Schwerpunktthema

2. Tagung der 12. Synode der EKD, Bremen, 4. bis 11. November 2015

Einbringung des Kundgebungsentwurfes zum Schwerpunktthema: „Reformationsjubiläum 2017 – Christlicher Glaube in offener Gesellschaft“

Dr. Rüdiger Sachau

09. November 2015

Rüdiger Sachau (Foto. EKD)

Es gilt das gesprochene Wort.

1. Einleitung

1.1 Ein Katalog der Vorfreude

Das Verhältnis des christlichen Glaubens zur offenen Gesellschaft durchdenken, wollen wir mit Blick auf das nun näher kommende Jahr 2017. Beraten durch das Kirchenamt und die Präses entstand ein Lesebuch, das ich als einen "Katalog der Vorfreude" auf das Reformationsjubiläum bezeichnen möchte. Eine Übersicht über Konzepte und Planungen für das Jubiläumsjahr nicht nur in evangelischen, sondern auch in ökumenischen und säkularen Bereichen.

Als die Bitte an die Landeskirchen und die sonstigen Beteiligten herangetragen wurde, auf je zwei Seiten ihre Planungen und Ideen darzustellen, haben alle sofort und willig geliefert. Das ist ein gutes Zeichen und dafür danken wir. Natürlich fehlt immer irgendetwas. Mir selbst ist zu spät aufgefallen, dass wir das bundesweite Reformationsprojekt der Evangelischen Akademien zur gesellschaftlichen Aktualität der Reformation vergessen haben (www.evangelische-akademien.de). Anderen wird es ähnlich gegangen sein, aber das nimmt dem Lesebuch nicht seine Bedeutung.
Der größte Dank für die in kürzester Zeit geleistete Arbeit gilt nicht nur dem Ausschuss, sondern dem Kirchenamt der EKD, namentlich Dr. Konrad Merzyn, Kerstin Kipp und Uwe Birnstein.

Nimmt man dieses Lesebuch zur Hand, so zerstreuen sich die Bedenken, die Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, in der vergangenen Woche vorgetragen hat. Er nennt die Reformation einen "der fundamentalsten Wendepunkte in der Weltgeschichte" und er macht sich öffentlich Sorgen, "ob die verbleibende Zeit wirklich ausreicht, um ein angemessenes Programm für dieses außergewöhnliche Jubiläum zu gestalten." (Politik und Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates, Heft 6, 2015, S.1)

Das Lesebuch vermag diese Bedenken zu zerstreuen. Allerdings hat er recht, wenn er fordert, dass die verbleibende Zeit genutzt werden muss, um "die Kräfte von Staat, evangelischer Kirche und Zivilgesellschaft zu bündeln, um 2017 eine breite Diskussion über die Reformation und ihre Wirkungen in der Gegenwart in der Gesellschaft zu initiieren." Dazu wollen wir beitragen.

1.2 Unser Auftrag

Historische Fragen, wie weit die Reformation die Moderne begünstigt oder behindert hat, sind nicht unser Thema. Auch "Religion und Gesellschaft" war nicht gefragt oder "Evangelisch in der Gesellschaft". Wenn "Kirche und Staat" gefragt gewesen wären, hätten wir über Staatskirchen- und Religionsverfassungsrecht nachgedacht und schon einmal einen Blick auf das Jahr 2019 geworfen, wenn wir 100 Jahre Weimarer Reichsverfassung bedenken werden.
Damit wissen Sie, was wir explizit nicht behandelt haben, denn es geht um die Gegenwart des Glaubens angesichts des Reformationsjubiläums 2017.
"Christlicher Glaube in offener Gesellschaft" – darin sind zwei eher "weiche" Beschreibungen verbunden. Um die protestantische Freiheit geht es – also um die Freiheit, die aus dem Glauben kommt und mutig eine offene Gesellschaft mitgestaltet. Und um die Vielfalt von Überzeugungen, die eine moderne, eine offene Gesellschaft kennzeichnet.

Dabei sehen wir mögliche Beziehungen zwischen einem in die Freiheit rufenden christlichen Glauben und der Freiheit als Voraussetzung für die Offenheit einer Gesellschaft.

