5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Grundsatzreferat zum Schwerpunktthema „Am Anfang war das Wort …", Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017

Pfarrer Dr. theol. h.c. Thomas Wipf, Ehem. Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Moderator des European Council of Religious Leaders (ECRL)

05. November 2012

Thomas Wipf

Es gilt das gesprochene Wort.

„Wir nehmen mit der Tagung als Evangelische Kirche in Deutschland klaren Kurs auf 2017“ – das sagten Sie, verehrte Frau Präses, in Bezug auf das Schwerpunktthema dieser Synode vor den Medien.

Diese Aussage ist eine inspirierende Herausforderung – zum Beispiel für einen Schweizer. Nicht wegen des klaren Kurses in einer Synode – der täte uns auch gut. Nicht wegen der maritimen Bildsprache – die verstehen wir auch auf unseren Bergen ohne Meeranstoß. Eher wegen der Jahreszahl. Das Jahr 2017 verbindet nämlich für uns in gewisser Weise den weltweit gefeierten 500. Geburtstag von Johannes Calvin im Jahre 2009 und den Beginn der reformatorischen Wirksamkeit von Ulrich Zwingli in Zürich, an welchen 2019 gedacht wird.

Aber, Frau Präses, Sie haben noch anderes, Programmatisches gesagt: „Mit dieser Synode wollen wir besonders die internationale und ökumenische Öffnung der Vorbereitungen vorantreiben und intensivieren.“

Das ist der Grund, weshalb auch zu dieser Synode der EKD internationale und ökumenische Gäste eingeladen worden sind.

Und es ist wohl auch der Grund, weshalb ich als ehemaliger Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE gebeten wurde, zum Tagungsthema ein paar Gedanken beizusteuern. Als Zusammenfassung dessen, was ich mir wünsche, hätte ich sagen können: „2017 wollen wir kein nationales Lutherjubiläum feiern, sondern ein internationales Reformationsfest.“

Wünsche haben es manchmal in sich, schon auf dem Weg zur Erfüllung zu sein, bevor man sie ausspricht. So ist es mir jetzt ergangen. Denn Sie erinnern sich: Dieser Satz steht im mündlichen Bericht des Rates der EKD, den Sie, Herr Ratsvorsitzender, gestern präsentiert haben: „Wir wollen 2017 kein nationales Lutherjubiläum feiern, sondern ein internationales Reformationsfest.“

Die 7. Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE, welche im September in Florenz stattfand und an der Delegierte aus 87 evangelischen Kirchen in 30 Ländern Europas teilnahmen, verabschiedete einstimmig einen Aufruf zur Feier „Europa Reformata: 500 Jahre Reformation in Europa“.

Er beginnt mit den folgenden Worten:
„Im Jahre 2017 und in den darauffolgenden Jahren wird die evangelische Christenheit das 500. Jubiläum der Reformation begehen. Die Reformation war ein kirchlich-gesellschaftlicher und geistiger Aufbruch mit weltweiter Ausstrahlung und Wirkung bis heute. Die Person und das Werk Martin Luthers nehmen darin eine besondere Stellung ein. Mit seiner Kritik am Ablasswesen im Jahre 1517 und der Auseinandersetzung über seine 95 Thesen verband sich eine Bewegung von enormer Überzeugungskraft, welche die Erneuerung der Kirche beschleunigte, vertiefte und umfassend ausweitete. Die Reformation hat die Geschichte des europäischen Kontinents und der hier beheimateten Kirchen tief geprägt. Im Bemühen um die Erneuerung der einen Kirche Jesu Christi aus dem Evangelium der Rechtfertigung allein aus dem Glauben, entstanden die evangelischen Kirchen.“

Der Aufruf der evangelischen Kirchen Europas zum Reformationsjubiläum betont die herausragende Bedeutung Martin Luthers und des Jahres 1517 und stellt gleichzeitig die Reformation in den größeren europäischen und weltweiten Rahmen. Er spricht vom kirchlich-theologischen und geistigen Aufbruch mit weltweiter Ausstrahlung und von einer Bewegung von enormer Überzeugungskraft, welche die Erneuerung der Kirche beschleunigte, vertiefte und umfassend ausweitete.

