„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Europäische Ökumene

Historische Erfahrung und evangelischer Auftrag

von Paul Nolte

1. Der Kontinent Europa – ein flüssiger Gestaltungsraum

Im Schulatlas oder auf dem Satellitenbild der Erde zeigt Europa unverwechselbare Konturen: die iberische Halbinsel, der Stiefel Italiens, der Balkan im Süden; Skandinavien und die britischen Inseln im Norden und Westen. Die Konturen Europas bilden sich an der Grenze zwischen Festland und Wasser, mit Ozeanen und Binnenmeeren, mit Meerengen wie dem Kanal oder dem Bosporus. Aber die Eindeutigkeit trügt und schon bei der Geographie des Kontinents kommt es auf die Perspektive an: Von Osten gesehen ist Europa eine vielgliedrige Halbinsel Asiens; von Süden betrachtet ein erweiterter Mittelmeerraum; vom Westen her eine nordatlantische Peripherie. In diesen unterschiedlichen Perspektiven spiegeln sich schon seit der Antike historische und kulturelle Traditionen, aber auch religiöse Prägungen wider, ebenso wie politische Deutungskämpfe um die Identität Europas, die im 20. Jahrhundert ideologische und oft gewaltsame Form angenommen haben.

Mit den Revolutionen von 1989 schienen diese Konflikte überwunden und die friedliche und demokratische Integration ganz Europas in naher Zukunft erreichbar. Doch im frühen 21. Jahrhundert zeigt der Blick auf die Karte Europas neue Bruchzonen, nicht selten an den Übergängen zwischen Land und Wasser. Ist das Mittelmeer Eingangstor oder Grenzwall Europas? Wie breit ist der Kanal – liegt Großbritannien in Europa oder im Atlantik? Und wohin zieht es die Türkei, deren Metropole Istanbul über den Bosporus hinweg zwei Kontintente überspannt? Die Landmasse Europas ist ein flüssiger Gestaltungsraum, ein vielgliedriger Raum der Aushandlung von Konflikten und Identitäten, aber auch des Aufeinanderprallens von nationalen Interessen. Die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt, zwischen dem Anspruch auf gemeinsame Werte und der Realität vielgestaltiger und oft kleinräumiger Differenzierung ist Teil des kulturellen Erbes Europas – und bleibendes Merkmal seiner gesellschaftlichen und politischen Gestaltungsversuche. Die Menschen Europas sind aufgefordert, die Vielfalt und die Konflikte ihres Kontinents nicht zu leugnen, sondern menschenwürdig und solidarisch zu gestalten.

2. Die Gestaltungskraft des Christentums

Europa ist ohne die Gestaltungskraft des Christentums, die das Leben auf dem Kontinent seit dem Ausgang der Antike geformt hat, nicht vorstellbar. Die christliche Prägung Europas behauptete ihre Geltung über fast anderthalb Jahrtausende immer wieder gegen konkurrierende Weltdeutungen und Lebensformen: gegen die „Heiden“ in der frühmittelalterlichen Mission, gegen die Juden, obwohl das Christentum aus jüdischer Wurzel entstanden ist, gegen den Islam seit dem Mittelalter und in der Moderne zunehmend gegenüber säkularer Gesellschaft. Europa ist dies alles: christlicher Kontinent, Raum der multireligiösen Überlappungen und inzwischen eine der religionslosesten Zonen der Welt. Im frühen 21. Jahrhundert müssen sich nicht nur die Christinnen und Christen in Europa, sondern alle seine Bewohnerinnen und Bewohner den daraus resultierenden Spannungen stellen. Die besondere historische Bedeutung und fortwirkende Prägekraft des Christentums in Europa und für die europäische Kultur reicht in einem weiten Bogen von der Gestalt europäischer Städte bis zum Bildungssystem, vom Sozialstaat bis zu Individualismus und Demokratie, und der Protestantismus spielt dabei seit fünfhundert Jahren eine besondere Rolle.

