die von der Vollversammlung in Busan bis zur nächsten Vollversammlung acht Jahre später führt. Diese „Pilgerschaft“ soll aus Dialogen, Projekten und Vernetzungen in den Mitgliedskirchen und zwischen den Mitgliedskirchen bestehen und die Themenbereiche „Armut und Reichtum“, „Klimagerechtigkeit“ und „gerechten Frieden“ behandeln. Die Erfahrungen mit der „Dekade zur Überwindung von Gewalt" sollen für diese „Pilgerschaft“ aufgenommen werden. Darum sind die Mitgliedskirchen und alle anderen ökumenischen Akteure auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene eingeladen, sich an diesem „Pilgerweg“ zu beteiligen. Da dieser Prozess zugleich ein spiritueller und poltischer sein soll, wurde der Begriff „Pilgerschaft“ („pilgrimage of justice and peace“) gewählt. Dieser Vorschlag an die Vollversammlung wurde wesentlich durch einen Brief der Delegierten des Zentralausschusses aus Deutschland angestoßen, der als „recommendation“ mit verabschiedet wurde. Der Zentralausschuss hat die Vorlage einer revidierten Verfassung des ÖRK für die Vollversammlung verabschiedet. Sie beseitigt Unklarheiten in der Definition der Aufgaben von Zentralausschuss, Exekutivkommitee, Generalsekretär und Präsidenten, die in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten geführt haben. Die Vollversammlung tritt nun nur noch alle acht Jahre, der Zentralausschuss nur noch alle zwei Jahre und das Exekutivkommittee halbjährlich zusammen. Die Kommissionen (Faith and Order, Weltmission und Evangelisation, Internationale Angelegenheiten) sind durch eine regelmäßige Berichtspflicht stärker an den Zentralausschuss und seine strategischen Vorgaben gebunden. Die Ökumenischen Dienste („specialized ministries“) sind stärker in die Arbeit des Zentralausschusses und des Executivkommittees eingebunden. Auch der weltweite Zusammenschluss der Entwicklungswerke (ACT-Alliance) ist nun mit Gast- und Rederecht in beiden Gremien vertreten. Die durch den Zusammenbruch des Pensionsfonds ausgelöste Finanzkrise ist insoweit behoben, als mit dem sehr günstigen Kredit einer Schweizer Bank von 24 Millionen Schweizer Franken alle Ruheständler und aktiven Mitarbeitenden in eine Schweizer Pensionskasse überführt werden konnten. Der Kredit soll in fünf Jahren aus dem Erlös aus dem Verkauf eines Teils des zur Zeit in einem Planungsprozess zu einer alternativen Bebauung befindlichen Grundstücks in Genf zurückgezahlt werden. Das dann beplante Grundstück wird ein Vielfaches des Wertes des Kredites haben.

(52) Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland hat sich in ihrer Arbeit konsolidiert. In besonderer Weise hat sich der „Ökumenische Tag der Schöpfung“ etabliert, der in diesem Jahr Anfang September in Nagold auf dem Gelände der Landesgartenschau gefeiert wurde. Der Tag der Schöpfung – auf Anregungen des Ökumenischen Patriarchen von den orthodoxen Geschwistern initiiert – gewinnt zunehmend an öffentlicher Wahrnehmung und Bedeutung. Der Tag zeigt in besondere Weise die Möglichkeiten der ACK, grundlegende Anliegen aller Christen gemeinsam öffentlich zu machen. Die ACK engagiert sich in diesem Sinne in der Friedensdekade, im Gebet für die Einheit der Christen und im Kontakt zu Gemeinden anderer Sprache und Herkunft. Derzeit wird im Arbeitsfeld des Interreligiösen Dialoges das Projekt „Weißt Du wer ich bin?“ evaluiert und nach Bedingungen eines Folgeprojektes gefragt.


