„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Was hält Europa zusammen?

Auch die jungen Menschen, die in einem anderen Land ein freiwilliges soziales oder diakonisches Jahr leisten. Vier von ihnen schildern ihre Erfahrungen.


Sophie Storch

Anstöße zum Nachdenken und Handeln

Ich lebe in Litomerice in Tschechien und arbeite in der Gedenkstätte Terezín/Theresienstadt, einem Ort des Gedenkens für die Opfer des Holocaust. Ich betreue Gruppen, die die Gedenkstätte für mehrere Tage besuchen. Das Programm besteht aus Führungen durch das ehemalige Ghetto, Workshops sowie Exkursionen in die Gedenkstätte Lidice oder nach Prag in das jüdische Viertel. In Prag organisieren wir Gespräche mit Überlebenden, die von ihren Erlebnissen erzählen. Diese Gespräche sind etwas sehr Wertvolles, da wir uns glücklich schätzen können, zu einer der letzten Generationen zu gehören, die noch die Möglichkeit hat, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen. Die Begegnungen mit ihnen sind spannend, aber zugleich auch sehr berührend. Ich nehme viel für mein Leben aus diesen Gesprächen mit. Am schönsten ist es jedoch, wenn ich mich mit den Überlebenden über ganz alltägliche Dinge oder die Zeit nach 1945 unterhalte. Ich beginne dann, sie nicht nur auf einen Teil ihres Lebens zu reduzieren. Ich habe die Hoffnung, mit meiner Arbeit bei den Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätte bleibende Eindrücke zu hinterlassen, ihnen Anstöße zum Nachdenken und vielleicht auch zum Handeln zu geben. Neben meiner Arbeit genieße ich das Leben. Tschechien ist ein wunderschönes, nicht besonders großes Land mit vielen historischen Städten und einer unglaublichen Landschaft. Ich bin glücklich, mich für dieses Jahr entschieden zu haben, und dankbar für diese Möglichkeit. Ich habe das Gefühl, Erfahrungen zu machen, die mein Leben prägen.
  • Alter: 22
  • Heimatstadt: Tecklenburg
  • War von September 2013 bis August 2014 in Litomerice, Tschechien.
  • Organisation: Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste

Laura Yilmaz

„Ich bin innerlich gewachsen“

Im kleinen Ort Torre Pellice, im Norden Italiens, habe ich ein Diakonisches Jahr gemacht. Für Italien habe ich mich entschieden, da ich italienische Wurzeln habe. Ich wollte Land und Einheimische besser kennen lernen und meine Sprachkenntnisse vertiefen. In Deutschland hatte ich bereits Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit gemacht. Ich unterrichtete fast jeden Tag gemeinsam mit einer Lehrerin Italienisch für Geflüchtete. Es war eine Herausforderung für mich, machte jedoch Spaß. Auch habe ich Geflüchtete zu Ärzten begleitet und als Dolmetscherin geholfen. Zudem habe ich einmal in der Woche die Radioshow „African Mix“ moderiert. Geflüchtete haben dort Musik ihres Landes präsentiert. Einheimische sollten durch die Sendung für die Flüchtlingsproblematik sensibilisiert werden.
Italien ist durch die Flüchtlingskrise besonders überlastet. Dort kommen viele der Geflüchteten an. Andere europäische Länder sollten Italien unterstützen. Die EU hat sich schließlich zusammengeschlossen, um auch in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten.
Als mein Freiwilligendienst sich dem Ende neigte und ich zurück nach Deutschland musste, waren alle traurig und fragten mich, ob ich nicht verlängern könne. Das hat mir gezeigt, dass ich gute Arbeit geleistet habe. Ich habe sehen können, wie auch durch Kleinigkeiten etwas bewirkt wird. Etwas für uns Selbstverständliches kann für andere eine große Sache sein. Viele haben nichts und müssen um ihr Leben kämpfen. Mir ist bewusst geworden, wie gut es uns hier in Deutschland geht. Wir sollten das alle schätzen lernen und zufrieden sein mit dem, was wir haben.
Mein Freiwilligenjahr war ein großer Schritt in meiner Persönlichkeitsentwicklung. Ich bin innerlich gewachsen und habe neue Seiten an mir entdeckt. Auch habe ich viel über andere Kulturen und Lebensweisen gelernt. Zusammenfassend kann ich sagen, dass dieses Jahr eine sehr wichtige und bereichernde Erfahrung für mich war, zu der ich jedem nur raten kann!
  • Alter: 22
  • Heimatstadt: Maintal
  • War von September 2014 bis August 2015 in Torre Pellice im Norden Italiens.
  • Organisation: Diaconia Valdese