1.3 Glaube und Gesellschaft – nicht zu trennen und nicht zu vermengen

Zwei Extreme hatten von Anfang an auszuscheiden:
Es kann keine Trennung zwischen Glaube und Welt geben. Wir sind und bleiben als Christen Kinder dieser Welt. Und diese zu gestalten und mit dem Blick des Glaubens zu bereichern, ist unsere Aufgabe. Das tun wir in der Gemeinschaft von Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen und Glaubensgestaltungen.
Keine Diastase, aber umgekehrt können wir auch nicht eine zwangsweise Verchristlichung der Welt anstreben. Ein jeder solcher Versuch muss nicht nur aus Gründen säkularer Ideologiekritik zurückgewiesen werden. Er wäre auch aus theologischen Gründen widersinnig, weil er den Ruf in die Freiheit aus dem Glauben gewissermaßen zu einem Gesetz, zur menschenmöglichen Voraussetzung einer offenen Gesellschaft machen würde.

Da unser Thema nun aber explizit die Gesellschaft in den Blick nehmen soll, kommen wir nicht umhin, diese auch als Kontext und Bezug unseres Glaubens ernst zu nehmen. Wir sind und bleiben als Christen Kinder dieser Welt, solange wir leben.

1.3 Aufbau der Kundgebung

Es ist keine besondere Überraschung, dass wir uns mit dem Kundgebungsentwurf in den Spuren reformatorischer Theologie bewegt haben. Dabei haben wir das von Martin Luther geprägte Verhältnis von Freiheit und Verantwortung als Leitfigur verwendet: Wir sind frei von der Notwendigkeit uns durch gute Werke abzusichern – darum können wir uns für alle Menschen engagieren.

Im ersten Teil hat uns die Relevanz der Reformation beschäftigt. Die konfessionelle Konkurrenz haben wir als Treiber produktiver gesellschaftlicher Prozesse gesehen. Den Religionspluralismus als Lernort der Toleranz. Die positive Würdigung des Lebens in der Welt wie die hierarchiekritische Ausrichtung der Religion der Freiheit haben wir betont. Als einzelne haben wir Verantwortung und Entscheidungsfreiheit, Bildung schärft unsere Urteilskraft.

Im zweiten Teil haben wir gefragt, was der Beitrag der Religion für eine moderne Bürgergesellschaft ist. Das schien uns notwendig, da in weiten Teilen der Öffentlichkeit die positiven Leistungen des Glaubens nicht verstanden werden und Religion eher als Problem erscheint. Dem gegenüber beschreiben wir den Beitrag des christlichen Glaubens zu einer humanen und offenen Gesellschaft.

Im dritten Teil haben wir auf die Konsequenzen der Freiheit geschaut und die Vielfalt der theologisch begründeten Positionierungen innerhalb der Kirche als ein Wesensmerkmal des Protestantismus benannt.

Eine besondere Funktion hat der Abschnitt 1.1, in dem wir uns zu den dunklen Seiten der Reformation äußern. Ich gehe darauf noch ein.

"Reformation ist das Ringen um den rechten Glauben in einer sich verändernden Welt"
(Viola Kennert). Ja, sie verändert sich und zwar rasant. Wie gestalten wir als Christinnen und Christen eine offene Gesellschaft mit, die "so plural und individualisiert, so globalisiert und kommunikativ beschleunigt ist wie nie zuvor"? (Irmgard Schwaetzer)


2. Herausgeforderte Freiheit

2.1 Freiheit: Kennzeichen der offenen Gesellschaft und Gabe Gottes

Jeder Mensch ist frei, das ist ein zentraler Gedanke moderner und offener Gesellschaften. Befreite stellen sich dankbar in den Dienst am Mitmenschen - so lässt sich der Beitrag des christlichen Glaubens in der offenen Gesellschaft zusammenfassen. In der Sprache Martin Luthers: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520). Für den Titel unserer Kundgebung wurde daraus kurz und bündig: "Frei und engagiert".

