„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Pilgern für die Schöpfung

Tausende Menschen wanderten 2015 auf dem Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit und setzten ein starkes Zeichen

1.470 Kilometer in 77 Tagen, von Flensburg nach Paris. Mit vielen kleinen Schritten hin zu einem großen Ziel. Über 5000 Menschen machten sich im Herbst vergangenen Jahres auf den Weg. Unter dem Motto „Geht doch!“ wollten sie auf den Klimawandel aufmerksam machen und auf die Notwendigkeit, jetzt weitgreifende Maßnahmen zu verabreden, damit der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert wird. Von Flensburg ging es über Hamburg, Bremen, Münster, Osnabrück, Dortmund, Wuppertal, Köln, Metz, Châlons-en-Champagne und Montmirail in die französische Hauptstadt. Am 13. September startete die erste Pilgergruppe, am 27. November wurde Paris erreicht. Rechtzeitig zu Beginn der Verhandlungen der 195 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention über ein global verbindliches Klimaabkommen.

Die Zusammensetzung der Pilgergruppe wechselte fast täglich. Mal waren es nur ein knappes Dutzend, die den Weg gemeinsam gingen, dann wieder Hunderte. Manche liefen nur ein paar Stunden mit, andere Tage, Wochen oder Monate. Einige wenige schafften sogar die gesamte Strecke von Flensburg nach Paris. Gelegentlich stießen prominente Pilgerinnen und Pilger dazu: kommunale Politiker, Bischöfe und die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Auf ihrem Weg nach Paris, der oft über alte deutsche Pilgerpfade führt, steuerten die Wanderer immer wieder „Kraftpunkte“ an. Als solche verstanden sie etwa Gemeindehäuser mit Solaranlagen, Biogasanlagen oder einen Tierpark zur Erhaltung alter Nutztierrassen – Beispiele für einen nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung. Ebenso besuchten sie „Schmerzpunkte“, wozu eine Anlage zur Massentierhaltung oder ein aktiver Braunkohletagebau gehörten. Zwischendurch gab es Gesprächsrunden, Diskussionen mit Politikern und Workshops. So war es auch eine Bildungsreise – für die Teilnehmenden, aber auch für die Menschen in den Orten, die durchquert wurden. Doch auch stille Zeiten mussten sein. Pilger Christian Seidel etwa suchte sie immer wieder, „denn die wunderbaren Landschaften, Städte und Dörfer, die wir sahen, wollte ich einfach nur genießen“. Andachten wurden gefeiert, spirituelle Impulse gegeben. Klimapilgern ist, wie im Namen schon mitklingt, eine Mischung aus Kontemplation und politischem Engagement. Eine Mischung mit großer Kraft. Wer pilgere, bewege sich, halte inne und spüre die Ressourcen Gottes, der in uns wirkt, beschrieb es Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD. Und er bekomme so die Kraft zu handeln. Initiiert und organisiert hat den Ökumenischen Klima-Pilgerweg ein breites Bündnis aus Landeskirchen, Diözesen, Verbänden und Entwicklungsdiensten. Nachdem sich die Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen nach ihrer Vollversammlung in Südkorea 2013 auf einen „Pilgerweges der Gerechtigkeit und des Friedens“ begeben hatten, entstand die Idee, im Rahmen der Weltklimakonferenz eine ähnliche Aktion zu starten.

Wunde Füße, Blasen und Muskelkater blieben nicht aus. Manchmal regnete es in Strömen. Abends fanden die müden Knochen ein hartes Ruhelager auf der Isomatte in einem Pfarr- oder Gemeindehaus. Doch gemeinsam die Komfortzone zu verlassen, sich für ein Ziel auf den Weg zu machen, führte zu einem starken Gemeinschaftsgefühl.

In dieser Atmosphäre fiel es leicht, sich Menschen zu öffnen, die man kaum kannte. Er habe zahlreiche Gespräche geführt, in denen ihm fast Unbekannte aus ihrem Leben berichteten, erzählt Christian Seidel. Und die vielen Freiwilligen in den Kirchengemeinden, die die Pilgerinnen und Pilger an den Haltepunkten liebevoll versorgten, machten die Strapazen am Ende des Tages wett.

In der deutsch-französischen Grenzregion wird die oft leidvolle gemeinsame Geschichte der beiden Länder bewusst. Doch die alten Feindschaften sind schon lange begraben, Europa ist zusammengewachsen. Französische Pilger stießen zu den deutschen hinzu, gemeinsam gingen sie weiter. Nur vereint kann Europa die Herausforderungen der Gegenwart annehmen und seinen ressourcenverbrauchenden Lebensstil verändern, damit Menschen im globalen Süden nicht die Konsequenzen tragen müssen. Dann kam die Nachricht von den Terroranschlägen in Paris. Nur wenige Tage, bevor Pilgergruppen aus Dutzenden Ländern zu einer großen Kundgebung zusammenkommen wollten, hatte sich die Situation dramatisch verändert. Die Kundgebung musste abgesagt werden. Am 27. November trafen dennoch Hunderte Menschen am Ende ihres Pilgerweges in der St.-Merry-Kirche in Paris ein. Sie hatten große Strecken innerhalb Europas zurückgelegt, kamen aus Österreich, den Niederlanden, England oder eben Deutschland. Aber auch in Übersee hatten sich Menschen auf den langen Weg nach Paris gemacht, waren aus Vietnam, Indonesien oder den Philippinen angereist. Sie erzählten einander von der Schönheit ihrer Heimat, aber auch von den sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels. Ihr Lob der Schöpfung und ihre Sorge um sie wurden zu einem ganz eigenen Gebet. Am folgenden Tag übergaben die Pilger Christiana Figueres, Leiterin des Sekretariats der Klimaschutzkonvention der Vereinten Nationen, eine Petition mit 1,8 Millionen Unterschriften. Kontemplation und Handeln. „Nicht nur die Politik trifft Entscheidungen, sondern auch jeder Einzelne von uns. Ob weniger sichtbar, wenn wir zu Hause Müll vermeiden, oder nach außen deutlich, wie mit dem Klimamarsch nach Paris“, fasst Hildegard Wöhle ihre Erfahrung nach vier Wochen Wanderschaft zusammen.