Diese Geschichte wird durch eine nachlassende kulturelle Prägekraft des Christentums, durch wachsenden religiösen Pluralismus oder durch sinkende Kirchenmitgliedschaft nicht außer Kraft gesetzt. Aktuell bleibt das Erbe christlicher Hegemonie in Europa aber auch in anderer Weise: in der Erinnerung an gewaltsame Abgrenzung, an zivilisatorisch verbrämten Religionskrieg, an Pogrome und Vernichtung. Europa als das „christliche Abendland“: Das konnte ein hehres Versprechen sein und erwies sich doch immer wieder als ein Schlagwort in Kämpfen, deren Wunden noch nicht verheilt sind und deren Schuldenlast Christinnen und Christen bis heute tragen. Ein christliches Europa kann kein Europa mehr sein, das im Namen eines christlichen Abendlandes Grenzen errichtet; kein Europa, das Angst vor und Hass gegen andere Religionen und Kulturen schürt.

3. Europa – von christlicher Einheit zu religiösem Pluralismus

Die christliche Tradition hat Europa seit dem frühen Mittelalter geeint, aber auch bitter geteilt, und das keineswegs nur in religiöser Hinsicht. Die Trennung in westliches und östliches Christentum, in römische und orthodoxe Kirche, hat einen kulturellen und politischen Graben gezogen, der die Konflikte um die Zugehörigkeit zur politischen Integration Europas an der Nahtstelle der Europäischen Union nach Osten, seit dem Ende des Kalten Krieges sogar stärker bestimmt als davor. Die Reformation hat die Einheit der westlichen, der römischen, Kirche vor fünfhundert Jahren aufgelöst. Das bedeutete einen Verlust an Einheit, an Integration, an geteilten Überzeugungen und kulturellen Praktiken, im Glauben und darüber hinaus. Es bedeutete aber auch einen Gewinn an Pluralität, an Optionen, an Chancen für Freiheit und Individualismus und bildete eine wesentliche Voraussetzung für die beispiellose Dynamisierung Europas in der Neuzeit. Beide Perspektiven sollen im Jahr des Refomationsjubiläums 2017, das ein zentrales europäisches Erinnerungsjahr ist, zur Geltung kommen.

Religiös motivierte Gewalt zwischen den christlichen Konfessionen, zwischen Katholiken und Protestanten, hat weite Teile des Kontinents, zumal das deutschsprachige Mitteleuropa, im Dreißigjährigen Krieg des 17. Jahrhunderts verwüstet. Aber sogar im späten 20. Jahrhundert hat innerchristliche konfessionelle Gewalt, zum Beispiel im Nordirland-Konflikt, blutige Spuren in Europa hinterlassen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung erneuert sich der Auftrag zu christlicher Einheit in Toleranz, Pluralismus und Ökumene. Aber der Traum von der christlichen Einheit und Friedfertigkeit Europas kann sich schon lange nicht mehr in der Vorstellung eines christlichen Alleinvertretungsanspruchs erschöpfen, sondern weitet sich zu dem Anspruch auf Respekt aller religiösen und nichtreligiösen Kulturen Europas voreinander aus. Im demütigen Bewusstsein der Schuldverstrickung in der eigenen Gewaltgeschichte müssen Christinnen und Christen heute der religiösen und religiös verbrämten Gewalt entgegentreten.

Solidarität erweist sich – erst recht in den Krisen und Herausforderungen – als Eintreten der Starken für die Schwachen.

4. Protestantismus, Deutschland und Europa – ein schwieriges Erbe

Die evangelische Kirche und evangelische Christinnen und Christen haben, gerade in Deutschland, Anlass zu selbstkritischer Reflexion ihrer eigenen Geschichte seit der Reformation. Die Reformation war ein europäisches Ereignis, aber sie hat, nicht nur mit der konfessionellen Trennung, auch neue Grenzen gezogen. Im Bündnis der Reformation mit den Territorialstaaten, im landesherrlichen Kirchenregiment, in den protestantischen Staatskirchen, teils auch in seiner besonderen Obrigkeitstreue hat der Protestantismus, zumal in seiner lutherischen Prägung, politische Grenzen konstituiert und die nationale Staatenordnung Europas bis ins 20. Jahrhundert befestigt. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte die Symbiose von Protestantismus und Nationalismus nach. Den Abschied von einer nationalistischen Kultur und Staatsauffassung, die Öffnung zur europäischen Idee und zu einem neuen, supranationalen Universalismus mussten Evangelische oft mühsamer lernen als ihre katholischen Brüder und Schwestern.