Reformation war Aufbruch, Prozess, Entwicklung, Konfrontation, Konsenssuche - eine geistesgeschichtliche und kirchliche Bewegung, die zeitgleich und zeitverschieden an unterschiedlichen Orten Europas begann.

Ein Reformationsjubiläum muss dies reflektieren und bewusst machen. Wir sind einerseits geprägt von unserer eigenen konfessionellen und damit auch kulturellen Verwurzelung. Andererseits möchten wir den Blick und den Horizont weiten – über unsere eigene Tradition hinaus. 

Die späteren Kirchen der Reformation waren sich trotz der zwischen ihnen bestehenden Unterschiede und Prägungen immer bewusst geblieben, welche gemeinsamen Grunderkenntnisse und Grundbekenntnisse sie einen.

Aus dieser Zusammengehörigkeit ist die Kirchengemeinschaft erwachsen, die im Jahre 1973 durch die Leuenberger Konkordie erklärt wurde. Nach jahrhundertelangem Nebeneinander wissen sich die reformatorischen Kirchen zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst in der Welt von heute berufen und verpflichtet.

Ich muss also heute nicht wählen, auf welcher theologischen Seite – auf derjenigen Luthers oder Zwinglis und ihrer jeweiligen Mitstreiter – ich beim Religionsgespräch Platz nehmen würde, das in diesen Herbsttagen im Jahr 1529 auf dem Marburger Schloss stattfand. Die Konkordie bewahrt mich davor, als Evangelischer zwischen konkurrierenden theologischen Positionen wählen oder unbequem zwischen den konfessionellen Stühlen sitzen zu müssen.

In diesem theologischen Grunddokument werden die reformatorischen Dispute und Differenzen etwa um Abendmahl, Christologie oder Prädestination nicht einfach ignoriert. Aber die Differenzen gelten – in Anerkennung ihrer theologischen Relevanz – nicht mehr als kirchentrennend und bilden kein Hindernis mehr für die Kirchengemeinschaft auf der Basis der „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.

Die Stärke der Leuenberger Konkordie besteht in einer zweifachen reformatorischen Treue: Einerseits ist sie eine theologische Standortbestimmung der evangelischen Kirchen auf ihrem Weg in der Geschichte, wie alles historisch Gewordene und von Menschen Verantwortete sind die Konkordie und das darin bestätigte Ökumenemodell entwicklungsfähig und können so lange Gewicht beanspruchen, wie sie sich auch tatsächlich weiter entwickeln. Das semper reformanda gilt auch hier.

Andererseits besteht die reformatorische Treue der Leuenberger Konkordie in ihrem bewussten Blick über nationale und konfessionelle Kirchengrenzen hinweg. Die reformatorischen Kirchen handeln aus der Verpflichtung heraus, der ökumenischen Gemeinschaft aller christlichen Kirchen zu dienen. „Sie verstehen eine solche Kirchengemeinschaft im europäischen Raum als einen Beitrag auf dieses Ziel hin.“ (Leuenberger Konkordie Abs. 47)

Die zweifache reformatorische Treue, wie sie in der Theologie der Leuenberger Konkordie zum Ausdruck kommt, bildet den Hintergrund für die folgenden Anmerkungen zu den bevorstehenden Reformationsfeierlichkeiten.

Es sind fünf kurze Fragen mit jeweils thesenhaften Antworten:

Wer hat Grund zu feiern?

Die Frage mag seltsam klingen, aber sie wurde gestellt in einem ökumenischen Gesprächskreis in einer Kirchengemeinde, zu dem mich ein paar interessierte evangelische und römisch-katholische Menschen einluden.

In diesem Gespräch am Kaminfeuer fragte jemand: Wer hat eigentlich besonderen Grund und Anlass, den Thesenanschlag Luthers in Wittenberg vor 500 Jahren zu feiern?

Die Lutheraner? Natürlich – auch wenn der Reformator weder eine neue Kirche gründen noch als deren Namenspatron in die Geschichte eingehen wollte.

