5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Einbringung der Kundgebung zum Schwerpunktthema der EKD-Synode Synode „Am Anfang war das Wort – Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017“

Propst Dr. Horst Gorski – Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses

05. November 2012

Horst Gorski

Es gilt das gesprochene Wort.

Verehrtes Präsidium, verehrte Ratsmitglieder,
liebe Synodale und Gäste, Schwestern und Brüder!

„Am Anfang war das Wort“ – am Anfang der Welt war das Wort Gottes. Am Anfang unserer Arbeit stand auch ein Wort, kann sein, dass es ein Wort des Präsidiums war, aber es ergab sich aus der Sache: Halbzeit! Halbzeit der Dekade zum Reformationsjubiläum 2017. Damit waren entscheidende Kriterien für unsere Aufgabe gesetzt: Es geht nämlich nicht um eine Kundgebung zum Reformationsjubiläum! Sollte der Text uns unter der Hand etwa dazu geworden sein, so wäre das gar nicht zu begrüßen. Denn 5 Jahre vor dem Datum darf ja nicht die Luft schon raus sein! Vielmehr geht es zur Halbzeit der Dekade um einen „Zwischenruf“ – dieses Wort gab uns das Präsidium ausdrücklich mit. Ein Zwischenruf, der einladen soll, die nächsten 5 Jahre zu nutzen, gemeinsam auf das Jubiläum zuzugehen. Ein Zwischenruf, der gerne auch etwas gegen den Strich bürsten darf, der Fragen und Gedanken ins Spiel bringen und offen halten, zum gemeinsamen Nachdenken über das, was uns am reformatorischen Glauben wichtig ist, anregen und einladen soll.

Im Vorbereitungsausschuss begannen wir mit einer Umfrage in unserem Nah-Umfeld: Wir fragten Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen: Was erwartet Ihr vom Reformationsjubiläum – wenn Ihr etwas erwartet? Zu Tage kam bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen ein großer, gemeinsamer Erwartungshorizont: Dass das Reformatorische an der Reformation herausgearbeitet wird, und zwar so, dass wir es jedermann, jederfrau und insbesondere auch unseren Kindern erzählen können. Dass das Evangelisch-sein mehr Profil gewinnt. Dass etwas von der Freude rüberkommt, dass wir evangelisch sind – ohne die eigene Identität aus der Abgrenzung gegen andere zu gewinnen. Sehr bald wurde uns im Gespräch über die Umfrageergebnisse klar: Wenn wir das erreichen wollen, dann müssen wir in die Tiefe gehen, biblisch, theologisch. Dann müssen wir ran an das „Eigentliche“. Dann kann es weniger um kirchenpolitische und organisatorische Akzente gehen, sondern dann müssen wir hinabsteigen in unser Ureigenstes, in die Anfänge der Reformation als Bußbewegung, müssen ihre theologischen Impulse aufsuchen, aufnehmen und danach fragen, was sie denn uns Heutigen genauso mitten ins Herz sprechen können, wie sie es damals offenbar taten.

So hat der vorgelegte Kundgebungsentwurf die Gestalt „theologischer Impulse“ bekommen. Ungewöhnlich für eine Synodenkundgebung, vielleicht, länger deswegen auch. Theologische Impulse, eher „Schwarzbrot“ als „fast food“, sollten es werden. Ein Text, der Zeit und Aufmerksamkeit für seine Lektüre einfordert. Aus dem Aktionismus unserer Tage für einen Moment auszusteigen, uns auf unser Ureigenstes zu besinnen, und dann Kirche und Öffentlichkeit einzuladen, mitzugehen, mitzudenken, am Ende mitzufeiern: so ist es gemeint. Deshalb endet der Text mit einer Einladung. Die Botschaft der Synode soll sein: Wir laden ein! Wir geben Gottes Einladung weiter, sich Jesus Christus und seiner Botschaft vom Heil zu nähern. Und wir laden ein, ein fröhliches und nachdenkliches Jubiläum mit uns zu feiern!

Mit diesen Überlegungen war gesetzt, dass der Text irgendwie mit Luthers 95 Thesen beginnen muss. Denn die Anfänge der reformatorischen Bewegung sind historisch dort zu verorten – unabhängig von der historisch nicht ganz zu klärenden Frage, ob diese Thesen tatsächlich am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen wurden. Wirkungsgeschichtlich ist es nun einmal diese kollektive Erinnerung, die haften geblieben ist und nun fast 5 Jahrhunderte eine unvorstellbare Kraft entfaltet hat. Gerade bei den Kirchenfernen ist das Bild des, einen Zettel an die Tür der Schlosskirche hämmernden Luthers, oft das stärkste Bild, das ihnen vor Augen steht zum Thema Reformation. Es wäre unverständlich, wenn wir dieses Ereignis nicht an den Anfang und in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken würden. Auch wenn der sehr bußtheologisch begrenzte und in vielem eigentlich noch vorreformatorische Text der 95 Thesen für uns heute nicht mehr der Haupttext sein mag. Und auch wenn wir keineswegs ein Lutherjubiläum, sondern ein Reformationsjubiläum feiern. Trotzdem, auch das Datum 2017 knüpft hier an. Kurzum, hier, bei
Luthers Bußthesen nahm das, was dann – ungeachtet aller Vorläufer wie etwa Johannes Hus – zu einer weltverändernden Bewegung wurde, seinen Ausgang.