2.3 Den Dialog mit den Partnerkirchen pflegen

(53) Zu einem ersten offiziellen Treffen kam vom 1. bis 3. April 2012 der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) Gottfried Locher mit dem Ratsvorsitzenden Präses Nikolaus Schneider in Hannover zusammen. Die Delegationen erörterten u.a. gemeinsame Interessen im Blick auf die Neu- und Ausgestaltung der internationalen ökumenischen Verbünde ÖRK, GEKE und KEK. Bei der Begegnung der beiden Delegationen wurde ein Partnerschaftsvertrag zwischen den Evangelischen Kirchen der Schweiz und Deutschlands auf den Weg gebracht. Dieser Vertrag trat am 1. September 2012 in Kraft und ist ein Meilenstein in der Beziehung beider Kirchen. Neben verbindlichen Vereinbarungen über die Zusammenarbeit auf allen Ebenen wird mit dem Vertrag u.a. die grundsätzliche Möglichkeit eröffnet, dass Schweizer Pfarrerinnen und Pfarrer sich zukünftig auf Auslandspfarrstellen der EKD bewerben können. Bei der Begegnung entstand auch die Initiative, gemeinsam eine internationale theologische Konferenz zum Reformationsjubiläum durchzuführen. Diese Konferenz soll im Oktober 2013 in der Schweiz stattfinden.

(54) Die Meissen Kommission der EKD und der Church of England hat am Ende ihres vierten Fünfjahresturnus einen Ausführlichen Bericht ihrer Arbeit vorgelegt. Weiterhin erfreulich ist die enge Zusammenarbeit, neuerdings auch bei Schulen und in der Religionspädagogik, die in den nächsten Jahren bis zum Reformationsjubiläum auch die Themenjahre der Reformationsdekade zum Inhalt haben wird. Ein wichtiges Signal für die Versöhnungsarbeit im Rahmen des Meissen-Prozesses war im Mai 2012 die Teilnahme einer EKD-Delegation an den Feierlichkeiten zum 50. Weihe-Jubiläum der nach dem 2. Weltkrieg neu errichteten Kathedrale von Coventry.

(55) Im Mai 2012 fand in Uppsala und Stockholm eine zweitägige turnusmäßige Begegnung der Kirche von Schweden und der EKD statt, die durch den schwedischen Erzbischof Anders Wejryd und den Ratsvorsitzenden der EKD geleitet wurde. Wichtige Themen waren hier u.a. die mögliche und erwünschte Kooperation bei der Neuausrichtung von ÖRK und KEK sowie der Wunsch nach engerer Zusammenarbeit und damit einhergehender Synergieeffekte im Bereich der Auslandsgemeindearbeit.

(56) In seiner Sitzung vom 30.6.2012 hat der Rat beschlossen, den Dialog mit der Russisch Orthodoxen Kirche wieder aufzunehmen. Die Einladung des Moskauer Patriarchates zu einer Dialogbegegnung vom 8. bis 13.12.2012 in Rostow am Don wurde im Mai dieses Jahres bei einem bilateralen Arbeitsgruppentreffen ausgesprochen. Als Thema der Dialogbegegnung wurde vereinbart: „Christliche Kirchen in einer multikulturellen Gesellschaft“. Die Dialogbegegnung wird von alternierend verantworteten Morgen- und Abendgebeten gerahmt und gliedert sich in acht Sitzungen mit Referaten. In einem Gespräch zwischen Bischof Schindehütte und Igumen Filaret, dem stellvertretenden Leiter des Außenamtes der ROK, wurde die EKD-Presseerklärung vom 21.8.2012 zum Prozess gegen die drei vor einem Moskauer Gericht angeklagten Punk-Musikerinnen und der Haltung der Russischen Orthodoxen Kirche im thematisiert. Bischof Schindehütte hatte in der Erklärung zum einen die Aktion eindeutig verurteilt zugleich aber für einen „deutlich gelasseneren und nachsichtigeren Umgang mit solchen Provokationen“ plädiert und die russische Kirche aufgefordert, sich für die Freilassung der Frauen einzusetzen. Igumen Filaret hob hervor, die russische Kirche sehe sich einer antireligiösen Kampagne ausgesetzt und habe keinen Einfluss auf das Gericht genommen. Man kam überein, die hinter den Irritationen liegenden Fragen des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft im Rahmen des nächsten Dialoges zu besprechen, die konkrete Aktion jedoch nicht zum Gegenstand weiterer öffentlicher Debatten zu machen.

