„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Eine unbescheidene Vision für Europa

Visionen hat man am besten gemeinsam.

Unsere folgenden Gedanken kommen aus der Mitte des Vorbereitungsausschusses für das Synodenthema „Europa“. Autorin und Autor bündeln und spitzen zu, was dort zwischen Physikstudentin und Historiker, Menschenrechtsberater und Slavist, Theologin und Politikstudentin entstanden ist.

Gemeinsam gewachsen also, aber dennoch kräftig, denn: Eine Vision hat es an sich, unbescheiden zu sein. Sie gibt sich nicht zufrieden mit dem, was ist. Sie träumt, aber verträumt ist sie nicht. Ihr Modus ist die Hoffnung. Ihr Ton ist die Apokalypse, die den Schleier wegzieht von dem, was ist. Sie enthüllt, statt zu drohen.

In diesem Sinn also: EINE Vision für Europa. Aus dem Blickwinkel von evangelischen Christinnen und Christen aus Deutschland im Jahr 2016 ist sie also zeit-, orts- und perspektivenbedingt. Und doch ist die Vision gedacht von Menschen, die reisen und lesen und die Augen aufmachen und fremde Sprachen sprechen und immer wieder in anderen Ländern und Kontinenten leben und arbeiten und das gerne tun und manchmal leiden an ihrem Land und ihrer Kirche und sie in all dem auch lieben und ihr ihre Zeit und ihre Nerven und ihre Identifikation schenken, immer wieder neu und bis auf Weiteres.

Menschenrechte, Demokratie, Bildung, Teilhabe, soziale Gerechtigkeit – das geht nur in einem solidarischen Geist.

Zu Beginn ein paar Fragen direkt an Sie: Gesetzt den Fall, Ihr Herz hinge an Europa – was wäre, wenn es gut ausginge? Also, wenn Europa gut ausginge? Und damit verbunden: Welchen Blick braucht es, dass es gut ausgeht? Welche Geschichte erzählen wir von Europa? Brauchen wir jenseits gültiger Verträge vor allem ein neues europäisches Narrativ?

Und dann gibt es die Wünsche – und die Forderung: Glaubwürdig soll Europa sein, glaubwürdig und gerecht. Das kann nicht eine Handvoll Staaten allein durchsetzen. Alle europäischen Länder, in Ost und West, Nord und Süd, müssen dafür erkennen: Menschenrechte, Demokratie, Bildung, Teilhabe, soziale Gerechtigkeit – das geht nur gemeinsam. Das geht nur in einem solidarischen Geist. Das kann nur funktionieren, wenn nationale Eigeninteressen immer wieder zurückstehen. Die Mitgliedsländer sind verschieden in ihren Temperaturen und ihren Lebensstandards, in ihrer Geschichte und ihrer Nachbarschaft. Teils begegnen wir den Unterschieden auch innerhalb der Länder selbst, denn auch dort gibt es nicht die eine Weise zu sein, nicht die eine Form zu arbeiten und gesellschaftlich mitzuwirken. Deshalb natürlich: Vieles muss vor Ort entschieden werden.

Aber das ist nicht der Stoff, aus dem Visionen sind. Das ist die Schmiere, damit es funktioniert.

Eine Vision ist groß, sie denkt und fühlt groß. Denn sie sieht, was noch unsichtbar ist für viele: gutes Leben für alle. Und: globale Verantwortung, die den Blick von außen braucht. Die Vision hat eine Landkarte, die größer ist als Europa. Darauf ist das geographische Europa zu sehen, auch die Länder, die nicht in der EU sind. Darauf sind ganze Kontinente zu sehen, die ganze bewohnte Erde. Europa hat Verantwortung über die eigenen Grenzen hinaus, sieht die Vision. Europa will stark sein, für die eigenen Bürgerinnen und Bürger. Und für eine Welt mit Zukunft. Für eine Gerechtigkeit für alle. Für einen gerechten Frieden. Für Konfliktstrategien, die nicht nur löschend den Bränden und ihren Überresten hinterherlaufen. Die Vision sieht voraus, handelt präventiv, spielt Szenarien durch und ist wach, wenn dann alles ganz anders kommt.