Die reformatorische Bewegung verweist als Grund der Freiheit auf Gottes vorbehaltlose liebevolle Zuwendung. Befreit von ängstlicher Sorge um uns selbst werden wir frei zum Engagement für andere. Christlich verstandene Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern hat ein Ziel und kann darum nicht in Bindungslosigkeit und Selbstzentrierung führen. Nicht Moral, nicht Pflichten kennzeichnen den christlichen Glauben in der offenen Gesellschaft, sondern eine Dankbarkeit, die aktive Konsequenzen im Alltag hat.

2.2 Die Verletzlichkeit der offenen Gesellschaft und die Notwendigkeit des Diskurses

Der Begriff der offenen Gesellschaft stammt aus dem Konzept des Philosophen Karl Popper (1902-1994), der sich mit totalitären Systemen auseinander setzte (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I und II, 1945). Das Ziel offener Gesellschaften ist es demnach, die kritischen, diskursiven Fähigkeiten des Menschen freizusetzen. Selbständiges Denken ist Freiheit und Herausforderung zugleich.

Popper wurde dafür kritisiert, dass die von ihm geforderte offene Gesellschaft eine sehr verletzliche Gesellschaft sei, die ihren Gegnern Raum biete, an ihrer Zerstörung zu arbeiten. In seinen Überlegungen bindet Popper einen Satz von Sokrates ein: "Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun" (Platon, Gorgias ).
Die paradoxe Stärke der Schwachen prägt auch unseren christlichen Glauben. Jesus am Kreuz, die Märtyrer im römischen Reich, Franziskus von Assisi, Paulus der in der Nachfolge Christi erkennt: Meine Kraft ist in Schwachheit mächtig.

Ist die offene Gesellschaft durch den Verzicht auf Machtausübung heute besonders gefährdet? Die Freiheit, sich kritisch zu äußern, nehmen zurzeit viele Menschen in Anspruch, nicht zuletzt, wenn sie die Medien als "Lügenpresse" beschimpfen. Das ist jedoch nicht die Freiheit, die eine offene Gesellschaft kennzeichnet.
Die Freiheit der offenen Gesellschaft wie des christlichen Glaubens ist nicht die Einladung zur hemmungslosen Meinungsäußerung oder gar Herabsetzung anderer. Sie enthält vielmehr die Erwartung, dass wir uns mit Argumenten auseinandersetzen und die Würde des anderen achten. Sine vi, sed verbo – ohne Gewalt, allein durch das Wort.

Und zur Freiheit gehört auch die Fähigkeit, sich selbst kritisch zu überprüfen. Wenn wir die Heilige Schrift lesen und verstehen wollen, was uns ein biblisches Wort heute sagen könnte, dann begeben wir uns in eine gewiss Distanz zu uns selbst. Sie befähigt uns, auch kritische Urteile zuzulassen und uns zu verändern. Wer sich an der biblischen Botschaft orientieren will, braucht das Gespräch in Freiheit und Offenheit, mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen.

Karl Popper wurde dieses freie Gespräch verweigert, er ging 1937 ins Exil, zahlreiche Mitglieder seiner Familie wurden von den Nationalsozialisten ermordet.


2.3 Der 9. November – zum Verhältnis von Christen und Juden und zum Antisemitismus

Im Vorbereitungsausschuss waren wir uns einig, dass eine Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden bei unserer Synode unumgänglich wäre. Dafür führe ich drei Gründe an:

Erstens die Diskussionen über die judenfeindlichen Schriften von Martin Luther gerade im Vorfeld von 2017.

Zweitens der Besuch des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden auf der Synode der EKD.

Drittens das heutige Datum, das uns mahnt nicht zu vergessen, welcher Hass am 9. November 1938 in Deutschland sichtbar wurde und welches Unrecht unseren jüdischen Mitbürgern angetan worden ist.

Schnell haben wir im Ausschuss bemerkt, dass wir das Thema "Christen und Juden" nur schwer in den Entwurf einer Kundgebung zum Thema "Christlicher Glaube in offener Gesellschaft" integrieren konnten. Was schlechterdings nicht normal ist und nie normal werden wird, bedarf einer eigenen und angemessenen Behandlung. Wir sind darum sehr dankbar, dass das Präsidium der Synode hierzu eine eigene Erklärung abgegeben hat.