(57) Zum Ökumenischen Patriarchat (Griechisch Orthodoxe Kirche) bestehen exzellente Beziehungen, die durch einen Besuch des Ratsvorsitzenden in Istanbul im Dezember 2011 gestärkt und bestätigt wurden. Vom Ökumenischen Patriarchen sind starke Impulse für einen spirituellen und politischen Zugang zu Schritten zur Bewahrung der Schöpfung ausgegangen. Seine Impulse waren wesentlich für den „Tag der Schöpfung“, den die ACK seit drei Jahren ausrichtet (s. oben). Sein Vortrag beim Zentralausschuss des ÖRK im September auf Kreta hat diese grundlegende ökumenische Orientierung eindrücklich deutlich gemacht.

(58) Nachdem sich im November 2011 die lutherischen Kirchen im Bereich der GUS auf der Basis eines internationalen zwischenkirchlichen Vertrags neu konstituiert haben, wird die kritische Überprüfung der alten zentralen Strukturen (Verwaltung, Ausbildung, Vertragsschlüsse) durch die EKD begleitet. Die Entsendungen der EKD aus Deutschland werden überprüft. Begleitet wird die Verantwortungsübernahme durch einheimische Kräfte (z.B. in Kaliningrad). Aktuell bietet – zumindest in Russland – die Möglichkeit der Eigentumsrückgabe eine Perspektive wachsender wirtschaftlicher Selbständigkeit der Gemeinden vor Ort. Eine ständige Herausforderung stellt die rechtliche Absicherung der mit inzwischen ca. 15.000 Mitgliedern klein gewordenen Kirchen im Bereich der GUS dar.

(59) Seit 2011 wird die Spendenaktion unter dem Namen „Hoffnung für Osteuropa“ nur noch regional auf landeskirchlicher Ebene weitergeführt. Die Evangelische Kommission für Mittel- und Osteuropa (EKMOE) hatte bei der bisherigen zentralen Aktion noch beschließende Kompetenzen. Nach Wegfall der zentralen Aktion wurde diese Kommission in eine vom Kirchenamt der EKD in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk der EKD gemeinsam verantwortete Konferenz umgewandelt. Sie soll dem gegenseitigen Informationsaustausch der in diesem Bereich engagierten kirchlichen Vereinigungen und Werke dienen und Gelegenheit zu Absprachen und Koordination bieten. Die Wirksamkeit dieser Konferenz soll in drei Jahren überprüft werden.

(60) Der Ratsvorsitzende nahm im Dezember 2011 am 150jährigen Jubiläum der Kreuzkirche in Istanbul teil. Die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei bemüht sich zurzeit intensiv, ihr Grundstück im zentralen Stadtteil Beyoğlu rechtlich zu sichern. Dazu ist es erforderlich, dass sie in der Türkei einen entsprechenden Rechtsstatus erhält. Im Rahmen seines Istanbul-Besuchs traf der Ratsvorsitzende auch mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Seine Allheiligkeit Bartholomaios I.,zusammen (s. oben).

