6. Tagung der 11. Synode der EKD, Düsseldorf, 7. bis 13. November 2013

Schwerpunktthema

Einbringung: Bausteine für die Kundgebung - Es ist genug für alle da. Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft

Superintendentin Viola Kennert

11. November 2013

Nach hoch komplexen wissenschaftlichen Erforschungen, Tabellen – ein komplexes Thema – ein Blick auf das, worum wir uns in der Vorbereitung bemüht haben.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Was heißt tägliches Brot? Alles, was die nottut für Leib und Leben wie essen, trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, Sonne und gute treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen. So schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus.

Grundnahrung schließt würdiges Leben ein und meint auch die Würde, das eigene Brot erarbeiten zu können. Es lohnt sich, die Erklärung von Martin Luther zur vierten Bitte aus dem Vaterunser in unsere Gegenwart zu übersetzen. Vielleicht wird unsere Synodenarbeit ein Übersetzungsprozess.

Liebe Synodale, es ist genug für alle da. Der erste Gesprächsgang des Vorbereitungsausschusses setzte ein Fragezeichen hinter diesen Satz. Die Weltbevölkerung steigt stetig an. Ebenso steigt der Bedarf nach Fleisch und gutem Essen. Wir verbrauchen immer mehr Energie, und dazu wird immer mehr Land gebraucht und genutzt.

Die Globalisierung macht vor dem Einkaufskorb nicht halt. Früchte aus aller Welt zu jeder Zeit, preiswerte Lebensmittel in großen Mengen, viel Fleisch und viele Fleischprodukte – und das nicht nur bei uns. Wir haben uns daran gewöhnt. Überall in der Welt wollen die einen gut, gesund und reichhaltig essen. Und die anderen hungern oder sind mangelernährt.

Wir kennen die Bilder und das Thema seit vielen Jahren. Das Recht auf Nahrung und auf sauberes Trinkwasser ist ein elementares Menschenrecht, das täglich gebrochen wird. Wir haben neue technische und wissenschaftliche Möglichkeiten, noch mehr zu produzieren. Agrarindustrie und Landwirtschaft sind wieder im Fokus von Politik und Forschung. Das ist zu begrüßen. Dennoch – wir haben es eben noch einmal gehört – kommt es noch nicht denen zugute, die am ärmsten dran sind.

Wir nutzen Land, um den Energiebedarf zu befriedigen. Wir brauchen mehr, und wir wollen auch mehr. Der Kampf um das Land ist inzwischen auch in unserem Land angekommen. Gleichzeitig wird die Frage lauter: Haben auch konkret wir, die wir in diesen Tagen hier verhandeln, nicht schon mehr als genug?

Muss nicht Genügsamkeit, das heißt das Ende einer Ethik des Wachsens zu einer Ethik des Genug auf unsere Tagesordnung? Wachstum kann auch anders definiert werden. Wie können wir Wachstum von Solidarität und Gerechtigkeit, wie können wir das Wachstum von Schöpfungsverantwortung und Sensibilität stärken? Wie kann der Glaube wachsen, dass Gottes Vertrauen in uns Menschen, die Schöpfung zu nutzen und zu bewahren, in moderne Nachhaltigkeit übersetzt wird?

Es ist genug für alle da! Der zweite Gesprächsgang setzte ein Ausrufezeichen hinter diesen Satz. In den Industrieländern – so haben wir eben noch einmal gehört – werden fast so viele Lebensmittel jährlich weggeworfen, wie in Afrika, in der Sahara, produziert werden. Die verschwendeten Lebensmittel, auch die, die auf dem Weg vom Produzenten bis zum Verbraucher ungenießbar werden, könnten die Hungernden sättigen. Teilhabe, Gerechtigkeit, technische und politische Stärkung der Landwirtschaft in den armen Ländern, insbesondere die Stärkung der kleinbäuerlichen Genossenschaften sind doch wesentliche Schritte, mit denen manches erreicht, aber der Hunger nicht beseitigt wurde. Da wollen wir weitermachen.

Hungernde Menschen auf der einen Seite und die Abwertung von Lebensmitteln zu billigen Verbrauchsmitteln, das ist der Skandal, der uns immer wieder aufrüttelt in der Vorbereitungsgruppe. Deswegen muss dieser Skandal immer wieder auf unsere kirchliche Tagesordnung, er muss da bleiben.

