Bericht des Rates, Teil A - mündlich

5. Tagung der 11. Synode der EKD, Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

II. Zeitfragen und Zeitansagen

Nikolaus Schneider

II.1 Gott-Vergessenheit und kulturelle Amnesie

„Jesus ist kommen, nun springen die Bande,
Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden;
Er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande;
Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“ (EG 66,2)

Mit dem Kommen Jesu Christi verlieren die Bande und die Stricke des Todes, die das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen fesseln, ihre absolute Macht. Der „Durchbrecher“ ist Allendorfs Ehrentitel für Jesus Christus. Das Kommen Jesu hat gleichsam die Wand durchbrochen, die uns Menschen von Gott trennte. Im Vertrauen auf Jesus Christus gewinnt der Mensch einen freien Zugang zu Gott und wird genau darin auch frei für den Nächsten und sich selbst. Die Barmer Theologische Erklärung formuliert diesen Zusammenhang so: „… durch ihn [Jesus Christus] widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ (Barmen II). Indem Gott in Jesus Christus zum Menschen kommt, wird der Mensch verwandelt, hinein in die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“, wie es beim Apostel Paulus heißt (Röm 8,21).

Doch mitunter entsteht heute der Eindruck, dass diese herrliche Freiheit der Kinder Gottes weder gesehen noch begehrt wird. Es will so scheinen, dass Menschen sich abgefunden haben mit den „gottlosen Bindungen dieser Welt“ oder sich darin einrichten. Stellt euch vor, Gott kommt und niemanden interessiert's!

Wie steht es um den Gottesglauben in unseren Tagen? Die jüngsten Untersuchungen zum Gottesglauben heutiger Menschen in Deutschland zeigen: Es gibt eine Unkenntnis Gottes in zweiter und dritter Generation. Vor allem in den östlichen Bundesländern, aber auch in manchen Stadtteilen westlicher Großstädte lässt sich eine religiöse Kultur wahrnehmen, in der nicht erst theologische Antworten, sondern schon die Frage nach Gott für viele Menschen schlicht unverständlich ist. Gott, Glaube, Kirche sind Teil einer Fremdsprache, mit der manche Menschen genauso viel oder wenig anfangen können wie mit Mandarin oder Kisuaheli. Zugleich gibt es vielfältige Mischungen religiöser Versatzstücke, in denen Fragen religiöser oder gar konfessioneller Herkunft ebenso irrelevant sind wie ein Anspruch auf inhaltliche Konsistenz. Menschen „switchen“ zwischen Christentum, Buddhismus, Esoterik, Spiritismus, Magie wie man von ZDF zu RTL oder Pro Sieben umschaltet. Nun habe ich hier nicht alle Sender genannt, aber ich hoffe, die ARD nimmt mir das nicht übel. .

Der Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbar gemacht hat, lässt sich jedoch nicht gebrauchen wie ein Talisman oder ein Glücksamulett, die Menschen Segen oder Schutz garantieren sollen. Gott entzieht sich allen menschlichen Versuchen, ihn gleichsam „quadratisch, praktisch, gut“ zur Förderung oder Absicherung persönlicher Interessen in die Lebensplanung und Lebensgestaltung einzubauen. Johann Baptist Metz hat besonders eindringlich von einer „Zeit der Gotteskrise“ gesprochen, wobei für ihn diese Gotteskrise eng verknüpft ist mit einer gefährdeten Erinnerungskultur. Denn Erinnerungen sind in einer posttraditionalistischen Gesellschaft immer eine gefährdete, eine verletzliche Kategorie[2]. Für Metz ist die Gott-Vergessenheit eingezeichnet in eine sich insgesamt ausbreitende kulturelle Amnesie, eine Vergesslichkeit, in der Menschen „immer weniger ihr eigenes Gedächtnis und immer mehr nur noch ihr eigenes Experiment sind“.[3]

Vergesslichkeit aber führt in eine „Totalität der Gegenwart“ und in eine „Absolutheit des Jetzt“, die weder Zeit für den Blick zurück noch Hoffnung für den Blick nach oben hat. Leben wird zur Fortsetzung der immer gleichen Gegenwart. Und Zukunft ist nur noch verbunden mit der Hoffnung, dass die zu erwartenden Katastrophen noch etwas ausbleiben mögen.

Was bleibt, wenn das Vergessen die kulturelle Signatur und die reine Gegenwärtigkeit das bestimmende Lebensgefühl werden? Was bedeutet eine gesellschaftliche Vergesslichkeitskultur für uns Christen und Christinnen und für unseren Glauben? Bleiben am Ende lediglich „Spuren von Gottesvermissungen in Zeiten der Gotteskrise“[4] übrig – wie Johann Baptist Metz sagt –, ein letztes Wetterleuchten vor der gänzlichen Verdunkelung des Himmels, ein Nachhall einer großen Aufführung?

Die Frage nach Gott aufrichtig zu stellen und die Sehnsucht nach Gott wach zu halten – das ist und bleibt eine zentrale Aufgabe unserer Kirche, der Kirchen überhaupt. Dabei gibt es allerdings auch die Gefahr einer Selbstsäkularisierung in unserer Rede von Gott, wenn das theologische Reden einen immer freundlichen, nur harmlosen, kumpelhaften Gott verkündigt. Wenn Theologie Gott nicht mehr nah und fremd zugleich sein lässt, wenn sie ihn nicht zugleich vertraut und verstörend sein lässt, dann nimmt sie ihrer Rede von Gott mitunter die Tiefenschärfe. Das führt dazu, dass Menschen in Krisen und Grenzsituationen ihres Lebens an Gott zweifeln und verzweifeln. Die Gotteskrise ist auch die Krise eines verharmlosenden Gottesbildes. Und eine Kirche, die es sich mit Gott zu leicht macht, überzeugt die Seele eines sehnsüchtigen Menschen nicht und arbeitet damit unabsichtlich einem weiteren Vergessen Gottes zu.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gab es eine theologische Bewegung – die „Dialektische Theologie“ –, die die Rede von dem liebenden und menschennahen Gott wieder unlöslich mit der Rede von dem unverfügbaren, fremden, abständigen Gott verband. „Gott ist immer auch der ganz Andere“, das war gleichsam ihr cantus firmus. Und ich bin davon überzeugt, dass wir diese Einsicht für unsere heutigen Zeitfragen und Zeitansagen nicht aufgeben dürfen.

Angesichts der Gott-Vergessenheit und des christlichen Traditionsabbruchs unserer Zeit brauchen wir eine neue Kreativität für das Zur-Sprache-Bringen der Befreiung, die uns Menschen im Kommen Christi zu Teil wurde. Wir brauchen eine theologische Sprache von Gott, die elementarisiert, ohne zu simplifizieren. Man kann dieses Zur-Sprache-Bringen der „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ als Neuevangelisation bezeichnen, man kann es als missionarischen Aufbruch deklarieren oder als Reform der Kirche an Haupt und Gliedern titulieren – wir haben viele Namen für den Umgang mit dieser Grundherausforderung unser Tage. Entscheidend ist, dass wir nach Gott fragen und von Gott reden in einer „Zeit der Gotteskrise“, in der wir in ganz neuer Weise mit einer Vergesslichkeit der Welt rechnen müssen und darum mit der Gottessuche immer wieder „mit dem Anfang anfangen“ – gemeint ist Jesus Christus – wie es Karl Barth formulierte.


II.2  Gott-Bestreitung und neuer Atheismus

„Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.
Hochgelobt sei der erbarmende Gott,
der uns den Ursprung des Segens gegeben;
dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod.
Selig, die ihm sich beständig ergeben!
Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.“ (EG 66,8)

Die Bestreitung Gottes als Schöpfer und HERRN der Welt führt zur Vergötzung der Natur und des Menschen. Der „Urknall“ wird als „Ursach zum Leben“, die menschliche Kreativität und Geisteskraft als „Ursprung des Segens“ der Gottesfurcht und dem Gotteslob entgegengesetzt. Ein vermeintlich notwendiger Abschied von Gott und vermeintlich religionsfreie, rein diesseitige und anthropozentrische Überzeugungen aber bieten nachweislich keine Garantie dafür, dass Humanität im menschlichen Miteinander und in unserer Gesellschaft gestärkt wird. Das gehört zu den historischen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Mit Allendorfs Choral preisen Christinnen und Christen bis heute die Menschen „selig“, die im Kommen Jesu den Grund eines gesegneten Lebens erkennen und die sich gerade in den dunklen Stunden ihres Lebens – in „Fluch, Jammer und Tod“ – an den erbarmenden Gott wenden können.

Nicht erst seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Erfurt im vergangenen Jahr hat die EKD in ökumenischer Gemeinsamkeit die Frage nach der Existenz Gottes als theologische Schlüsselfrage unserer Zeit erkannt. War der junge Mönch Martin Luther noch von der Frage umgetrieben, wie er einen gnädigen Gott finden könne, so sind viele Menschen heute umgetrieben von der Frage, ob es Gott überhaupt geben könne. Und es gibt nicht wenige Zeitgenossen, die den Glauben an Gott zu einer Art chemischer Funktion – unter Umständen sogar zu einer Fehlfunktion – der Botenstoffe im Gehirn erklären. Andere kritisieren jeglichen Gottesglauben als eine Art Sinnes- und Selbsttäuschung mit den fatalen Folgen von Realitätsverlust, Engstirnigkeit und unkritischer Traditionshörigkeit.

Lange Zeit schien es, als sei der aggressive Atheismus, der das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte, überwunden. Verstärkt aber tauchen heute wieder alte Polemiken in neuem Gewand auf. Danach kommen Wissenschaft gegen Glauben und Rationalität gegen Religion zu stehen. Das führt bei manchen Parteien oder Verbänden zu der Forderung nach einem laizistischen Staat und einer „religionsbereinigten Gesellschaft“, die Religion lediglich in den Grenzen der bloßen vier Wände dulden. Religionslosigkeit wird als „Normalzustand“ von Gesellschaft gefordert.

Zusammen mit jüdischen und muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern treten Christinnen und Christen ein für das Recht auf positive, sichtbare Religionsausübung in der Gesellschaft. Wir wissen es zu schätzen, in einem demokratischen und religiös neutralen Staat zu leben, der aber bewusst kein laizistischer Staat ist, sondern mit dem wir gut und freundschaftlich verbunden sind. Neben ganz vielen positiven Seiten einer vernünftigen Zusammenarbeit will ich auch auf eines hinweisen: Ein Abdrängen der Religion ins Private kann die Konsequenz haben, dass die aggressiven oder fundamentalistischen Fehlformen von Religion, die es in allen Glaubensrichtungen gibt, in Hinterhöfen oder in Parallelgesellschaften entstehen und gepflegt werden. Deswegen setzt sich die EKD ein für öffentlich zugängliche Predigten in deutscher Sprache, für jüdischen und islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, für akademische islamische und jüdische Theologie.

Wir treten für eine offene Gesellschaft ein, in der Religionen und atheistische Weltanschauungen in einem kritischen Diskurs miteinander stehen und zugleich gesetzliche Grundlagen geschaffen und erhalten werden, die eine freie Religionsausübung sichern und schützen.

Allerdings gilt auch: Wer für den Anspruch auf gesellschaftliche Öffentlichkeit von Religion eintritt und damit auch das solidarische Miteinander und den Zusammenhalt einer Gesellschaft stärken will, wird immer darauf zu achten haben, welche konkrete Gestaltung und Ausprägung eine Religion hat, und er wird allen Formen von Fundamentalismus entgegentreten.

Ich ergänze: So wie Christinnen und Christen weder für die Provokationen eines den Koran verachtenden Pfarrers Terry Jones in Amerika noch für den dumm-provokanten Film über den Propheten Mohammed in Haftung genommen werden können, so können Muslime nicht pauschal für kriminelle Aktivitäten von Salafisten in unserem Land und für die Provokationen einzelner islamischer Gruppen in anderen Ländern verurteilt werden. Lasst uns darauf achten, das sind Einzelne. Ein großer Schaden, der mit dem neuen Atheismus einhergeht, ist, dass die Religionen undifferenziert beurteilt und damit eine beunruhigende Pauschalität begünstigt werden. Denn es gibt weder die Christen noch die Muslime, sondern immer nur einzelne, konkrete Menschen mit ihren Haltungen und Handlungen.

Natürlich sind gewalttätige Reaktionen auf Provokationen nicht zu dulden, und es bedarf des energischen Einschreitens dagegen. Unsere Pressefreiheit sollten wir also auf keinen Fall infrage stellen lassen. Aber zugleich sollte die Sensibilität für die Verletzungen des religiösen Bewusstseins und religiöser Gefühle ebenso gestärkt werden wie die innere Fähigkeit aller Religionen, mit Provokationen gelassener und souveräner umzugehen. Hier muss man sagen: Der Koordinationsrat der Muslime hat sich zu den letzten Provokationen auch entsprechend geäußert.

Eine aggressiv-religionskritische Haltung hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten auch während der Diskussion um das Thema „Beschneidung“ gezeigt. Es gibt ganz unterschiedliche Ansatzpunkte, sich mit dieser Frage zu beschäftigen: medizinische, ethische, rechtliche, theologische. Es geht um Religionsfreiheit, eines der zentralen Grund- und Menschenrechte. Es geht aber auch um das hohe Schutzgut der körperlichen Unversehrtheit von Kindern. Es geht um das Grundrecht der elterlichen Erziehung, auch und gerade der religiösen Erziehung, und es geht um die Pflicht der Eltern, für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen. Und es geht auch darum, dass religiöses Leben von Jüdinnen, Juden und Muslimen in unserer Gesellschaft möglich bleibt. Alle diese Aspekte sind unter Wahrung des Rechts und des sozialen Friedens in unserer pluralen Gesellschaft miteinander in Einklang zu bringen.

Dementsprechend haben sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Zielrichtungen an der Diskussion beteiligt, oft sehr kundig und sachlich, aber nicht selten auch polemisch und in unsachlicher Weise verkürzend. Ich habe nicht wenige Briefe bekommen, in denen Intoleranz und Aggressivität gegenüber Judentum und Islam, ja gegenüber Religion überhaupt spürbar wurden und wo ganz selbstverständlich vorausgesetzt wurde, dass nichtreligiöse Erziehung sozusagen das Normale und jede religiöse Erziehung begründungspflichtig, also etwas Besonderes, sei. Auf die Idee, dass es von vornherein auch um das Kindeswohl gehen kann, kommen manche überhaupt nicht. Das ist ein erschreckender Befund.

Für uns Christinnen und Christen gilt in Sachen Beschneidung das, was Paulus im Galaterbrief klargestellt hat. Die Beschneidung hat für den christlichen Glauben keine Heilsbedeutung: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

Auf dem Hintergrund dieser Gewissheit respektiert die EKD jedoch die grundlegende Bedeutung der Beschneidung von Jungen für andere Weltreligionen. Deshalb hat die EKD die Entscheidung des Landgerichts Köln vom Mai dieses Jahres kritisiert, und deshalb begrüßt sie den vorliegenden Gesetzentwurf der Bundesregierung. Er lässt die Freiheit der Religionsausübung unberührt, er findet einen Ausgleich zwischen elterlichem Erziehungsrecht und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und berücksichtigt das Kindeswohl. Zweifellos bleiben noch Fragen offen; aber entscheidend ist, dass die gesetzliche Regelung zur Beschneidung dazu beiträgt, das gute Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen in unserer Gesellschaft zu fördern.

Ich bin nicht ganz sicher, wie die Rechtslage in allen übrigen Ländern ist, aber  es wäre schon fatal, wenn unser Land das einzige wäre, in dem es Gesetze oder Urteile gibt, die eine religiöse Beschneidung und damit jüdisches Leben nicht ermöglichen und in denen muslimisches Leben infrage gestellt wird.


II.3 Gottsuche in Grenzsituationen des Lebens

„Jesus ist kommen, der Fürste des Lebens,
sein Tod verschlinget den ewigen Tod.
Gibt uns, ach höret’s doch ja nicht vergebens,
ewiges Leben, der freundliche Gott.
Glaubt ihm, so macht er ein Ende des Bebens.
Jesus ist kommen, der Fürste des Lebens.“ (EG 66,4)

Die Bibel kennt die Suche nach Gott in menschlichen Grenzsituationen. Gerade dann, wenn der Tod nach uns oder nach dem Leben eines von uns geliebten Menschen greift, fragten und fragen Menschen ganz existenziell nach Gottes Menschennähe und nach Erfahrungen seiner unzerstörbaren Lebens-Macht.

„Jesus ist kommen“ – das heißt für Allendorf auch: Unser vergängliches Leben auf dieser Erde ist untrennbar gebunden an ewiges Leben im Gottesreich. Das Evangelium bezeugt uns, dass Gottes Lebensmacht sich im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi zugleich verborgen und offenbart hat. Kreuz und Auferstehung gehören untrennbar zusammen, wenn wir in Grenzsituationen nach Gott suchen.

Es ist der Tod Christi, der den ewigen Tod von uns Menschen verschlingt. Und es ist der Glaube an die Auferstehung Christi, der unser angstvolles Beben angesichts des Todes nicht zu abgrundtiefer Verzweiflung werden lässt. Der Auferstehungsglaube schenkt Christenmenschen die Kraft, sich getrost den Grenzsituationen des eigenen Lebens zu stellen. Und er ruft Christenmenschen in die Verantwortung, im Diskurs mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen für unser Land nach lebensdienlichen und menschenfreundlichen gesetzlichen Regelungen an den Grenzen des Lebens zu suchen.

Zu drei aktuellen Fragen, die Grenzsituationen des Lebens betreffen, möchte ich die Positionen der EKD verdeutlichen:

Erstens. Nachdem im vergangenen Jahr der Bundestag nach einer kontroversen Debatte das Präimplantationsdiagnostikgesetz (PID) verabschiedet hatte, legte der Bundesgesundheitsminister im Juli 2012 den Entwurf einer „Rechtsverordnung zur rechtmäßigen Durchführung der Präimplantationsdiagnostik“ vor, der die Umsetzung des Gesetzes regeln soll. Die EKD hält eine solche Rechtsverordnung zur Organisation und zum Verfahren einer ausnahmsweise nicht rechtswidrigen Durchführung einer PID für wichtig, weil dadurch den Betroffenen Rechts- und Verhaltenssicherheit gegeben wird. Allerdings hat sie kritisiert, dass die nachzuweisende Indikation und die Grenzen des Indikationsbereiches nicht konkretisiert werden, dass die Zahl der PID-Zentren nicht begrenzt wird und dass ein starkes Übergewicht von Medizinern in der Besetzung der Ethikkommissionen besteht. Die anwesenden Politikerinnen und Politiker bitte ich ganz herzlich, an diesen Stellen mit aufzupassen, dass da nachgebessert wird.

Es ist zu hoffen, dass das Bundesgesundheitsministerium die kritischen Einwände aufnimmt, die auch in der Anhörung am 23. August 2012 zur Sprache kamen. Wir plädieren deshalb für einen gründlich überarbeiteten Entwurf, der die Absicht des Gesetzgebers besser aufnimmt, PID auf wenige Einzelfälle zu begrenzen.

Zweitens. Im August 2012 legte die Bundesregierung einen „Gesetzentwurf zur Strafbarkeit der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ vor. Danach soll ein neuer Straftatbestand im Strafgesetzbuch geschaffen werden, der die gewerbsmäßige, also auf Gewinnerzielung ausgerichtete Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt.

Die EKD begrüßt diese Initiative der Bundesregierung, der kommerzialisierten Hilfe zur Selbsttötung rechtlich entgegenzuwirken. Zu kritisieren ist allerdings, dass der Gesetzentwurf nur die gewerbsmäßige, nicht aber die geschäftsmäßige, also die auf Wiederholung ausgerichtete Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellt.

Nach unserer Überzeugung sollte es das vorrangige Ziel von Sterbebegleitung sein, Schmerzen von todkranken Menschen zu lindern und ihnen mitmenschliche Zuwendung zu schenken. Sterbende können so ermutigt werden, das Ende ihres irdischen Lebens Gott anzuvertrauen und von einer Selbsttötung Abstand zu nehmen. Ich finde, das muss das Normale sein, worum wir uns bemühen.

Gleichwohl wird es Situationen geben, in denen auch Christen und Christinnen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihnen eine mitfühlende und seelsorgliche Begleitung nicht verweigern. Da kommen wir an Grenzen, aber ich finde, das müssen wir machen.

Drittens: Am 1. November trat eine neue Regelung zur Organtransplantation in Kraft. Die erweiterte Zustimmungsregelung wurde zu einer Entscheidungsregelung modifiziert. Menschen ab dem 16. Lebensjahr werden in regelmäßigen Abständen durch ihre Krankenkassen nach ihrer Bereitschaft zur Organspende befragt. Dies ist keine leichte Entscheidung und es gibt für Christinnen und Christen gute Gründe, die eine oder andere Haltung zu dieser Frage einzunehmen. Nach christlichem Verständnis sind das Leben und damit der Körper des Menschen ein Geschenk Gottes. Diesen kann und darf er aus Liebe zum Nächsten und aus Solidarität mit Kranken einsetzen. Eine Entnahme von Organen verletzt nicht die Würde des Menschen und stört nicht die Ruhe der Toten. Unsere Hoffnung auf die Auferstehung bleibt davon unberührt.

Es gibt aber auch keine christliche Verpflichtung zur Organspende. Christinnen und Christen können der Organspende zustimmen, sie können sie ablehnen, sie können die Frage aber auch unbeantwortet lassen. Alle Freiheit dem Gewissen.

Ich persönlich habe mich für das Ausfüllen eines Organspendeausweises schon vor vielen Jahren entschieden, weil ich überzeugt bin, dass Gott meine alten Organe nicht braucht, wenn er mir nach dem Tod ein neues Leben schenkt und weil ich weiß, dass meine Organe anderen Menschen Lebenszeit schenken können.

Wir Menschen sind Geschöpfe Gottes, unser Leben ist ein Geschenk Gottes. Auch wenn wir in dieser Gewissheit leben, so wird uns unser Leben gerade in Grenzsituationen vor besondere Herausforderungen stellen. Auch solche belastenden Situationen können wir getrost annehmen im Vertrauen auf Jesus, den „Fürste des Lebens“. In diesen Situationen brauchen wir nicht nur rechtliche Regelungen, sondern vor allem, meine ich, brauchen wir Gottesfurcht und Liebe. Danach müssen wir uns verhalten und entscheiden.


II.4 Selbstkritik und Toleranz

„Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden,
Sünden der ganzen Welt träget dies Lamm.
Sündern die ewge Erlösung zu finden,
stirbt es aus Liebe am blutigen Stamm.
Abgrund der Liebe, wer kann dich ergründen?
Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden.“ (EG 66,6)

Von den „Sünden der ganzen Welt“ zu reden, wirkt heute anachronistisch. Fehler der Menschen, natürlich, auch Schwächen, davon kann man reden; das signalisiert Verständnis, weil doch alle Menschen Fehler und Schwächen haben. Aber „Sünden der ganzen Welt“, für die Jesus sich „aus Liebe“ opfert? Was kann das meinen?

Die Schwierigkeiten des Verstehens mögen auch daran liegen, dass mit „Sünde“ oft nur moralische Verfehlung und ethisches Versagen verbunden wird: vom Verkehrssünder bis zur Sünde des vielen Essens redet der Volksmund von der Sünde. In der Tradition aber bedeutete Sünde zuerst Abwendung und Trennung von Gott. Jesu Kommen offenbart Menschen einen Weg umzukehren, sich Gott zuzuwenden, nicht länger getrennt von Gott, sondern im Bund mit Gott zu leben. Dazu braucht es allerdings die Einsicht, dass wir Menschen nicht aus eigener Kraft und Vollkommenheit Gott erreichen und das Gottesreich errichten können. Selbstkritisch müssen wir uns und einander eingestehen: Wir können uns nicht selbst aus der Süde der Gottferne erlösen. Nur weil Gott uns in Jesus Christus entgegenkam, weil Jesus Christus in seinem Sterben am Kreuz die Sünde der Gottferne auf sich nahm und durchlitt, nur deshalb können wir Menschen in dem Auferstandenen „ewige Erlösung“ von unserer Sünde finden. „Jesus ist kommen“ und stirbt am Kreuz aus Liebe zu den Menschen und für unsere Sünden – dieses christliche Glaubensbekenntnis war offensichtlich zu allen Zeiten unserer Kirchen- und Theologiegeschichte nicht mit dem menschlichen Verstand zu begreifen. „Abgrund der Liebe, wer kann dich ergründen?“, so fragt Allendorf zu Recht in diesem Liedvers. Und auch für unser theologisches Denken und Reden heute wird und muss die Kreuzestheologie ein notwendiger Stachel bleiben gegen alle Versuche, Gottes Heilshandeln in logische und widerspruchsfreie Gedankenkonstrukte zu fassen.

Das Anerkenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit ist meines Erachtens eine unverzichtbare Wurzel für eine selbstkritische und tolerante Lebenshaltung. Das gilt für unser individuelles Leben wie auch für das Leben unserer Kirche. Auch deswegen wird die EKD im Zuge der Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 das nun eingeläutete Themenjahr „Reformation und Toleranz“ in doppelter Weise aufnehmen: Zum einen wollen wir uns selbstkritisch unserer eigenen Geschichte der Intoleranz stellen. Wer sich mit Martin Luther und der Reformationszeit, noch mehr aber mit dem folgenden konfessionellen Zeitalter beschäftigt, der wird sich auch der Scham- und Schuldgeschichte stellen müssen, die mit diesem Aufbruch in die moderne Welt verbunden war. Die Reformation hat in ihrer ganzen Intoleranz gegenüber den Täuferbewegungen, den Juden und den Türken, gegenüber den berechtigten Anliegen der Bauern und auch gegenüber den Wahrheitsmomenten der damaligen Papstkirche einen sehr intoleranten Ton angeschlagen und Gewalt gerechtfertigt.

Natürlich, zum Streiten gehören immer zwei und die „Gnade der späten Geburt“ darf uns nicht zu einer Selbstgerechtigkeit verführen, die über die damaligen Menschen den Stab bricht. Aber heute geht es nicht um parteiliches Aufrechnen, sondern darum, von der Scham zu reden. Von der Scham, die sich einstellt, wenn man die Hasstiraden liest, die damals nach Rom ebenso abgeschickt wurden wie nach Zürich oder Genf oder von der brutalen Intoleranz der jeweils gerade Oberhand gewinnenden Partei. Wir haben lange, angesichts der Opfer viel zu lange gebraucht, bis wir als Christenheit die Lektion der Selbstkritik und der Toleranz gelernt haben.

Zum anderen wollen wir deutlich machen: Toleranz bedeutet nicht ein gleichgültiges Dulden und Ertragen anderer Meinungen. Vielmehr ist Toleranz eine aktive Aufgabe, das jeweils Andere, Fremde und Unverständliche verstehen und respektieren zu wollen. Die EKD tritt für diesen aktiven Begriff von Toleranz ein, was nicht bedeutet, alles und jedes Andere zu akzeptieren. Selbstkritik, Toleranz, Dialog und streitbarer Diskurs gehören für uns zusammen.

Dieses Verständnis von Toleranz aber fordern wir nicht nur von uns selbst, sondern auch von allen anderen Religionen und Weltanschauungen. Ich will daher deutlich sagen, dass uns die in vielen muslimischen, aber auch in atheistischen Ländern wie China und Nordkorea verstärkt auftretende Intoleranz, Diskriminierung, ja sogar Verfolgung von Christinnen und Christen sehr bekümmert. Wir fordern – nicht zuletzt aus der Geschichte unserer eigenen Intoleranz heraus – von allen Religionen und Staaten die Bereitschaft, freie Religionsausübung zu ermöglichen, wozu auch das Recht eines jeden Menschen gehört, seine Religion zu wechseln. Er darf nicht mit dem Tod rechnen müssen.

Niemand sollte mit unlauteren Mitteln Menschen zum Wechsel ihrer Religion überreden wollen und niemand sollte aus unlauteren Gründen einen Wechsel der Religion vornehmen. Aber jede und jeder muss unbedrängt und gefahrlos die Möglichkeit haben, frei den Glauben zu leben und die Religion zu wählen. Und zum Leben im christlichen Glauben gehört auch die Freiheit, vom Kommen Jesu Christi zu erzählen, auch und gerade von seinem Leben, Sterben und Auferstehen allen Menschen und der ganzen Welt zur Erlösung.


II.5 Notwendige Transformation der Gesellschaft

„Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden:
komme, wen dürstet, und trinke, wer will!
Holet für euren so giftigen Schaden
Gnade aus dieser unendlichen Füll!
Hier kann das Herze sich laben und baden.
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.“ (EG 66,7)

Mit Jesu Kommen macht Gott offenbar: Er will seine Menschen mit Gnade aus „dieser unendlichen Füll“ beschenken. Und Jesus zeigt in vielen seiner Bildworte, Gleichnisse und Wunder, dass alle Menschen, die zu ihm kommen, satt werden an Leib und Seele. Gewiss, wir sind nicht Jesus, und mit unserem Entscheiden und Handeln bricht das Gottesreich nicht an. Aber wir tragen Verantwortung für die Verkündigung des in Jesus angebrochenen Gottesreiches. Wir können Menschen nicht vollmundig die unendliche Fülle der Gnade Gottes verkündigen und dabei tatenlos zusehen, wie sie am Mangel von Brot, Wasser und medizinischer Versorgung elendig krepieren – und das sind etwa 24.000 Menschen pro Tag! Das sind Zahlen der FAO von 2007. Sie sagen uns, es sind tendenziell mehr geworden wegen des Steigens der Lebensmittelpreise und all den Problemen, die wir kennen, dass zum Beispiel Weizen nicht in den Tank gehört, sondern Brot werden soll.

„Diakonie“ und „Brot für die Welt“ bleiben Kernaufgaben unserer Kirche.

Zugleich erleben wir in unserem Land, dass jeden Tag Tonnen von Lebensmitteln im Müll landen, dass Wasser und Energie verschwendet werden, dass Menschen maßlos werden im Blick auf die Absicherung und Steigerung ihres ganz persönlichen Lebensstandards.

Auch deshalb haben der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer gemeinsamen Erklärung zur Rio plus 20 Konferenz eine „Ethik des Genug“ gefordert. Jeder Mensch dieser Erde soll „genug“ zum Leben haben. Das klingt plausibel. Jedoch: Was ist genug, was ist zu viel und was ist zu wenig? Immerhin: Was unter dem Maßstab der gleichen Lebensrechte für alle Menschen „zu viel“ und was „zu wenig“ ist, dazu gibt es klare Fakten. Die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen inzwischen 70 Prozent der natürlichen Ressourcen, die ärmsten 20 Prozent müssen mit zwei Prozent der Ressourcen auskommen. Die Effekte des Klimawandels verschärfen die sozialen globalen Ungleichheiten und erschweren die Bekämpfung der weltweiten Armut. Zumal Asyl wegen Armut, Hunger oder dem Verlust der Lebensgrundlagen nicht gewährt wird.

Für Christinnen und Christen, die Gott als den HERRN der Welt und als Vater aller Menschen bekennen, sind diese Fakten ein Skandal, die sie zu Widerspruch und Umkehr rufen. Wir brauchen eine Nachhaltigkeit, die sich auch dafür verantwortlich weiß, dass die Armen „genug“ bekommen, so dass sie gut leben können. Ein rücksichtloses Streben nach grenzenlosem Wachstum für die schon jetzt mit einem hohen Lebensstandard gesegneten Völker ist mit der uns in der Bibel bezeugten Parteinahme Gottes für Arme und Notleidende nicht vereinbar. Und es ist auch mit einem christlichen Menschen- und Weltbild nicht vereinbar, wenn die reichen Industrienationen die Einigung auf Grenzwerte und Reduktionsziele aus egoistischen Motiven verhindern.

Deswegen plädieren die christlichen Kirchen – gemeinsam mit vielen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren – dafür, andere und neue Maßstäbe für Lebensqualität, Wachstum, Wohlstand und Bewertung von wirtschaftlichem Erfolg zu suchen. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass diese Themen in der Vorbereitung auf die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im kommenden Jahr eine wesentliche Rolle spielen.

In der Klimadenkschrift der EKD „Umkehr zum Leben“ wurde grundsätzlich festgestellt: „Das Wachstum, das in der Form der Wachstumsrate des realen, also preisbereinigten Bruttoinlandsproduktes (BIP) zum vorherrschenden Ziel der Politik und der Wirtschaft geworden ist, ist als Leitbild einer nachhaltigen zukunftsfähigen Gesellschaft nicht geeignet. (…) Das BIP ist kein Maß für Wohlfahrt und kein Maß für Lebensqualität“, und wenn ja, dann nur für eine dünne Schicht. Wir kennen alle Probleme, die damit verbunden sind. Wir arbeiten mit daran, neue Formen und neue Maßstäbe zu finden, und wir wissen, wie schwer es ist.

Unser Beitrag für eine neue Lebensqualität besteht auch darin, die Politik für eine Energiewende zu unterstützen und zu fördern. Damit ist aber auch die Verpflichtung für uns verbunden, die schwierigen und belastenden Diskussionen um die richtigen Wege und Methoden konstruktiv zu begleiten. Ich will das nicht im einzelnen ausführen, sie kennen alle die Probleme, wie ist das mit den Windparks und so weiter. Aber das ist genau der richtige Ansatz. Wir wollen sie darin stärken, ermutigen und das unsere tun.


II.6 Ökumenische Gemeinschaft mit unserer römisch-katholischen Schwesterkirche

„Jesus ist kommen, der König der Ehren;
Himmel und Erde, rühmt seine Gewalt!
Dieser Beherrscher kann Herzen bekehren;
öffnet ihm Tore und Türen fein bald!
Denkt doch, er will euch die Krone gewähren.
Jesus ist kommen, der König der Ehren.“ (EG 66,5)

Es verbindet die Freikirchen und Pfingstler, die Orthodoxie, die römisch-katholische Kirche und die Kirchen der Reformation, dass sie Christus als Haupt der Kirche bekennen. Und alle christlichen Kirchen streben danach, auch durch ihre Ordnungen und Strukturen der Welt ein Zeugnis zu geben von der Königsherrschaft Jesu Christi im Himmel und auf der Erde.

Orientierung auch für die äußere Gestalt der Kirche findet sich in der Heiligen Schrift – nur wird von verschiedenen Konfessionen diese Orientierung an unterschiedlichen Textstellen gesucht oder gleiche Texte werden unterschiedlich gedeutet. Weil heute die meisten Christenmenschen ihre konfessionelle Bindung nicht mehr für heilsentscheidend halten, leiden viele Menschen – gerade auch in unserem Land – unter der Trennung der Kirchen. Sie fragen und suchen nach neuer Einheit in Vielfalt – um des Ruhmes und der Herrschaft Christi willen und um einer konfessionsverbindenden Gemeinschaft in Familien und Gemeinden willen. Diese Einschätzung gilt für das Miteinander aller christlichen Kirchen. Im Folgenden will ich mich aber auf das ökumenische Miteinander mit der römisch-katholischen Kirche konzentrieren.

Die Vorstellungen von der anzustrebenden Einheit in Vielfalt sind zwischen den beiden großen christlichen Kirchen umstritten – das war auch ein Grund für die evangelische Kirche, bei der Begegnung mit Papst Benedikt XVI. in Erfurt das Leitbild einer „Ökumene der Gaben“ ins Spiel zu bringen. Die evangelische Seite vertritt bei aller internen Differenzierung ein Verständnis, nach dem die Einheit in Jesus Christus als Grund der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche immer schon gegeben ist. Die in Jesus Christus vorgegebene Einheit lässt die konkreten Gestaltungen in evangeliumsgemäßer Vielfalt von Kirchen zu. Und die Schrift mit ihren differenten Vorstellungen kirchlicher Struktur fordert auf, Grund und Gestalt von Kirche nicht zu vermischen. Dagegen vertreten die römisch-katholischen Geschwister die Überzeugung, dass die Vielfalt nur dann evangeliumsgemäß sei, wenn die Einheit auch sichtbar in einer einheitlichen Gestalt und in Zuordnung zum päpstlichen Amt zum Ausdruck kommt. Man wird nüchtern eingestehen müssen, dass wir gegenwärtig diese unterschiedlichen Einschätzungen des Zieles der Ökumene nicht überwinden können. Das ist enttäuschend, gerade wenn gleichzeitig gilt: Uns eint mehr als uns trennt.

„Ökumene jetzt – ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“, diese Wortmeldung eines Kreises prominenter Menschen aus den beiden großen Kirchen ist Ausdruck und Folge dieser Enttäuschung, und sie reagiert auf die Erfahrung unterschiedlicher ökumenischer Geschwindigkeiten – in den Gemeinden und in kleinen Kreisen erleben wir anderes als bei offiziellen Begegnungen –, und sie artikuliert eine Sehnsucht nach mehr. Die Erinnerung an die Erneuerungen durch das Zweite Vatikanum vor 50 Jahren und die bevorstehende 500. Wiederkehr des Thesenanschlags durch Martin Luther in Wittenberg als die Welt verändernde Ereignisse sind ihnen Anlass für ihre Initiative. Die Unterzeichnenden sind der Ansicht, dass die Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung der Kirchen nicht mehr rechtfertigen. Die vorhandene geistliche Einheit bedürfe jetzt einer sichtbaren Gestalt.

