6. Tagung der 11. Synode der EKD, Düsseldorf, 7. bis 13. November 2013

Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Alois Glück

10. November 2013

Alois Glück

Es gilt das gesprochene Wort.

Verehrte Damen und Herren des Präsidiums, hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder!

Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung zu dieser Synode und überbringe Ihnen die Grüße des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Seit der Synode in Timmendorfer Strand hat es gravierende Ereignisse gegeben, in der Welt, in der Gesellschaft und – für uns Katholiken – insbesondere auch in unserer Kirche.

Papst Franziskus ist eine Herausforderung für uns Katholiken, nicht nur für die Kurie in Rom. Aus dem Geist und der Konsequenz des Evangeliums ist er „radikal sozial“. Die Kardinäle haben ihn ja anscheinend vor allem deshalb gewählt, weil er in der Versammlung vor dem Konklave in einem noch nie gehörten Freimut von den Gefahren einer narzisstischen Theologie gesprochen hat, von den Gefahren einer Kirche, die um sich selbst kreist.

Dies führt mich zu einem anderen Gedanken, zu einer Anfrage: Sind wir nicht auch in der Ökumene sehr in der Gefahr, zu sehr um uns selbst, um unsere innerkirchlichen Befindlichkeiten, unsere Identität, unsere Erwartung an den jeweils anderen zu kreisen? Reduzieren wir die Ökumene nicht zu sehr auf theologische Differenzen, verstellen und verschütten wir uns oft nicht den Blick für die Möglichkeiten und die Notwendigkeiten des gemeinsamen Tuns in der Fixierung auf das, wo wir noch nicht gemeinsam sind? Verharren wir nicht oft in Selbstgerechtigkeit und erwarten die Veränderungen nur beim jeweils anderen? Sind wir nicht zu sehr auf das – noch – Ungeklärte, auf Kontroverses, auf Mängel fixiert? Warum ist das so? Ist es womöglich Angst vor Identitätsverlust, vor Bedeutungsverlust? Wird dann womöglich Kirchenpolitik wichtiger als das Gebot, auf dem Weg der „Vielfalt und Einheit“ mutig weiter zu gehen? Ich vermag auch nicht zu sehen, dass die Ursachen für eine gewisse Stagnation nur auf einer Seite sind.

Papst Franziskus stellt uns Katholiken vor allem vor die Frage, was aus der Konsequenz des Glaubens, der Zuwendung und der Liebe Gottes zu den Menschen unser Beitrag für die Nöte der Menschen und für die Nöte unserer Zeit ist. Ich bin überzeugt: Die drängende Frage, die wir – alle Christen - uns stellen müssen ist, was ist unser Beitrag als Christen zur Linderung der Nöte der Menschen, zur Lösung der zentralen Fragen unserer Zeit. Ich plädiere für einen Wechsel der Perspektive: Wo ist unser Beitrag notwendig, ist die erste Frage. Nicht: Was erwarten wir für uns.

Die Keimzelle der ökumenischen Bewegung in Deutschland sind die Gefängniszellen der Nationalsozialisten, die fürchterlichen Erfahrungen in den Konzentrationslagern und in der Verfolgung, die gemeinsame Angst und der gemeinsame Mut im Widerstand. Ich nenne nur als ein exemplarisches Beispiel den Kreisauer Kreis.

Engagierte Christinnen und Christen haben prägende Beiträge für die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland geliefert. Die Katholische Soziallehre und die Evangelische Sozialethik, die gemeinsamen Leitvorstellungen der Christen für eine gerechte Gesellschaftsordnung wurden die Orientierung für die Entwicklung des Gemeinwesens in Deutschland. Die zentrale Orientierung der sozialen Marktwirtschaft ist das Menschenbild der christlichen Wertetradition.

Weitere Beispiele gemeinsamen Handelns: Der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist ein bedeutsames Beispiel gemeinsamen Engagements für die Menschen, für die Nöte dieser Zeit. Wir sind ja nicht nur für uns selbst katholisch und Sie sind nicht nur für sich selbst evangelisch, sondern wir sind katholisch und evangelisch, weil wir in unserer Gesellschaft „wirksames Zeugnis“ ablegen wollen aus unserem Glauben heraus.

