„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Fünf Reden für Europa

Wer definiert den Geist von Europa? Eine wichtige Instanz sind manche Reden erfahrener Staatsmänner und Staatsfrauen. Sie bringen auf den Punkt, welcher Geist in Europa weht, welche Probleme bremsen und wie das Ziel eines gänzlich versöhnten und friedvollen Europas erreicht werden könnte.

Wir dokumentieren Auszüge aus fünf bedenkenswerten Reden.


1950 Robert Schuman

„Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen!“

Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer Rede die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vor. Die EGKS (Gründungsmitglieder: Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Belgien und Luxemburg) war die erste einer Reihe supranationaler europäischer Institutionen, die schließlich zur heutigen Europäischen Union wurden.

„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.
Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen. Frankreich, das sich seit mehr als zwanzig Jahren zum Vorkämpfer eines Vereinten Europas macht, hat immer als wesentliches Ziel gehabt, dem Frieden zu dienen. Europa ist nicht zustande gekommen, wir haben den Krieg gehabt.
Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen.

»L‘Europe ne se fera pas d‘un coup: elle se fera par des réalisations concrètes créant d‘abord une solidarité de fait.«

Zu diesem Zweck schlägt die französische Regierung vor, in einem begrenzten, doch entscheidenden Punkt sofort zur Tat zu schreiten.
Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht. Die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion wird sofort die Schaffung gemeinsamer Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung sichern – die erste Etappe der europäischen Föderation – und die Bestimmung jener Gebiete ändern, die lange Zeit der Herstellung von Waffen gewidmet waren, deren sicherste Opfer sie gewesen sind.
Die Solidarität der Produktion, die so geschaffen wird, wird bekunden, dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist. Die Schaffung dieser mächtigen Produktionsgemeinschaft, die allen Ländern offensteht, die daran teilnehmen wollen, mit dem Zweck, allen Ländern, die sie umfasst, die notwendigen Grundstoffe für ihre industrielle Produktion zu gleichen Bedingungen zu liefern, wird die realen Fundamente zu ihrer wirtschaftlichen Vereinigung legen.
Diese Produktion wird der gesamten Welt ohne Unterschied und Ausnahme zur Verfügung gestellt werden, um zur Hebung des Lebensstandards und zur Förderung der Werke des Friedens beizutragen. Europa wird dann mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen können: die Entwicklung des afrikanischen Erdteils. So wird einfach und rasch die Zusammenfassung der Interessen verwirklicht, die für die Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft unerlässlich ist und das Ferment einer weiteren und tieferen Gemeinschaft der Länder einschließt, die lange Zeit durch blutige Fehden getrennt waren.“

europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day/schuman-declaration_de


1992 Jacques Delors

„Europa eine Seele geben!“

1992 referierte der damalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors vor der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Budapest. Wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung Europas sprach er erstmals von der „Seele Europas“.

„Wir betreten nun eine faszinierende Zeit – wahrscheinlich vor allem für die junge Generation – eine Zeit, in der die Debatte über die Bedeutung des Aufbaus Europas ein wesentlicher politischer Faktor werden wird. Glauben Sie mir, wir werden mit Europa keinen Erfolg haben mit ausschließlich juristischer Expertise oder wirtschaftlichem Knowhow. Es ist unmöglich, das Potenzial des Vertrags von Maastricht ohne frische Luft Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tieferen Bedeutung zu versehen, dann wird das Spiel zu Ende sein. Daher möchte ich die intellektuelle und spirituelle Debatte über Europa wiederbeleben. Ich lade die Kirchen ein, sich daran aktiv zu beteiligen. Wir möchten diesen Prozess nicht kontrollieren, es ist eine demokratische Debatte, die nicht von Technokraten monopolisiert werden darf. Ich möchte einen Ort des Austauschs schaffen, einen Raum für Diskussion, der offen ist für Männer und Frauen mit Spiritualität, für Gläubige und Nichtgläubige, für Wissenschaftler und Künstler. Wir arbeiten bereits an dieser Idee. Wir müssen einen Weg finden, hier auch die Kirchen mit einzubinden.“

„Si nous ne parvenons pas à donner une âme à l‘Europe, à lui donner une spiritualité et un sens, c‘en sera fait de l‘unification européenne.“

www.europe-infos.eu/europeinfos/de/archiv/ausgabe163/article/5938.html


2008 Angela Merkel

„Wir haben das kaum Denkbare geschafft.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde im Jahr 2008 mit dem Karlspreis geehrt. In ihrer Rede sagte sie:

„Europa war, ist und wird unser gemeinsames Schicksal sein […] Europa ist voller Zeugnisse kultureller Blütezeiten, es trägt aber auch schreckliche Wunden der Vergangenheit in sich. Die Erfahrungen mit der wechselvollen Geschichte Europas waren oft keine verbindenden, sondern trennende Erfahrungen. Europa hat allzu oft erleben müssen, dass der Mensch zu Furchtbarem fähig ist. Immer wieder wurde unser Kontinent mit Krieg, Gewalt und Vertreibung überzogen. Die schlimmste Zeit von Hass und Vernichtung liegt noch kein Menschenalter hinter uns. Von deutschem Boden aus wurde unsägliches Leid über Europa und die Welt gebracht. In deutschem Namen wurde der unfassbare Zivilisationsbruch der Shoah begangen. Nur wenn wir das erkennen, bleibt uns auch bewusst, wie wunderbar das Geschenk der Aussöhnung zwischen unseren Völkern ist und welches Wunder das Friedenswerk der europäischen Einigung ist. […] Deshalb ist und bleibt es – davon bin ich zutiefst überzeugt – eine Daueraufgabe, junge Menschen auch für die dunklen Kapitel europäischer Geschichte zu sensibilisieren. Denn nur wer seine Vergangenheit kennt, kann die Zukunft verantwortungsbewusst gestalten. Nur eine selbstkritische Erinnerung macht uns auch in den Augen anderer glaubwürdig – anderer, die wir von unserer Einsicht und Erfahrung gerne überzeugen wollen: Wer grundlegende Werte beachtet und lebt, hat, wie ich glaube, alle Chancen auf Stabilität und Prosperität. Wir können am Beispiel unserer europäischen Geschichte aufzeigen: Nach Jahrhunderten gewalttätiger Auseinandersetzungen haben wir das kaum Denkbare geschafft: Ein friedliches und freundschaftliches Miteinander in Europa. Warum soll das nicht auch in anderen Regionen der Welt zu schaffen sein? Für mich ist das keine Utopie. Nein, für mich ist das eine Vision, und zwar eine, die in einen konkreten Auftrag mündet. Daher bin ich auch davon überzeugt: Es ist jede Mühe wert, auf friedliche Konfliktlösungen hinzuwirken. Gelingen kann dies aber nur auf der Grundlage gemeinsam anerkannter Werte.“

www.karlspreis.de/de/preistraeger/angela-merkel-2008/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel


2009 Gesine Schwan

„Europa braucht Wärme!“

Die Professorin für Politikwissenschaft war viele Jahre Mitglied in zahlreichen politischen Gremien. Von 1999 bis 2008 wirkte sie als Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), seit 2014 ist sie Präsidentin der von ihr gegründeten HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform (Berlin). Am 15.2.2009 hielt sie bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Krönungssaal des Aachener Rathauses eine Grundsatzrede zu Europa.

„Zu Hause fühlt man sich dort, wo man Freiheit und Sicherheit erfährt. Deutschland ist im 19. Jahrhundert erst aus einem Flickenteppich zu einer Nation zusammengewachsen, als es sich zu einem Sozialstaat entwickelte und die Menschen den Staat auch als Garantie von Sicherheit empfanden. In Demokratien sind Freiheit und Sicherheit zwei Seiten einer Medaille, nur zusammen schaffen sie ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Erst wenn die Europäische Union von den Bürgern in ihrem Alltag nicht nur als freiheitliche Marktwirtschaft mit dem scharfen Wind der Globalisierung, sondern auch als Garant von sozialer Sicherheit erlebt wird, werden diese ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. Erst dann werden auch die nationalen Regierungen die Unterstützung für die dringend notwendige Gemeinsamkeit von politischen Wirtschafts-, Finanz- oder Umweltentscheidungen finden. Europa braucht Wärme. Dann kann es die Herausforderungen meistern und vor allem die Chancen nutzen, die diese kostbare konkrete Utopie, deren Wert wir oft sträflich unterschätzen, uns bietet. […] In der Gefahr ist sich spontan jeder selbst der Nächste. Wenn Europa zerfällt, geraten wir aber erst recht in Gefahr. Die Nationalstaaten für sich können Freiheit und Sicherheit nicht mehr bieten. Deshalb brauchen wir das ganze, auch das soziale Europa.“

www.gesine-schwan.de/positionen/reden/europa-15022009/


2016 Papst Franziskus

„Was ist mit dir los, Europa?“

Am 6. Mai 2016 wurde Papst Franziskus im Vatikan mit dem Aachener Karlspreis geehrt. Mit der Auszeichnung solle das „herausragende Engagement für Frieden, Verständigung und Barmherzigkeit in einer europäischen Gesellschaft der Werte“ des Papstes gewürdigt werden, heißt es auf der Urkunde.

„Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten? […]
Wenn wir eine menschenwürdige Zukunft anstreben wollen, wenn wir eine friedliche Zukunft für unsere Gesellschaft wünschen, können wir sie nur erreichen, indem wir auf die wahre Inklusion setzen: „die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt“ [1] . Dieser Übergang (von einer „verflüssigten“ zu einer sozialen Wirtschaft) vermittelt nicht nur neue Perspektiven und konkrete Gelegenheiten zur Integration und Inklusion, sondern eröffnet uns von Neuem die Fähigkeit, von jenem Humanismus zu träumen, dessen Wiege und Quelle Europa einst war.

»Alla rinascita di un’Europa affaticata, ma ancora ricca di energie e di potenzialità, può e deve contribuire la Chiesa.«

Am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken. Ihre Aufgabe fällt mit ihrer Mission zusammen, der Verkündigung des Evangeliums. Diese zeigt sich heute mehr denn je vor allem darin, dass wir dem Menschen mit seinen Verletzungen entgegenkommen, indem wir ihm die starke und zugleich schlichte Gegenwart Christi bringen, seine tröstende und ermutigende Barmherzigkeit. Gott möchte unter den Menschen wohnen, aber das kann er nur mit Männern und Frauen erreichen, die – wie einst die großen Glaubensboten des Kontinents – von ihm angerührt sind und das Evangelium leben, ohne nach etwas anderem zu suchen. Nur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von Neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben. Dabei ist der Weg der Christen auf die volle Gemeinschaft hin ein großes Zeichen der Zeit, aber auch ein dringendes Erfordernis, um dem Ruf des Herrn zu entsprechen, dass alle eins sein sollen (vgl. Joh 17,21).“

Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015

www.karlspreis.de/de/preistraeger/papst-franziskus-2016/rede-von-sh-papst-franziskus