(61) Im April feierte die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde in Ägypten das 100jährige Jubiläum ihrer Kirche in Kairo. Diese Feierlichkeiten sind angesichts der Transformationsprozesse in Ägypten ein ermutigendes Zeichen, dass es für die Christen in der arabischen Welt auch eine Zukunft geben wird. Unsere Glaubensgeschwister im Nahe Osten benötigen aber weiter unseren Beistand. Dies gilt vor allem für Ägypten und Syrien, weiterhin aber auch für den Irak und für das Heilige Land. Die Jubiläen unserer Auslandsgemeinden in jedem Jahr zeigen, welch lange evangelische Tradition in diesen Gemeinden gepflegt wird. Sie zeigen aber vor allem auch, wie lebendig und innovativ deutschsprachige Gemeinden weltweit auf der Basis von Freiwilligkeit und ehrenamtlichem Engagement agieren. Dieser Dienst zeigt auf beeindruckende Weise, welche Weite von Milieus und ökumenischer Orientierung erreicht werden kann. In Kairo wurde anlässlich des Jubiläums die musikhistorisch wertvolle Walcker-Orgel renoviert. In den Auslandsgemeinden finden sich häufig Architektur, Glocken und Orgelbau, die in Deutschland durch zwei Weltkriege verloren gegangen sind.

(62) Vom 28.-30.9.2011 fand in der evangelischen Akademie Hofgeismar eine Tagung statt, bei der die Ergebnisse des Studienprozesses zur Aufarbeitung der Rolle der deutschen evangelischen Auslandsarbeit im kolonialen südlichen Afrika vorgestellt und diskutiert wurden. Der Rat der EKD hatte diesen Prozesses 2007 beschlossen und einige Landeskirchen sowie Missionswerke aus Deutschland und die lutherischen Kirchen in Südafrika und Namibia als Mitträger gewonnen. Die wissenschaftliche Arbeit wurde von einem wissenschaftlichen Beirat verantwortet, in dem Historiker und Kirchengeschichtler aus Deutschland und dem südlichen Afrika zusammenarbeiteten. Im Rahmen einer feierlichen Buchpräsentation nahmen die 13 Träger in Hofgeismar die Ergebnisse in der Form eines 700-seitigen Sammelbandes mit dem Titel „Deutsche evangelische Kirche im kolonialen südlichen Afrika“ entgegen. Der Ratsvorsitzende hatte in seinem Vorwort des Sammelbandes seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass „…die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit allen Beteiligten hilft, als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch Schuld – unsere eigene und die unserer Vorfahren – zu erkennen, Vergebung zu erbitten und zu gewähren“. Im September 2012 fand die Veröffentlichung der englischen Ausgabe des Sammelbandes in Windhoek in Namibia statt – ebenfalls verbunden mit einer Auswertungstagung. Die Träger des Studienprozesses wie auch der Rat der EKD haben inzwischen beschlossen, nach Abschluss dieses ersten Studienprozesses einen Studienprozess zur Aufarbeitung der Rolle der Kirchen während der Apartheidszeit anzuschließen. Angesichts der Verwerfungen der Vergangenheit nicht zuletzt auch zwischen einigen Trägern ist dies als ein ermutigender Schritt zu sehen.


2.4 In Israel und Jerusalem für den Frieden arbeiten – Engagement der EKD in Jerusalem

(63) Am 2.September wurde der Freiburger Pfarrer Wolfgang Schmidt im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in das Amt als Propst in Jerusalem eingeführt. Die Einführung nahm der Kuratoriumsvorsitzende der Evangelischen Jerusalem-Stiftung, Landesbischof a.D. Dr. Johannes Friedrich, vor. Von Jerusalem aus ist Propst Schmidt für die deutschsprachige Gemeinde in Israel, den palästinensischen Gebieten und in Jordanien zuständig. Zugleich leitet er die Arbeit der der EKD zugeordneten und unter dem Titel „Evangelisch in Jerusalem“ zusammenwirkenden Stiftungen und Arbeitsbereiche. Dazu gehören u.a. das im christlich-jüdischen Dialog verwurzelte Programm „Studium in Israel“ und das Pilger- und Touristenzentrum. Jerusalem ist der einzige Auslandsstandort, an dem die EKD ein Team von Entsandten zur Betreuung der vielfältigen Aktivitäten einsetzt.

