„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„So wirst du leben.“

Biblische Narration zu Lukas 10,25–37

von Gabriele Hoerschelmann

Die Menschheit lässt sich nicht nur in Frauen und Männer, Junge und Alte, Langschläfer und Frühaufsteher oder Befürworter und Gegner unterteilen, sondern vor allem in eine unübersehbare Vielzahl verschiedener Kulturen und damit verbundener Weltbilder und Überzeugungen. Sie alle sind in dieser Gruppe, die sich so einfach „Mensch“ nennt, vertreten. Es ist eine schier unerschöpfliche Vielfalt. Wie schwierig es sein kann, in dieser Vielfalt miteinander zu leben, wissen wir nur zu gut. Immer dann, wenn wir nicht uns selbst meinen, reden wir vom „Anderen“ oder vom „Fremden“, im besten Fall noch vom „Gegenüber“. Während die Fremden den einen schlicht Angst machen, lassen sich andere auch gerne faszinieren. In beiden Fällen liegt jedoch die Erkenntnis zugrunde, dass Fremde so ganz anders sind und zuweilen schwer zu verstehen. Fremde fordern uns heraus – und zwar im Kern unserer Identität. Wer sind wir im Angesicht von Fremden? Wo liegen Grenzen? Wer gehört zu uns? Und wer nicht? Wie geht man miteinander um? Was und wie viel soll man für andere tun? Muss man, kann man überhaupt mit allen solidarisch sein? Und was passiert dann mit uns selber? Kommen wir am Ende nicht zu kurz?

Die Erzählung von dem Reisenden aus Samaria, der auf fremdem Gebiet unterwegs ist und dort auf dem felsigen Weg zwischen Jericho und Jerusalem einen Verletzen am Boden liegen sieht, wurde von vielen Menschheitsgenerationen im Lichte dieser Fragen betrachtet. Sie wurde zu einer Geschichte, die als wegweisend für das christliche Menschenbild gilt und die durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder eindrücklich zur Hilfe und zum Beistand für Menschen in Not aufgefordert hat. Es ist aber auch eine Geschichte, die Menschen fremder Herkunft thematisiert und gleichzeitig mit der Frage nach einem angemessenen, gottgefälligen Verhalten angesichts von Ungerechtigkeit und Gewalt verbindet. Es ist eine Geschichte, die Gottes Vision von einer solidarischen Menschenfamilie in einer Welt widerspiegelt, die das Leben und das Wohl des Anderen im Blick hat.

„Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“, fragt ein Schriftgelehrter Jesus. Dieser wiederum antwortet, wie Lehrer es gerne tun, und fragt zurück, um an das eigene Wissen des Schriftgelehrten anzuknüpfen: „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Die Antwort darauf ist einfach, denn das wusste damals jeder in Israel, insbesondere ein Schriftgelehrter. Denn die Worte, die nun folgen, sind jedem von Kindheit an ins Herz geschrieben und stehen täglich vor Augen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Dtn. 5,6) „Tu das, so wirst du leben“, fügt Jesus noch hinzu. So einfach scheint sich die Frage aber in den Augen des Schriftgelehrten nicht beantworten zu lassen: „Wer ist denn mein Nächster?“, bohrt er weiter. Und Jesus führt aus: „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber...“.

Was nun folgt, ist zunächst eine haarsträubende Räubergeschichte. Eine Erzählung, die beim Zuhörer erst Schrecken auslöst, dann Empörung und schließlich Unverständnis. Schrecken über das Ausmaß an Gewalt, die dem Reisenden widerfährt, Empörung über die Ignoranz der Vorbeikommenden und Unverständnis über die zweimalig unterlassene Hilfeleistung. Eine Situation, die man nicht nur damals, sondern auch heute nur zu gut kennt. Da wird ein Mann auf einem U-Bahnsteig morgens im Berufsverkehr angepöbelt und zusammengeschlagen, da werden nachts, wenn alle schlafen, Flüchtlingsunterkünfte angezündet, da werden Frauen in einer fröhlichen Silvesternacht eingekesselt und bedrängt. Menschen in Paris, Syrien, Istanbul, Brüssel, Dakkhar, Orlando, Nizza, Ansbach, Menschen in einem Café, in einem Konzert und auf der Straße fallen Bombenattentätern zum Opfer. Schrecken, Empörung und blankes Unverständnis auf allen Seiten. Wie soll man mit dieser Form der Gewalt umgehen? Wie kann man ihr Einhalt gebieten?

