6. Tagung der 11. Synode der EKD, Düsseldorf, 7. bis 13. November 2013

Morgenandacht

Brigitte Boehme

12. November 2013

Es gilt das gesprochene Wort.

Lied EG 428 „Komm in unsre stolze Welt“

Tageslosung Gen. 28, 15

„Ich verlasse dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe“. Die Tageslosung für den heutigen Tag aus dem 1. Buch Mose (Kap. 28,15) verspricht Ermutigung und kündet von Verheißung. Dieser Satz könnte aus der Zeit stammen, wo das Wünschen noch geholfen hat. Vermutlich kann jeder Mensch solchen Zuspruch brauchen, jedenfalls in auswegloser oder in verzweifelter Lage oder einfach nur in einem Stimmungstief. Jakob hört im Traum Gott diesen Satz zu ihm sprechen. Auf Zuspruch und Ermutigung ist Jakob angewiesen.

Jakob, Enkel des Stammvaters Abraham, Sohn Isaaks und Rebekkas, Zwillingsbruder Esaus, ist auf der Flucht, unterwegs von Gilead nach Nordsyrien, ein weiter Weg, der auch durch die Negev-Wüste führt, allein auf sich gestellt. Unterwegs in der Wüste, in öder, unwirtlicher Gegend, unbebaut und weitgehend unbewohnt - eine solche verlassene Landschaft gibt ein starkes Bild ab für eine als freudlos, als trostlos, vielleicht sogar als fruchtlos empfundene Lebenssituation. Wüste kann sogar Sinnbild für Gottverlassenheit sein. Der Teufel hat Jesus nicht ohne entsprechende Hintergedanken in die Wüste geführt, um ihn zu versuchen, wenn auch vergeblich.

Gottverlassen mag Jakob sich gefühlt haben. Von Menschen verlassen war er allemal, er hatte sie verlassen, besser, verlassen müssen, er, der als Lieblingssohn der Mutter Rebekka bisher immer besonders behütet war.

Jakob hat das Elternhaus recht überstürzt verlassen, weil er die Rache seines älteren Bruders Esau fürchten muss, denn angestiftet von seiner Mutter Rebekka und mit deren tatkräftiger Unterstützung hat er sich durch eine List den Segen des Vaters Isaak erschlichen, der Esau als dem erstgeborenen Sohn zugedacht war. Mit diesem Segen wurde der Segen Gottes weitergegeben, den Jakobs Großvater Abraham und sein Vater Isaak von Gott selbst erhalten hatten. Esau wütet ob des hinterlistigen Verhaltens seines Bruders und trachtet ihm nach dem Leben. Wiederum auf Anraten der Mutter begibt Jakob sich unter einem Vorwand auf Reisen, zu Fuß, und legt sich abends an dem Ort zum Schlafen nieder, dem er später, nach dem Traumerlebnis dieser Nacht, den Namen Bet-El geben wird.

Im Traum erfährt Jakob, dass er nicht verlassen ist, selbst nicht in dieser verlassenen Gegend, fern von seiner Familie. „Da stand eine Treppe auf der Erde und ihre Spitze reichte bis an den Himmel“ - wir nennen sie Jakobsleiter. Auf dieser Treppe sieht Jakob im Traum Boten Gottes hinaufsteigen und hinabsteigen; sie waren also bei ihm, ohne dass er sie wahrgenommen hätte, und sie bleiben weiterhin bei ihm. Und dann steht Gott vor ihm und spricht ihm den Segen zu, so wie einst seinem Großvater Abraham, den Segen, den Jakob sich erschlichen hat.