Das Schlussdokument ist auch jetzt noch ein gemeinsames Fundament, eine wichtige Orientierung und Verpflichtung.


Ein weiteres Beispiel: Das gemeinsame Sozialwort 1997, und vor allem der breite Konsultationsprozess davor, wurden zu einer wichtigen Orientierung und zu einem wichtigen Impuls zu drängenden Fragen unserer Zeit. Demnächst wird im Rahmen einer ökumenischen Sozialinitiative von EKD und DBK ein neues Arbeitspapier veröffentlicht. Dies ist vor allem ein Diskussionspapier, das zur geistigen Auseinandersetzung und einem fruchtbaren Prozess über drängende soziale und gesellschaftspolitische Fragen in Deutschland führen soll.

Gerade dieses jüngste Beispiel zeigt, dass es ungeachtet mancher Differenzen viele Gemeinsamkeiten im Denken und im Auftrag gibt.

Gewiss, es gibt in manchen Fragen Irritationen zwischen uns. Das gilt in einem Teil der bioethischen Debatten, in Fragen des Lebensschutzes, es gab bei uns Irritationen im Zusammenhang mit der Orientierungshilfe zur familienpolitischen Debatte, die vielen von uns die Orientierung schwermacht, aber wie ich feststelle, ja nicht nur bei uns. Dies alles kann und darf aber kein Argument sein, um die gemeinsamen Aufgaben als Christen nicht zu sehen und anzugehen. Natürlich verbindet uns nicht nur im Kirchlichen, sondern auch im Politischen überwältigend mehr, als uns trennt. Gemeinsame Aufgaben heute?

Ich möchte als Beispiele dafür vier Themen benennen, drei in Verbindung mit unserem Grundgesetz. Dazu eine Vorbemerkung: Es geht dabei nicht um christliche Sonderansprüche oder um Traditionen, aus denen wir Schutz von Besitzständen ableiten. Es geht um den Dienst für die Menschen und die Gemeinschaft. Es geht um Werte und Positionen, die nach unserer Überzeugung unabhängig von religiöser Überzeugung für den Menschen und das Gemeinwohl wichtig sind.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist wesentlich aus dem Geist und der Kultur des Christentums geprägt. Das ist auf Dauer aber nur wirksam, wenn auch die Quelle weiter sprudelt. In der Präambel des Grundgesetzes steht: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied zu einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu diesen, hat sich das deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“

Was bedeutet das in der heutigen Zeit? „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott …“ Wie vermitteln wir der rasch wachsenden Zahl von Menschen, die persönlich keinen Zugang mehr zu dieser Dimension haben, welche Bedeutung eine solche Instanz für unser Zusammenleben und für eine humane Zukunft hat? Warum ist es wichtig, dass der Mensch sich selbst nicht die letzte Instanz ist und dann im Wind des Zeitgeistes das Koordinatensystem entsprechend verschiebt?

Der Beitrag der Religion, gerade auch der Christlichen, in und für die Gesellschaft und das Staatswesen ist ein dringliches gemeinsames Thema. Und: Dieses Thema ist auch ein wichtiges für den Dialog der Religionen. Um mit Hans Küng zu sprechen: „Ohne Frieden zwischen den Religionen gibt es auch keinen Frieden zwischen den Kulturen und den Völkern.“ Religionsfreiheit als Menschenrecht ist – leider – ein dringliches Thema. Ökumene als reine Binnenveranstaltung reicht nicht mehr. Artikel 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten, zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Die Würde des Menschen ist in der modernen Welt bei uns, in Europa und weltweit ständig in vielfältiger Weise gefährdet.

Die Themen des Lebensschutzes sind dabei von zentraler Bedeutung. Die Debatten über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben sind Alltag. Die Aufgabe begrenzt sich aber nicht darauf. Ich beobachte eine Entwicklung der Verzweckung des Menschen mit dem Maßstab der Nützlichkeit für dies und jenes. Damit gerät z. B. testfähiges Wissen in das Zentrum der bildungspolitischen Debatte und nicht, was der Kern ist, die Persönlichkeitsbildung. Wir Christen müssen die Anwälte der Würde des Menschen sein. Wo ist diese Würde des Menschen gefährdet und welche Antworten geben wir darauf? In den verschiedensten Lebens- und Aufgabenbereichen. Wenn wir spürbare, entschiedene, leidenschaftliche Anwälte der Würde des Menschen sind, wenn wir so erfahren werden, braucht es nicht mehr viele Debatten über den Platz des Christentums in der modernen Gesellschaft.