Bei den weiteren Gesprächsgängen haben wir auf Satzzeichen verzichtet. Nachdenklich, kontrovers und engagiert sind wir zu Erkenntnissen und Schlussfolgerungen gekommen, die natürlich im Lauf der Tagung erweitert werden können mit dem, was wir von ihnen gehört haben, die wir Ihnen jetzt vorlegen werden. Die wichtigste Erkenntnis in unserer Vorbereitung war, dass wir die Debatten in unseren Gemeinden, in unseren Kirchen, im Alter unseres Lebens, in unseren gesellschaftlichen und beruflichen Zusammenhängen wirklich brauchen – über Hunger, über ungerechte Wirtschaftsstrukturen, über Ressourcenverbrauch und darüber, was eigentlich genug ist.

„Ich bin das Brot des Lebens.“ – Die Hingabe Jesu rückt unsere Frage nach Welternährung zurecht. Ernährung ist nicht die Zuteilung von Lebensmitteln, sondern die Fülle des Lebens mit dem, was zum Leben ausreicht. Von der Hingabe Jesu her wird unser Anspruch an das Leben immer wieder relativiert, in Frage gestellt und kritisch konvertiert. Welche Haltung bestimmt also unser Sehen, unser Urteilen und unser Handeln? Die Bilder von bäuerlicher Landwirtschaft und moderner Agrarindustrie prägen die mediale Wahrnehmung der Lebensmittelproduktion. Sie sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern verantwortungsvoll miteinander im Gespräch sein. So können sich Wege zeigen, wie sich ein produktives und gerechtes Miteinander ergeben können, und an dem Miteinander sollten wir als entwicklungspolitisch verantwortliche Kirche und Diakonie eine Rolle spielen wollen. Wir brauchen die Kompetenz der landwirtschaftlichen Wissenschaft, um nicht in kirchlichen Träumen von einer besseren Welt und einfachen Lösungen zu verschlafen. Die Wissenschaft braucht unsere ethische wachsame Haltung, um nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit zu geraten. Im Gespräch und in kontroversen Debatten über Welternährung und Nachhaltigkeit können wir Partner sein.

Die Erde ist des Herrn. Sie ist kostbar und umkämpft. Wir brauchen sie und sie ist uns anvertraut. Das ist ein Kriterium, Besitzverhältnisse gerecht zu gestalten. Es geht nicht nur um Nahrungsmittel, sondern um gerechte Teilhabe an allen Mitteln zum Leben.

Nach der Bibelarbeit von Sonja Skupch und Martin Dröge, den Vorträgen von Alexander Müller und Joachim von Braun, nach der Lektüre des Lesebuches, den Impulsen aus Predigten und Grußworten und den Berichten von unseren ökumenischen Gästen am Samstagabend soll jetzt Raum und Zeit sein, die Diskussion in synodaler Verantwortung miteinander zu führen.

Wir haben in der Vorbereitung 11 Fragestellungen und Themenfacetten herausgearbeitet und laden Sie ein, miteinander ins Gespräch und auch in die Auseinandersetzung zu gehen. Der Name Forum soll die Vielfalt zur ehrlichen, offenen Debatte eröffnen. In jedem Forum diskutiert ein ökumenischer Gast mit, und er oder sie wird die eigene Perspektive einbringen. Ein kurzer Gesprächseinstieg durch einen Experten oder eine Expertin wird die Debatte im Forum eröffnen. Aus dieser Debatte können Sie Impulse und Kernsätze – einige haben wir von Ihnen auch noch mitbekommen – heute Nachmittag in die Plenumsdebatte einbringen. Für die Kundgebung haben wir viele Textbausteine vorbereitet. Diese müssen nicht verwendet werden, aber mit ihnen kann man arbeiten – wie eben mit Bausteinen. Man kann daraus Kernsätze formulieren, die dann im Themenausschuss zu einer Kundgebung verarbeitet werden.

