3. Tagung der 12. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2016

Morgenandacht

Prof. Dr. Michael Germann

08. November 2016

Prof. Dr. Michael Germann

Es gilt das gesprochene Wort

Guten Morgen, liebe Schwestern und Brüder!

Zur Morgenandacht versammeln wir uns im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Die Losung für heute ist ein Vers aus Jesaja 6: Ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! (Jesaja 6,8)

Der Lehrtext dazu steht im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 12: Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. (1. Korinther 12,7)

Lied: EG 390

"Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller." Das sind gute Aussichten für unseren neuen Synodentag. Ich lasse mir das gern sagen. Darum haben wir eben gebeten, als wir gesungen haben: "Schaff in mir, Herr, den neuen Geist". Das wird uns zugesagt im Lehrtext für heute: In jedem, also auch in mir, offenbart sich der Geist Gottes. Das gibt mir ein gutes Gefühl, ein schön protestantisches allgemeines Priestergefühl.

"In jedem" heißt es da aber, also: Nicht nur in mir. Auch in den anderen. Das ist das Allgemeine an unserem allgemeinen Priestertum. Mit exklusiven Offenbarungen haben wir nicht zu rechnen. Keiner kann einen Vorrang in der Offenbarung des Geistes für sich in Anspruch nehmen, niemandem kann eine privilegierte Offenbarung des Geistes zugeschrieben werden: keinem Pfarrer, keinem Bischof, keinem anderen Amtsträger, keinem frommen Asketen, keinem treuen Kirchgänger, keinem noch so hellsichtigen Kirchenkritiker, keiner Synode, nicht einmal – wenn ich mich nicht irre – dem Rat der EKD. In ihnen allen mag sich der Geist offenbaren, aber in allen anderen auch.

Damit bringt uns der Korintherbrief aber in eine Verlegenheit. "In jedem" offenbart sich der Geist: Also wirklich in jedem? Ohne Ausnahme? Bitte blicken Sie sich einmal nach links um, wer da sitzt, jetzt bitte nach rechts, wer da sitzt. Brave, überwiegend sympathische Synodale, Mitglieder der Kirchenkonferenz und Kirchenamtsleute. In jedem von denen offenbart sich der Geist. Schön für sie. Aber irgendwie auch kaum auszuhalten.

Es ginge noch, wenn die Offenbarung des Geistes nur die eigene Angelegenheit eines jeden einzelnen wäre. Jeder könnte es sich persönlich gesagt sein lassen und zu sich selbst sagen: In mir offenbart sich der Geist. Das ist die Perspektive des Liedes, in dem wir uns das eingangs erbeten haben: Erneure mich, schaff in mir den neuen Geist. Zu dieser Perspektive neigt unser Vers aus dem ersten Korintherbrief in der Übersetzung nach Luther in der Revision von 1984: "In einem jeden offenbart sich der Geist." In unserer neuen Revision "Luther 2017" steht stattdessen nun: "Durch einen jeden offenbart sich der Geist." Ein jeder ist nicht nur Ort, sondern Medium, Instrument der Geistesoffenbarung. Die Offenbarung des Geistes tritt durch einen jeden nach außen. Der griechische Text deckt beide Perspektiven: Dort steht – dank der Deutschen Bibelgesellschaft im Internet mühelos nachzuschauen – "ἑκάστῳ", ein Dativ ohne Präposition. Das kann wohl einen Ort bezeichnen: "in jedem" – wie nach "Luther 1984". Es kann im ähnlichen Sinn einen Adressaten bezeichnen: "jedem". Es kann aber auch ein Instrument bezeichnen: "durch jeden" – wie eben nach "Luther 2017". Damit schwenkt meine Perspektive von mir weg hin zu meinen Mitchristen. Durch einen jeden von denen offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.

Auch das klingt erst einmal gut, gerade für eine Synode. Durch jeden in der Synode, wie in der Gemeinde, offenbart sich der Geist. Aber das macht doch die Offenbarung des Geistes – sagen wir: etwas unübersichtlich. "Durch jeden"? Wirklich jeden? Wie sollen wir das ernst nehmen? Besonders klar kommt mir die Offenbarung des Geistes durch den vor, der dieselbe Meinung äußert wie ich. Wie will sich nun der Geist durch den offenbaren, der das Gegenteil sagt? Wie offenbart sich der Geist durch den, der meine geistvollen Ideen abblitzen lässt? Wie offenbart sich der Geist durch den, der im Ausschuss alles, was gerade gesagt worden ist, noch einmal sagt, nur umständlicher? Wie offenbart sich der Geist durch den, dessen Folgerungen aus dem Auftrag der Kirche mir uninspiriert, undurchdacht, verquer, falsch und völlig irre vorkommen? Was ist mit den von Jürgen Klopp im gestern gesehenen Video erwähnten "Schwachköpfen"? Bitte denken Sie jetzt nicht, daß ich jemanden bestimmten oder irgendetwas bestimmtes im Sinn habe. So scharf reden wir ja auch nicht miteinander in der Synode. Aber alle unter Ihnen, die sich noch nie beim Wortbeitrag eines anderen zumindest gleichsam im Geiste mit der flachen Hand an die Stirn gefasst haben, mögen zugeben, dass Anlässe dafür nicht prinzipiell undenkbar sind, nur weil wir unter Christen sind. Und wenn Sie einen empirischen Beleg dafür suchen, werden Sie zum Beispiel unter den Mitgliedern des Rechtsausschusses reichlich Leute finden, denen es bei dem einen oder anderen durch den Synodalen Germann abgesonderten Beitrag so gegangen sein muss.