(64) Die der EKD zugeordneten Stiftungen in Jerusalem (die Evangelische Jerusalem-Stiftung, die Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung und das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, dazu das christlich-jüdische Programm „Studium in Israel“) bilden unter dem Namen „Evangelisch in Jerusalem“ weiterhin einen Schwerpunkt in der Auslandsarbeit der EKD. Um vor allem das Engagement auf dem großen Gelände auf dem Ölberg in Jerusalem fortzuentwickeln, hat der Rat der EKD eine Strategiegruppe eingesetzt. Für die Zukunft gilt es, in sensibler Weise an dem für die Christenheit besonderen Ort Jerusalem eigene Akzente und ein erkennbares Profil zu zeigen, zugleich aber auch ökumenischen Verpflichtungen nachzukommen und dem diakonischen Erbe vor Ort gerecht zu werden. Auch der rechtliche Status der EKD-nahen Einrichtungen bedarf einer Klärung.

(65) Im Juni ist, nach mehrjähriger gemeinsamer Arbeit von EKD, UEK und EKD, die Studie „Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion“ durch die Gremien verabschiedet worden. Sie richtet sich an eine breite Öffentlichkeit jenseits der Expertenkreise des christlich-jüdischen Dialogs. Der Text soll zu eigenständiger Urteilsbildung in aktuellen Problemlagen ermutigen und befähigen. Problemstellungen und offene Fragen sind deutlich von Teilen mit fundierten Informationen zu unterscheiden. Er erscheint im Gütersloher Verlagshaus und wird im Vorfeld der Synode an die Synodalen verschickt werden.


2.5 Den Dialog der Religionen fördern

(66) Jährlich wird von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen, die ein außerordentlich hohes Renommee genießt, insofern sie an Menschen verliehen wird, die sich in besonderer Weise für die Verständigung zwischen Juden und Christen einsetzen. Im Jahr 2012 wurde in Leipzig die Medaille an den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Vorsitzenden des Rates der EKD, Dr. h.c. Nikolaus Schneider, verliehen – in Anerkennung seines Einsatzes für die Entwicklung des jüdisch-christlichen Verhältnisses. Damit wurde zugleich auch die besondere Rolle des Rheinischen Synodalbeschlusses von 1980 gewürdigt, der die Diskussion zur Bedeutung Israels für die christliche Theologie in wegweisender Form vorangebracht hat. Der Rat der EKD gratulierte Präses Schneider zu diesem Anlass. 

(67) Es hat sich auf Anregung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit seit einigen Jahren die segensreiche Tradition herausgebildet, dass es am Tag nach der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille eine Begegnung der beiden Rabbinerkonferenzen in Deutschland (der ORD, also der Orthodoxen Rabbinerkonferenz und der ARK, der Allgemeinen Rabbinerkonferenz) mit Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und Vertreterinnen und Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt. Diese Begegnungen haben immer einen internen Teil, in dem dieser Personenkreis ein zuvor verabredetes Thema aus den unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und diskutiert. Alle zwei Jahre schließt sich daran ein öffentlicher Teil an, der Referat und Grußworte zu einem anderen, nicht zwingend verwandten Thema aus verschiedenen Perspektiven vorträgt. Im Jahre 2012 wurde im internen Teil das Thema „Fragen des Umweltschutzes in jüdischer und christlicher Perspektive“ diskutiert, wobei sich herausstellte, dass es sehr viel Übereinstimmung in den referierten Positionen gab. Im öffentlichen Teil wurde eingeladen zum Thema „Religion in der demokratischen Gesellschaft“, wobei das Ratsmitglied Uwe Michelsen das Grußwort für die EKD sprach und Bischof DR. Heinrich Mussinghoff aus Aachen den Hauptvortrag hielt.