Henning Knapmeyer

Ein Jahr mit Gott

Mein Diakonisches Jahr habe ich in der St. Marks Church in Romford in London absolviert. Ich habe im „Community Café“ der Gemeinde geholfen, in der Kinder- und Jugendarbeit mitgearbeitet und administrative Aufgaben übernommen. Bevor ich ins Studium startete, wollte ich das Leben von Menschen an anderen Orten kennenlernen. Bei einer kirchlichen Organisation habe ich mich beworben, weil ich dieses Jahr ganz besonders mit Gott verbringen wollte, um meinen Glauben zu stärken.
Es gab viele eindrückliche Erlebnisse in dieser Zeit, eines war der Zusammenhalt in der Gemeinde. Sie hat ein neues Kirchengebäude gebaut, das später als geplant fertiggestellt wurde. Das Gebäude musste dann schnell eingerichtet werden – vor der Eröffnung gab es viel zu tun. Aber zusammen haben wir es geschafft.
In meine Zeit in Groß Britannien fiel das „Brexit“-Votum. Mich hat in der „Leave“-Kampagne die Empörung darüber irritiert, dass Großbritannien der EU angeblich viel mehr Geld zahlen muss, als es zurückerhält. Meiner Meinung nach geht es vorrangig nicht um Geld, sondern um Solidarität. Länder oder Regionen, denen es schlechter geht, sollen gefördert werden. Und durch die enge Verflechtung innerhalb der EU ist ein Krieg in Europa heutzutage nahezu unvorstellbar.
Während meines Dienstes in dem Londoner Stadtteil, den man als sozialen Brennpunkt bezeichnen kann, wurde ich mit vielen Lebensgeschichten konfrontiert. Die haben mir gezeigt, dass ich für viele Umstände in meinem Leben dankbar sein darf. Ich bin selbstständiger und verantwortungsbewusster geworden. Ich habe gelernt, Menschen mit anderer Meinung, anderer Frömmigkeit, anderer Kultur zu akzeptieren so wie sie sind, ohne dabei meine eigenen Ansichten fallen zu lassen. Jeder Mensch ist verletzlich, hat Schwächen, viele haben Schicksalsschläge erlebt. Doch wenn man seine Probleme mit anderen teilen kann und dabei angenommen wird, ist das tröstend und hilfreich.
  • Alter: 19
  • Heimatstadt: Zeven
  • War von September 2015 bis August 2016 in Marks Gate, bei Romford, Großbritannien.
  • Einsatzstelle: St. Marks Church
  • Organisationen: DJiA (Diakonisches Jahr im Ausland), TfG (Time for God)

Leonie Starklauf

Mutprobe bestanden

Nach dem Abitur wollte ich nicht gleich an die Universität und wieder lernen, sondern mich ins Leben stürzen. Außerdem hatte ich mich noch nicht für ein Studienfach entschieden. So kam ich nach London, in das Marylebone Project für obdachlose und sozial benachteiligte Frauen. Zuerst arbeitete ich als Rezeptionistin im Elgood House, einem Hostel, in dem 64 Frauen betreut werden. Ich erledigte Büroarbeiten und organisatorische Aufgaben. Das zweite halbe Jahr arbeitete ich im „Day Centre“. Dorthin kommen täglich 20 bis 30 Frauen direkt von der Straße. Sie erhalten Essen, Trinken und Kleidung, können die Waschmaschine nutzen und werden beraten.
Eindrücklich war, wenn ich nach langem Bemühen zum ersten Mal spürte, dass eine der Frauen mir Vertrauen schenkte. Das machte sich nicht nur mit Worten bemerkbar, etwa wenn sie mir erzählte, wie sie nach Europa geflohen war, sondern auch in einem Lächeln oder einer Umarmung. Von denen, die selbst wenig Liebe erfahren, so viel Liebe zurückzubekommen, war ein unfassbares Gefühl. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, anderen Menschen zuzuhören und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen, unterscheiden sich oft voneinander. Meinungsvielfalt ist auf keinen Fall ein Nachteil, sondern bereichernd. Die Frage nach einem geeinten Europa ist heute durch Terrorismus und Flüchtlingskrise so präsent wie nie. Das Grundprinzip der EU, nämlich ein Friedensbündnis und eine Wertegemeinschaft zu sein, befürworte ich, der Umsetzung stehe ich jedoch kritisch gegenüber. Die EU ist ein wertvolles Bündnis und sollte bewahrt werden, doch an ihren Schwachstellen sollte gearbeitet werden.
Mich für den Freiwilligendienst zu melden, war meine bisher größte Mutprobe – und ich habe sie bestanden! Mittlerweile habe ich mich an der Universität eingeschrieben und beginne nun motiviert mein Studium der Zahnmedizin.
  • Alter: 19
  • Heimatstadt: Würzburg
  • War von August 2015 bis Juni 2016 in London, Großbritannien.
  • Organisation: Church Army, Marylebone Project