Aber auch wenn man, damals wie heute, vom Priester und Leviten eine andere Reaktion erwartet hätte, wird sich beim einen oder anderen auch Verständnis für das Verhalten der beiden Vorübergehenden regen: Was passiert mit mir, wenn ich hier eingreife? Wer kann mit Sicherheit sagen, dass die Täter nicht noch in der Nähe sind und ich plötzlich selbst zum Opfer werde? Vielleicht war damals und ist heute auch eine Portion Unsicherheit und Überforderung dabei: Wie kann man jemandem helfen, der so zusammengeschlagen wurde? Wie tut man das Richtige? Woher nehme ich den Mut dazu? Möglicherweise ist es aber auch eine Art Selbstschutz, die Not des Anderen nicht an sich heranzulassen, sondern lieber weiterzugehen und dabei beflissentlich in eine andere Richtung zu schauen. Wäre es heute nicht auch das Einfachste, die Grenzen zuzumachen und die Probleme damit gar nicht erst nach Europa, ins Land und damit in das eigene Leben zu lassen? Wir können doch nicht für alle verantwortlich sein. Oder ganz elementar: Wer ist unser Nächster?

Schauen wir zurück auf die Erzählung: „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn“ (Vers 33), heißt es dort weiter. Die Geschichte bearbeitet nun die Frage „Wer ist mein Nächster?“ auf zweifache Weise: Aus der Sicht des Helfenden lautet sie: „Für wen bin ich zur Hilfe verpflichtet?“ Aus der Sicht des Opfers dagegen: „Wer wird mir zum Nächsten?“ Dabei wird deutlich, dass nur die Person zum Nächsten werden kann, die konkret hilft, die die Not des Opfers nicht nur sieht und weitergeht, sondern auch im Herzen wahrnimmt und schließlich entsprechend handelt. Am Beispiel des Samariters wird deutlich, dass für „den Nächsten“ weder die Grenzen der Nationalität noch die der Religionszugehörigkeit relevant sind. Ganz im Gegenteil – sie werden sogar aktiv überschritten. Der Samariter hat keine innerhalb seiner ethnischen Gruppe vorgegebene Verpflichtung an dem überfallenen Mann zu erfüllen. Die Hilfe eines Angehörigen dieser Volksgruppe wurde von den jüdischen Zuhörern dieser Geschichte wohl auch nicht ohne Weiteres erwartet. Dennoch hilft er. Damit kommen wir zur anfangs aufgeworfenen Frage nach den Grenzen der Hilfsbereitschaft zurück. Doch diese Erzählung des Lukasevangeliums führt uns in großen Schritten weit über jegliches Aushandeln von Grenzen hinweg.

Die christlichen Kirchen sind zwar für viele derjenigen, die in Europa nach Schutz suchen, Vertreter nicht nur einer anderen Religion, sondern gleichzeitig auch einer anderen Kultur. Dennoch sind wir von Jesus zur Solidarität mit Menschen in Not gerufen. Der Nächste ist die Person, die unabhängig von ihrer religiösen, ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit unmittelbar in Not ist. Hilfe in der Not kennt keine Grenzen und keine ethnischen oder nationalen Rahmenbedingungen. Es gibt im Konzept Jesu Christi keine näheren oder ferneren Nächsten. Aufgrund unseres christlichen Menschenbildes können wir also gar nicht anders, als uns solidarisch zu verhalten.

Was ist also zu tun? Auch diese Frage wird in der Erzählung in zwei Aspekten ausgeleuchtet. Der Samariter handelt zunächst sehr konkret, praktisch und direkt am Ort, an dem die Notlage entstanden ist: „und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn“ (Vers 34). Im Fortgang der Erzählung wird die weitere Hilfe jedoch delegiert. „Hier hast du zwei Silbergroschen, sorge für ihn.“ Der Wirt wird beauftragt, die Pflege für das Opfer gegen ausreichende Bezahlung fortzuführen. Die Verantwortung wird also auf mehrere Schultern verteilt. Es wird eine konzertierte Hilfsgemeinschaft gebildet, die so lange besteht, wie Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Es kann und muss nicht alles von einer Person, einer Gruppe oder einem Land alleine geleistet werden. Die Hilfe muss auch nicht umsonst erbracht werden. Helfen kostet Geld. Dafür kommt in der Erzählung interessanterweise einer der Hilfeleistenden, nicht etwa der Hilfsbedürftige auf. Um der Not des Nächsten also gerecht zu werden und ihr wirkungsvoll begegnen zu können, bedarf es einer starken Solidargemeinschaft, die zusammensteht und die Versorgung der Notleidenden gemeinsam angeht – so wie sie auch im Herzen der europäischen Idee steckt.

Am Ende gibt es auf die vielen Fragen dann doch nur eine Antwort, in der – Gott sei Dank – eine Verheißung steckt: „Tu das, so wirst du leben.“