In den letzten Jahren, liebe Schwestern und Brüder, sind viele ausführliche, gute und auch beachtete Texte der EKD veröffentlicht worden. Die Kammer für nachhaltige Entwicklung wird demnächst einen weiteren Text veröffentlichen. Unsere Kundgebung aus dieser Synodentagung kann ein hoffentlich kräftiger, energischer Zwischenruf der Erinnerung, der Bekräftigung, der Ermutigung und vielleicht auch der neuen Akzentsetzung sein. Für konkrete Anliegen und konkrete Forderungen können im Rahmen der Synodentagung auch noch eigenständige Anträge gestellt werden, die nach der Bearbeitung in den entsprechenden Ausschüssen dann von uns beschlossen werden.

Aus unserer Vorbereitungsarbeit haben sich drei Schritte ergeben, die wir Ihnen für die Kundgebung empfehlen: sehen – urteilen – handeln.

Sehen – die Situation auch mit Erschrecken wahrnehmen, das, liebe Geschwister, ist manchmal schon ein geistlicher Akt. Sich der Realität von Unrecht, von Hunger und Ausgrenzung auszusetzen, die man persönlich nicht erleidet, aber doch bezeugen kann und bezeugen muss. Zeuginnen und Zeugen zu sein, das ist wahrnehmen und sehen.

Urteilen – eine biblisch-theologisch begründete Haltung finden, die Zuversicht auf das in Frieden und Freude geteilte Brot, das alle sättigt, wirkt aus der Ferne in die eschatologische Zukunft hinein, ganz konkret in unsere Gegenwart. Die Fülle ist schon da und doch noch nicht. Die Fülle gehört Gott, das ist genug für die Menschen. Wie kann die hoffnungsvolle Spannung unseres Glaubens uns selbst zur Umkehr bewegen?

Handeln – beginnt bei uns selbst. Sich selbst verändern, Sie haben es auch noch einmal deutlich an uns gerichtet –, uns selbst verändern ist der erste Schritt. Den Wert von Lebensmitteln qualifizieren, der Wegwerfmentalität entgegentreten, gerechte Teilhabe politisch wollen und folgern. Handeln hat viele Facetten, aber sie nähren sich alle aus der eigenen Überzeugung.

Damit komme ich zum Schluss. Solidarität, Gemeinschaft und Lebensqualität wachsen, wenn genug Mittel zum Leben da sind. Für die einen müssen es mehr sein und für die anderen weniger. Das ist genug für alle. Diese Transformation meint die Veränderungen der Einzelnen und der ganzen Gesellschaft, des ganzen Lebens. Das schließt die Transformation auch unserer eigenen Lebenshaltung ein. Dann ist Entwicklung eben nicht mehr Steigerung von materiellem Mehr, sondern Transformation zu einer neu verstandenen Genügsamkeit.

Wachstum der Genügsamkeit – ein neues Wachstumsziel für uns? Eine Kultur der Selbstbegrenzung ein neues Lernziel? Es ist genug für alle da – den abschließenden Punkt hinter diesen Satz, den können wir nicht setzen. Wir glauben, bekennen, feiern und vertrauen, dass in Christus die Fülle des Lebens ist, die uns alle birgt und sättigt.

In diesem Glauben ringen wir um Brot für alle. Unser täglich Brot gibt uns heute und vergib uns unsere Schuld. Das Brot und alles, was unser Leben lebenswert macht, sind uns gegeben. Wenn die Teilhabe an diesem Brot für andere nicht möglich ist, betrifft es auch uns, die Sattgewordenen. Die Vergebung Gottes ist die Ermutigung und die Freude, neu zu leben, neu aufzubrechen, auch Neues und ganz anderes zu wagen.

Liebe Schwestern und Brüder, Umkehr ist immer ein Schritt nach vorn und ist die Antwort auf Vergebung. Vergebung verändert uns. Transformation kann und muss bei uns beginnen. Dann kann sie weiter wirken.

So beginnt jeder Weg. Christus ist für uns Brot des Lebens. Deswegen ist kein Weg vergebens und kein Schritt umsonst.

Ich danke allen Mitgliedern des Vorbereitungsausschusses und den mitarbeitenden Gästen, dem Präsidium für ermutigende und kritische Begleitung, den Mitarbeitenden von Brot für die Welt für die Gestaltung des Readers und den beiden Geschäftsführern unserer Vorbereitungsarbeit, Oberkirchenrat Burckhardt und Bischof Schindehütte, für ihre gemeinsame, einander ergänzende Geschäftsführung. Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen gute und inspirierende Gespräche in den Foren.



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