3. Tagung der 12. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2016

Bibelarbeit zum Schwerpunktthema

Erzbischöfin Dr. Antje Jackelén, Kirche von Schweden

07. November 2016

Erzbischöfin Dr. Antje Jackelén, Kirche von Schweden

Guten Morgen sage auch ich und herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich freue mich, hier zu sein. – Wir beginnen mit dem Lied 268 – "Strahlen brechen viele aus einem Licht" –, einem schwedischen Lied.

(EG 268)

Ich lese aus der Lutherbibel 2017, Lukas 10. Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog, und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit. Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin, und als er ihn sah, jammerte es ihn, und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn, und wenn du mehr ausgibst, will ich’s dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Barmherziger Gott, segne unser Hören, Beten und Sprechen, dass wir tun, was dem Leben dient. – Amen.

Ja, er liegt doch noch immer im Straßengraben. Nein, nicht der Mensch, der da zwischen Jerusalem und Jericho unter die Räuber fiel; den hat ja der barmherzige Samariter mithilfe eines willigen Gastwirts längst gut versorgt. Aber sein Bruder, seine Schwester, seine Kinder, die liegen immer noch da, an Straßenrändern im Heiligen Land, in Syrien, im Irak, in Gräben und Gräbern entlang von Fluchtwegen, in den Wellen des Mittelmeers, Frauen, Männer, Kinder, in Räuberhände gefallen, auch in reichen Gesellschaften, ihrer Kleider und ihrer Würde beraubt, alleingelassen, halb tot oder tot. Es jammert uns. Es gibt ja auch Ökosysteme, die unter die Räuber gefallen sind. Wer ist denn denen ein barmherziger Samariter?

In jeder Predigt, in jeder Bibelarbeit zu diesem Text liegen sie, die in die Räuberhände gefallenen Kinder und Ökosysteme dieser Erde – mit dem Appell an uns, eifriger zu sein in unserer Nächstenliebe, bereitwilliger, aus unseren Gewohnheiten herauszutreten, Worte der Liebe in Taten umzusetzen und im wahrsten Sinne des Wortes eine diakonale Kirche zu sein.

Wie heißen sie denn, die Männer, Frauen und Kinder in den Straßengräben dieser Welt? Meistens geben wir ihnen alle den gleichen Namen. Wir nennen sie die anderen. Es sind die anderen, die im Graben liegen. Selbst bewegen wir uns ja durchweg auf guten Straßen und Wegen durchs Leben. Wir fahren und lassen uns fahren und sind dabei voll mit unseren Smartphones beschäftigt. Alles geht ja ziemlich schnell.

Wir sind ja doch eher wie der Priester und der Levit im Gleichnis. Wir haben Mittel, um zu helfen, aber aus guten oder schlechten Gründen schaffen wir das nicht immer. Wir arbeiten hart. Und natürlich können wir nicht allen Menschen in allen Gräben dieser Erde helfen. Das schaffen wir ja nicht einmal mit denen, die in unseren eigenen Städten betteln. Außerdem muss das ja zumindest auf europäischer Ebene gelöst werden. Eine Einzelinitiative wie die des barmherzigen Samariters verlängert ja nur das kollektive Elend.

So ungefähr verhandeln wir mit unserem murrenden Gewissen, wenn wir an einem Menschen in Not vorbeigehen. Oder wir bereuen, dass wir die Straßenseite gewechselt haben, um menschlicher Not aus dem Weg zu gehen.

Viele Erwartungen richten sich an Kirche und Synodale. Es geht darum, Kirche so zu leiten und zu gestalten, dass die Würde derer, die im Graben liegen, aufgerichtet wird. Aus Synodendiskussionen sind die Worte und die Ideen herauszuarbeiten, die dem "Tue das. So wirst du leben" am besten dienen.

Dabei kann natürlich viel schiefgehen. Wir können uns zwischen Prioritäten verirren. Welche Not ist denn am größten? "Wer ist denn mein Nächster?", fragt der Jurist in der biblischen Geschichte. Er glaubt, die richtige Antwort lautet: Der Mensch, der unter die Räuber gefallen ist. Aber wir wissen es: So erzählt Jesus das Gleichnis ja nicht. Wie so oft verändert Jesus sowohl die Frage als auch die Perspektive. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Wer also war der Nächste des Überfallenen?

Mit dieser Frage zwingt Jesus uns, das Leben und unsere Macht aus der Perspektive des Straßengrabens zu betrachten. Es sind nicht die anderen, die im Graben liegen, sondern du und ich. Wir sind nicht ständig in der Position des Helfers, sondern wir sind auch die im Graben. Wir brauchen die anderen, die Fremden, die, denen es an Ansehen fehlt. Genau das war ja der Samariter der Bibel: anders, fremd, ohne gutes Ansehen. Nur wenn wir einsehen, dass auch wir die Samariter unserer Zeit brauchen, werden wir echt menschlich, echt mitmenschlich.

Wer sind denn die Samariter unserer Zeit? Erlauben wir uns eine kleine Denkpause: Wer sind die Samariter unserer Zeit?

Ich habe Enkelkinder, die im Hoppe-hoppe-Reiter-Alter sind: "Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben. Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps." Mit diesem Reim nähern die Kinder sich spielerisch den Bedrohungen des Lebens, fröhlich in der Gewissheit, dass Vater oder Mutter vor dem totalen Plumps so retten, dass das Kind an die Herausforderungen des Lebens mit Freude und Mut und Vertrauen herangehen kann, trotz der Tatsache, dass Leben eben lebensgefährlich ist.

"Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben." Lassen Sie uns unsere Grabenerfahrungen nicht verleugnen: physische oder psychische Kränkungen, denen wir ausgesetzt gewesen sind, Missbrauch, mit dem wir uns selbst geschadet haben, Versäumnisse, Versagen oder andere Umstände, die zu dem Zusammenbruch von Beziehungen geführt haben, zu anderen Menschen, zu Gott, zu uns selbst, zu dem, was wir unser Eigentum nennen, Trauer, die wir nicht haben ausdrücken können.

Ja, es ist gut, wenn wir die Grabenerfahrungen unseres Lebens nicht verleugnen. Mit allem Schmerz und allen Verlusten zeigen sie doch echte Menschlichkeit, etwas von dem, was uns am Leben erhält. Jemand hat uns ja gesehen. Jemand hat uns angesprochen. Jemand hat Öl auf die Wunden gegossen. Sonst wären wir ja jetzt nicht hier.

Welche Grabenperspektiven könnten wir miteinander teilen? Wollen wir uns zwei Minuten gönnen, vielleicht mit dem, der neben uns sitzt, darüber zu sprechen? Also: Welche Grabenperspektiven könnten wir miteinander teilen? – Danke schön. Es ist interessant, dass es bei Grabenperspektiven in einer Synode doch zu munter zugeht. Das gibt Mut.

"Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er. Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben." Das Evangelium sagt uns: Im Graben fressen ihn eben nicht die Raben. Jesus ist schon gekommen, hat uns mit Brot und Wein, mit seinem eigenen Leben gestärkt und unsere Wunden geheilt. Wenn wir plumps machen, dann eigentlich nur so, dass wir in unser Taufwasser zurückplumpsen, wieder neu in die und aus der Taufe kriechen, was Martin Luther als tägliche Übung empfohlen hat: die stete Rückkehr zur Taufe.

Die Grabenperspektive tut gut. Sie gibt Orientierung, auch für Synodale. Es ist ja nicht immer einfach, Kirche zu sein und Kirche zu vertreten. Auf der einen Seite gibt es maximale hochgestellte Erwartungen und auf der anderen Seite oft auch maximal unsachliche Kirchenschimpfe. Letzteres spielt gern gegeneinander aus, was eigentlich zusammengehört, beispielsweise wenn sie anprangert: zu wenig Theologie, zu viel Politik, zu wenig Jesus, zu viel Religionsdialog, zu wenig Rede von verfolgten Christen, zu viel Rede von Religionsfreiheit und Menschenrechten, auch für Menschen auf der Flucht.

Die Grabenperspektive ist gut für Machthaber. Sie unterminiert die falsche Hierarchie zwischen uns, den Helfern, und den anderen, den Hilfsbedürftigen, zwischen uns, den Subjekten, und den anderen, den Objekten.

Die Grabenperspektive gibt uns Blick für das wahrhaft Menschliche, das alle, ja, wirklich alle teilen. Alle sind wir radikal bedürftig. Alle sind wir radikal abhängig voneinander. Alle können wir irgendetwas beitragen. Es geht ja nicht nur um das Lieben, sondern auch um das Sich-lieben-Lassen.

Wir wollen eine menschlichere Welt und ein Europa mit mehr Solidarität. Dazu sollten wir uns immer wieder an Grabenperspektiven erinnern. Gute Nachbarschaft bauen, lokal, europäisch, global – das geschieht sowohl im Geben als auch im Empfangen von Fürsorge. Dazu sagt Jesus: "Tu das, so wirst du leben". Das ist auch Demokratieschutz.

Für eine menschlichere Welt braucht es mehr Vertrauen und mehr sozialen Zusammenhalt. Durch Politik allein ist das nicht zu machen. Die Gesellschaft braucht das, was den Glaubensgemeinschaften ihre Identität und ihre Aufgabe gibt.

Und zuletzt: Wir wagen das Vertrauen, das im allerletzten Graben, im Grab. Der gute Hirte kommt. Er nimmt sich der Wunden an, die das Leben uns zugefügt hat, und bezahlt das, was es braucht, um uns zur Fülle des Lebens und zur ewigen Freude zu bringen.

Als Gebet habe ich Worte der heiligen Brigitta ausgesucht, die im 14. Jahrhundert gelebt hat. Das sind Worte, die zu dem Gebetsschatz der vorreformatorischen Kirchen gehören und die, so meine ich, die Grabenperspektive einer Frau ausdrücken, die visionär, mächtig, politisch aktiv und international war, eine Europäerin. So lasst uns beten mit Worten der heiligen Brigitta, die zusammen mit Katharina von Siena und Edith Stein Patronin Europas ist. Lasst uns beten.

Oh Herr, komm bald und mache die Nacht hell. So wie Sterbende sich sehnen, so sehne ich mich nach dir. Sag meiner Seele, dass nichts geschehe, ohne dass du es erlaubst, und nichts, was du erlaubst, ohne Trost sei.

Oh Jesus, Gottes Sohn, du standest stumm vor denen, die dich verurteilten. Halte meine Zunge zurück, bis ich mich besinnen kann, was und wie ich reden soll. Zeige mir den Weg und mache mich willig, ihn zu gehen. Schlecht ist es, zu zögern, und gefährlich, weiterzugehen.

Erfülle du meine Sehnsucht und zeige mir den Weg. Ich komme zu dir wie der Verletzte zum Arzt. Gib, oh Herr, meinem Herzen Ruhe. – Amen.

Nun singen wir ein weiteres schwedisches Lied, das viele von Ihnen vielleicht als "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" kennen. Aber das ist eine andere Übersetzung, nämlich von Markus Jenny: "Weit wie das Meer ist Gottes große Liebe".