„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„Wenn man Europa liebt, darf man auch zornig sein!“

Ein Gespräch mit Heribert Prantl über die Heimat Europa, heiligen Zorn und die Rolle der Kirchen

Als Jugendlicher engagierte sich Dr. jur. Dr. theol. h.c. Heribert Prantl (63) im Bund der katholischen Jugend, schon mit 15 schrieb er täglich Berichte für Lokalzeitungen. Nach dem Jura-Studium arbeitete er als Rechtsanwalt, Richter und Staatsanwalt, bis er 1988 als Journalist zur Süddeutschen Zeitung ging. Dort leitet er seit 1995 das Ressort Innenpolitik und ist seit 2011 Mitglied der Chefredaktion. In seinen Leitartikeln plädiert der mehrfach ausgezeichnete Journalist für einen liberalen und weltoffenen Rechtsstaat. Sein Engagement in der Ausländer- und Flüchtlingsfrage führt er auf den Kontakt zur Evangelischen Akademie Tutzing zurück. Im Juli dieses Jahres verlieh ihm die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die theologische Ehrendoktorwürde.

Eigentlich könnten wir Ihrer oberpfälzischen Großmutter dankbar sein, dass Sie sich so für Europa einsetzen, oder?

Sie war eine Respektsperson, sie hatte 15 Kinder. Entsprechend war die Familie verteilt im Zweiten Weltkrieg. An allen Fronten waren entweder die eigenen Kinder oder die Schwiegersöhne im Einsatz. Und deren Briefe sammelte sie in einer Kiste. Darauf stand: "Der Krieg". Diese Kiste war und ist für mich ein Erinnerungsort.

"Bub, nun schreib, dass nie wieder Krieg kommt", hat sie Ihnen gesagt.

So habe ich mich erinnert, als ich mich fragte: Was hat die Großmutter, die diese Kiste in ihrem Zimmer hatte, mir mit auf den Weg geben? Sie war wie eine sizilianische Mama, saß in ihrem Lehnstuhl, hat ihre kleine Welt dirigiert.

Das war also ihre Beauftragung an Sie: "Sorge für Frieden, dass nicht wieder Krieg kommt"?

So habe ich das verstanden. Man forscht ja in sich selbst: Woher kommt der Impetus für bestimmtes Schreiben, für bestimmtes Handeln, für bestimmtes Denken. Manche Kollegen haben berühmte Vorbilder. Bei mir ist es die Großmutter.

Sie haben Europa mal als Heimat bezeichnet.

Ich glaube, jeder braucht ein paar Heimaten, um so Sicherheit und Geborgenheit zu erfahren. Und ich glaube, mit europäischer Politik kommen wir nur dann weiter, wenn die Leute das Gefühl haben, dass auch Europa für sie so etwas ist wie Heimat. Kennen Sie noch den schönen Spruch von Franz Josef Strauß, der mal sagte: "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland ist unser Vaterland und Europa ist unsere Zukunft"?

Kein schlechter Satz.

Das Vaterland wirkt natürlich ein bisschen tümlich. Aber der Satz stellt dar, was Europa sein muss. Nämlich nicht etwas, womit ich nur seltsame Verordnungen aus Brüssel verbinde.

Oft sind Sie voll des überschwänglichen Lobes für Europa.

Bin ich, ja. Weil ich das Gefühl habe, dass das spektakulär Historische in den Alltagsproblemen einfach unter die Räder kommt.

Warum schimpfen dennoch mehr Leute über Europa als es zu loben?

Weil die Errungenschaft selbstverständlich geworden ist im Lauf der Jahrzehnte. Bei den Leuten, die Krieg oder Nachkriegszeit noch bewusst erlebt haben, ist Europa etwas Spektakuläres, Außergewöhnliches. Wenn ich meine eigenen Kinder anschaue: Für sie ist der Euro, für sie sind die offenen Grenzen selbstverständlich. Das Außergewöhnliche ist gewöhnlich geworden. Aber das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich. Wir müssen Europa wieder schätzen, wieder lieben lernen. Wie? Europa muss demokratischer, Europa muss sozialer, Europa muss heimatlicher werden. Das alles sind Herausforderungen, vor denen Europa steht; die nächste Generation von Europapolitikern muss sie anpacken. Und auch wenn man verzweifeln möchte wegen der mangelnden Solidarität bei der Flüchtlingspolitik oder bei der Europolitik, sollte man sich trotzdem sagen: Unglaubliches ist passiert innerhalb von zwei Generationen auf diesem Kontinent! Und mit solchen Gedanken, mit solchem Sich-selber-Klarmachen, wächst vielleicht auch wieder die Lust, das große Projekt weiterzutreiben. Wenn ich dann sehe, wie die Generation von 25- und 30-Jährigen, wie die Studenten von heute europäisch vernetzt sind, stimmt mich das wieder zuversichtlich. Wenn die Jungen sagen: Wir lassen uns von den Rentnern nicht unser Europa wegnehmen. Davon erhoffe ich mir einen Schub.

