Bericht des Rates, Teil A - mündlich

5. Tagung der 11. Synode der EKD, Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

I. Theologische Vorbemerkungen

RedigiertemFassung

Nikolaus Schneider

Liebe Frau Präses, hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder! „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“   Zeitfragen und Zeitansagen – So möchte ich meinen Bericht überschreiben.

In diesen Wochen klingt das Themenjahr „Reformation und Musik“ aus, ein schönes und intensives Jahr, das die Möglichkeit bot, einen zentralen Grundzug des Protestantismus zu zeigen: Wir singen und musizieren gern! Die, die mich kennen, werden jetzt vielleicht schmunzeln, weil ich jeden Chor durcheinanderbringe, aber auch ich singe richtig gerne.

Im gemeinsamen Singen und Musizieren antworten Menschen „mit Herzen, Mund und Händen“[1] darauf, dass Gott durch sein Wort mit ihnen redet!

Viele von Ihnen haben musikalische Höhepunkte in den letzten Monaten miterlebt. Die deutschlandweite Konzertstaffel 366+1, Gospelkirchentage und ungezählte Konzerte an vielen Orten unserer Landeskirchen haben der Kirchenmusik neue Impulse gegeben und manche kirchenferne Menschen zu neuen Glaubens-Erfahrungen eingeladen. Das ausklingende Themenjahr ist mir Anlass, den vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitwirkenden an musikalischen „Hoch-Zeiten“ in unserer Kirche ganz herzlich zu danken für ihr Engagement und die Kompetenz, die sie eingebracht haben.

Zugleich hat es mich motiviert, den mündlichen Ratsbericht in diesem Jahr an dem Text eines Gemeindeliedes entlang zu gliedern. Es ist das Lied „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ (EG 66). Die theologische Gewissheit und die tiefe Herzensfrömmigkeit, die in diesem altvertrauten Text von Johann Konrad Allendorf (1693-1773) verdichtet sind, können auch heute notwendige Zeitfragen und Zeitansagen unserer Kirche inspirieren.

„Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.“ (EG 66, 1)

Mit dem Jubelruf „Jesus ist kommen!“ gibt uns Allendorf in allen Versen seines Liedes eine Antwort auf das grundsätzliche Fragen der Religionen: Wie wird Menschen eine Gottes-Erkenntnis überhaupt möglich? Und wie werden Menschen dazu fähig, angemessen über Gottes Wort nachzudenken und von Gott zu reden?

Dreh- und Angelpunkt für die Antwort des christlichen Glaubens auf dieses Fragen ist das Bekenntnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Jesus Christus ist „Grund ewiger Freude“, denn in Jesus Christus vereinen sich Gottheit und Menschheit. Auf diese Weise kommt Gott den Menschen unüberbietbar nahe. In Jesus Christus hat Gott seine Ewigkeit untrennbar mit der Zeitlichkeit und der Zeit von Menschen und Welt verbunden.

Das Phänomen der Zeit gehört wohl zu den faszinierenden Gegebenheiten dieser Welt. Ihm versuchen sich bis heute Naturwissenschaften, Philosophie und selbst die Literatur in immer neuen Denkmodellen zu nähern. Christenmenschen verstehen die Zeit weder als einen vorgegebenen endlosen Kreislauf noch als eine zufällige Aneinanderreihung punktueller Erfahrungen und Veränderungen. „A und O, Anfang und Ende“ der Zeit liegen für uns in Gottes Hand – das gilt für die Zeit der Welt wie für die Lebenszeit eines und einer jeden von uns. Wir verstehen die Zeit als „chronos“, als vergehende Zeit, die allen Menschen zu einer verantwortlichen Gestaltung anvertraut ist. In dieser Zeit hoffen Christinnen und Christen immer wieder neu auf gesegnete Zeit, auf einen „kairos“, der uns das ewige Gottesreich schmecken lässt. Und wir vertrauen auf Gottes Geist, der – als „der rechte Zeitgeist“, wie Dietrich Bonhoeffer das sagte – uns in allen unseren Zeitfragen und Zeitansagen begleitet und inspiriert: damit unsere kirchlichen Zeitansagen nicht einer Selbstsäkularisierung Vorschub leisten, sondern in aller notwendigen Weltverbundenheit vom Kommen Jesu Christi und dem offenen Himmel erzählen.

Fußnoten:
1 vgl. EG 321