(68) Nach fast vier Jahren Unterbrechung fand am 21.6.2012 auf Einladung des Koordinierungsrates der Muslime das fünfte offizielle Gespräch des Ratsvorsitzenden mit Vertretern des Islam in Deutschland, diesmal in der DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh, statt. Die Gastgeber äußerten die Erwartung, dass nach der Klärung von Unstimmigkeiten in den zurückliegenden Jahren künftige Gespräche vor allem der Suche nach gemeinsamen Zielen dienen mögen. Der Dialog auf Leitungsebene solle Hilfestellung für lokale Kontakte bieten und Vertrauen fördern. Die muslimische Seite erhoffe sich kirchliche Unterstützung in der Überwindung von Problemen und Benachteiligungen vor Ort. Dialogprojekte könnten vorbildhaft wirken. Der Ratsvorsitzende lobte die Begegnungsarbeit der Moschee und sprach eine Reihe aktueller gesellschaftlicher Fragen sowie die Stellungnahmen islamischer Verbände dazu an. Er befürwortete eine Weiterführung der Initiative „Weißt du, wer ich bin?“ und zeigte sich offen für ein Treffen von Leitungspersönlichkeiten der Religionsgemeinschaften. Das Jahresthema 2013 „Reformation und Toleranz“ im Rahmen der Lutherdekade böte gute Möglichkeiten für interreligiöse Kontakte. Verabredet wurde die Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe, die prüfen soll, welche Themen zu bearbeiten, ob gemeinsame Stellungnahmen zu bestimmten Problemen möglich sind und wie eine schnelle Rücksprache in Konfliktfällen gewährleistet werden kann. Die Einbindung anderer Kirchen bedarf noch der Klärung. Ein weiteres Gespräch ist auf Einladung der EKD für den 25.6.2013 in Berlin vorgesehen.

(69) Unter dem Titel „Protestantismus erfahren – Tour 2012“ (englische Fassung: „Exploring the Tradition of the Reformation in Germany – A Journey from Nuremberg to Berlin“) hat die EKD zusammen mit der Evangelischen Akademie zu Berlin im April 2012 einen neuen Ansatz im interreligiösen Dialog erprobt. Dieser besteht darin, vor allem muslimische, aber auch christliche Schlüsselpersonen aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, vor allem solche, die in Ausbildung und Lehre, in Dialogorganisationen, in der Öffentlichkeitsarbeit oder in leitenden Funktionen tätig sind, zu einer Fahrt durch einen Teil Deutschlands einzuladen, bei dem Orte aufgesucht werden, die spezifische Profile des reformatorischen Protestantismus zeigen. So soll dieser Zielgruppe die gegenwärtige Gestalt protestantischen Christentums im Kontext seiner historischen Entwicklung sichtbar und verstehbar gemacht werden. Die gemeinsame Fahrt mit einer von Bischof Schindehütte geleiteten deutschen Begleitgruppe führte von Nürnberg über Dresden, Halle/Saale und Wittenberg nach Berlin. Die Teilnehmer, 5 Frauen und 10 Männern aus Ägypten, dem Iran, dem Libanon, aus Saudi-Arabien, der Türkei und Deutschland, waren sehr beeindruckt von den Themen protestantischer Identität, die bei dieser Fahrt durch vielfältige Medien und Begegnungen veranschaulicht wurden. Die gemeinsame Teilnahme an Gebeten und Gottesdiensten wurde von allen als besonders eindrucksvoll beschrieben. Die verbleibenden Jahre bis zum Reformationsjubiläum bieten die Möglichkeit, diese interessanten Erfahrungen zu wiederholen und auch entsprechende Begegnungen in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens durchzuführen.