Die Reformierten? Natürlich – Calvin, als eigenständiger und kritischer Schüler Luthers, schrieb in einem Brief an seinen Genfer Mistreiter Guillaume Farel, dass das „Evangelium von Wittenberg ausgegangen“ sei. Aber 1517 gab es die Reformierten noch gar nicht und die Fragen um Abendmahl und Christologie standen noch nicht im Zentrum.

Die Römisch-katholische Kirche? Tatsächlich ging es den Reformatoren ja um eine Reform „ihrer“ katholischen Kirche. Und wie der Magdeburger Bischof Gerhard Feige unlängst sagte, hat die Reformation auch Reformprozesse in der Römisch-katholischen Kirche ausgelöst beziehungsweise beschleunigt. Aber er, der Ökumene-Bischof, schaue dem Reformationsjubiläum – oder eben Reformationsgedenken – doch „immer noch mit gemischten Gefühlen entgegen“.

Wer also hat denn wirklich Grund und Anlass zum Feiern?

Im Gespräch des Gemeindekreises wurde folgendes vorgeschlagen:

Vielleicht sollten wir versuchen, aus einem anderen Blickwinkel auf das Reformationsjubiläum zu schauen. Nicht von unserer konfessionellen Identität her, sondern von dem her, was wir als bleibende Erkenntnisse der Reformation der christlichen Kirche gemeinsam anerkennen könnten. Sie haben den christlichen Glauben, Theologie und Gesellschaft ja entscheidend geprägt und sind von ihrem Kerngehalt her längst nicht mehr kirchentrennend, sondern kirchenverbindend.

Die Rechtfertigung des gottlosen Menschen allein aus dem Glauben, die für alle Menschen verständliche Verkündigung des Evangeliums, die Bibel in der Alltagssprache und die im Anschluss daran allmählich entstandenen Bildungsmöglichkeiten für alle, die Idee der individuellen Freiheit und Verantwortung des Einzelnen, der Gedanke politischer Partizipation und die Etablierung demokratischer Entscheidungsprozesse, die Glaubens- und Religionsfreiheit, die den Anstoß gab für eine lange Entwicklung, die in die Formulierung der Menschenrechtsdeklarationen im 20. Jahrhundert mündete.

Aus dieser Sichtweise wäre die Antwort auf die Frage „Wer hat Grund zu feiern?“ eine umfassende: Alle Christen haben Grund zu feiern, weil wir alle auch von den Früchten der Reformation leben.

Mir hat dieses Gespräch in dieser Kirchengemeinde viele Impulse gegeben und ich habe mich darüber gefreut. Ich frage mich darum auch: Wie kann es gelingen, ein Reformationsjubiläum nicht nur gleichsam von oben – den Kirchenleitungen – nach unten – den interessiert fragenden Menschen – zu planen und zu feiern, sondern auch – um im Bild zu bleiben – von unten nach oben.
Einer Synode käme in diesem Bestreben eine Schlüsselrolle zu. Denn Sie als Synodale sind ja beides: unten und oben.

Wer feiert mit?

Der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE ist die europäische Dimension der Reformation ein besonderes Anliegen und sie möchte diese – zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland – ins Blickfeld rücken.Die Vollversammlung hat darum das Projekt „Europa reformata: 500 Jahre Reformation in Europa“ beschlossen, um das Reformationsjubiläum in konfessioneller Vielstimmigkeit und geographischer Breite sichtbar zu machen.

Die Mitgliedskirchen der GEKE werden eingeladen, europäische Reformationsstädte zu bezeichnen und diese für eine Mitgestaltung des Reformationsjubiläums zu gewinnen. Gedacht ist an solche Städte, die in besonderer Weise die Geschichte der Reformation geprägt haben und daran interessiert sind, ihre eigene Reformationsgeschichte in Zusammenarbeit mit den jeweiligen evangelischen Kirchen der Region zu würdigen. Bei einem spontanen Zusammentragen solcher Städte kamen wir schon bald auf über sechzig europäische Städte und Orte, von denen 25 bis 30 von herausragender Bedeutung sind.

