3. Tagung der 12. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2016

Einbringung des Entwurfs einer Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes

Vizepräses Klaus Eberl

06. November 2016

Klaus Eberl, Vizepräsident der Synode

Es gilt das gesprochene Wort.

„Der Herr lässt sein Heil kundwerden“ (aus Psalm 98,2)  

Hohe Synode,

das Präsidium legt Ihnen heute den Entwurf einer Erklärung zur Rolle von Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes vor, eine Erklärung zur Frage der sogenannten "Judenmission". Sie haben noch unsere Bremer Tagung in Erinnerung. Die Synode hat nicht nur eine Distanzierung von den Schmähungen Luthers gegenüber Juden beschlossen, sondern weitere Schritte zur Umkehr und Erneuerung angemahnt. Außerdem hatte auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Joseph Schuster, in seinem Grußwort den Wunsch nach einer Stellungnahme der Synode zu dieser Frage geäußert.

Weil es sich hier um einen Auftrag aus der Mitte der Synode handelt, ist das Präsidium selbst initiativ geworden. Wir ahnten, dass das Thema mit einigen Empfindlichkeiten und Kontroversen belastet ist. Deshalb haben wir die Synodalen im April zu einem Studientag in Hannover eingeladen. 

Mittlerweile hat sich seit dem rheinischen Synodalbeschluss von 1980 in der EKD ein breiter Konsens durchgesetzt: Gott hat seinen Bund mit Israel nicht aufgekündigt. Seine Heilsverheißung für das Volk Israel behält ihre Gültigkeit.

Das war auch der Ausgangspunkt des Studientages. Neben den systematisch-theologischen Fragen wurden auch die exegetischen Kontroversen um Rm 11,25 und Mt 28,19 bearbeitet. Am Ende zeichnete sich ein überraschendes Einvernehmen ab,

  • dass es einer theologischen und nicht allein historischen Begründung einer Ablehnung der Judenmission bedürfe
  • dass ein Nein zur Judenmission nicht den Missionsbegriff insgesamt diskreditiere (zumal sich der Missionsbegriff weiterentwickelt habe)
  • dass die Dialektik von "Erwählung Israels" und "Universalität des Heilsanspruchs Christi" nicht einseitig aufgelöst werden soll
  • dass der Verzicht auf Bekehrungsversuche gegenüber Juden, wie sie mit dem Begriff "Judenmission" verbunden werden, nicht das Ende von Dialog und Begegnung bedeute und es dabei auch Raum für das je eigene Zeugnis des Glaubens geben müsse
  • dass eine synodale Erklärung zur "Judenmission" mit einem Lernprozess der Gemeinden verbunden werden müsse.

Das Präsidium sah sich ermutigt, für unser Treffen in Magdeburg einen Beschlussentwurf zu erarbeiten. Die Initiative ist ja ohnehin eingebunden in vielfältige Bemühungen der Landeskirchen, das Verhältnis von Christen und Juden zu erneuern. Darauf konnte zurückgegriffen werden. Außerdem wurden wir von einer kleinen, kompetenten Arbeitsgruppe unterstützt. Sie bestand aus Mitgliedern des gemeinsamen Ausschusses "Kirche und Judentum" sowie des Synodalausschusses "Schrift und Verkündigung". Der Arbeitsgruppe sind wir zu großem Dank verpflichtet. Ein erster Entwurf wurde verfasst. Es zeigte sich, dass in mancherlei Hinsicht an die Studie "Christen und Juden III" aus dem Jahre 2000 angeknüpft werden konnte.

Der Entwurf der Arbeitsgruppe hat seitdem einige Veränderungen erfahren. Präsidium, Rat, Kirchenkonferenz und die Leitenden Geistlichen haben daran gearbeitet. Das Präsidium legt die Erklärung nun der Synode vor und bittet um kritische und konstruktive Prüfung. Der Text ist nicht in Beton gegossen. Allerdings steht im Zentrum des Antrags die sehr klare Absage an alle Formen des Glaubenszeugnisses, die gezielt auf die Bekehrung von Juden und deren Konversion gerichtet sind. Die Erklärung ist bewusst knapp gehalten. Sie kann nicht auf alle strittigen Einzelfragen eingehen. Sie formuliert jedoch die wesentlichen Grundeinsichten, die zur Ablehnung der "Judenmission" führen.

Im Einzelnen:

Die Überschrift "Der Herr lässt sein Heil kundwerden (Ps 98,2) – Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes" ist in Anlehnung an den Titel des Studientages gewählt. Denn in der Tat ist der Begriff "Judenmission" wenig glücklich. Der Text beginnt mit einer hinführenden Präambel, in der der Grundkonsens der bleibenden Erwählung Israels festgehalten wird.  Die Beschreibung des Verhältnisses der Kirche zu Israel führt zu der Einsicht, dass dies auch eine Frage nach unserem eigenen Selbstverständnis ist. Gerade deshalb wiegt es schwer, dass die Geschichte der Zwangskonversion von Juden und die Bestreitung ihrer Erwählung Teil der Schuldgeschichte unserer Kirche ist.

Die Erklärung ist zweiteilig. Im ersten Teil wird die Ablehnung christlicher "Judenmission" begründet (1-3). Der zweite Teil (4-6) skizziert, wie sich der Dialog von Christen und Juden unter den Bedingungen dieser Ablehnung gestaltet.

Die 1. These stellt die Erklärung in die Kontinuität der EKD-Synode von Berlin-Weißensee in 1950. Die theologische Basis der Neuorientierung im christlich-jüdischen Dialog ist: Gott hält an der Erwählung seines Volkes Israel fest. Über Weißensee hinausgehend sagen wir heute: Darum ist Mission unter Juden nicht geboten. Der Weg Gottes ist ja schon ein Weg mit Israel. Judenmissionarische Bemühungen laufen damit ins Leere. Darüber hinaus hat die historische Mitverantwortung der Christenheit an der Schoah insgesamt ein Umdenken in den jüdisch-christlichen Beziehungen ausgelöst.

In der 2. These wird dies im Gefolge von "Christen und Juden III" vom Bundesbegriff her entfaltet.

Die 3. These stellt die bleibende Erwählung Israels in den Horizont des christlichen Bekenntnisses zu Jesus von Nazareth, dem Juden, als Messias und Retter der Welt. Wie Gott sein Heil realisiert, wird mit Hinweis auf Rm 11,25 nur angedeutet. Die These zitiert den rheinischen Synodalbeschluss von 1980, der inzwischen von vielen Landeskirchen rezipiert worden ist. In der EKiR hat er übrigens zur Einfügung einer gemeinsamen eschatologischen Perspektive in die Kirchenordnung geführt. Dort heißt es jetzt: "Mit Israel hofft sie (die Kirche) auf einen neuen Himmel und eine neue Erde."

Die Thesen 4-6 halten fest, dass der Verzicht auf Judenmission keine Beziehungslosigkeit von Christen und Juden zur Folge.  Auch keinen Verzicht auf ein Zeugnis der eigenen Glaubensgewissheit der Kirche. Darum geht es nicht! Im gegenseitigen Bezeugen des eigenen Glaubens können Christen und Juden, beide, in ihrem Glauben wachsen und miteinander Verantwortung für die Welt übernehmen.

Der Beschlussentwurf schließt mit der Aufforderung, in den kirchlichen Handlungsfeldern das Miteinander von Christen und Juden zu betonen und gegen alle Formen des Antisemitismus Widerstand zu leisten. In drei Jahren sollen die Ergebnisse der Weiterarbeit überprüft werden.

Dem Präsidium war von Anfang an bewusst, dass diese Erklärung in unserer Kirche umstritten sein wird. Insbesondere die Begriffe "Mission" und "Zeugnis" werden je und je unterschiedlich gefüllt.

Gut anknüpfen konnte die Erklärung an die wegweisende Kundgebung der EKD-Synode von 1999 zum missionarischen Auftrag der Kirche. Die Kundgebung beschreibt sowohl den Auftrag, christliches Zeugnis in der Welt abzulegen, als auch die Voraussetzung jeder Mission, dass nämlich Gott dem Handeln der Kirche immer voraus ist. Er, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, ist schon in der Welt, und Israels Erwählung und Berufung ist unwiderruflich.

Neben der theologischen Vergewisserung hat die Erklärung zur Ablehnung der "Judenmission" auch einen konkreten Sitz im Leben. Im Jubiläumsjahr der Reformation kann unsere Schuldgeschichte nicht ausgeklammert werden. Die Verabschiedung des Textes wäre ein wichtiger Beitrag dafür, dass die Geste der Schuldanerkennung und Verantwortungsübernahme gegenüber unseren jüdischen Geschwistern, die für die Eröffnungsveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit 2017 in Frankfurt geplant ist, Substanz hat. Das wäre ein vertrauensbildendes Signal auch für den christlich-jüdischen Dialog.

Ich freue mich auf eine lebhafte Debatte.