(70) Im Auftrag des Rates der EKD wurde – getragen durch die Evangelische Akademie Loccum und federführend durchgeführt durch deren früheren Direktor – ein „Europäisch-Arabischer Dialog“ ins Leben gerufen. Er knüpft an einen Trialog zwischen der EKD, der Church of England und dem Institut für Interreligiösen Dialog in Teheran und einen langjährigen deutsch-ägyptischen Dialog an, führt diese zusammen und setzt sie fort. Durch die tiefgreifenden Umwälzungen in der arabischen Welt hat dieser Dialog ungeahnte Bedeutung gewonnen. Im April fand in Kairo ein erster Kongress statt mit Teilnehmenden aus verschiedenen arabischen und europäischen Ländern. Zentrale Fragestellungen dieses Dialogs sind die Rolle zivilgesellschaftlicher Kräfte für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und die Rolle von Kirchen und Religionsgemeinschaften in diesem Prozess. Federführender Partner auf arabischer Seite ist die “Coptic Evangelical Organization for Social Services (CEOSS)” in Kairo.

(71) Der Rat der EKD hatte 2010 Bischof Dr. Martin Hein gebeten, im „European Council of Religious Leaders (ECRL)“ mitzuwirken, um die interreligiöse Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu verstärken, da zu erwarten ist, dass in den kommenden Jahren die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften in Europa eine verstärkte Bedeutung erhalten werde. Der Council of Religious Leaders war 2002 von dem norwegischen Bischof em. Gunnar Stålsett, Oslo, gegründet und durch Kirche und Staat in Norwegen nennenswert gefördert worden. Ihm gehört eine große Zahl renommierter religiöser Leitungspersönlichkeiten aus ganz Europa an. Bei der Jahrestagung des European Council of Religious Leaders vom 7.-10. Mai 2012 in Sarajevo wurde Pfr. Dr. h.c. Thomas Wipf, Präsident der Gemeinschaft Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE), zum neuen Moderator von ECRL gewählt. Gleichzeitig wurde von dem neuen Moderator sowie von Bischof Hein ein mit der EKD abgestimmtes Statement vorgelegt, das auf eine stärkere Verbindung des ECRL mit den Strukturen der Religionsgemeinschaften in Europa wie der bestehenden europäischen Kooperationen in diesem Feld, vor allem den existierenden kirchlichen Zusammenschlüssen wie KEK, GEKE und CCEE, zielt. Diesem Dokument wurde in Sarajevo im Grundsatz zugestimmt und eine Arbeitsgruppe für die Umsetzung der notwendigen Schritte eingerichtet. Zu diesen Schritten gehört auch die Frage der künftigen Finanzierung der Arbeit des Councils. Die Bedeutung des Treffens der Vertreter der Religionsgemeinschaften in Sarajevo wurde durch die Eröffnung durch ein Mitglied des Staatspräsidiums und einen Empfang durch den Außenminister unterstrichen.

(72) In Nigeria gab es im Berichtszeitraum immer wieder Anschläge gegen christliche Gemeinden und andere besorgniserregende Ereignisse zu verzeichnen. Darauf hat die EKD mehrfach in besonderer Weise reagiert: Bereits während der Weihnachtstage 2011 kamen bei Anschlägen auf verschiedene Kirchen durch die islamistisch-terroristische Vereinigung Boko Haram mindestens 40 Personen ums Leben. Der EKD-Auslandsbischof hat sich seitdem mehrfach zur Lage geäußert, zuletzt mit der Forderung der sofortigen Freilassung des Pfarrers und Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten David Ugolor, der trotz Gerichtsbeschluss zur Freilassung weiter in Haft gehalten wurde. Mit Freude konnte festgestellt werden, dass er wenige Tage später das Gefängnis verlassen konnte.

(73) Die bedrückende Lage im von Bürgerkrieg betroffenen Syrien berührt die ökumenische Arbeit der EKD in vielfältiger Weise. Schon im März 2012 forderte der Vorsitzende der Kammer für Migration und Integration, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, einen Abschiebestopp für Syrer, die bereits in Deutschland lebten, und die Aussetzung des syrisch-deutschen Rückübernahme-Abkommens. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Norbert Trelle, mahnte er im September 2012 weitere Unterstützungsmaßnahmen zur Entlastung der Anrainerstaaten wie Jordanien, die Türkei und den Libanon an. Zugleich solle Flüchtlingen in Europa Zuflucht gewährt werden, die in Syrien vor Beginn des Bürgerkriegs Zuflucht gesucht haben, etwa aus dem Irak, Afghanistan, Somalia oder dem Sudan. Schließlich traten die beiden Geistlichen gemeinsam für eine unbürokratische Hilfe bei der Familienzusammenführung ein.