Ich möchte die Zusammengehörigkeit der beiden Erklärungen aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Bedeutung betonen.
Es gibt einen fortwirkenden Antisemitismus bis in die Mitte unserer Gesellschaft und auch in unserer evangelischen Kirche. Nur wenn wir uns damit auseinandersetzen, dass auch wir Teil des Problems sind, können wir zu einem Teil der Lösung werden.

Die Offenheit und die Christlichkeit unserer Gesellschaft zeigen sich im Umgang mit unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.
Solange in unserem Land "Jude" als Schimpfwort und Diskriminierungsbegriff verwendet wird; solange Verschwörungstheorien über die Weltmacht der Juden im Internet kursieren, haben wir eine bleibende Aufgabe, vor der wir nicht die Augen verschließen können.

Durch eine gemeinsame Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin mit dem Zentralrat der Juden in diesem Sommer (Reformator, Ketzer, Judenfeind. Jüdische Perspektiven auf Martin Luther, Berlin 10.-12.6.2015, epd-Dokumentation Nr. 39) ist mir – wie anderen – deutlich geworden, dass wir uns nicht mehr mit Erklärungen und gut gemeinten Statements zufrieden geben können.
Es gibt Erwartungen an uns, die sehr konkret sind. Herr Schuster hat davon gesprochen. Es fehlen die Konsequenzen aus den Erkenntnissen, die bis heute im christlich-jüdischen Dialog gesammelt wurden. Das betrifft unser Denken und Handeln – sowohl in der systematisch-theologischen Reflexion, als auch in der kirchlichen Praxis in Verkündigung, Liturgie und Unterricht. Arbeiten wir also an unserem Teil des Problems.

  • Im Gottesdienst der Gemeinden – werden die Psalmen gebetet und die Texte des Alten Testaments gelesen und gepredigt?
  • In der Ausbildung - welchen Stellenwert hat das Judentum in Geschichte und Gegenwart? Sind wir in der Lage den heutigen Wissensstand zum Geschwisterverhältnis weiter zu geben- nicht nur an den Universitäten?
  • Was machen wir mit den bis heute genutzten Schriften eines Walter Grundmann, der in Eisenach das Institut zur "Entjudung von Kirche und Theologie" leitete und später in der DDR für die Katechetenausbildung verantwortlich war und zugleich für die Stasi arbeitete?
  • Wie reagieren wir, wenn wir mit Vorurteilen über die Juden im Bibelgesprächskreis oder beim Geburtstagsbesuch konfrontiert sind?

Der christlich-jüdische Dialog befindet sich im Übergang zu einer neuen Generation, die sich mit den bisherigen, durchaus ertragreichen und produktiven Gesprächen nicht mehr zufrieden gibt. Christlicher Glaube in offener Gesellschaft wird sich daran messen lassen, ob wir die gestellten Herausforderungen annehmen oder ihnen ausweichen.

2.4 Herausforderungen für die offene Gesellschaft und den christlichen Glauben

Die offene Gesellschaft ist in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vor besondere Bewährungsproben gestellt.

Große Zahlen von Migranten, Flüchtlingen und Schutzsuchenden kommen nach Europa und zu uns nach Deutschland. Sie werden zum Anlass für diejenigen, die Bilder und Begründungen für ihre Ablehnung des Fremden insgesamt suchen, sich noch feindlicher und ablehnender zu äußern und zu verhalten, als bisher.

Damit stellt sich implizit die Frage nach der Zukunft der Demokratie. 2017 werden wir nicht nur Reformation und Kirchentag feiern, sondern auch im Herbst den Bundestag neu wählen. Welche Kräfte werden dann von Minderheiten gewählt werden - und werden diese Minderheiten bleiben? Dass sich demokratische Systeme verändern, ist nichts Negatives und deutet auf kollektive Lern- und Veränderungsprozesse hin. Aber wohin und wie wird sich unsere Demokratie entwickeln? Und was bringen wir als Evangelische Kirche ein? Müssten nicht gerade wir uns für die Offenheit der Gesellschaft massiv engagieren weil wir um das Geschenk der Freiheit wissen?