Aber aus der Geschichte dieser Verengung und der bitteren Erfahrung ihrer Pervertierung im Nationalsozialismus erwuchsen seit 1945 neue Kräfte zur Grenzüberschreitung, zur Überwindung des Nationalismus, zum Bewusstsein der Einheit in Vielfalt, zur europäischen Solidarität und zur Solidarität in der einen Welt. Dieser Übergang war kein Selbstläufer, sondern wurde in immer neuen Konflikten erstritten, in der akademischen Theologie ebenso wie in der sozialen Praxis der Kirchen und nicht zuletzt in den neuen sozialen Bewegungen, von denen der Protestantismus in Deutschland besonders profitierte – ebenso wie diese Bewegungen und eine neue, liberale und demokratische Kultur ohne evangelische Impulse nur schwer vorstellbar sind. Vor dem Hintergrund dieser eigenen, schwierigen Geschichte hat der Protestantismus heute die Chance, als Kraft des Zusammenhalts und der Solidarität zu wirken, ohne dabei staatliche Ordnungen geringzuschätzen, die Freiheit und Sicherheit garantieren können. Die Verbindung von evangelischem Geist und zivilgesellschaftlicher Demokratie erweist sich jedoch zuerst in der Solidarität über nationale und staatliche Grenzen hinweg, in der Zuwendung zu denen, die Freiheit und Sicherheit in Europa, in Deutschland, in unserer Nachbarschaft suchen.

Die scheinbar größten Triumphe, die gemeinsame Währung und der offene Raum des Schengen-Abkommens haben nicht alle Mitgliedstaaten überzeugt. 

5. Die Erweiterung eines freien Europas hin zur Europäischen Union – historische Erfahrung und Aufgabe

Seit der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft über große Teile des Kontinents ist Europa sicherer, friedlicher und in seiner politischen Verfassung demokratischer geworden. Das demokratische und pluralistische, das menschenrechtlich gesicherte und religiös freie Europa ist gewachsen: in den Umbrüchen von 1945, in der Demokratisierung Südeuropas in der Mitte der 1970er Jahre und erneut seit 1989 mit dem Fall der kommunistischen Diktaturen. Mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaften durch die Römischen Verträge 1957 wurde der Grundstein für ein prosperierendes, friedliches und stabiles Europa gelegt, in dem zunächst durch die wirtschaftliche, aber auch die wissenschaftlich-technische Verflechtung zukünftige Kriege unmöglich gemacht werden sollten. Seitdem ist die europäische Integration räumlich erweitert und politisch vertieft worden – nicht selten mit der Vision eines europäischen demokratischen Bundesstaates, der Vereinigten Staaten von Europa.

Doch das Modell einer immer größeren und immer tieferen europäischen Einigung hat in den letzten zehn Jahren zahlreiche Rückschläge erlitten. Nationalismus und Populismus sind erstarkt und grenzen sich von der Idee eines integrierten und solidarischen Europas ab. Die scheinbar größten Triumphe, die gemeinsame Währung und der offene Raum des Schengen-Abkommens, haben nicht alle Mitgliedstaaten überzeugt und erweisen sich als krisenanfällig. Die Freiheit der Märkte genügt nicht, um den inneren Zusammenhalt Europas zu gewährleisten. Mit dem britischen Referendum vom 23. Juni 2016 hat sich zum ersten Mal ein Mitgliedsland für den Austritt aus der EU entschieden. Wenige Wochen später hat der autoritäre Kurs der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch den Beitritt dieses Landes auf absehbare Zeit unwahrscheinlich gemacht. Das europäische Unionsmodell befindet sich in einer tiefen Krise.

Aus den historischen Erfahrungen von zweitausend Jahren und zumal des 20. Jahrhunderts bleibt der Zusammenhalt Europas, auch jenseits gescheiterter Träume von perfekter Harmonie, ein Anspruch, für den sich Christinnen und Christen ebenso stark machen sollten wie für das beharrliche Bemühen um eine Erweiterung der EU. Die Europäische Union als Gemeinschaft von 28 unabhängigen, demokratischen Staaten ist auch heute noch ein wesentlicher Garant für Frieden, Demokratie, Wohlstand, Rechtstaatlichkeit und Stabilität. Für zahlreiche Länder z. B. des westlichen Balkans wie Serbien, Montenegro, Albanien oder Mazedonien bleibt ein Beitritt in diese Gemeinschaft weiterhin ein höchst erstrebenswertes Ziel. Auch für die größeren Länder an der jetzigen Peripherie der EU wie die Ukraine und die Türkei sollte die Tür zu einem Beitritt langfristig geöffnet bleiben.

6. Solidarität in der komplizierten Vielfalt Europas

Die Sehnsucht nach Einheit hat viele Christinnen und Christen, nicht zuletzt in Deutschland, seit 1945 immer wieder beflügelt und in politische und gesellschaftliche Verantwortung gestellt: sei es als Bemühen um innerchristliche Ökumene oder um die institutionelle Gestalt eines europäischen Islam, sei es als Streben nach der Überwindung von Grenzen, von Nationalismus und nationalstaatlicher Souveränität. Aber die Sehnsucht nach Einheit und Zusammenhalt ist auch immer wieder enttäuscht worden und es gilt deshalb neu zu lernen, sich auf die Vielfalt und Widersprüchlichkeit Europas einzustellen, ohne den Anspruch auf Gemeinsamkeit, Offenheit und Solidarität preiszugeben. Solidarität erweist sich – erst recht in den Krisen und Herausforderungen – als Eintreten der Starken für die Schwachen; innerhalb der Bürgerschaft der Europäischen Union, wie in der Solidarität mit Griechenland oder mit Geflüchteten. Wir Deutsche sollten nicht darüber klagen, sondern froh und dankbar sein für die wirtschaftliche und kulturelle Stärke, aus der heraus wir solidarisch sein können.

Das linear-fortschrittliche Integrationsmodell mit seinem Zielpunkt in einem europäischen Bundesstaat stellt nicht mehr die einzige, im Moment nicht einmal die wahrscheinlichste Option für die Zukunft Europas dar. Neue Fragen stellen sich: Wie kann Großbritannien auch nach dem „Brexit“ möglichst europäisch bleiben, einschließlich möglichst offener Grenzen? Wie schon in den Gründerzeiten der Römischen Verträge erscheint Europa heute eher als kompliziertes und vielfältiges Geflecht verschiedener Integrationskreise. Integration in die Gemeinschaft europäischer Werte und europäischer Demokratie gibt es, wie die Schweiz oder Norwegen schon seit Langem zeigen, auch außerhalb der EU. In christlicher, in evangelischer Sicht haben die europäischen Werte und Ziele wie übernationale Verständigung, Solidarität und Freiheit den Vorrang vor einer spezifischen institutionellen Realisierung. Denn die Herausforderung einer politischen Polyphonie, die den Fluchtpunkt der Einheit und der Solidarität dennoch nicht aus den Augen verliert, entspricht der Erfahrung einer religiösen und konfessionellen Vielfalt. Solche Vielfalt ist in protestantischer Sicht kein Schaden, sondern sie ermöglicht Freiheit, ohne die Gewissheit der Gnade des einen Gottes preiszugeben.

Europa ist ein kompliziertes und vielfältiges Gebilde. Diese Kompliziertheit und Vielfalt wird weiterhin zu seiner Eigenart gehören, zu seiner Schwäche ebenso wie zu seiner Stärke. Europa streitet über seine Grenzen, über seine Identität und nicht zuletzt über das Verhältnis der einzelnen Nationen zum Ganzen Europas. Ein europäischer Bundesstaat, eine den Nationalstaaten nachgeformte europäische Demokratie wird auf absehbare Zeit nicht entstehen. Europa bleibt ein Kontinent heterogener Verfasstheiten in der Vielfalt und in den Mehrdeutigkeiten seiner politischen Ordnung, in den nationalen Kulturen und zunehmend auch in seiner religiösen Situation.