Eine gemeinsame Wort-Bild-Marke „Reformationsstadt Europas“ soll die Zusammengehörigkeit in der Vielfalt zum Ausdruck bringen. Mit weiteren Aktivitäten will die GEKE ihre Mitgliedskirchen darin unterstützen, je auf ihre Weise dem Reformationsjubiläum zu gedenken und ihre Vorhaben auf europäischer Ebene zu vernetzen und zu präsentieren.

Die Reformation hat auch politische Entwicklungen in Gang gesetzt, die uns heute in eine Situation stellen, in der wir sagen können: Wir leben in und mit Europa. Wir sind von Europa geprägt und wir haben Europa geprägt. Nicht nur die kontinentale Verbundenheit unserer Länder eröffnet diese europäische Dimension.
Die GEKE trägt das Verbindende bereits in ihrem Namen: „Gemeinschaft“. Nicht historische und politische Zufälligkeit, sondern bewusste evangelische Kirchengemeinschaft.

Im eben veröffentlichten Wort der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Stärkung des europäischen Zusammenhalts „Für eine gemeinsame Zukunft in einem geeinten Europa“ wird darauf hingewiesen, wie aus der ökumenischen Erfahrung auch ein gemeinsamer Auftrag in der Welt erwächst. „Wie eine Gemeinschaft in Vielfalt zusammenwachsen kann, haben die evangelischen Kirchen in Europa erfahren.“

Wer feiert mit?

Ich bin mir sicher, dass sich uns auf dem Reformationsjubiläumsweg noch viele interessierte Mitwanderer anschließen werden.
Zunächst die weltweite protestantische Gemeinschaft, für welche die konfessionellen Weltbünde – der Lutherische Weltbund und die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, aber auch die Weltvereinigungen der Methodistischen Kirche – eine wichtige Rolle spielen. Ich würde mir wünschen, dass die konfessionellen Weltbünde das Reformationsjubiläum auch zum Anlass nehmen für eine intensivere und nachhaltige Zusammenarbeit.

Ich weiß aber auch von Menschen aus orthodoxen Kirchen, die sich mit den Reformatoren zu beschäftigen beginnen und von Menschen aus anderen Religionsgemeinschaften, die zum Beispiel im Interreligiösen European Council of Religious Leaders zu fragen beginnen, was es denn mit der Reformation für eine Bewandtnis habe und welche Impulse für das Zusammenleben der Religionen aus der reformatorischen Theologie zu erwarten seien.

Auf einer Delegationsreise der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Mittleren Osten wurde ich im vergangenen Mai in Teheran von einer muslimischen Gesprächspartnerin angesprochen. Sie erzählte mir mit Begeisterung und Sachkenntnissen von der Besuchsreise zu Stätten der Reformation in Deutschland, welche die EKD im Frühling für eine Gruppe von Menschen aus dem Mittleren Osten organisierte. Der Besuch und die intensiven Begegnungen in Nürnberg, Halle, Dresden, Wittenberg und Berlin hatten sie tief beeindruckt. 

Was feiern wir?

Dieser Frage wird im Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema, dem nächsten Tagesordnungspunkt Ihrer Synode, theologisch und seelsorgerlich tiefgründig nachgegangen.
Erlauben Sie mir als Gast, daraus einen Gedanken zu zitieren:

„Die Reformation gehört allen. Wir blicken zurück auf 2000 Jahre gemeinsame Geschichte des Christentums und auf 500 Jahre einer besonderen protestantischen Perspektive auf die Welt.“

Wir feiern nicht gegen etwas, etwa gegen eine andere kirchlich-christliche Tradition, sondern wir wollen mit allen feiern, denen die Anliegen der Reformatoren, deren Frömmigkeit und Glaubensstärke, heute und in Zukunft Orientierung und Ermutigung schenken und die sich darüber freuen.

Inhaltlich rückt die paulinische Einsicht von der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ins Zentrum (Galater 5.1). Freiheit – ein Zuspruch und eine Erfahrung, die uns allein im Glauben gegeben sind.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen GEKE hatte ihre Vollversammlung – auch im Blick auf das Reformationsjubiläum – unter das Motto gestellt: „Frei für die Zukunft – Die evangelischen Kirchen in Europa“.