(74) Nach der Gründung der Republik Süd Sudan zeigt sich noch stärker als je erwartet, wie wichtig die Versöhnungsarbeit unter den Christen aber auch mit der abgetrennten Republik Sudan im Norden ist. Die Situation der in der Republik Sudan verbliebenen Christen entwickelt sich unter dem streng islamischen Regime äußerst schwierig. Dazu kommen noch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten. Der Sudanbeauftragte des Rates, Oberkirchenrat Volker Faigle, und das Kirchenamt der EKD begleiten die dortigen Vorgänge in enger Zusammenarbeit mit dem Sudanesischen Kirchenrat, dem ÖRK, der Allafrikanischen Kirchenkonferenz und dem Evangelischen Zentrum für Entwicklung und Diakonie. Der Sudanbeauftragte ist vom Sudanesischen Kirchenrat gebeten worden, sich maßgeblich an der Neuordnung der Beziehungen der sudanesischen Kirchen zu ihren ökumenischen Partnern zu beteiligen. Das Sudan Ecumenical Forum (SEF) konnte vor wenigen Tagen seine 25. Sudankonferenz in Hermannsburg begehen, die international wieder große Beachtung fand.

(75) Die Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen, welche auf Beschluss von Synode, Rat und Kirchenkonferenz der EKD seit 2009 jeweils am 2. Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) allen Gemeinden vom Kirchenamt der EKD empfohlen wird, stellte im Jahr 2012 die Situation der christlichen Minderheiten in der Maghreb-Region in den Mittelpunkt. Noch sind die Folgen des arabischen Frühlings für viele Länder Nordafrikas nicht absehbar. Bestimmend für die Situation der christlichen Minderheit in den Kernländern des Maghreb, Tunesien, Marokko und Algerien, ist die Tatsache, dass der Islam weiterhin als Staatsreligion gilt. Entsprechend ist die Bekehrung von Muslimen unter Strafe gestellt. Auch wenn die historischen christlichen Kirchen im Maghreb offiziell anerkannt sind, bleiben sie doch abhängig vom Wohlwollen der staatlichen Autoritäten. So sind Christen beispielsweise im Familienrecht behördlicher Willkür und Diskriminierungen ausgesetzt. Das Kirchenamt hatte in Kooperation mit dem Evangelischen Missionswerk in Deutschland, den Ämtern der VELKD und der UEK sowie mit der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen eine Materialhilfe zur Gestaltung der Fürbitte mit Hintergrundinformationen zur Situation in den Maghreb-Ländern erstellt, welche erstmals sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache erschienen ist.

(76) Im Einsatz für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit wird das Kirchenamt der EKD immer wieder auch in Einzelfällen aktiv. So wurde zugunsten des iranischen Predigers Youcef Nadarkhani bei der iranischen Botschaft interveniert, der aufgrund seines christliches Wirkens in einer nicht offiziell anerkannten Kirche inhaftiert und 2010 zum Tode verurteilt worden war. Der Ratsvorsitzende wandte sich gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz in einem Brief an den höchsten Geistlichen der iranischen Justizbehörden, mit dem Appell, das Todesurteil gegen Nadarkhani aufzuheben. Unmittelbar vor der Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen an Reminiszere hatte der Ratsvorsitzende zudem in einer Pressemitteilung vom 1.2.2012 auf die Lage von Nadarkhani hingewiesen und zu Gebeten für ihn aufgerufen. Nadarkhani wurde am 8.9.2012 vom Vorwurf der Apostasie freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen.