5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Das Reformationsjubiläum – ein Ereignis von Weltrang – Schlaglichter auf 2017

Rvd. Canon Dr. Leslie Nathaniel, Church of England

05. November 2012

Verehrte Präses Göring-Eckardt, verehrte Frau Bundeskanzlerin, vereehrter Präses Schneider, verehrte Synodale, liebe Schwestern und Brüder in Christus,


Es ist mir eine große Ehre, Ihnen die Grüße der Kirche von England, besonders von den Erzbischöfen Rowan Williams und John Sentamu, von Bishop Christopher Hill, Vorsitzender des Council for Christian Unity und von Bishop Nicholas Baines, Ko-Vorsitzender der Meissen Kommission überbringen zu dürfen. Gerne entspreche ich der Bitte, aus der Perspektive der Kirche von England das 500-jährige Reformationsjubiläum der EKD zu beleuchten. Es gibt für die Kirche von England allen Grund dieses Jubiläum wahrzunehmen.

Die Kirche in England ist seit ihren romanisch britischen Anfängen im 2. und 3. Jh. nicht isoliert von der kirchlichen Tradition des Westens zu denken. Vor allem mit der erfolgreichen Missionierung durch Augustinus von Canterbury ab dem ausgehenden 6. Jh., wurde die Kirche von England als integrales Teil der römischen Westkirche von Entwicklungen in der Theologie, Liturgie, Architektur und dem monastischen Leben beeinflusst.

Katalysator für den Bruch der Kirche in England mit Rom war in der Tat Heinrichs VIII. heikles Ehe- und Nachfolgeproblem. Reformatorisches Gedankengut fand jedoch bereits seit dem auslaufenden 14. Jh. den Weg über den Ärmelkanal. Unter anderem befassten sich William Tyndale und Thomas Cranmer als Erzbischof von Canterbury unter Heinrich und Edward VI. intensiv mit Luthers Theologie, vor allem der Rechtfertigungslehre, und die weiteren Entwicklungen in Kirche und Staat sind nur auf dem Hintergrund der fortlaufenden Einflüsse aus den kontinentalen Reformationsbewegungen auf englische Theologen zu verstehen. Dazu kamen starke nationale Sympathien der Tudorzeit für die göttliche Berufung des Monarchen als kirchliches sowie weltliches Oberhaupt.

Unter Elizabeth der I. bekam die Kirche von England ihre mehr oder weniger bis heute erhaltene Identität, auf die ihre Tradition als ‚katholisch und reformiert‘ beruht: Katholisch weil sie die patristische und mittelalterliche Überlieferungen in den altkirchlichen Bekenntnissen, der Form der Ämter der Kirche und in der Liturgie beibehielt. Als ‚reformiert’ gilt sie vornehmlich wegen ihrer theologischen Überzeugungen. In ihrer Geschichte galt es, – und es ist der Kirche von England weiterhin wichtig – die zwei Seelen in einer Brust in kreativem Spannungsverhältnis  zueinander zu halten.

Zum Beispiel befinden wir uns als Kirche gerade wieder in einem Prozess, die zentrale Frage von Frauen im Bischofsamt zu einem kompromissbereiten Abschluss zu führen. Die Sonder-synode im November wird darüber entscheiden, ob Frauen ins Episkopat erhoben werden, oder ob diese Frage vertagt werden muss.

Das Spannungsverhältnis zu protestantisch-reformatorischen Kräften in England außerhalb der offiziellen Kirche und des Establishments geriet in der nachreformatorischen Zeit wiederholt aus dem Gleichgewicht. Die bitteren und blutigen Machtkämpfe zwischen den Kräften, die sich der Loyalität zu Monarchie und der Kirche von England verpflichteten und den Dissidenten, oder Puritanern, die radikaler die Gedanken der Reformation und der Aufklärung in Anspruch nahmen, gipfelten 1662 in der großen Verbannung der Dissidenten. Die Wunden aus diesen Kämpfen galten auf beiden Seiten trotz des Toleranzgesetzes von 1689, – das Kirchen mit eindeutiger protestantischer Tradition zunehmend zivile und kirchliche Rechte zugesteht, – bis in die jüngste Geschichte als ungesühnt und verlangten nach Aussöhnung.

Unter den Zeichen der Versöhnung und der gemeinsamen Verpflichtung für die Zukunft fand am

 
 2. Februar dieses Jahres, 350 Jahre nach The Great Ejection, ein Gottesdienst zwischen der Kirche von England und der Vereinigten Reformierten Kirche in England statt. Vorausgegangen waren intensive Gespräche. In den abschließenden Empfehlungen um engere Beziehungen wird ein Statement der gegenseitigen Anerkennung und Verpflichtung nach dem Modell der Meissen Erklärung zwischen den EKD Kirchen und der Church of England empfohlen.