In seinem Hauptvortrag in Florenz zum Thema „Frei für die Zukunft – Die evangelischen Kirchen zwischen Reform und Reformation“ wies Michael Beintker auf das Herausfordernde dieser Formulierung hin. Denn häufig sind wir ja schon mit der gegenwärtigen Freiheit überfordert. Wie viel anspruchsvoller ist es da erst, auch für die Zukunft frei zu sein.

Was bedeutet nun das Motto für die Kirche und ihre Zukunft? Am Ende seiner Erläuterungen zu den 95 Thesen bemerkt Martin Luther: „Die Kirche bedarf der Reformation.“ Und anschließend klärt der Reformator sogleich die Zuständigkeiten: Die Reformation ist die „Sache (…) Gottes allein. Die Zeit aber dieser Reformation weiß allein der, der die Zeiten geschaffen hat.“
Was Martin Luther wusste, sollen wir bei unserem Feiern nicht vergessen: Der Reformation zu gedenken bedeutet, ihm allein unsere Zukunft und die Zukunft seiner Kirche anzuvertrauen.
Oder kurz und knapp mit der Anfangsfrage des Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Dieses Grundvertrauen, dieser Grundton sollte auch das Verhältnis von Reformation und Reform bestimmen.

Wen feiern wir?

Kirche ist kein Selbstzweck. Niemand hat das den Protestanten deutlicher ins Stammbuch geschrieben, als die Reformatoren selbst. Wenn wir feierlich an die Reformation erinnern, dann an die reformatorische Wiederentdeckung des solus Christus, Christus allein.
Die Identität der christlichen Kirche hängt an ihrem Namen: an Jesus Christus, der der Kirche nicht gehört, sondern dem die Kirche gehört. Christus ist Grund und Ziel der Kirche.

Was für die Kirche gilt, ist im übertragenen Sinne auch für das Feiern der Kirche maßgeblich. Auch in dem Zusammenhang ist die reformatorische Kirchenkritik unüberhörbar. Die Reformatoren wollten eine christusbezogene Rückbesinnung auf die biblischen und theologischen Gehalte kirchlichen Feierns. Sie leerten – mehr oder weniger konsequent – den kirchlichen Festkalender mit den Gedenktagen für Heilige und konnten dabei auf von katholischer Seite zuvor geäußerte Bedenken zurückgreifen.

Wenn die Reformatoren gefeiert werden, dann sollten wir sie in ihrem Sinne feiern und was ihnen am Herzen lag: der klare und unverstellte Blick auf Jesus Christus und seine Kirche.

Wozu feiern wir?

Der Philosoph Odo Marquard hat in seinen Philosophischen Essays mit dem Titel „Zukunft braucht Herkunft“ bemerkt: „Je schneller die Modernisierungen werden, desto unausweichlicher nötig und wichtig sind die langsamen Menschen. (…) Denn die neue Welt kann nicht sein ohne die alten Fertigkeiten. (…) Zukunft braucht Herkunft“.

Das Bewusstsein dafür, wo wir herkommen, für unsere Traditionen, in denen wir leben, für die Geschichte und die Geschichten auf deren Fundamenten wir stehen und auf deren Spuren wir uns bewegen, macht uns erst zukunftsfähig. Der Ratsvorsitzende hat gestern in seinem Bericht eindrücklich auf die gefährdete Erinnerungskultur hingewiesen.

Der Reformation zu gedenken, bedeutet auch, sich an die konfessionellen Verwerfungen zu erinnern. Die Reformatoren haben ja nicht eine Entwicklung in Gang gesetzt, die in eine erneuerte oder eine reformatorische Kirche mündete.

Vielmehr haben sie ihre Kritik an der bestehenden Kirche wenig später in eine innere evangelische Kritik umgemünzt, die die ursprünglichen Kirchenkritiker selbst zu teilweise unversöhnlichen Gegnern werden ließ.

