Grußworte

2. Tagung der 12. Synode der EKD, Bremen, 4. bis 11. November 2015

Grußwort der Deutschen Bischofskonferenz

Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück)

11. November 2015


Sehr geehrte Präses der Synode, Frau Dr. Schwaetzer!
Sehr geehrte Synodale!
Sehr geehrte Mitglieder der Kirchenkonferenz!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine große Freude, heute als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz das erste Grußwort an die zwölfte Synode der EKD, die sich im Frühjahr dieses Jahres konstituiert hat, zu richten. Ich folge damit einer bewährten Tradition, die seit vielen Jahren besteht und die Ausdruck des guten und verlässlichen ökumenischen Miteinanders zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland ist. Gern bin ich der Einladung gefolgt, dieses Zeichen unserer Verbundenheit zu setzen. Ich tue dies auch im Namen meiner Mitbrüder in der Bischofskonferenz, deren Grüße und guten Wünsche ich Ihnen übermitteln darf.

In den vergangenen Tagen haben Sie sich intensiv mit dem Schwerpunkthema der Synode „Reformationsjubiläum 2017 – Christlicher Glaube in offener Gesellschaft“ befasst. Es ist gut, dass die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD sich bei ihren Verabredungen zu ökumenischen Initiativen im Zugehen auf den 500. Jahrestag der Reformation von der Frage leiten lassen, wie sie dieses Ereignis zum Anlass nehmen können, den Glauben an Jesus Christus in der heutigen Welt gemeinsam zu bezeugen. Ein gemeinsames Christusfest soll es werden – so ist es im Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden des Rates der EKD und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz festgehalten. In dieser Perspektive stimmt die Deutsche Bischofskonferenz in die Feierlichkeiten zu 2017 mit ein. Es freut mich, dass wir gemeinsam einen Prozess der „Heilung der Erinnerungen“ anstoßen konnten, in dem die Schuld der Vergangenheit, die es auf beiden Seiten gibt, angeschaut und vor Gott bekannt wird. Wenn wir dafür ihn und einander um Vergebung bitten, werden
wir umso glaubwürdiger und befreiter Zeugnis von unserem Glauben geben und umso entschiedener den Weg in eine geeinte Zukunft gehen können. Wir folgen damit dem biblischen Ruf zur Umkehr, der das Kernanliegen der Reformatoren des 16. Jahrhunderts war und in dem alle kirchliche Reform wurzelt.

„Christlicher Glaube in offener Gesellschaft“ – dieses Thema ist auch für die katholische Kirche von großer Aktualität. Die Zeiten, in denen wir es in der Verkündigung des Evangeliums mit relativ geschlossenen christlichen Milieus zu tun hatten, sind vorbei. Glaube und Religion haben im Leben vieler Zeitgenossen oft keinen bewussten Stellenwert, wiewohl die Suche nach dem Größeren und anderen unübersehbar ist. Wir müssen daher heute hinausgehen zu den Menschen, uns ihrem Fragen und Suchen aussetzen. Das zwingt uns auch, immer neu zu fragen, wie wir uns selbst als Kirche verstehen. Papst Franziskus bringt dies sehr anschaulich zum Ausdruck, wenn er sagt: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“[1]

Die katholische Bischofssynode vor wenigen Wochen hat mit ihren Beratungen zur „Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ eindrucksvoll gezeigt, dass der christliche Glaube nie ein für alle Mal in starre Formen gepresst werden kann. Wir müssen uns immer wieder neu darum bemühen, aus dem Geist des Evangeliums Antworten auf aktuelle Entwicklungen zu geben. In dem bekannten Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ haben wir uns bei der Bischofssynode aufmerksam die gegenwärtige Situation von Familien mit all den kulturell bedingten Unterschieden angeschaut und in intensiven, teilweise auch kontroversen Diskussionen nach Wegen gesucht, Ehe und Familie zu stärken. Dabei bewegte uns auch die Frage, wie wir in Treue zu Jesu Wort mit dem Scheitern von Lebensentwürfen umgehen können. Unser Suchprozess ist mit der Synode nicht abgeschlossen. Aber das Abschlussdokument der Bischofssynode öffnet mit seinem positiven und ermutigenden Grundton Türen und bereitet den Weg für weitere Schritte. Denn es lenkt – dem Beispiel Jesu folgend – die Aufmerksamkeit immer wieder auf die konkreten Biographien der Menschen, die wir ernst nehmen müssen. Dies steht nicht gegen die Lehre der Kirche, sondern ist Voraussetzung dafür, dass sie im menschlichen Leben Gestalt gewinnen kann.

Der synodale Weg der katholischen Kirche wird weitergehen. Der synodale Weg, so Papst Franziskus in seiner Ansprache bei der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015, ist das, „was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet“. Eine synodale Kirche, so führt der Papst weiter aus, ist eine Kirche des „Zuhörens“ und „wechselseitigen Anhörens“ im Zusammenspiel von gläubigem Volk, Bischofskollegium und dem Bischof von Rom, der nach katholischem Verständnis der Garant der Einheit ist. In einer synodalen Kirche wird die Rolle der Laien gestärkt, werden Zwischeninstanzen Bedeutung gewinnen. Und, da ist Papst Franziskus sich sicher, in der Perspektive der Synodalität wird die Ausübung des Petrusdienstes besser geklärt werden können. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Auffassung von Kirche sehe ich hier ein gewichtiges Potenzial, zu tiefergehenden Übereinstimmungen im Kirchenverständnis zu kommen und so auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten.