Demokratie lernen, einschließlich der Fähigkeit zur Toleranz, ist allen in der Gesellschaft aufgegeben. Das dürfen und müssen wir auch von denen erwarten, die zu uns kommen und in ihren Herkunftsländern keine Demokratie erleben konnten, sondern unter Diktaturen gelitten haben – darum sind sie ja auch hier. Sie in die offene Gesellschaft einzuführen und ihnen Einblicke in unsere Freiheitserfahrungen zu geben, diese Aufgabe stellt sich gerade auf der Basis des evangelischen Glaubens mit seiner Sensibilität für die Freiheit der Andersdenkenden und mit seiner Sensibilität für religiösen Machtmissbrauch.

Und dann sind da diejenigen, die eine geschlossene Gesellschaft wollen. Wir werden ihnen selbstbewusst widersprechen und wo nötig auch erkennbar widerstehen.
Es ist zwar zuerst Aufgabe des Staates, Strukturen zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung zu schaffen, aber es ist Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft, sich daran zu beteiligen.

Und mehr noch: Es ist eine Aufgabe gerade für uns Christenmenschen, in der Gesellschaft dafür einzustehen, dass die offene Gesellschaft aus dem christlichen Glauben heraus – also aus guten religiösen Gründen – mitgetragen werden kann.

Darum beteiligen wir uns als Kirchen auch an der politischen Bildung von Jugendlichen wie Erwachsenen. Darum sind es oft die Mitglieder von Kirchengemeinden, die zuerst Initiativen für Flüchtlinge überall im Land organisieren.


3. Das Salz soll salzen

3.1 Hermeneutik statt Zeitgeist

Im Sommer stand ich an einem See in Frankreich. Auf einem Stein war eine Inschrift: "Du siehst das Wasser - aber siehst du auch den Himmel?" Wir müssen lernen und lehren, nicht nur das Wasser zu sehen, sondern auch den Himmel, der sich in ihm spiegelt. Unsere Gesellschaft braucht Lehrerinnen und Lehrer des Glaubens, die uns solche Perspektiven nahe bringen.

In die offene Gesellschaft mit der Vielfalt ihrer Sichtweisen und Überzeugungen bringt der christliche Glaube mit der Rede von Gott eine ganz andere, für viele Menschen sogar neue Perspektive ein. Die Rede von Gott wird jedoch nie letzte Eindeutigkeit gewinnen. Wenn wir sie in die Gespräche der Zeit einbringen, wird sie kontextuell und historisch wechselhaft.

Der christliche Glaube ist nicht statisch, sondern ist Glaube im Werden. Mühsam haben wir einüben müssen, unterschiedliche Konfessionen zu tolerieren, die früher noch Religionen genannt wurden. Heute setzen wir uns mit der Existenz und den Ansprüchen nichtchristlicher Religionen auseinander. Bis wir verstanden hatten, dass Frauen die gleichen Rechte auch im Amt der Kirche haben, hat es zu lange gedauert. Gleiches gilt für die Anerkennung der Demokratie oder die Akzeptanz unterschiedlicher Lebens- und Familienformen. Dieser Prozess des Lernens und Neuerkennens wird und darf nicht enden. Christlicher Glaube kann nur ein Prozess, ein Weg sein. Nie sind wir damit fertig.

Es gibt ein universales Abwehrargument gegen alle Veränderungen, das "Zeitgeist" heißt. Darin verbirgt sich die Weigerung, die sich verändernde Welt als Kontext und Aufgabe anzunehmen. Wer sich weigert, den riskanten Weg in und mit der Welt zu gehen, erliegt dem Wunsch nach trügerischer Eindeutigkeit. Wer den Anspruch des christlichen Glaubens nicht hermeneutisch reflektiert, gerät in die Fänge des Fundamentalismus.

3.2 Vielfältig Salz der Erde sein

Die offene Gesellschaft gewinnt ihre Freiheit dadurch, dass sie sich selbst aufs Spiel setzt und keinen Zwang ausübt. Darin ähnelt sie dem christlichen Glauben, zu dem ebenfalls niemand gezwungen werden kann und darf. Christinnen und Christen sollen in die Welt hinausgehen und in ihr dienen.