7. Europa – Auftrag zur Grenzüberschreitung

Trotz dieser Widersprüche und Konflikte ist Europa ein Raum der Hoffnung für viele Menschen aus anderen Teilen der Welt geworden. Angesichts von Gewalt und Verfolgung, von Krieg und Zerstörung, von Armut und Hoffnungslosigkeit in Syrien und anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ebenso wie Afrikas suchen sie Zuflucht in Europa. Als Flüchtende oder Migranten überschreiten sie, alleine oder mit ihren Familien, Grenzen und haben die europäische Solidarität auf eine Bewährungsprobe gestellt, als Solidarität der europäischen Partner untereinander ebenso wie als Solidarität Europas mit den Anderen, den Flüchtlingen, den Schwächeren. Beide Proben hat Europa keineswegs glänzend bestanden – häufig im Gegenteil: Grenzen, die abgebaut waren, sind wieder errichtet worden. Von Schleppern verführte Flüchtlinge ertrinken unter den Augen Europas im Mittelmeer. Trotz unserer großen Sicherheit, unseres großen Wohlstands sind Angst und Abwehr an die Stelle von Offenheit und Zuversicht getreten. Flucht und Migration werden zu Sündenböcken für das Versagen der eigenen Gesellschaft gemacht.

Daneben steht das Festhalten an den Zielen der europäischen Solidarität bei vielen Politikerinnen und Politikern ebenso wie bei vielen Millionen Menschen, die sich für Geschwisterlichkeit und Willkommenskultur, auch im Bewusstsein realpolitischer Probleme, engagieren. Christinnen und Christen und ihre Kirchen haben dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Die evangelische Solidarität mit Geflüchteten folgt dem christlichen Glauben ebenso wie dem zivilgesellschaftlichen Auftrag des Protestantismus, sich für eine gerechte und barmherzige Gesellschaft einzusetzen. Sie vertraut zugleich auf den europäischen Auftrag und auf die Stärke Europas, nicht nur auf eine ökonomische Kraft, sondern auch auf die Kraft seiner Kultur und seines sozialen Kapitals, das sich auch aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften speist. Dem europäischen und dem christlichen Geist entspricht es gleichermaßen, sich selbstbewusst zu öffnen und Grenzen zu überschreiten.

8. Europäische Ökumene

In der Situation des frühen 21. Jahrhunderts und in der Erinnerung an den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren treten evangelische Christinnen und Christen für eine Kultur und Praxis der europäischen Ökumene ein. So haben sie mit der Leuenberger Konkordie (1973) die Vision der Einheit in versöhnter Verschiedenheit ein Stück Wirklichkeit werden lassen. Auch mit der Charta Oecumenica (2001), die Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa festlegt, ist ein Zeichen der Hoffnung für Europa gesetzt worden. Europäische Ökumene: Das meint – religiös, theologisch und konfessionell – das friedliche Zusammenleben der Konfessionen und Religionen; das zielt auf Europa als einen Kontinent der freien und pluralistischen Glaubensbekenntnisse; das unterstreicht das Selbstbewusstsein einer religiösen Prägung Europas gegenüber säkularistischen Positionen ebenso wie die Gemeinschaft mit ihnen. Europäische Ökumene: Das meint aber auch, mit den nichtreligiösen Bedeutungen dieses Begriffes, das europäische Zusammenleben in der Gemeinschaft des „bewohnten Erdkreises“, des gemeinsamen Siedlungs- und Lebensraumes zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Mittelmeer – einen offenen, freiheitlichen Lebensraum, der sich zur Vielfalt bekennt und im Inneren wie nach außen Grenzen überwindet. In der europäischen Ökumene treffen sich historische Erfahrung und evangelischer Auftrag für ein solidarisches Europa.