Dies bringt mich zu einer kurzen Darstellung unserer Arbeit in der Meissen Kommission, besonders im Blick auf das Jubiläumsjahrzehnt. Denn der Anstoß letztlich für die Gespräche, die im Jahre 1992 zur Meissener Erklärung führten, war auch der Gedanke der Versöhnung und der Wunsch, die Freundschaft zwischen den deutschen Kirchen und der Kirche von England zu stärken. Der damalige Erzbischof von Canterbury, Dr. Robert Runcie, zu Besuch am Volkstrauertag 1983 in Dresden, war tief bewegt von den vielen jungen Gottesdienstteilnehmern, die seiner Friedensgeste begeistert begegneten. Er entschied sich darauhin konkrete Schritte zu unternehmen, um unsere Kirchen enger zusammenzubringen.

Seitdem haben sich eine Vielzahl von regen Beziehungen zwischen Diözesen, Gemeinden, Jugendkreisen sowie kirchlichen Organisationen und Gremien zu deutschen Partnern auf allen Ebenen entwickelt. Bereits sieben theologische Konferenzen fanden statt zu Themen wie Christliche Initiation und Mission in einer postchristlichen Gesellschaft (Frodsham, 2005) oder Ökumenisches Verständnis von Autorität und Gebrauch der Bibel auf der Grundlage der Meissener Erklärung (Düsseldorf, 2008). Die jüngste Konferenz war 2011 in Salisbury zum Thema Ekklesiologie in missionarischer Perspektive.

Die Gestaltung der Austauschmöglichkeiten richtet sich in diesem Jubiläumsjahrzehnt zunehmend nach den jährlichen EKD-Leitthemen. Zum Beispiel war eine gute Woche lang eine 17-köpfige Gruppe von Theologie Studierenden und Lehrern aus Jena unter der Leitung von Professor Dr. Corinna Dahlgrün in England, um die große Vielfalt der Gottesdienste vornehmlich in der Kirche von England kennenzulernen. Ein besonderes Auge und Ohr wurden bei dieser Reise auch auf die Tradition der anglikanischen Liturgie und Kirchenmusik gerichtet. Wir werden durch die Meissenkommission weiterhin nach den verschiedensten Möglichkeiten der gemeinsamen Wahrnehmung und des Feierns des Reformationsjubiläums Ausschau halten.

Abschließen möchte ich mit Worten von Erzbischof Rowan Williams, die er in seiner Predigt am 2. Februar zum Versöhnungsgottesdienst mit der Vereinigten Reformierten Kirche in England in Westminster Abbey sprach. Er hatte zum Text den 13. Vers aus dem 4. Kapitel des Epheserbriefs:

‚So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.‘

Ich zitiere:

„Sie werden bemerkt haben, dass trotz all dem Hinterfragen aus den Reihen des Dissentertums über die Jahrhunderte hinweg das Episkopat und die Monarchie noch Bestand haben. Westminster Abbey hat sich seit dem 17. Jh. nicht so stark geändert, wie manche es sich gewünscht hätten! Aber das Episkopat und die Monarchie haben sich durch die hinterfragende Gegenwart der englischen Dissenter für immer verändert… Was auch immer der Bischof oder der Monarch heute repräsentieren mögen, sie können nicht mehr sein, was sie im 17. Jahrhundert waren. Sie können nicht mehr Instrumente infantilen Glaubens oder politischer Identität sein.... Sie müssen sich ändern und wachsen, um die Vollkommenheit anzustreben, und nicht um dieses Streben zu vereiteln.  Es ist die Herausforderung an alle unsere Kirchen ...: Wie können die Werke unserer Kirchen diesem Erwachsenwerden dienen, statt es zu hindern? Wie dienen sie dazu, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen? Wir müssen tief durchatmen und darauf vorbereitet sein, dass wir uns gegenseitig herausfordern. Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Entdeckungen manchmal schmerzhaft sein werden, und dass Brüche und Missverständnisse nicht ausbleiben werden. Aber wir müssen uns auf die unwiderstehliche Kraft Christi verlassen – und ich verwende das Wort ‚unwiderstehlich‘ in bewusster Verneigung vor Johannes Calvin. Diese unwiderstehliche Kraft Christi in uns ist bemüht, in uns erwachsen zu werden. Das können wir zusammen feiern.... Wir haben Grund zur Hoffnung, dass die Vollkommenheit  Christi in der Tat in uns am Werk ist ... bis heute. In dem Kirchenlied von Richard Baxter, - (einer der sogenannten Dissenter im 17. Jahrhundert) - heißt es: ‚He wants not friends that hath thy love‘. Baxter erinnert uns, dass durch die Freundschaft mit Gott wir die Essenz der Freundschaft untereinander, ja das Imperativ zur Freundschaft untereinander lernen.... Kaum eine attraktivere Aussicht für die Zukunft gibt es, als eine freundliche Kirche zu sein, eine Kirche, in der unsere gemeinsame Freundschaft mit Gott uns tiefer zusammenbindet, in der unsere gemeinsame Freundschaft uns zu Menschen wachsen lässt, die Christus in seiner vollkommenen Gestalt darstellen und uns alle zusammen zu einer Kirche er-wachsen lässt.“

In dieser Perspektive wünsche ich eine gesegnete Synode und dem Refomationsjubiläum gutes Gelingen unter dem freundlichen Geleit Gottes.