Predigten und Morgenandachten

2. Tagung der 12. Synode der EKD, 8. bis 11. November 2015 Bremen

Morgenandacht

Sigrid Beer

11. November 2015

Sigrid Beer

Es gilt das gesprochene Wort.

Der Friede sei mit euch allen.
Amen.

Guten Morgen und herzlich willkommen zur Andacht.

Bitte nehmen Sie das Gesangbuch zur Hand und legen ein Bändchen ein bei den Psalmgebeten, und zwar bei Nr. 721 und beim Lied 170.

Ich möchte Sie einladen, dass wir uns nun gemeinsam auf die Andacht einstimmen mit einem Gesang aus Taizé.

Lied: 181.6 Laudate omnes gentes

Wir lesen gemeinsam und abwechselnd Psalm 38, EG 721.

Die Frauen bitte ich zu beginnen.

Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!
Psalm 38,23
Losung vom 11.11.2015

Liebe Brüder und Schwestern,

die Tageslosung finden wir im Psalm 38, den wir gerade gemeinsam gesprochen haben, im Vers 23: "Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!" Die Psalmen sind auch als das Herz der Bibel bezeichnet worden. Sie drücken Gefühle aus, die uns tief bewegen können: Befreiende Freude und stärkende Zuversicht, aber eben auch Leiden, Trauer, Einsamkeit, Verlassenheit und Ohnmacht.
Existentielle Bedrohung und tiefe Verzweiflung, dafür ist uns in unserer Gesellschaft oft genug die Sprachfähigkeit und auch das Empfinden abhandengekommen.

Da begegnet uns die Sprache der Psalmen mit aller Wucht. Und dabei geht es nicht nur um Empfindungen, es geht um das Seelenleben der Menschen. So auch im Psalm 38. Dieser Mensch ist bis ins Mark getroffen, verletzt an Leib und Seele, am Boden zerstört, zitternd, blind, taub, stumm vor Verzweiflung und in Ohnmacht gefangen. Ausgrenzung – Gottferne.
Und doch ist der Beter getragen von einer tiefen Sehnsucht, er will Gott nahe sein, will Gott spüren, er fleht um Zuwendung, er ruft inständig um Hilfe.

So gibt es aus dem am Boden liegen und der großen Niedergeschlagenheit doch noch eine Bewegung, und diese hat eine Richtung, alle Energien richten sich auf Gott. Sehnsucht nach Gott, nur dort ist Rettung, Hilfe, Vertrauen. Da ist Hoffnung, Hoffnung auf Zukunft! Am Schluss – das Bekenntnis: Herr, du meine Hilfe!

Ich bin dankbar für diesen Psalm, wir können ihn mitbeten – auch in unseren Nöten. Geben wir es doch zu, mit unseren Ängsten und Ohnmachtsfühlen.
Und auch wir dürfen rufen: „Eile, mir beizustehen, Herr, du meine Hilfe!“
Gottes Antwort ist da. Jesus Christus ist in diese Tiefe unserer Not und Angst gekommen, um sie für uns zu tragen, um mit uns zu sein und uns frei zu machen zu neuem Leben und Handel.

Das ist die frohe Botschaft, die Botschaft die neues Leben und Bewegung in unsere vermeintlichen Zwänge bringt. Mit dieser befreienden Botschaft im Herzen sind wir nicht mehr blind und taub und auch nicht stumm.

Öffnen wir die Augen:
Um uns herum gibt es Verzweiflung, unfassbares Leid, Verletzungen an Leib und Seele, Angst und das Gefühl des Verlorenseins. Wer in die Gesichter der Menschen, der Männer, der Frauen und Kinder schaut, die in Griechenland von den Flüchtlingsbooten gezogen werden, damit sie nicht ertrinken, die Panik im Gesicht gezeichnet von Strapazen und der Todesangst, dem werden die Worte aus dem Psalm 38 in ganz anderer Weise gegenwärtig.

Öffnen wir die Ohren:
Wer mit den Flüchtlingen spricht, der erfährt der Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit, nach einem Stückchen Frieden in ihrem Leben.

Seien wir nicht stumm:
Helmut Schmidt und Otto von Bismarck haben erklärt: „Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen.“

Die Bibel ist in der Tat kein Handbuch für politische Entscheidungen, die Bergpredigt ist nicht die Fassung einer Rechtsverordnung, sondern Verheißung. Eine Verheißung, die uns alle teilhaben lässt an der Leidenschaft Gottes für diese Welt und die uns alle in die Verantwortung nimmt, für die einzutreten, die schwach, bedroht und schutzlos sind, für die, die sonst keine Stimme haben.

Nein, Gottes Wort regiert nicht den Staat. Auch nicht bei einem wohlwollend neutralen Verhältnis zwischen Staat und Kirchen. Aber Gottes Wort kann die Herzen der Menschen regieren und bewegen. Gottes Wort ist hochaktuell! In den Urgeschichten der Bibel geht es um die Würde des Menschen und darum, was es heißt, von der ständigen Angst getrieben zu sein, zu kurz zu kommen. Die 10 Gebote beschreiben Elementares für das Miteinander. Die Arroganz der Macht und politische Verantwortung, das sind auch Themen der Propheten. In diesem Verständnis unterstreicht Klaus Engelhardt in Bezug auf die Bergpredigt, "dass nur frei ist, wer seine Freiheit gebraucht und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen".

Wie findet das Ausdruck in unserer Rechtsetzung? Darum müssen wir ringen und auch als Kirche die Stimme erheben. Und das ist hochaktuell, wenn Abschreckungsrhetorik nicht nur den Rechtspopulismus bedient, sondern sich auch ein Ventil in verklausulierten Begrifflichkeiten wie „subsidiärer Schutz“ sucht oder den Schutz von Familie in Frage stellt.

Liebe Brüder und Schwestern,

es klingt wie ein Stoßseufzer, das Wort von Alfred Loisy. Der katholische Theologe und Historiker schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts:
„Jesus verkündete das Reich Gottes; aber es kam die Kirche.“

Die Kirche kann sich heute nicht mehr allein auf einen festen Kern von Mitgliedern in ihren Gemeinden stützen. Aber sie ist und wird dort zur Kirche, wo sie sich für die Bedürfnisse und Nöte der Menschen öffnet und einsetzt. „Gerade dann, wenn die Kirche nicht für ihre eigenen institutionellen Interessen eintritt, erfüllt sie ihren besonderen Auftrag, indem sie als Anwalt der Menschen auftritt, deren Rechte missachtet und deren Lebenschance zerstört werden“, formulierte der Staats- und Kirchenrechtler Jörg Winter. Und weiter: „Gerade eine Gesellschaft und ein Staat, die die Achtung der Menschenwürde zu ihrem obersten Ziel erklärt haben und die sich den Prinzipien der Freiheit und der Demokratie verpflichtet wissen, wären schlecht beraten auf diesen Dienst der Christen und ihrer Kirchen zu verzichten.

Credo – ich glaube. Das bedeutet für mich: Wo ich im Leben stehe, kann ich Verantwortung leben, im Großen und im Kleinen. Nicht als meine Leistung, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott sich uns ganz und uneingeschränkt zugewandt hat. Das ist das, was uns hält und im Leben trägt.

Amen.

Wir bringen alle unsere Bitten gemeinsam vor Gott:

Vater Unser

Wir bitten gemeinsam um den Segen mit dem Lied. Komm Herr segne uns – EG 170.

Amen.