„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„Ich dachte, Europa ist ein Paradies“

Seit gut zwei Jahren lebt Andrew Moussa in Deutschland. Seine Vorstellung von Europa musste sich seit seiner Flucht aus Ägypten an der Wirklichkeit messen lassen.

Vielen sind die Bilder aus den Nachrichten noch präsent: Auf dem Kairoer Tahrir-Platz und in mehreren ägyptischen Städten protestieren Anfang 2011 Hunderttausende gegen das korrupte Mubarak-Regime. Der arabische Frühling führt aber nicht in die Freiheit, sondern geradezu ins Chaos. 2013 putscht das Militär gegen die Macht der Muslimbrüder; die islamistischen Kräfte wiederum entladen ihre Wut an den Christen, zerstören Dutzende Kirchen und Klöster, Kliniken und Schulen. Mittendrin: Andrew Moussa. Der junge Mann ist Kopte, gehörte also zur christlichen Minderheit. Bloß weg hier, denkt er sich und setzt seinen Plan in die Tat um. Moussa hat Glück: Ihm wird ein Touristenvisum bewilligt. Nach Deutschland will er, da lebt ein Freund von ihm.

Angekommen in Deutschland, stellt er einen Asylantrag, die Begründung: politische Verfolgung. Sechs Monate lang wartet er. Arbeiten darf er nicht, die Zeit nutzt er aber gut: Er lernt Deutsch. So leidenschaftlich, dass er die Lehrkräfte nervt, er will immer mehr und schneller lernen. „Mir war klar: Chancen habe ich hier nur, wenn ich die Sprache kann“, erzählt er. Sechs Monate dauert es, dann wird er zur Anhörung geladen. „Die Frau war sehr unfreundlich“, erinnert er sich. Journalist möchte er werden. Durch Glück bekommt er einen Praktikumsplatz beim zdf. Zwischendurch Gänge zum Lageso, dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Menschenmassen, die in endlos langen Schlangen warten, ja sogar in der Kälte vor dem Amt übernachten müssen, bevor sie in eine Amtsstube dürfen. Andrew Moussa möchte nicht untätig bleiben. Er schreibt 600 Briefe an Abgeordnete, schildert ihnen sein Schicksal und fragt, ob sie sich einsetzen könnten. 50 Rückmeldungen kommen, immerhin. Eine Politikerin macht ernst und verwendet sich bei den Behörden für ihn. Im Dezember 2015 folgt seine zweite Anhörung. Anfang dieses Jahres dann die erlösende Botschaft: Er ist als Asylberechtigter anerkannt, hat dreieinhalb Jahre Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Jetzt hat er sich bei einer Journalistenschule angemeldet. Seinem Traumjob kommt er immer näher, jetzt, mit 23 Jahren.

Und so langsam hat er auch ein realistisches Bild von Europa bekommen, dem Land seiner Sehnsucht. „Als Kind erschien es mir wie ein Paradies“, sagt er: „Alle halten die Gesetze, es gibt nur Luxusprobleme, keine Korruption, keine Armut, keine Obdachlosigkeit, alles easy, alles happy.“ Schnell sah er auf der Straße in Berlin Obdachlose, Arme, Flaschensammler. Spürte, wie langsam und unperfekt deutsche Behörden arbeiten. Ein Paradies ist Deutschland wahrlich nicht, hat Moussa gelernt.

Und was denkt er über die derzeitige Situation Europas? „Es sind viele Länder, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden und die trotzdem kooperieren – ganz anders als in der Arabischen Liga. Da sprechen alles dieselbe Sprache, aber können sich nicht einigen.“ Was ihm noch auffällt: die Doppelmoral, die herrscht: Europa liefert Waffen in arabische Länder und ist damit Teil des Flüchtlingsproblems. „Europa hat dazu beigetragen, dass die Probleme in arabischen Ländern entstanden sind.“ Und die AfD? Deren Schwarzmalerei sei schon dumpf. Andererseits: „Ich komme aus einem Land, in dem keine Meinungsfreiheit herrscht. Mir ist lieber, jemand äußert sich rassistisch, als schweigen zu müssen!“

Uwe Birnstein