Da sind wir bei der eigentlichen Verlegenheit, in die uns die Ansage des ersten Korintherbriefs bringt: So wenig ich bei jedem anderen die Offenbarung des Geistes dingfest machen kann, so wenig kann ich es erst recht bei mir selbst. Woran sollte ich selbst erkennen können, dass sich durch mich nicht etwa meine Denkgewohnheiten, Interessen und Stimmungen offenbaren, sondern vielmehr der Geist Gottes höchstpersönlich? Unmöglich.

Diese Unmöglichkeit legt es nahe, daß wir bei unseren Äußerungen wohl besser nicht mit der Offenbarung des Geistes rechnen sollten. Doch genau das mutet der Satz aus dem ersten Korintherbrief uns zu: "In jedem offenbart sich der Geist". Um das überhaupt annehmen zu können, dürfen wir nicht selbst zu bestimmen versuchen, wann und wo, durch wen und wodurch der Geist sich offenbart oder eben nicht offenbart. Wir können die Zusage, dass der Geist sich durch jeden von uns offenbart, annehmen, indem wir das Urteil darüber, wann und wo, durch wen und wodurch das jeweils wirklich geschieht, Gott überlassen. Das tun wir zum einen mit der Bitte: Erneure mich, schaff in mir den neuen Geist. Und wir tun es zum anderen, indem wir unser Urteil über die Äußerungen des anderen immer unter den Vorbehalt stellen, dass es gerade dieser andere sein kann, durch den sich der Geist offenbart.

Das ist eine besondere Haltung zum anderen, der anders denkt und handelt als ich. Sie bedeutet nicht nur Toleranz, sondern hat eine darüber hinausgehende Qualität. Schon Toleranz ist anspruchsvoll. Viele, die sich für besonders tolerant halten, verfahren nach der Devise: Selbstverständlich dulde ich andere Meinungen – solange sie mit meiner übereinstimmen. Toleranz verlangt aber natürlich, dass ich Meinungen gelten lasse, die keineswegs mit meiner übereinstimmen. Dazu kommt das Problem der Grenzen der Toleranz. Das ist schwierig genug. Der Korintherbrief überbietet das nun mit der Perspektive, dass ich im Denken und Handeln des anderen mit einer Offenbarung des Geistes zu rechnen habe.

Diese Perspektive auf den anderen ist aber zugleich ebenso wie meine Perspektive auf mich selbst zu Gott hin ausgerichtet, dem es überlassen bleibt, wann und wo, durch wen und wodurch sich der Geist offenbart. Die gemeinsam so auf Gott ausgerichtete Perspektive derer, denen die Offenbarung des Geistes verheißen ist, ist die Grundlage für das Entscheiden und Handeln in der Gemeinde und somit für unser Entscheiden und Handeln in der Synode. Sie hebt die Differenzen nicht auf, sondern befreit uns dazu, sie im kontroversen, temperamentvollen, streitbaren Austausch unserer Einsichten und Ansichten zum Nutzen aller auszutragen.

Es wäre reizvoll, das aufs Politische anzuwenden. Auf die innere Kirchenpolitik zum Beispiel, die unter dem Dauerreizthema der Verbindung zwischen EKD, VELKD und UEK auch heute wieder (wenn auch auf einem ganz entspannten Verfahrensstand) auf der Tagesordnung steht und für die es einen Unterschied machen dürfte, ob man Differenzen über die Organisationsgestalt der evangelischen Kirche in der Perspektive der verheißenen Offenbarung des Geistes oder in der Perspektive des Defekts betrachtet. Auch für die staatspolitische Kultur in Deutschland und für ein "Europa der Solidarität" ist der Umgang mit Differenz eine entscheidende Frage. Dem darin nicht immer besonders starken politischen Diskurs in Deutschland und Europa können wir nicht die Verheißung der Geistesoffenbarung überstülpen, aber vielleicht ergäbe sich aus ihrer Perspektive trotzdem ein spezifisch evangelischer Impuls für das Geltenlassen von Unterschieden ohne Angst um die Einigkeit im Streben nach dem Nutzen aller.

Diese politischen Fragen könnte man bekanntlich auch noch in eine Morgenandacht packen. Muss man aber nicht. Der Synodentag liegt ja noch vor uns.

Singen wir lieber von dem Blick Gottes, der uns ansieht, uns erneuert und in uns seinen Geist schafft, der uns gegen alle Zweifel darüber, wie er sich uns und durch uns offenbaren will, im Handeln zuversichtlich macht. Sie finden vor sich ein Blatt mit dem Lied "Du siehst mich". Es trägt Lokalkolorit: gedichtet von Barbara Schatz, Mitglied der Paulusgemeinde in Halle, komponiert von Andreas Mücksch, Kantor in derselben Gemeinde. Es ist zugleich ein Ausblick auf den Kirchentag 2017, zu finden im frisch erschienenen Liedheft "freitöne". "Du siehst mich."

Lied: "Du siehst mich."

Gebet: EG 819

Gott segne uns und behüte uns. Gott erfülle unseren Tag mit seinem Geist und seiner Liebe. Amen.