Hat Jakob den Segen verdient? Jakob, der Lügner und Betrüger? Nach strafrechtlicher Definition hatte er sich durch Täuschungshandlung und Irrtumserregung das väterliche Vermögen erschlichen und gehörte wegen dieses Betruges bestraft. Nach biblischer Definition war er ein Sünder und damit Gott entfremdet. War er so des Segens noch würdig? Hätte er überhaupt noch einen Anspruch auf diesen Segen haben können? Auf Grund der Manipulationen bei der Segnung durch Isaak war Gott doch wohl an seine Gnadenzusage gegenüber Abraham und dessen Nachkommen nicht mehr gebunden!? Jakobs hinterlistiges Verhalten gegenüber Vater und Bruder hat insoweit die Geschäftsgrundlage entfallen lassen. Und doch verspricht Gott ihm Land und Macht und versichert ihn seines göttlichen Beistands. Ist das gerecht?

Wie steht es denn mit Gottes Gerechtigkeit? Gott hat uns keine Kriterien für die Beantwortung dieser Frage an die Hand gegeben, keinen Kodex aufgestellt. Die steinernen Gesetzestafeln und alle Ordnungsvorschriften, die Mose von Gott erhalten hat, gelten für Menschen, exemplarisch für das Volk Israel. Es handelt sich somit um menschliche Maßstäbe und nur nach solchen können wir prüfen und entscheiden, ob eine Handlungsweise oder eine Sache gerecht ist oder nicht. Dabei fallen die Beurteilungen keineswegs einheitlich aus, sondern sind abhängig von gesellschaftlichen und politischen Vorgaben und Bedingungen. Menschliche Gerechtigkeit ist relativ und so gut und so schlecht, wie die Menschen es sind.

Gottes Gerechtigkeit ist eine andere, sie geht weit über unsere menschliche Gerechtigkeit hinaus und umfasst auch die Gnade. Trotz der Schuld eines einzelnen Menschen hält Gott an seinem auserwählten Volk fest. Durch diese Bündnistreue wird Jakob gerettet aus seiner selbst verschuldeten Notlage. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich in seinem Heilshandeln, in seiner Güte und Gnade, in seiner Barmherzigkeit und Liebe. Wohlgemerkt, das ist der Gott des Alten Testamentes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sich so gnädig erweist. Einfach so. „Solo gratia“. Gott geht auf seine Menschen zu. Auswahlkriterien dafür vermag ich nicht zu erkennen. Später, im Neuen Testament, scheint insoweit eine Engführung auf. Jesus der Christus wird zum Mittler zwischen Gott und den Menschen: „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“, heißt es im Prolog des Johannes-Evangeliums (Joh. 1,17). Davon schreibt auch Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm. 3 ,21): „Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes erschienen - bezeugt durch das Gesetz und die Propheten -, (22) die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist, die glauben“. Und weiter (23): „Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verspielt. (24) Gerecht gemacht werden sie ohne Verdienst aus seiner Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ „Sola gratia, sola fide, solus Christus“.

Ich merke mir: Gott kann alle Menschen in seine Liebe aufnehmen, die gerechten und die ungerechten, die unschuldigen und die schuldigen, die gottgefälligen und die Sünder. Gott zeigt Erbarmen, wem er Erbarmen zeigen will. Daraus folgt zugleich: Ein Anspruch auf Gottes Gnade und Erbarmen steht mir nicht zu. Ich vertraue auf den Satz: „Gott sieht die Sünder gnädig an.“