Die Vision sieht ein kluges und ein starkes Europa, eines, das auch verzichten kann. Starke Wirtschaft ja, zugleich aber Teilhabe für alle – das braucht Balancevermögen, das braucht den Blick, der sieht, wo mein Vorteil für jemand anderen zum Nachteil wird.

Die Vision von Europa hat eine große Landkarte und die Grenzen sind offen. Die Menschen sind es auch. Sie gehen auf andere zu, egal aus welchen Ländern sie kommen. Sie fühlt sich als Europäerin, weniger als Französin oder Kroatin. So ist es für viele junge Menschen schon heute. Die Vision sieht begeisterte Menschen, junge und alte, begeistert für Europa, begeistert für ein friedliches und gutes Leben für alle, begeistert für ein Leben, das teilt und genug hat und nicht neidisch sein muss auf die Verhältnisse jenseits des eigenen Gartenzauns.

Die Vision ist sich zugleich der Geschichte bewusst: Europa ist seit seiner Gründung eine Geschichte von Frieden und Versöhnung. Junge Freiwillige arbeiten in Haifa und Minsk, Oslo und Paris. Nagelkreuze verbinden Coventry und Potsdam, Stralsund und Lübeck. In Europa glauben Menschen katholisch, evangelisch, freikirchlich, islamisch und jüdisch oder gar nichts oder von allem etwas und das mag Einzelne befremden, aber es darf so sein. All das hat es erreicht, dieses Europa, all diese Freiheiten von und zu. Und die Vision ist stolz darauf und warnt zugleich: Gebt das nicht auf, lasst es nicht kaputt gehen, ruht Euch nicht darauf aus, schottet Euch nicht ab, sondern tragt sie weiter, diese Friedenslichter und Versöhnungskreuze, erzählt davon und kämpft dafür, auch über Eure Grenzen hinweg.

Und die Vision ist realistisch. Sie weiß: Europa muss sich rechnen. Deutschland lässt es sich etwas kosten, kraftvoller Teil von Europa zu sein. Andere auch. Die Vision ruft nach einer Balance – investieren fürs Eigene, streiten auch fürs Fremde. Beispiel zu sein und andere aufzurufen: Macht mit, schert nicht aus, rettet Eure Rohstoffe, schont Euer Klima, spart Eure Energie – für Euch selbst und für alle darum herum.

Die Vision hakt sich bei den Kirchen unter und bei denen, die glauben. Braucht Ihr wirklich eine neue Erzählung? Habt Ihr nicht längst ein Narrativ, das trägt?

Ihr seid doch schon Geschwister über Grenzen hinweg, sagt sie allen, die glauben. Ihr wisst doch schon, dass Glaube wandert und nicht bleibt und doch Häuser baut und immer weiterzieht. Ihr betet doch schon für die eine Welt. Ihr feiert das Fest der vielen Sprachen, ihr bekennt den einen Gott, der wurde und ist wie Menschen sind, und Ihr lebt den Geist, der verbindet und bezogen ist. Ihr wisst doch schon, ruft die Vision, dass gute Taten zu Euch zurückkehren. Dass Zäune eingerissen gehören, nach innen und nach außen. Dass Gott angerufen wird Tag und Nacht und dass der Nächste Teil ist von mir und von Dir. Dass der Fremde nicht am Straßenrand liegen bleiben darf. Das wisst Ihr und davon erzählt Ihr lange vor Europa. Gebt Eures dazu. Erinnert Euch und schaut zugleich nach vorne. Dann pulst das Herz von Europa wieder, dann weitet sich die Seele, dann schenkt der Blick in die Zukunft Gegenwart.

Dann, sagt die Vision, werdet Ihr leben.