Als vor 26 Jahren am 9. November 1989 die Menschen in der ehemaligen DDR auf die Straße gingen, kamen sie zu einem erheblichen Teil aus den Kirchen. Ja, die evangelische Kirche war ein wichtiger Übungs- und Lernraum für Demokratie- und Sprachfähigkeit.

Damit hatten die Feinde der Freiheit nicht gerechnet: Kerzen und Gebete! Sie kamen aus der Kirche, sind aber nicht in der Kirche geblieben. Sondern sie sind hinaus getragen worden auf die Straße, in die Gesellschaft - und dort haben sie gewirkt.

Als dann die Mauer gefallen war, füllten sich die Kirchen nicht wieder. Das bedauern wir. Aber ist es nicht folgerichtig, dass sich das Salz der Erde hineinmengt und gerade dadurch würzt? Denken wir vielleicht zu wenig geistlich, wenn wir an den Erhalt der institutionellen Gestalt denken und nicht an das Wunder der Verwandlung, für das das Salz gebraucht wurde?

Von der Vielfalt in der offenen Gesellschaft war bereits die Rede, aber es gibt natürlich auch eine innere Pluralität, die uns manchmal das Leben mühevoll macht.
Die findet sich auch schon in den unterschiedlichen religiösen Wegen der Reformatoren, denken wir an Jan Hus, Petrus Waldes, John Wycliff und viele andere. Sie haben wie Martin Luther zu einer großen europäischen Aufbruchsbewegung beigetragen. Die Wittenberger Reformation stellt einen Ast an einem großen Baum dar. Ich kann Reformation nur europäisch denken – in der Gemeinschaft von vielen großen und kleinen Kirchen.

Auch wenn es uns im Alltag manchmal etwas schwerfälliger macht: Die ökumenische Vielfältigkeit des christlichen Glaubens ist ein Reichtum und ein vielsprachiges Zeugnis mitten in der Gesellschaft.

Wir Protestanten müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir manchmal streitbar nach Wahrheit suchen und uns untereinander nach der Kraft unserer Argumente befragen. Wir sind eine Gemeinschaft, die im Zusammenspiel klüger und erfolgreicher ist, als sie es mit hierarchischen Strukturen wäre. Die Vielfalt der Sprachen und Dialekte des Glaubens ist besonders unsere evangelische Stärke.


4. Die Mission der Christen in der offenen Gesellschaft

Wir können zurzeit einen Trend beobachten, Religion als angeblich schädlich aus der Gesellschaft rauszuhalten. Unter dem Schlagwort Säkularität propagieren Gruppen und Einzelne die Immunisierung der Gesellschaft gegenüber jedem religiös begründeten Einfluss und verweigern sich die Argumente von Christinnen und Christen überhaupt anzuhören. Hier droht die Gesellschaft ihre eigene Offenheit aufs Spiel zu setzen. Christen haben das Recht, wie alle anderen auch, als Mitglieder der offenen Gesellschaft diese mit zu gestalten. Ein Recht, das für Nichtreligiöse genauso wie für Menschen anderer Religionen gilt.

Ist diese Gesellschaft mit ihrer zunehmenden Säkularität eine missionarische Gelegenheit? Ist sie der Kontext, in dem wir die missio dei, die Sendung Gottes erfüllen sollen?

Damit werfe ich zum Schluss eine Frage auf, die wir im Kundgebungsentwurf nicht behandelt haben: Wie mag die Mission Gottes durch Christinnen und Christen in der offenen Gesellschaft gestaltet werden?

Nicht durch Macht und Beeindruckung kommt die Liebe Gottes in Jesus, sondern in Barmherzigkeit und Verwundbarkeit. Verletzlich bis ans Kreuz. Das begrenzt unseren Stolz, auch als Synode, die wir Gehör in der Gesellschaft finden wollen.

Mit unseren vielfältigen Beiträgen zur Bürgergesellschaft können wir heute als Christinnen und Christen selbstbewusst auftreten. Aber diese Selbstachtung bleibt eingebettet in die Erfahrung des Glaubens:

Unser Bestes ist ein Geschenk, das wir nicht uns selbst sondern Gott verdanken.