Deshalb hat Gott sich des einsamen, verlassenen Wüstenwanderers erbarmen wollen. Da hätte er heutzutage viel zu tun! Jakob floh in die Wüste aus Angst vor Sanktionen wegen seines Fehlverhaltens. In unserer Zeit fliehen Tausende aus Angst vor Krieg und Bürgerkrieg, vor terroristischen Attacken, vor politischer und religiöser Verfolgung, vor Folter in Unrechtsregimen, oft auch einfach nur, infolge des Klimawandels, vor Hunger und Elend, aus Staaten, die ihnen keine Sicherheit und keine Zukunft bieten können. Sie fliehen aus der Heimat durch die Wüste, vornehmlich in Richtung Mittelmeer und Europa. Wenn sie „Glück“ haben, schaffen sie es, die Wüste zu durchqueren, ohne zu verdursten. Wenn sie noch mehr „Glück“ haben, das sie aber auch mit harter Währung teuer bezahlen müssen, finden sie an der Küste ein Schiff für die Überfahrt in ihr gelobtes Land Europa. Ihre Jakobsleiter ist eine Strickleiter, die zur Rettung aus Seenot dient, wenn die überladenen oder seeuntüchtigen Flüchtlingsboote in Seenot geraten - und wenn ihnen andere Schiffe überhaupt zur Hilfe kommen, denn solche eigentlich selbstverständlich gebotene Hilfeleistung wird immer noch z. T. strafrechtlich verfolgt! Wo finden diese Flüchtlinge Gnade? Wer erbarmt sich ihrer?

Eine brennende Wunde unserer Zeit sind die in der Wüste verdursteten und im Mittelmeer ertrunkenen Menschen, die - wegen Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, Hunger oder schlichtweg Aussichtslosigkeit, ein menschenwürdiges Leben führen zu können, - ihre Heimatländer in Afrika oder Asien verlassen und versucht haben, auf lebensgefährlichen Wegen nach Europa zu gelangen. Die jüngsten Schiffsunglücke vor Lampedusa haben in Europa die Diskussion wieder angefacht, wie mit illegaler Einwanderung bzw. generell mit Einwanderung umzugehen ist. Gerade vor dem Hintergrund des andauernden und immer erbitterter und grausamer geführten Bürgerkriegs in Syrien mehren sich die Stimmen derer, die ein Umdenken in der Einwanderungspolitik und in der Asylgesetzgebung fordern. Das sollte auch uns ein dringendes Anliegen sein.

Christliche Verantwortung verlangt, dass wir uns einmischen und jeglichem unsolidarischen Handeln gegenüber einzelnen oder Gruppen von Menschen widersprechen. Wenn wir als Christen ernst nehmen, was in der Bibel steht, dann ist es gottgefällig, Arme und Obdachlose in seinem Haus aufzunehmen und den Hungrigen das zu gewähren, was man selbst zum Leben braucht. So lesen wir es jedenfalls bei Jesaja im 58 Kapitel (V.7,10). Wann handeln wir so? Deshalb ist es sehr achtenswert, dass in Hamburg eine Kirchengemeinde seit Monaten Asylbewerber aus Afrika aufgenommen hat und sie unterstützt. Diese Menschen waren während des Bürgerkriegs in Libyen nach Italien geflüchtet und sind von dort mit einem Touristenvisum nach Deutschland quasi abgeschoben worden. Von hier sollen sie zurückgeschoben werden, weil das der Rechtslage entspricht. Diese entspricht aber nicht dem Postulat der Humanität. Bei der Suche nach wertgebundenen Lösungsansätzen für die Flüchtlingsproblematik geht die Nordkirche mit mutigem Beispiel voran. Gott sei Dank engagieren sich Deutschlandweit immer wieder Kirchengemeinden für Flüchtlinge und gewähren ihnen Kirchenasyl. Eine Gnadenzusage wie Jakob ist ihnen und den Lampedusa-Flüchtlingen in der St. Pauli-Kirche in Hamburg-Altona nicht zuteil geworden, es ist ihnen jedoch zu wünschen, dass die verantwortlichen Verwaltungsbehörden für sie einen Ausweg aus dem Paragraphendickicht finden, damit sie zumindest ein Bleiberecht haben.

