„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Was bedeutet Europa?

Wir baten Vertreter der größten Religionsgemeinschaften Deutschlands um Statements

Weitblick

Denke ich an Europa, fallen mir als erstes die Begriffe „Einheit“ und „gemeinsame Werte“ ein. Angesichts der aktuellen Ereignisse stellt sich zunehmend die Frage, wie wir diese Werte festigen, vermitteln und somit den Zusammenhalt für die Zukunft garantieren können. Die Europäische Union steht als Konstrukt exemplarisch für eine Überwindung der Spaltung, für ein Friedensprojekt. Dieses Konstrukt bröckelt – doch unsere Überzeugung sollte dies nicht.

Wir sind mit der Herausforderung konfrontiert, einerseits die zu uns in hoher Zahl geflüchteten Menschen zu integrieren und andererseits Bewegungen entgegenzuwirken, die eine Spaltung Europas propagieren. Daher gilt es mehr denn je, für ein vereintes und starkes Europa einzutreten.

Der auf dem jüdisch-christlichen Erbe basierende Wertekodex spiegelt sich in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wieder, die an vorderster Stelle die Würde des Menschen als unantastbar definiert. Dass die Umsetzung dieser Werte innerhalb Europas Schwachstellen aufweist, erkennen wir anhand des Umgangs mit Minderheiten und den Schwächsten unserer Gesellschaft, die vielerorts noch immer Leid erfahren.

Europa bedeutet für mich auch, den Weitblick zu haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Toleranz, Freiheit und Respekt sind Grundpfeiler, die von jedem nicht nur akzeptiert, sondern auch gelebt werden müssen. Allzu schmerzhaft haben wir erfahren, was es bedeutet, wenn diese Werte nicht mehr greifen. Die Lehre aus der Shoa manifestiert sich daher zu Recht in der Verantwortung, sich für Vielfalt und gegen Antisemitismus, Rassismus und Extremismus jeglicher Couleur einzusetzen. Auch haben wir in den vergangenen Jahren Bestrebungen erfahren, die das Grundrecht auf freie Religionsausübung einzuschränken versuchen. Hier dürfen sich die Religionsgemeinschaften nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern müssen weiterhin füreinander einstehen. Europa bedeutet für mich auch, den Weitblick zu haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Gerade wenn es um Israel geht, mit dem Europa eine Wertegemeinschaft teilt, wünsche ich mir oft mehr Verständnis und Solidarität angesichts der prekären Sicherheitslage des jüdischen Staates.

Generell sollten wir uns mehr auf das „Wir“ anstatt auf das „Ich“ besinnen. In einer Zeit, in der Schnelllebigkeit und Egoismus viel zu oft die Oberhand gewinnen, müssen wir kulturelle Vielfalt als Chance nutzen, um ein vereinendes Miteinander und damit die Stärkung des sozialen Zusammenhalts zu erreichen und den inneren Frieden zu wahren. Einheit in Vielfalt – das ist Europa für mich. Das bedeutet vor allem, sein Leben und seinen Glauben gleichberechtigt, in Freiheit und Sicherheit leben zu können. Gemeinsam sollten wir alles dafür tun, ein freiheitliches, vielfältiges und vereintes Europa zu bewahren.