Nach den politisch motivierten Unionsbemühungen im 19. Jahrhundert ist erst die Leuenberger Konkordie hinter die konfessionell verhärteten theologischen Dispute zurückgegangen. Damit hat die GEKE die ursprüngliche Stoßrichtung der Reformation wieder aufgenommen und das Bewusstsein geweckt, dass Reformation als Umkehrbewegung – nochmals mit den Worten von Michael Beintker in seinem Vortrag in Florenz – „alles andere als ein protestantisches Sondergut (ist) – sie ist der entscheidende Schritt, der Grundrhythmus der Hinwendung der Kirche zu ihrem Herrn“.
Oder wie es Bischof Gerhard Ulrich in der Predigt im Eröffnungsgottesdienst der Synode im Dom zu Lübeck sagte: „Im Anfang war das Wort. Reformation stellt Kirche wieder auf ihren Anfang – und stellt sie hinein in die Welt.“

Für die Kirchen der Reformation bedeutet das, nicht in konfessioneller Selbstgenügsamkeit zu verharren, sondern sich wieder und wieder den unbequemen und unbewältigten Anfragen der Reformatoren zuzuwenden.

In seiner Vorlesung über die Theologie Calvins macht Karl Barth eine bemerkenswerte Aussage: „Ein guter Reformierter muss seine Sache immer damit anfangen, dass er Luthers einzigartige Stellung in der Reformation glatt anerkennt.“
 
Allerdings wäre ein Schüler – wie Barth anschließend ausführt – kein rechter Schüler, wenn er nicht auch über seinen Lehrer hinausginge. Mit den Worten Michael Weinrichs im Blick auf Calvin: „Luther wird nicht durch seine Wiederholung verteidigt, sondern durch das konsequente Weitergehen auf dem von ihm eingeschlagenen Weg.“

Konsequent auf dem von den Reformatoren eingeschlagenen Weg weiterzugehen wäre eine zweite Antwort auf das Wozu? des Reformationsjubiläums.
Ich möchte zum Schluss nochmals den Aufruf der evangelischen Kirchen Europas zum Reformationsjubiläum zitieren:

„Das Ziel der Reformation war die Erneuerung der einen Kirche Jesu Christi. 500 Jahre Reformation fordern die gesamte Christenheit dazu heraus, über alle konfessionellen Grenzen und Differenzen nach der Bedeutung für die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ zu fragen.“

„Das Evangelium lässt aufatmen, vertreibt die Angst, schenkt neues Leben, macht frei, öffnet die Augen für die Not der anderen und vertreibt die Trauergeister. Wo auch immer das unter uns erfahren wird, werden die Impulse der Reformation unter uns lebendig. Die Reformation wird dann angemessen gewürdigt, wenn sich die christlichen Kirchen vom Evangelium leiten lassen.“

Hohe Synode,
liebe Schwestern und Brüder!

Im Jahre 2017 werden wir alle fünf Jahre älter sein – die Damen vielleicht etwas weniger. Es ist eine lange Wanderung, auf die wir uns begeben haben. Ich hoffe, dass wir nicht ermüden dabei – zurück an unseren Orten, wo da und dort auch kirchliche Resignation nicht unbekannt ist.

Aber ich habe als Gast Ihrer Synode in manchen Beiträgen und in vielen Begegnungen die Freude gespürt und die Erwartungen, mit denen Sie auf dem Weg sind. 

Darum möchte ich mit einem Dank schließen. Einem Dank dafür, dass Sie als Evangelische Kirche in Deutschland, als Synode, Kirchenkonferenz, Rat und Mitarbeitende mit Umsicht, Kreativität, Sorgfalt, Professionalität, Organisationskraft – aber auch theologischer Vertiefung und gottesdienstlicher Feier auch uns ermutigen, gemeinsam ein europäisches und weltweites Reformationsfest zu feiern.

Ich bin ja eher ein nüchterner reformierter Schweizer. Aber, Frau Präses, Sie erlauben mir, dass ich Sie nochmals zitiere:

Ich habe hier bei Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, den „Herzschlag der Reformation“ gespürt. Darum bitte ich Sie: Bleiben Sie für uns alle auf diesem klaren Kurs.