Welche Inhalte nun sollten es sein? Schnell gerieten wir in eine eigenartige Dynamik: Immer wenn wir eine Aussage glaubten klar zu haben, kamen Gegenargumente auf den Tisch, und umgekehrt. Ein Ausschussmitglied half uns mit der Bemerkung „Man kann immer auf zwei Seiten vom Pferd runterfallen“. Uns wurde klar, dass es die Dynamik der Sache selber war, die sich in unseren Diskussionen „inszenierte“. Reformatorischer Glaube und reformatorische Theologie scheinen ungeeignet dafür, wie eine gelöste Gleichung auf einen schlichten Nenner gebracht zu werden. Sie erfassen vielleicht gerade deswegen das Leben so gut, weil sie Spannungen nicht einfach auflösen, sondern den Menschen als ein Wesen mit seiner Widersprüchlichkeit vor Gott beschreiben. Und dies aushalten. Daraus entstand die Idee, die Kapitel jeweils in einen spannungsvollen Bogen einzuordnen: Zwischen Todesangst und Lebenshoffnung, zwischen Kampf und Kontemplation, zwischen Scheitern und Versöhnen, zwischen Wahrheit und Liebe, zwischen Partizipation und Vereinzelung. Es gibt aber weitere Spannungsbögen, die wir versucht haben auszubalancieren und die nicht als Überschriften, wohl aber gestaltend als Querschnittsthemen den Text durchziehen: Gesetz und Evangelium – was gehört an den Anfang? Der Aufruf zur Buße oder die Zusage der Liebe Gottes? Wir haben die Buße an den Anfang der 5 Kapitel gestellt, haben aber in einem Vorspann mit Bezug auf den Fischzug des Petrus Lukas 5 den Bußruf in der Gnade zu verankern versucht: Denn losgehen wird der Mensch nur können „auf dein Wort hin“, auf Gottes gnädige Zusage hin.

Damit in Verbindung steht die Spannung von Zorn und Liebe. In seinen Thesen 1517 spricht Luther noch stark vom Zorn Gottes, der von seiner Liebe und Gnade überwunden wird. Wir haben bewusst die Liebe Gottes als den Ort unserer geistlichen Beheimatung an den Anfang gestellt. Gleichzeitig durfte aber nicht unterschlagen werden, dass es Grund zum Zorn gibt in dieser Welt und dass Gottes Liebe uns zu einer existentiellen Entscheidung und nicht in harmlose Beliebigkeit ruft. Auch war die Balance zwischen den verschiedenen Strömungen der Reformation zu halten. Denn der Protestantismus feiert gemeinsam ein Jubiläum! Melanchthon, Zwingli, Calvin und viele andere werden gemeinsam gefeiert. Dies haben wir unter anderem durch die Zitate verschiedener Reformatoren auszudrücken versucht, mit denen die 5 Kapitel jeweils beginnen.

Ein anderer Spannungsbogen ist der aus fröhlichem Selbstbewusstsein und demütiger Anerkennung der Schatten der Reformation. Besonders an diesem Thema bewahrheitete sich immer wieder der Satz „Man kann auf zwei Seiten vom Pferd fallen“. Leicht wirkte der Text entweder zu „schulddurchtränkt“ – wie einer es zwischendurch ausdrückte – oder zu trium-phalistisch. Ich bin neugierig, wie Sie es sehen und wie sich der Text in dieser Hinsicht bis Mittwoch verändern wird. Es gibt eine Eingabe, für 2017 so etwas wie ein Schuldbekenntnis vorzubereiten. Diese Eingabe hat das Präsidium dem Ausschuss für Schrift und Verkündigung zur Beratung überwiesen. Der Vorbereitungsausschuss war also nicht in der Pflicht, darüber zu befinden, ob und wie dieser Bitte Rechnung getragen werden kann. Das Grundanliegen hat aber auch uns beschäftigt und es schien uns unverzichtbar einen Hinweis auf Schuld und Schattenseiten der Reformationsgeschichte im Text anzubringen.

Ein letzter Spannungsbogen, den ich benennen will, ist der zwischen grundsätzlichen Aussagen und konkretem Gegenwartsbezug. Auch hier haben wir viel probiert. Der Text enthielt zwischendurch mehr Konkretionen, erhielt dadurch aber einen Hang zum „Weltretterpathos“, so als sei unser Glaube ein Rezeptbuch zum Lösen der Probleme dieser Welt. Auch in dieser Hinsicht bin ich sehr gespannt auf die nächsten zwei Tage. Bewusst sollte der Text unabgeschlossen sein. Ich gebe allerdings zu: Wenn man als Ausschuss monatelang über einem Text brütet und sein Bestes zu geben versucht, kommt am Ende wohl doch unweigerlich ein Text heraus, den man – hören Sie bitte weg – gut findet und vor synodalen Eingriffen am liebsten wie sein Kind beschützen möchte. Trotzdem, der Gedanke, nicht einen in sich geschlossenen Kundgebungstext abzuliefern, sondern einen bewusst offenen Text, hatte mehrere Ursachen: Er soll einladen, gemeinsam weiterzuarbeiten, also auch den Text in den nächsten 5 Jahren fortzuschreiben, nicht nur hier auf der Synodentagung, sondern überall, in den Kirchengemeinden, in Gruppen, Kreisen, alleine... Dazu gerade will und soll er anregen.