Die offene, die säkulare Gesellschaft ist eine Herausforderung, aber sie ist auch eine Chance. Sie drängt uns, neu auf Jesus Christus als die Mitte unseres Glaubens zu schauen und an ihm Maß zu nehmen. Umso mehr hat es mich gewundert, dass im Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema „Reformationsjubiläum“ die Person Christus und die Beziehung zu ihm ausdrücklich nur mit Gal 3,28 genannt ist. In seinem Wort und in seinem Wirken begegnet uns doch Gott selbst, der uns mit seiner Liebe zuvorkommt und dessen Gnade und Barmherzigkeit unermesslich ist. Die katholische Kirche möchte sich in einem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das am 8. Dezember beginnt, intensiv auf diesen Kern der jesuanischen Botschaft besinnen. Ob wir mit der Konzentration hierauf nicht auch nahe bei dem sind, was für reformatorische Theologie der Inbegriff des Evangeliums ist, der Lehre von der Rechtfertigung also, die ja die biblische Botschaft von der neuschaffenden Barmherzigkeit Gottes aufnimmt, von der wir uns im Glauben beschenken lassen können, die wir aber nie selbst verdienen können? Könnte das Jahr der Barmherzigkeit nicht auch Ansporn sein, gemeinsam dieser Frage weiter nachzugehen? Ich bin gewiss, dass auf diese Weise das zum 500-jährigen Gedenken der Reformation in Aussicht genommene Christusfest inhaltlich weiter gefüllt werden könnte, zumal unsere gemeinsame Aufgabe wächst, den Glauben an einen personalen Gott, der in Christus Mensch geworden ist und im Heiligen Geist lebendig unter uns bleibt, glaubwürdig zu verkünden gegenüber einer diffusen Religiösität, die unserem DU-Glauben ratlos bis ablehnend begegnet und sich in einem ES-Glauben breitmacht.

Die Barmherzigkeit Gottes wird uns ohne unser Verdienst geschenkt, aber sie bleibt nicht folgenlos. In der Nachfolge Christi ist die Kirche, ist jeder einzelne Christ gerufen, der göttlichen Barmherzigkeit Gestalt zu geben. Und das heißt konkret, mit dem Armen, dem Ausgeschlossenen, dem Schutzbedürftigen zu sein. Heute, am Fest des heiligen Martin, dessen Vorbild uns gemeinsam so wichtig ist – im nächsten Jahr begehen wir seinen 1700. Geburtstag – werden wir einmal mehr herausgefordert, mit den Armen jeder Art zu teilen. Wer hätte hier nicht die dramatischen Bilder von Flüchtlingsströmen aus dem Nahen und Mittleren Osten und anderen Krisengebieten der Welt vor Augen, die tagtäglich nach Europa und besonders auch nach Deutschland kommen. Unzählige Menschen verlassen in diesen Monaten ihre Heimatländer, weil sie dort keine Zukunft haben und ihr Leben bedroht ist. Wir dürfen sie als Kirche, als Christen nicht allein lassen, genauso wenig wie diejenigen, die in unserer Gesellschaft zu kurz kommen und Not leiden. Dass die christlichen Kirchen in Deutschland hier im Dienst der Menschen selbstverständlich zusammenarbeiten, ist sehr erfreulich und zeigt, dass es bei uns um die Ökumene gut bestellt ist. Den vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfern, die sich dafür einsetzen, dass die Not der Flüchtlinge gelindert wird, können wir nicht genug danken. Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Dies immer wieder anzumahnen, bleibt unser gemeinsamer christlicher Auftrag.

Verehrte Synodale, meine Damen und Herren!

Gestern haben Sie den Rat der EKD neu gewählt. Den bestätigten und den neu hinzu gekommenen Ratsmitgliedern gratuliere ich herzlich und wünsche Ihnen Kraft und Gottes Segen für die Wahrnehmung dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Möge es Ihnen gemeinsam mit der Synode gelingen, die Evangelische Kirche in Deutschland kraftvoll durch die kommenden Jahre zu steuern, damit sie im Zugehen auf 2017 und darüber hinaus in der Gemeinschaft mit allen christlichen Kirchen in Deutschland die Botschaft von Gottes Heil, das uns in Christus geschenkt ist, in ansteckender Weise verkündet. Für die noch anstehende Wahl des Ratsvorsitzenden und seines Stellvertreters sowie für die abschließenden Beratungen und Beschlussfassungen bei dieser Synode wünsche ich Ihnen allen gute Entscheidungen und Gottes Geleit.

Fußnote:

1 Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium vom 24. November 2013, Nr. 49,
Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 194, S. 41.