Artikel 6 des Grundgesetzes, „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Ungeachtet aller Differenzen haben wir die gemeinsame Aufgabe, diesen Auftrag des Grundgesetzes unter den Bedingungen dieser Zeit neu mit Leben zu füllen. Für die jungen Menschen, die in allen Umfragen immer mehr die Familie und Kinder als ihr Leitbild beschreiben und die dann in den Realitäten des Alltags größte Schwierigkeiten haben, es leben zu können, für die Familie im Generationenverbund, für eine lebbare Solidarität der Generationen unter den Bedingungen dieser Zeit.

Nach dem Medienbild könnte, ja muss man annehmen, dass die Familie nicht mehr zeitgemäß ist. Allen Abgesängen zum Trotz sagen nach dem Familienreport 2012 aber 79 % der Deutschen, dass man eine Familie braucht, um glücklich zu sein. Besonders erstaunlich ist dabei die Entwicklung bei den jungen Menschen. Bis Ende der 80er Jahre fanden nur gut 40 % der Altersgruppe bis 30 Jahren, dass das so ist, mittlerweile sagen fast 80 % dieser Generation, dass Familie eine Voraussetzung für das Glück ist. Ebenso wenig stimmt die öffentliche Wahrnehmung, dass die klassische Familie eher ein Auslaufmodell ist. Trotz dieser überragenden Bedeutung der Familie für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft stehen die realen Lebensbedingungen für Familien, für Elternschaft und für Kind oft im Widerspruch zu dieser großen Bedeutung. Viele junge Frauen und Männer wünschen sich, dies zeigen Umfragen, Kinder. Aber sehr viele können wegen der realen Bedingungen, den strukturellen Rücksichtslosigkeiten gegenüber der Familie (Deutsches Jugendinstitut), diesen Wunsch nicht verwirklichen. Hier sollte der Schwerpunkt der familienpolitischen Debatten sein.

Damit unter den realen Bedingungen dieser Zeit Artikel 6 des Grundgesetzes und der damit verbundene Auftrag mit neuem Leben erfüllt wird. Nicht nur vom Staat – von uns gemeinsam.
Ist das nicht ein lohnendes Aufgabenfeld gemeinsamen Engagements?

Und schließlich die große Aufgabe der Transformation unserer Art zu leben in eine zukunftsfähige Kultur. Es wird ja immer weniger bestritten, dass unsere Art zu leben nicht zukunftsfähig ist. Aber es ist nicht damit getan im bequemen Wohlstand darüber intellektuell zu reflektieren, es geht vor allen Dingen darum, entsprechende Leitbilder für die Zukunft zu entwickeln. Wir brauchen neue Maßstäbe, neue Leitbilder für Wohlstand, für Lebensqualität, für Fortschritt. Dies geht nicht ohne Wertorientierung.

Vermutlich entscheidet sich die Zukunft unserer Zivilisation in unserer Fähigkeit zur Selbstbegrenzung. Aber woher soll ein Volk die Kraft nehmen sich so zu verhalten wie Eltern, die um der Zukunft ihrer Kinder willen auf das eine oder andere, das nicht lebensnotwendig ist, zu verzichten. Ohne Wertorientierung, ohne moralische Motivation und Kraft kann Nachhaltigkeit nicht das neue Leitbild für den Fortschritt werden. Es geht dabei um mehr als Technik und Geld, es geht um eine umfassende „Kultur der Nachhaltigkeit“.

Meine Damen und Herren, sind wir nicht als Christen in dieser Zeit in anderer Weise aber ähnlich gefordert, wie es unsere Väter und Mütter für den Wiederaufbau des Gemeinwesens in Deutschland waren? Vielleicht hilft uns eine solche Perspektive auch auf dem Weg zum Jahr 2017, je nach Blickwinkel, dem Gedenkjahr oder Jubiläumsjahr der Reformation.

Ich danke Ihnen für die Gastfreundschaft und Ihre Geduld beim Zuhören.



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