„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Feindbild und Vorbild

Ein kritischer Blick auf Europa

Von Barbara Rudolph

Wir stehen auf dem Flughafen in der Schlange vor der Passkontrolle, der Bischof aus Sri Lanka und ich. Er hat zwei Pässe in der Hand. Als ich ihn danach frage, antwortet er mir: "Mein Pass ist noch recht neu. Der alte Pass zeigt, dass ich nach jeder Reise wieder in meine Heimat zurückgekehrt bin. Das hilft hoffentlich. Meiner Frau ist vor ein paar Monaten die Einreise nach Schweden zur Beerdigung des Schwagers nicht erlaubt worden. Man hatte Angst, sie bleibt." Als Ökumenereferentin der Evangelischen Kirche im Rheinland erfahre ich von meinen ökumenischen Partnern, wie sie Europa wahrnehmen; sie haben mitunter einen kritischen Blick von außen auf Europa, manchmal holzschnittartig, manchmal aber auch sehr differenziert. Wie der Bischof aus Sri Lanka vermitteln sie mir eine fremde, aber notwendige Perspektive auf den Kontinent, in dem ich lebe.

Migration

Für viele Menschen außerhalb Europas ist der Kontinent Europa unerreichbar. Noch nicht einmal für kirchliche Partnerschaftsbesuche werden überall Visa vergeben, vor allem, wenn es sich um Frauen ohne eigenen Verdienst oder um junge Menschen handelt. Viel dramatischer ist es, dass Menschen, die sich aus Bürgerkrieg, Diktatur und Unterdrückung, wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und Armut auf den Weg machen, an der Festung Europa scheitern oder auf illegale Wege zurückgreifen. Europa, das in den letzten 500 Jahren große Auswanderungswellen erlebt und verursacht hat, ist in den Wanderungsbewegungen dieser Tage ein begehrtes, aber fast verschlossenes Ziel. Die Solidarität mit den Krisengebieten der Welt und untereinander ist eine Herausforderung, der sich Europa erst noch stellen muss. Dr. Ruth Klüger hat in ihrer Rede vor dem Bundestag anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 festgestellt: "Und dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen." Nur ein kurzer Moment?

Wirtschaften für das Leben

Die weltweite christliche Gemeinschaft erinnert die Kirchen Europas daran, dass sie in einer Verantwortungsgemeinschaft für Gerechtigkeit stehen. In dem 2004 auf der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra verabschiedeten "Bekenntnis des Glaubens im Angesicht von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung" wird zu einem Bündnis für Gerechtigkeit aufgerufen, das die "Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Alliierten" [1], insbesondere Europa, daran erinnert: "Wir glauben, dass die Integrität unseres Glaubens auf dem Spiel steht, wenn wir uns gegenüber dem heute geltenden System der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung ausschweigen oder untätig verhalten." [2] In diesem Sinne mahnt die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz an, dass die Handelspolitik als Teil der EU-Außenpolitik im Dienste aller Politikziele stehen muss, die im EU-Vertrag festgeschrieben sind [3]. Im Art. 208 des Lissabon-Vertrages ist Armutsbekämpfung zum Hauptziel der europäischen Entwicklungspolitik erklärt worden. Deshalb müssen Handelsabkommen (wie z. B. TTIP) auf negative Folgen für die Entwicklungsländer geprüft und diese im Zweifelsfalle kompensiert werden. Die EKD stellte 2011 fest: "Die Zielsetzung, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft weiter zu steigern und die Produktivität zu erhöhen, darf nicht zu Lasten der natürlichen Lebensgrundlagen und der Ernährungssicherung in den armen Ländern gehen." [4] Die Erwartungshaltung der Kirchen des globalen Südens ist, dass diesen Worten Taten folgen.

Für gerechten Frieden sorgen

Während Europa sich selbst als gelungenes Friedensprojekt sieht und den Nobelpreis für Frieden im Jahr 2012 entgegennehmen konnte, trägt es auf der anderen Seite dazu bei, Krieg und Bürgerkrieg in anderen Teilen dieser Welt zu befördern. Der Export von Rüstungsgütern in Kriegs- und Krisengebiete ist zwar in Deutschland und anderen europäischen Staaten reglementiert, im Ergebnis aber nur begrenzt effektiv. "In unserem Land wird keine der Kleinkaliber-Waffen hergestellt, mit denen Rebellen, darunter auch Kindersoldaten, die Dörfer im Ostkongo überfallen", klagt der Präsident der Baptistischen Kirche im Zentrum Afrikas (CBCA) Dr. Kakule Molo. Die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) setzt zu sehr auf militärische und zu wenig auf zivile Instrumente. [6] Die Bürgerkriege in Ländern wie dem Kongo kommen der wirtschaftlichen Entwicklung Europas entgegen, wie Brot für die Welt anhand des Coltan-Handels nachweist. [7]

Mission erfüllt

"Bitte denkt daran, wir feiern nicht den Tag, an dem die Missionare uns verlassen haben, sondern den Tag, an dem die Missionare kamen." Das sagt der Generalsekretär der größten evangelischen Kirche Asiens, der Huria Kristen Batak Protestan (HKBP), der Batak-Kirche in Sumatra. In West-Papua ist der Tag der Ankunft der ersten Missionare Nationaler Feiertag. In Namibia ist das Missionshaus der ersten Missionare ein nationales Kulturdenkmal. In Europa sind mit der Mission häufig Negativ-Assoziationen verbunden, sie wird oft in einem Atemzug mit Kolonialismus und Ausbeutung genannt: ein häufiger Vorwurf an die Kirchen, von ihnen selbst auch wiederholt. Viele Kirchen außerhalb Europas aber verehren die Missionare, die ihnen den christlichen Glauben gebracht haben. Als Kirchen, die aus der Mission erwachsen sind, sind sie selbst missionarisch ausgerichtet, in ihren eigenen Ländern und auch im säkularen Europa. Schon längst betrachten sie das "christliche Abendland" als Missionsgebiet. [8] Und sie wundern sich über die missionarische Enthaltsamkeit der Europäer: "Viele Gemeinden, auch viele Pfarrerinnen und Pfarrer, haben große Zurückhaltung, mit Menschen, die den christlichen Glauben nicht praktisch leben, klar zu sprechen. [...] Die Christen sind bei der Verkündigung ihres Glaubens sehr höflich und zurückhaltend" [9], haben Deutschlandbesucher der "Ökumenischen Visite" im Jahr 2015 notiert.

Säkularität und christliche Werte

Mit der Frage der Mission gehen die Verwunderung und das Erschrecken außereuropäischer Christinnen und Christen (aber auch Muslime und Menschen anderen Glaubens) über die säkularen Gesellschaften in Europa einher. Dass Religion Alltag und Familie nicht oder zumindest kaum prägt, ist für viele eine völlig neue Erfahrung. Häufig gibt es eine Argumentationslinie, in der die "Aufweichung" der Geschlechterrollen, die hohe Scheidungs- und die geringe Geburtenrate, die Anerkennung der Homosexualität u. a. als Werteverfall dargestellt werden, dessen Ergebnis leere Kirchen und sinkende Mitgliedszahlen sind. Entlang dieser Fragen gibt es Verwerfungen, für die die großen konfessionellen Weltbünde wie der Lutherische Weltbund, die anglikanische Weltgemeinschaft oder die Methodisten nach Lösungen suchen.

Europa - Vorbild und Feindbild?

Die Bewunderung für Europa ist weltweit groß: Kultur, gute Organisation, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Kraft, politischer Einfluss. Die Sehnsucht nach einem auskömmlichen und sicheren Leben verbinden viele Menschen mit diesem Kontinent. Für viele Menschen im globalen Süden steht Europa aber nicht für die Lösung ihrer Probleme, sondern wird als Verursacher von Klimawandel, ungerechten Wirtschaftsstrukturen und Verbrauch der globalen Ressourcen wahrgenommen. Europa ist für viele der ökumenischen Partner ambivalent: Vorbild und Feindbild. Der "solidarisch-kritische Blick" [10] von außen ist für den Kontinent und die Kirchen in Europa notwendig.


  1. Bekenntnis von Accra: Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit, Ziff. 13 www.reformiert-info.de/124-0-56-3.html
  2. Bekenntnis von Accra, Ziff 16
  3. Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft. Eine Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, S. 59 www.ekbo.de/fileadmin/ekbo/Stellungnahme_TTIP_EKBO.pdf
  4. Leitlinien für eine multifunktionale und nachhaltige Landwirtschaft, 2011, Pressemeldung der EKD vom 6.10.2011: www.ekd.de/presse/pm227_2011_leitlinien_landwirtschaft.html
  5. So z. B. der Ratsvorsitzende anlässlich des Volksentscheids der Briten zum Austritt aus der EU
  6. Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007, S. 93. www.ekd.de/EKD-Texte/friedensdenkschrift.html
  7. Coltanfieber 2002. www.ziviler-friedensdienst.org/sites/ziviler-friedensdienst.org/files/anhang/publikation/zfd-coltanfieber-3903.pdf
  8. Mission erfüllt? Edinburgh 1910–100 Jahre Weltmission, Hamburg 2009, S. 60 f.
  9. Bericht der Ökumenischen Visite 2015 in der Evangelischen Kirche im Rheinland, S. 11. www.ekir.de/www/downloads/2015-06-20VotumOekumenischeVisite.pdf
  10. Bericht der Ökumenischen Visite 2015, S. 6: Die ökumenischen Partner haben diese Formulierung gewählt, um die ambivalenten Eindrücke ihrer europäischen Partnerkirche knapp dazustellen.