Predigt im Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode in der Kulturkirche St. Stephani

Schriftführer Renke Brahms

08. November 2015

Es gilt das gesprochene Wort.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Die Welt scheint aus den Fugen geraten! So viele Meldungen und Bilder über Krieg und Gewalt, von vertriebenen und flüchtenden Menschen erreichen unsere Häuser und unsere Herzen. Die Sicherheiten scheinen zu zerbröckeln.
Das Gefühl der Unsicherheit wächst

Ich stimme in das Gebet des Psalmbeters ein: „Herr, tu ein Zeichen, dass Du´s gut mit mir – mit uns – mit den Menschen – meinst.“ Ich stelle mir vor, wie viele Menschen auf ihre Weise so beten, so seufzen, so rufen und schreien. In verschiedenen Sprachen, ob zu Allah oder dem Gott der Bibel. Dieser Ruf, diese Sehnsucht nach Zeichen des Friedens eint sie alle.

Wie aber könnten sie aussehen – die Zeichen des Friedens – Zeichen einer gerechten Welt? Ich will jedenfalls nicht hereinfallen auf die Zeichen der Stärke, der Macht oder Gewalt. Kein Goldenes Kalb, keine Macht der Welt, keine Ideologie, keine Armee hat je Frieden gebracht. Und kein Zaun und keine Mauer haben je Sicherheit erzeugt.

Ich bin froh und getröstet, dass ich dem glauben darf, der so kräftige Zeichen gesetzt hat für Gewaltlosigkeit und Versöhnung, für Nächstenliebe und Feindesliebe. Er nimmt mich mit, wenn ich zweifle, wenn ich ratlos bin oder mich ohnmächtig fühle.

Er gewinnt das Vertrauen der Skeptikerinnen und vermeintlichen Realisten  – so wie er Thomas gewonnen hat, der so oft fälschlicherweise der Ungläubige genannt wird.

Frieden ist das Ziel. Alles, was Jesus sagt und tut, hat das eine große Ziel des Friedens – des umfassenden Schalom Gottes. Der Mann aus Nazareth ist selbst das Zeichen des Friedens. Auf ihn zu hören, ihm zu folgen, an ihm sich zu orientieren, seinen Zeichen zu folgen, bringt uns dem Frieden näher.

Der erste Schritt auf dem Weg zum Frieden ist der realistische Blick auf die Welt, in der wir leben.
„In der Welt habt ihr Angst.“ Ja, so ist es! Und Jesus wischt die Angst nicht weg.

Allen Grund zur Angst haben die Menschen, die in diesen Tagen in Aleppo, Mossul, Donezk oder anderen Orten ausharren und nicht sicher sind, ob sie den nächsten Tag erleben. Allen Grund zur Angst haben die Frauen und Männer, die vor Gewalt fliehen, haben die Kinder, die nichts anderes erleben als Krieg. Angst haben die Menschen an den Küsten Libyens, wenn sie auf das nächste Boot warten, das sie nach Europa bringen soll.

Müssen wir Angst haben, wenn diese Menschen zu uns kommen? Unser Land hat in der Geschichte  schon weit größere Zahlen von Flüchtenden aufgenommen. Aber natürlich gibt es auch unter uns, in unseren Gemeinden Menschen, die Angst oder zumindest Sorge haben. Darüber muss wieder und wieder gesprochen werden − dafür muss auch Raum sein.
Denen aber, die mit der Angst der Anderen ihr eigenes Süppchen der Fremdenfeindlichkeit und eines Rechtsextremismus kochen wollen müssen wir kräftig widerstehen!

In der Welt habt ihr Angst. Aber .... Ich ärgere mich in der Regel über ein „Aber“. Oft genug kommt es von den Bedenkenträgern, die sich gegen Veränderungen sperren. Ein solches „Aber“ will ich nicht hören.

Bei Jesus ist es der Einspruch gegen eine Angst, die lähmt. „Aber seid getrost...!“ Dieses „Aber“ höre ich gerne. Was Martin Luther mit dem schönen Wort „getrost“ übersetzt, kann auch heißen: „Lasst euch nicht lähmen von Angst! Seid mutig, unverzagt, beherzt!“

Man möchte es denen zurufen, die auf ihren Wegen nach Europa sind. Verliert nicht den Mut! Ihr habt schon so viel gewagt!

Und man möchte es den Vielen zurufen, die sich für die Flüchtenden engagieren, ihre Portmonees und ihre Häuser öffnen, in den Unterkünften helfen und sich in Behörden und Institutionen mühen, damit die Menschen menschenwürdig unterkommen. Danke! Und hört nicht auf! Verliert nicht den Mut!

