3. Tagung der 12. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2016

Morgenandacht

Judith Filitz

09. November 2016

Judith Filitz

Es gilt das gesprochene Wort.

Wir feiern diese Andacht im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes. Amen.

2     Du hast dein Land begnadigt, Adonai, hast Jakobs Geschick gewendet.

3     Du hast die Schuld deines Volkes vergeben, getilgt all ihre Sünde.

4     Du hast zurückgezogen all deinen Grimm, abgewendet die Glut deines Zorns.

5     Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils, und lass ab von deinem Unmut gegen uns.

6     Willst du uns ewig zürnen, deinen Zorn hinziehen von Generation zu Generation?

7     Bist du nicht der, der uns das Leben wiedergeben kann, dass dein Volk sich deiner freut?

8     Lass uns, Adonai, deine Güte schauen, und schenke uns deine Hilfe.

9     Ich will hören, was Gott spricht; Adonai, er verkündet Frieden seinem Volk und seinen Getreuen, damit sie nicht wieder der Torheit verfallen.

10    Nahe ist denen seine Hilfe, die ihn fürchten, dass Herrlichkeit wohne in unserem Land.

11    Barmherzigkeit und Treue finden zusammen, es küssen sich Gerechtigkeit und
Friede.

12    Treue sprosst aus der Erde, und Gerechtigkeit schaut vom Himmel hernieder.

13    Der HERR gibt das Gute und unser Land seinen Ertrag.

14    Gerechtigkeit geht vor ihm her und bestimmt den Weg seiner Schritte.


EG 452,1-2

Es ist tiefe Nacht in der Stadt; der Himmel ist schwarz. Das große Haus in der Straße ist hell erleuchtet. Als wäre in jedem Zimmer das Licht an, so hell scheint es hinter den hohen Fenstern. Doch das weiße Licht verändert sich, dunkle Schatten ziehen hindurch. Plötzlich dringt das gleißende Licht aus den Fenstern und frisst das Gotteshaus von innen auf. Die Flammen schlagen immer höher, sie greifen um sich und recken sich zum dunklen Himmel hinauf. Ein schwarz-weißes Feuer, 78 Jahre alt. Eine lodernde Herbstnacht, in der die Hitze Häuser, Menschen und Hoffnungen verbrannte.

Das Feuer von damals scheint erloschen, die schwarzen Ruinen beseitigt, neue Häuser gebaut. Alles soll zeigen, dass die Vergangenheit vergangen bleibt. Doch vergrabene Vorurteile erwachen und alter Hass flammt neu auf. Und zugleich brennen andere Häuser und Unterkünfte in einer gelb-roten Hitze. Viele verurteilen das. Einige schweigen. Andere haben Möglichkeiten gefunden, das Feuer anzufachen: Ein digitaler Flächenbrand, der menschliches Leben und seine Würde gefährdet. Eine ferne Erinnerung an jene Nacht im November vor 78 Jahren.

Lied Psalm 85, 1.3

Die Dämmerung beginnt und vertreibt die Nacht. Das tiefe Blau des Himmels lässt die Grenze zwischen Tag und Nacht verschwimmen. Der Morgenstern leuchtet hell über der Stadt auf dem Berg. Die Hitze des letzten Tages hatte sich gerade eben erst aus den Gassen zurückgezogen. In wenigen Stunden wird die Sonne sie wieder in ihr warmes Licht tauchen. Doch noch ist es nicht soweit: Neu und unbefleckt liegt der Tag vor der Stadt. Alles scheint in diesem Moment möglich. Ein leichter Wind weht durch die Straßen und streift die Mauern der Kirchen, Moscheen und Synagogen. Erwartungsvolle Stille ist eingekehrt. Die sonst so laute Stadt schweigt an diesem letzten Morgen. Spannung liegt in der Luft; Erwartung und Hoffnung mit dem Ende der Nacht und dem Beginn des neuen Tages.

Hoffnung auf Adonais Kommen und auf die Begegnung mit seinem Volk: Israel. Schuld, Sünde und Zorn werden weichen und an ihre Stelle werden Barmherzigkeit, Heil und Frieden treten. – So ist es versprochen. Doch wie sieht dieses Versprechen aus, das Israel gegeben ist? Gerechter Frieden, friedvolle Barmherzigkeit, barmherzige Treue, treue Gerechtigkeit. Dies sind die Vorboten und Begleiter, wenn Adonai und sein Volk einander begegnen werden. Ein liebender Kuss in der Morgendämmerung.

Wird es so sein? Vielleicht – vielleicht nicht. Der frühe Morgen ist auch nur ein Bild. Doch eine Frage bleibt: Wo wird denn mein Platz sein an diesem letzten Morgen? Nicht sicheres Wissen ist die Antwort, sondern vertrauensvolles Hoffen: Hoffen, Zeugin und Zeuge sein zu dürfen an diesem Tag, an dem sich Gerechtigkeit und Frieden küssen. Von Treue und Gerechtigkeit umringt zu werden. Durch seinen Sohn, diesen Morgen an Israels Seite erwarten zu dürfen.

Und bis dahin in dieser Hoffnung still warten und verharren? Nein. Adonai kommt diesem Morgen entgegen. Und soll es nicht möglich sein, mit seinen Begleitern ihm entgegen zu gehen? Mit Treue und Gerechtigkeit, mit Barmherzigkeit und Frieden. Und so vergangenes Unrecht ans Licht bringen, neues Feuer verhindern, lodernde Brände löschen, um Vergebung bitten und schließlich auf Versöhnung hoffen.

EG 452,5

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu Christi: Unser Vater im Himmel…

Der Segen des Gottes von Sara und Abraham,

der Segen des Sohnes, von Maria geboren,

der Segen des Heiligen Geistes, der über uns wacht, wie eine Mutter über ihre Kinder,

sei mit euch allen. Amen.