Hier in Deutschland leben wir zwar in einem Rechtsstaat und garantieren allen Betroffenen Rechtsschutz, durch die Instanzenzüge hindurch, aber es gibt gleichwohl immer wieder Ausnahmesituationen, in denen es nicht ausreicht, auf die Rechtslage zu verweisen, sondern wo Gnade vor Recht ergehen sollte; Situationen, in denen wir gerade vor unserem christlichen Gewissen nicht nur unser Rechtssystem, sondern auch die gesellschaftliche Einstellung und unsere eigene, ganz persönliche Haltung hinterfragen müssen. Dann ist es auch nicht damit getan, die Missstände in der Welt auf Diskussionspapiere zu bannen. Den unter den Missständen leidenden Menschen wird damit noch nicht geholfen. Wenn die Kirchen sich damit begnügten, würden sie ihrem Auftrag aus dem Evangelium nicht gerecht.

Kirche darf die Welt nicht einfach sich selbst überlassen, sie darf nicht einem Ideal der Nichteinmischung folgen, denn durch ihren Auftrag ist sie an die Menschen gewiesen. Deshalb ist es wichtig, dass sich diese Synode die Probleme der Welternährung und der nachhaltigen Landwirtschaft als Schwerpunktthema gesetzt hat. Auch dabei muss die Deutung der Fragen der Zeit aus kirchlichem Selbstverständnis heraus geschehen, durch Rückbesinnung und Rückkoppelung auf die Grundlage des Glaubens, das Evangelium. Allerdings enthält das Evangelium keine politischen Handlungsanleitungen. Es liefert aber mit den neutestamentlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Frieden Beurteilungskriterien für die Frage, wo und wie Kirchen sich in politische Diskussionen einmischen können. Dabei sind kirchlicher Verantwortung durchaus Grenzen gesetzt, Grenzen, die im Interesse der Glaubwürdigkeit der Institution Kirche einzuhalten sind. Die Kirchen dürfen und müssen ihre Stimme im politischen Raum diesseits ihrer originären transzendenten Zuständigkeit erheben. Denn: „In der Politik geht es nicht um die letzten Dinge, sondern - nur - um die vorletzten“, so Dietrich Bonhoeffer. Die Kirchen sind insbesondere aufgerufen als Anwalt der Schwachen und Entrechteten. Gerade weil in den letzten Wochen wegen des wenig transparenten Finanzgebarens einzelner die christlichen Kirchen insgesamt in den Focus des öffentlichen Interesses gerückt sind, erscheint es mir wichtig, nicht zurückzuweichen, sondern den Stellenwert kirchlichen und karitativen Engagements zu betonen.

Zu den Fragen der Zeit können und sollen die Kirchen sich zu Wort melden und glaubhaft politische Diskussionen führen, wenn ihr eigentlicher Auftrag, der zentrale Inhalt ihrer Heilsbotschaft, der da lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (3. Mos. 19,18; Mt. 19,19; 22,39), dabei nicht aus dem Blick gerät, sondern im Vordergrund bleibt. „Öffne deinen Mund für die Stummen, für das Recht aller Schwachen“, fordern die Weisheitsbücher der Bibel (Sprüche 31,8).


Es gilt also, nicht nur Sonntagsreden zu halten, sondern gerade wir als Christen, ein jeglicher an seinem Platz, sind aufgerufen, durch aktives Handeln mit zu bauen an einer neuen, besseren Welt. In Jesus dem Christus haben wir ein leuchtendes Vorbild für praktizierte Nächstenliebe. Die Beispiele sind in der Bibel nachzulesen und zur Nachahmung empfohlen. In der Besinnung darauf können wir die nötige Kraft finden, auf die Veränderung und Verbesserung der Welt und auf eine friedliche Zukunft hinzuwirken.

Gottes Zusage an Jakob geschah im Traum und hat sich doch erfüllt. „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit“, hat der brasilianische Befreiungstheologe Erzbischof Dom Helder Pessoa Camara behauptet. Lassen Sie uns versuchen, diese Behauptung zu beweisen, und gemeinsam von einer Welt träumen, in der überall Verteilungsgerechtigkeit und Beteiligungsgerechtigkeit herrschen. Himmel auf Erden? Lassen Sie uns davon träumen.

Amen.



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