Den Autorinnen und Autoren dieses Appells danke ich für ihr Engagement und die darin zum Ausdruck gebrachte Identifikation mit ihren Kirchen. Die Begrenztheit der Initiative besteht nach meiner Überzeugung jedoch darin, dass sie die konkreten Probleme unseres ökumenischen Prozesses ausklammert. Denn ohne eine theologische Verständigung darüber, wie die in der Initiative geforderte „Einheit“ von Glaube und Kirche gestaltet werden kann, werden viele der Forderungen im Sande verlaufen. Deswegen brauchen wir theologische Verständigung und Gottes guten Geist, und wir sind hier bei den Fragen des Amtes, und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Das unterschiedliche Verständnis von Einheit in der Vielfalt der Kirchen führt auch zu unterschiedlichen Bewertungen der Reformation und des Reformationsjubiläums 2017: Für die römisch-katholischen Geschwister ist die in Reformation und Gegenreformation verloren gegangene Einheit der westlichen Kirche kein Grund zum Feiern, sondern ein auch mit Kummer zu bedenkendes „Datum“, sodass sie lediglich von einem Reformationsgedenken sprechen wollen. Die Kirchen der Reformation sehen im Thesenanschlag Luthers einen zentralen Schritt, um aus einer theologisch unhaltbaren Situation der westlichen Christenheit im Spätmittelalter herauszufinden. Dieser Schritt war keineswegs mit der Absicht der Neugründung einer Kirche verbunden, sondern es ging zuerst und vor allem um wesentliche theologische Einsichten und geistliche Erneuerungen der einen katholischen Kirche. Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlages konzentrieren wir deshalb auf die theologischen Fragen einer heutigen Umkehr zu Christus und das können wir feiern, und zwar wir beide, lieber Bruder Glück, und das können wir auch mit den Bischöfen feiern. Ich werde nicht müde, genau darum zu werben, dass sie diesen Weg auch mitgehen können.

Mit Freude nehme ich Zeichen einer Bereitschaft beider Kirchen wahr, die unterschiedlichen Zugänge zu diesem Datum im Geiste einer Ökumene der Gaben nicht zu Gegensätzen werden zu lassen.

Dafür stehen neben den vielen ökumenischen Aktivitäten an der Basis der Gemeinden die jüngsten offiziellen Verabredungen zwischen der Deutschen katholischen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD: Gemeinsam werden die beiden großen Kirchen im Jahr 2013 eine Schrift herausgeben, in der besonders das herausgestellt wird, was wir theologisch gemeinsam sagen und bekennen können. Unter dem Arbeitstitel „Was jeder vom Christentum wissen sollte“ wird also eine Art „kleiner ökumenischer Katechismus“ entstehen. Verabredet ist weiterhin für das Jahr 2015 eine gemeinsame Konzentration auf die heilige Schrift in Gestalt eines Bibelkongresses.

In diesen Tagen ist eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingesetzt worden, die sich der Frage zuwendet, ob es auf dem Weg zum Reformationsjubiläum einen gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst geben könne, der all die Verletzungen vor Gott bekennt, die sich die beiden großen Kirchen im Laufe der 500 Jahre angetan haben. Unter dem Stichwort „healing of memories“ geht es um den Versuch, ein aufrichtiges und selbstkritisches Erinnern anzuregen, die gegenseitigen Verletzungen wahrhaftig zu benennen und sie mit der Bitte um Vergebung vor Gott zu stellen. Orientierung dafür können wir an dem 2010 vom Lutherischen Weltbund (LWB) und dem mennonitischen Weltverband gefeierten Versöhnungsgottesdient gewinnen.

Meine Ausführungen zur ökumenischen Situation sollen nicht enden, ohne ausdrücklich unsere große Mitfreude über das Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ausdruck zu bringen. Die römisch-katholischen Geschwister werden in den Jahren 2012 bis 2015 dieses großartigen Ereignisses vor 50 Jahren gedenken. Sie sollen wissen, dass auch die evangelische Kirche dieses Konzil für ein Jahrhundertereignis hält. Die evangelische Kirche erinnert mit großem Respekt den ökumenischen Aufbruch, der in den Texten des Konzils zum Ausdruck kommt. Sie begrüßt ausdrücklich die Verknüpfung der Erinnerung an den 50. Jahrestag des Konzilsbeginns mit der Eröffnung einer Bischofssynode in Rom, die die Neuevangelisierung zum Hauptthema hatte. Denn auch so verstehen wir viele Beschlüsse des Konzils: als einen Aufbruch in die Welt, um „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen VI). Und wir hoffen darauf, dass der Geist des Konzils weiter wirksam bleibt und dass im Diskurs um das rechte Verständnis des Konzils der Geist der „Verheutigung“, wie das Wort „aggiornamento“ übersetzt wird, zu neuen Anstößen führt. Denn ich bin überzeugt: Wer in diesem Geist auf die Reformation schaut, der wird nicht nur theologische Gemeinsamkeiten erkennen, sondern auch die Reformation als Quelle und Impuls zu würdigen verstehen.


Fußnoten:

2  vgl. J.B.Metz: Im Eingedenken fremden Leids, in: Ders., Johann Reikerstorfer, Jürgen Werbick: Gottesrede, LIT-Verlag Münster, 2. Aufl. 2001, S. 6.
3  a.a.O., S. 7.
4  a.a.O. S. 17.