„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

die Synode hat sich für ihre dritte Tagung viel vorgenommen. Jeder sieht, dass es Europa nicht gut geht. „Europa steht am Scheideweg“, hat es der Rat der EKD anlässlich seines Besuchs in Brüssel im April dieses Jahres auf den Punkt gebracht. Die Länder der Europäischen Union und ihre Bürgerinnen und Bürger müssen sich entscheiden: Wollen sie eine gemeinsame Zukunft suchen und gestalten – oder soll Eigennutz vor Gemeinschaft gehen und Identität vor Integration?

Die Synode wird sich mit der Frage befassen, was es für ein gestärktes, solidarisches und weltoffenes Europa braucht und welchen Beitrag die Kirchen dazu leisten können. Als biblisches Motto steht über der Tagung der Synode eine Formulierung aus dem Lukasevangelium: „So wirst du leben“ (vgl. Lukas 10,28). In ihrer schillernden Offenheit, je nachdem wie man betont: „So (oder so oder noch anders) wirst du leben; ihr habt eine Wahl.“ – oder: „… so wirst du leben; so hat Europa eine Chance.“ Denn das ist es, worum es bei der Diskussion um die Zukunft Europas im Kern geht: um die Frage: „Wie wollen wir leben?“

Die Werte, auf die sich die Europäische Union gründet, sind „die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“ So steht es in Artikel 1a des Vertrages von Lissabon, der als Verfassung der EU gilt. Das sind Werte, die sich auch der Gestaltungskraft des Christentums verdanken und über deren Geltung bislang ein großer Konsens bestand – auch unter Menschen anderer Weltanschauung. Aber ob diese Werte weiter als unveräußerliche Grundlage des Zusammenlebens anerkannt werden, ist gegenwärtig nicht ausgemacht. In manchen europäischen Staaten wird mit starker Unterstützung der Bevölkerung ihre Geltung in Frage gestellt. Und auch die Kirchen sind in grundlegenden Fragen europäischer Solidarität uneins.

Wie also sollen neue Formen des Zusammenlebens entwickelt werden? Denn die wachsenden sozialen Ungleichheiten, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich gefährden den Zusammenhalt ernsthaft. Dagegen hat der Rat der EKD in Brüssel klar formuliert: „Die EKD setzt auf die kulturellen, ethischen und sozialen Ressourcen Europas und seine ökonomische Kraft. Dem europäischen und dem christlichen Geist entspricht es, sich über Grenzen hinaus selbstbewusst zu öffnen. Als EKD engagieren wir uns deshalb für ein Europa der versöhnten Verschiedenheit, das sich seiner weltweiten Verantwortung stellt.“

Das Motto „So wirst du leben“ ist auch die Frage an uns, ob wir so leben wollen, wie wir leben. Die Unsicherheit, die durch terroristische Anschläge, durch Bürgerkriege in unserer Nachbarschaft, durch die Zumutungen der Zuwanderung, ja auch durch die immer wieder aufflammende Finanzkrise bewirkt wird, löst Ängste aus, die wir Christen nicht dadurch verstärken wollen, dass wir ihnen nachgeben.

Mit diesem höchst komplexen Feld von Themen und Fragen hat sich der Vorbereitungsausschuss unter der Leitung des Historikers Matthias Rogg und der Theologin Anne Gidion auseinandergesetzt. Er hat die Rolle der Kirchen reflektiert, aber auch ihre Aufgaben und Möglichkeiten, ein solidarisches Europa zu fördern – mit dem Ziel, das Phänomen „Europa“ für die Debatten unserer Tagung handhabbar zu machen. Dafür sei ihm auch an dieser Stelle ganz herzlich gedankt. Einen Einblick in die Überlegungen und Diskussionen des Ausschusses geben die Beiträge in diesem Booklet, das Sie auf den Schwerpunkttag in Magdeburg einstimmen soll. Da finden Sie Grundsätzliches und Erfahrungen aus Europa, europäische Projekte und Gedanken aus den kirchlichen Zusammenschlüssen in Europa, Blicke von außen und von innen auf die Chancen Europas.

Die Synode widmet sich dem Thema Europa nur wenige Tage, nachdem in Genf der „Europäische Stationenweg“ eröffnet wurde. Er führt bis Mai 2017 quer durch Europa nach Wittenberg. An 67 Orten soll neu bewusst werden, wie stark die Reformation das Miteinander Europas geprägt und verändert hat.

Wie wichtig der Beitrag der Kirchen zu einer friedlichen, zukunftszugewandten und solidarischen Gesellschaft ist, konnte man Anfang August in der Wochenzeitung „Die Zeit“ lesen. Mehrere Beiträge darin befassten sich mit der Zukunft der Demokratie. Die Journalistin Sabine Rückert rief in zehn Punkten dazu auf, aktiv zu werden, um die Demokratie zu stärken. Ihr zehnter Punkt ist: „Ich trete in die Kirche ein oder in eine aufgeklärte Glaubensgemeinschaft anderer Religionen, auch als Agnostiker. Diese Gemeinschaften halten die Gesellschaft zusammen, sie lehren die Tugenden des Umgangs: Höflichkeit, Freundlichkeit, Herzlichkeit. Sie bewahren mich vor dem Irrweg, alles besser zu wissen.“

Ich wünsche Ihnen eine interessante Reise durch die Informationen dieses Booklets, die vor allem eines klar machen: Es lohnt sich für diese Zukunft in Europa zu streiten.

Ihre