So, wie Sie loben, so tadeln Sie aber auch und hauen drauf. Europa sei ein Konglomerat von Egoisten, da regiere der Geiz und die Egomanie.

Ich kann mich noch gut erinnern an den großen Flüchtlingssonntag im Herbst letzten Jahres, als ich den Leitartikel geschrieben habe, in dem diese Sätze stehen. Ich war wütend. Natürlich darf man sich von der Wut nicht wegtragen lassen. Aber es ist es eigentlich keine Wut, sondern ein heiliger Zorn, und der darf auch einmal sein - wenn man das Gefühl hat, alles Reden von Solidarität ist leeres Gerede. Wer Europa liebt, darf auch zornig sein, wenn Europa seine Ideale verrät.

Sie haben gerade eine Streitschrift geschrieben: "Trotz alledem, Europa muss man einfach lieben." Das klingt pathetisch.

Das ist pathetisch. Und es ist richtig. Europa braucht Geist, Mut, Herz und Sinn. Es gibt leider keine europäische Marseillaise. Man hat nicht das Gefühl, dass man Europa singen kann. Es wirkt wie ein bürokratisches Projekt, da fehlt irgendwas.

Es wird viel vom christliche Abendland geredet. Was haben denn die europäischen Werte mit dem christlichen Glauben zu tun?

Für mich ist soziales Wirtschaften, für mich ist kluge Sozialpolitik ein christlicher Wert. Einer der fundamentalen Sätze des Christentums oder meinetwegen des christlichen Abendlandes ist der Satz: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Ich glaube, die Kirchen sind schon lange nicht mehr so herausgefordert gewesen wie heute, diesen Satz zu interpretieren und ihn zur Leitlinie ihres Handelns und ihres Verhandelns mit den staatlichen Autoritäten zu machen.

Gehen die Kirchen mit der Herausforderung gut um?

An der Basis ja. Es gibt viele unglaublich engagierte Kirchengemeinden. Ich glaube, es gibt keine andere Frage in den letzten Jahrzehnten, kein anderes Thema, das Kirchengemeinden so aktiviert hat wie das Thema Kirchenasyl.

Und an den Kirchenspitzen?

Da herrscht doch ein gewisses Maß an Vorsicht, es sich mit den staatlichen Autoritäten nicht zu sehr zu verderben. Es wird ja dann behauptet, dass man in vertraulichen Gesprächen mit den Spitzenpolitikern durchaus Tacheles rede. Aber irgendwann, glaube ich, muss man aus der Vertraulichkeit heraus und muss auch öffentlich Flagge zeigen. Da sehe ich bei beiden großen Kirchen zu wenig.

Wirklich? Meine Beobachtung ist, dass sowohl evangelische wie katholische Bischöfe im Sinne der Flüchtlinge argumentieren. Aber sie werden wenig gehört.

Wenn es nicht gehört wird, dann muss ich es anders sagen.

Haben die Protestanten da aufgrund ihrer Geschichte einen besonderen Ruf oder besondere Fähigkeiten?

Fähigkeiten, glaub ich, hätten sie schon - Fähigkeiten, die auf der Erkenntnis beruhen, dass das Evangelium politisch ist. Aber ich sehe, höre und spüre zu wenig von der Umsetzung dieser Erkenntnis. Ich kriege viel mit von der wunderbaren Entfaltung der Fähigkeiten an der Basis, in einzelnen Pfarreien. Aber das Mindeste, was von Kirchenleitungen zu erwarten wäre, ist eine offensive Rückendeckung.

Geht es um Kirche und Flüchtlinge, sind seltsame Dinge geschehen. Im August zum Beispiel wurde ein Ghanaer in Handschellen aus dem Kirchenasyl in einem Kloster in Münster abgeführt.

Es ist bezeichnend, dass so was passieren kann.

Oder neulich, in Regensburg, hatten Flüchtlinge den Dom, dann ein Pfarrheim besetzt. Das Bistum stellte die Versorgung ein und stellte Strafantrag wegen Hausfriedensbruch.

Was hätte Jesus Christus mit diesen Bistumsverantwortlichen gemacht? Was hätte der Jesus gemacht, der die Händler aus dem Tempel gegeißelt hat? Ob der auch die Flüchtlinge aus dem Tempel geworfen hätte oder nicht eher diejenigen, die die Flüchtlinge ausgehungert haben? Hätte Jesus gesagt: "Das ist ja unerträglich, das stinkt ja hier und unser Dom und unsere Pfarrkirche schauen nicht mehr so aus, wie wir uns unseren Dom und unsere Pfarrkirche vorstellen"? Ich glaube nicht. Vielleicht gehört es zu dem notwendigen Bewusstseinsmachungsprozess, dass Kirchen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht mehr so ausschauen werden, wie wir es gewohnt waren und wie wir es uns vorgestellt haben.

Wünschen Sie sich als Katholik von uns Protestanten: Seid ihr doch wenigstens lauter und deutlicher in dieser Frage?

Ach, es ist immer so komisch, wenn man auf die anderen zeigt. Es geht um eine gemeinsame Aufgabe der Kirchen. Ob es dann der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm macht oder Kardinal Marx oder ein anderer der Bischöfe, ist mir letztendlich egal. Ich will die Stimme der Kirche im Einsatz für die sogenannten Schwachen so laut haben wie möglich.

Und die ist im Moment zu leise!?

Ja, die ist ja viel zu leise. Vor drei Jahren Zeit hatte ich mal eine Diskussion mit Landesbischof Bedford-Strohm in Rosenheim, es ging darum, wie laut man sein sollte. Sein Petitum war: Lautstärke führt nicht immer zum Erfolg. Und meine Position war dann: Leise zu sein führt auch nicht immer zum Erfolg. Ich glaube, man muss einfach auch bisweilen sehr wohlüberlegt den Konflikt riskieren. Und ich sehe nicht, dass die Kirchen den Konflikt riskieren - der aber in der Flüchtlingsfrage unausweichlich ist. Zumindest muss man sich auf diesen Konflikt vorbereiten. Und man bewegt sich halt mit der christlichen Botschaft nicht immer im Triumphzug der Herrschenden. Und manchmal muss es Konflikt und muss es Krach geben. Ich glaube, diese Zeit rückt näher; sie ist da.

Kirchenasyl in der Diskussion

Im Frühjahr 2015 entspann sich zwischen Staat und Kirchen in Deutschland eine Debatte um das Kirchenasyl. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte erklärt, „als Verfassungsminister“ lehne er das Kirchenasyl „prinzipiell und fundamental“ ab. Er warf den Kirchen vor, sie stellten sich über geltendes Recht, indem sie über das Kirchenasyl die Fristen beim Dublin-Verfahren ausreizten und so dafür sorgten, dass Flüchtlinge in Deutschland bleiben könnten. Die christlichen Kirchen in Deutschland widersprachen deutlich: Sinn des Kirchenasyls sei es nicht „das Recht auszuhebeln“ erklärte der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm. Es gehe um „einzelne ausgewählte Härtefälle“. In einem Kompromiss einigten sich schließlich beide Seiten auf ein neues Verfahren, das feste Ansprechpartner und eine engere Kommunikation vorsieht und fortlaufend evaluiert wird. Bei Spitzengesprächen zwischen dem Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge und Vertretern von katholischer und evangelischer Kirche im Dezember 2015 und im Februar 2016 zogen beide Seiten eine positive Bilanz. Ein erneutes Treffen ist für Ende 2016 anvisiert.

Sie benutzen oft Begriffe aus der biblischen Tradition, wenn sie aktuelle Zeitfragen kommentieren. Europa bezeichneten Sie als Wunder. Ist das nicht etwas dick aufgetragen?

Nein. Europa ist das Ende eines tausendjährigen Krieges, den fast alle gegen fast alle geführt haben. Europa ist ein welthistorisches Friedensexperiment. Es ist wundersam und wunderbar, dass nach einem furchtbaren Weltkrieg das von Hitler verächtlich "Kleinstaatengerümpel" genannte Europa, trotz aller alten Feindschaften und trotz aller nationalen Egoismen, solche Verträge hingekriegt hat. Wunder? Vielleicht muss man manchmal nach solchen Worten greifen, um das ganz Außergewöhnliche zu beschreiben. Das Wort Wunder ist vielleicht auch ein Weckwort, um das Besondere darzustellen. Und: "Wunder" ist ein schöneres Wort als "Projekt".

Hat da Gott seine Finger im Spiel?

Wenn man damit die Größe des Projekts und das Besondere des Projekts beschreiben will, ist es mir auch recht. Aber der Satz darf nicht heißen, dass man weiterhin darauf vertraut, dass Gott das alles schon zum guten Ende führen wird. Das müssen schon wir selber machen. Mein Reden und Schreiben ist ein Appell, Europa nicht den Europagegnern zu überlassen. Wir müssen das europäische Feuer wieder entfachen.

Ihre Großmutter würde sich vermutlich freuen.

Sie würde mir einen Schokoladenpudding kochen.

Das Gespräch führte Uwe Birnstein