Und man möchte es denen zurufen, die sich für den Frieden einsetzen – überall dort, wo sie verantwortlich sind: in Politik, Kirche und Zivilgesellschaft. Hört nicht auf! Verliert nicht den Mut! Seid beherzt!

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden.“

Es gibt keinen Frieden auf dem Weg einer Sicherheit, die meint, sich in Europa abschotten zu müssen. Wer nur die eigene Sicherheit meint und nicht auch die der Flüchtlinge, wer nur um den eigenen Wohlstand fürchtet – der tanzt schon wieder kräftig um das Goldene Kalb.

Wer meint, den Frieden sichern zu können mit immer mehr und ausgefeilten Waffen, lässt sich blenden vom brüchigem Zeichen der Stärke und der Macht.

Wie aber kann Frieden gewagt werden? Vielleicht müssen wir, um eine Antwort darauf zu finden, noch tiefer in die Botschaft Jesu eintauchen.

 „...aber seid getrost – seid mutig, seid zuversichtlich, seid beherzt – denn ich habe die Welt überwunden.“ Jesus sagt nicht: „Ich werde die Welt überwinden, irgendwann, vielleicht mit meinem Tod oder der Auferstehung.“ Er sagt: „Ich habe die Welt überwunden.“ Mit jedem Zeichen, das er tut, mit jedem Menschen, den er heilt, mit jedem Kind, dem er Brot zu essen gibt, mit jedem, der zweifelt und doch neues Gottvertrauen gewinnt – mit jedem dieser Menschen überwindet er die Welt.

Mit jeder Geste der Versöhnung, mit jedem Streit, den wir schlichten, mit jedem Menschen, dem wir Zuflucht geben, mit jedem Menschen, den wir vor dem Hungertod bewahren und mit jedem Menschen, den wir trösten, setzen wir Zeichen des Friedens und  überwinden wir die Welt der Gewalt, der Ungerechtigkeit und des Todes.

Und wer nun meint, dies sei nur pathetischer Schmus oder naiver Leichtsinn, muss sich die Frage gefallen lassen, wo wir denn wären ohne diese kleinen die Welt verändernden Schritte.

Wo wären wir denn, wenn nicht die wenigen Menschen vor 30 Jahren in Erfurt und Leipzig angefangen hätten, für den Frieden zu beten. Daraus wurde eine friedliche und gewaltlose Revolution und die Mauer fiel.
Wo wären wir denn, wenn sich nicht ehemalige Feinde nach dem 2. Weltkrieg die Hände gereicht und sich Völker versöhnt hätten.  Und wo wären wir in Südafrika, in Ruanda – wenn nicht Menschen Frieden und Versöhnung gewagt hätten.

Und wo kämen wir denn hin, wenn es keine Vereinten Nationen gäbe, wenn es nicht möglich wäre, über nachhaltige Entwicklung und die Rettung des Klimas zu verhandeln und damit an die Wurzeln der Konflikte zu gehen und endlich, endlich die Ursachen zu bekämpfen – zugegeben mühsam ist es und oft noch nicht ausreichend.

Wir dürfen die kleinen Schritte nicht schmähen und uns ihrer nicht schämen. Glauben wir doch unserem eigenen Glauben und dem, der uns zuruft: Seid getrost, mutig, unverzagt, beherzt und wagt den Frieden! So überwinden wir die Welt.

Ein schönes Zeichen, liebe Gemeinde! Gottes offene Gesellschaft – nicht verborgen oder versteckt und geschlossen sondern zugänglich für alle. Und ein tragfähiger Grund: Gottes Gegenwart und Glanz mitten unter uns.

So leicht, so offen, so tragfähig wünsche ich mir meine Kirche.
So wünsche ich mir eine offene Gesellschaft, in der die verschiedensten Menschen in Frieden zusammenleben. So wünsche ich mir eine Welt, in der Frieden gewagt und Gewalt überwunden wird. So wünsche ich mir eine Welt, in der auf gewaltfreie Konfliktlösung gesetzt wird.

„Barmherziger Gott: Tu ein Zeichen an uns, dass du´s gut mit uns meinst! So beten wir zu dir voller Sehnsucht mit den Vielen auf dieser Erde. Und wir erkennen Zeichen deiner Güte und deines Friedens. Lass uns darauf achten und daraus Kraft schöpfen. Amen.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.