Und es stellte sich die Frage, wie der Text offen gehalten werden kann für die Impulse aus Generalsynode und Vollkonferenz. Denn es war ja dieses Mal insofern eine Premiere, als es erstmals ein gemeinsamer Vorbereitungsausschuss von Vollkonferenz, Generalsynode und EKD-Synode war. Freilich ließ sich das Konzept eines gemeinsamen Vorbereitungsausschusses nicht gänzlich nach der „reinen Lehre“ umsetzen, weil Generalsynode und Vollkonferenz zum Zeitpunkt der Einsetzung des Ausschusses mit ihren eigenen Planungen schon recht weit fortgeschritten waren. So blieb dem Ausschuss nur, das Schwerpunktthema für die EKD-Synode aufzubereiten und im Übrigen die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Impulse aus Generalsynode und Vollkonferenz zu unserem Thema eingebracht werden können und dass nach außen ein einheitliches Auftreten ermöglicht würde. Man hat sich darauf verständigt, dass die Ergebnisse von Vollkonferenz und Generalsynode im Anschluss eingebracht und damit in unsere Beratungen eingegeben werden.

Also auch vor diesem Hintergrund ergab sich die Notwendigkeit, den Text offen zu halten für Ergänzungen. Den 5 Kapiteln können und sollen weitere angefügt werden. Die Zahl 5 haben wir übrigens gewählt, weil sie uns symbolisch am wenigsten „rund“ zu sein schien: 3, 4, 7, 12 – wären alles Zahlen, die fürs Ganze stehen. 5 – das „schreit“ nach Ergänzung... so wie die 5 Brote bei der berühmten Speisung sich vermehrten... Auch der jeweilige Dreischritt – wo kommen wir her, wo stehen wir, wo wollen wir hin – soll in eine Denkbewegung hineinnehmen, die nach vorne offen ist, soll kein Zwangskorsett sein. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Struktur sehr hilft, sich zurechtzufinden, und einlädt, mit- und weiterzudenken.

Für mich persönlich am wichtigsten ist am vorgelegten Text die Verortung des Protestantismus im Erbe der Aufklärung. Dass dies historisch eine heikle Angelegenheit ist, ist klar. Es geht auch nicht um eine historisch korrekte Beschreibung der Geistesgeschichte, sondern dass wir uns – salopp gesagt – die „Lufthoheit“ nehmen, uns heute in den Horizont der Aufklärung einzuordnen, weil unser Glaube nach unserer Meinung heute untrennbar mit Vernunft, Freiheit, Toleranz und Gewaltlosigkeit verbunden ist, auch wenn – oder eigentlich genauer: gerade weil – wir wissen, dass dies historisch nicht immer so war. Nach den Ereignissen und Debatten um das Beschneidungsurteil und um den Film, in dem der Prophet Mohammed beleidigt wird, bin ich doppelt froh, dass unser Text ein so deutliches Bekenntnis zu einem die Aufklärung schätzenden Glauben ausspricht. Die Debatten haben so viel an scheinvernünftigen und scheinaufgeklärten Argumenten hervorgebracht, dass ich deutlicher als je meine: Der Protestantismus als eine Gestalt von Christentum, die das Erbe der Aufklärung für sich verarbeitet hat, ist als das „Pfund“, das wir bei uns und global in die Debatte einzubringen haben, gar nicht hoch genug zu schätzen! Und Wolfgang Hubers Satz von der Gewaltlosigkeit der Religionen als zwingende Konsequenz aus ihrer Geschichte, den wir uns geliehen haben, kann man gar nicht deutlich genug herausheben.
Eines fehlt mir, und darüber wundere ich mich im Nachhinein selber: Die Rede vom Humor! Oder ist der Protestantismus etwa humorlos? Wundern tut mich das im Nachhinein deshalb, weil die Arbeit im Ausschuss und mit den Vertretern der Ämter – für die ich mich aus ganzem Herzen bedanke, auch für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Präsidium! – so schön humorvoll und auch in heiklen Phasen im Grunde „leicht“ war! Wir haben viel gelacht... und uns bei allem Ernst zur Sache nie verbissen. Es gab in diesem Ausschuss nie Fronten, höchstens strittige Meinungen. So hätte es eigentlich nahe gelegen, auch etwas vom Humor und der inneren Leichtigkeit zu schreiben, die aus Gottes Liebe erwachsen. Und wär’ das nicht klasse, wenn man über diese Synode berichten würde: Sie haben ihre Sache ernstgenommen – aber sich selbst leicht...!

Nun denn, eines langen Weges vorläufiges Ende ist hier. Alsdann mit Freuden an unser Werk gegangen!