„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„Komm herüber und hilf uns!“

Das Reformationsjubiläum 2017 in Europa

von Margot Käßmann

Am 31. Oktober 2015 wurde das letzte Themenjahr der „Lutherdekade“, das unter dem Thema „Reformation und die Eine Welt“ steht, in Straßburg mit einem Fernsehgottesdienst und einem Empfang im Europaparlament eröffnet. Das war ein gewichtiges Symbol, gut vorbereitet durch ein enormes Engagement der Kirchen in Elsaß-Lothringen. Nicht deutsch-national wie in den Jahrhunderten zuvor sollen die Feierlichkeiten 2017 ausgerichtet sein, sondern weltoffen, mit einem weiten Blick über unsere Grenzen hinaus. Der Gottesdienst stand unter dem Vers Apostelgeschichte 16,9. Paulus wird nach Mazedonien gerufen: „Komm herüber und hilf uns!“ In diesem Gottesdienst las ein Mädchen das Evangelium, das beide Eltern auf der Flucht verloren hatte. Eine Fürbitte sprach eine Afrikanerin, die in Straßburg auf der Straße lebt. Im Chor sang eine junge Frau das Solo, die erst durch die Kirche und ihre großartige Stimme wieder Lebenszuversicht gefunden hatte. Die evangelischen Kirchen in Frankreich haben so einen kräftigen Akzent gesetzt, dieses Themenjahr zu nutzen für eine Weitung der manchmal allzu schnell engen theologischen oder eurozentrierten, gar deutschen Debatten.

Dieser weite Horizont war nicht von Anfang an gesetzt für das Jubiläumsjahr 2017. Der Schweizer Evangelische Kirchenbund (SEK) fragte sich, ob überhaupt Platz sei für die oberdeutsche Reformation in einem auf Wittenberg konzentrierten Ereignis. Als ich im Herbst 2012 die Züricher Synode besuchte, wurde gefragt, ob die deutschen Lutheraner wieder Calvin zur Vorspeise und Zwingli zum Nachtisch degradieren würden, Luther bleibe ja immer das Hauptgericht. Diese Spannung wurde von SEK und EKD klug gelöst. Im Oktober 2013 fand in Zürich ein Internationaler Kongress zum Reformationsjubiläum statt, zu dem beide Kirchenverbände ihre Partnerkirchen aus aller Welt einluden. Für mich war das eine Art Durchbruch. Deutlich wurde: 1517 ist ein symbolisches Datum, das wir gemeinsam nutzen können, um an Reformation zu erinnern und gleichzeitig zu fragen, wo heute Reform und Reformation in unseren Kirchen und Gesellschaften angezeigt sind. Und ja, an Martin Luther als der Symbolfigur der Reformation führt kein Weg vorbei. Aber Reformation ist ein breiter Prozess, der viele Jahrzehnte umfasst und den viele Menschen verantworteten und gestalteten.

Europa macht sich auf den Weg

Einer von ihnen ist Jan Hus. Bei meinem Besuch bei den Kirchen in Tschechien im März 2014 wurde deutlich, wie groß die Enttäuschung ist, dass die böhmische Reformation in Deutschland kaum wahrgenommen wird. Das hat sich inzwischen deutlich geändert. Am ersten Juli-Wochenende 2015 wurde Jan Hus in Prag mit einem großen Fest in der Altstadt mit Musik, Vorträgen und internationaler Beteiligung in den Mittelpunkt gestellt. Die Stadt Konstanz hat die Vorgänge beim Konzil 1414–1418 ins Gedächtnis geholt. Beim Kirchentag in Stuttgart 2015 gab es ein öffentliches Podium zur Bedeutung von Hus, Wyclif und Hieronimus von Prag. Ja, auch diese Bewegung einhundert Jahre vor Luthers 95 Thesen ist Teil der reformatorischen Bewegung.

Viele europäische reformatorische Kirchen haben sich auf den Weg gemacht. Die Evangelisch-lutherische Kirche in Italien hat einen Kirchentag zum Thema Reformation abgehalten, die lutherische Gemeinde in Venedig sich im Rahmen der Biennale 2015 über eine Barlach-Ausstellung mit Reformation öffentlich befasst. Die schwedische lutherische Kirche wird im Oktober 2016 für den Lutherischen Weltbund Gastgeberin sein, der auch Papst Franziskus in Lund erwarten darf. Die Gespräche dort haben mir noch einmal neu deutlich gemacht, dass die Reformation im Norden natürlich anders abgelaufen ist als in Deutschland, stärker von oben gesteuert, aber Schweden ebenso wie Dänemark und Norwegen tief verwurzelt sind in der reformatorischen Tradition.

Gespräche und Vorträge in England zeigen, dass viele Anglikaner sich als „sister reformation“ verstehen, Reformation der anderen Art. Und in Irland spielt die kleine lutherische Gemeinde in Dublin eine erstaunliche Rolle dadurch, dass sie keine Dominanzängste auslöst und unbefangen zum interkonfessionellen Dialog einladen kann.

Bei Einladungen zu den Kirchen in Polen und Kaliningrad, in Spanien und Rumänien, in Brüssel und Amsterdam habe ich erlebt, wie sehr diese zum Teil sehr kleinen Kirchen Selbstbewusstsein aus ihrer evangelischen Identität schöpfen und darauf hoffen, dass die Evangelische Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläum einerseits sichtbar und hörbar macht, ihnen andererseits eine Plattform bietet, ihre Situation, ihr kirchliches Leben in Wittenberg darzustellen nach dem Motto: Die Impulse, die aus Wittenberg kamen, werden nun zurück nach Wittenberg gebracht.

2017 wird weltoffen gefeiert, mit einem weiten Blick über unsere Grenzen hinaus.

Herzstück Weltausstellung

Während der Weltausstellung Reformation, die 16 Wochen lang von Mai bis September in Wittenberg unter dem Titel „Tore der Freiheit“ stattfinden wird, werden diese kleineren Kirchen etwa im Gasthaus Ökumene, dass die Auslandsarbeit der EKD gestaltet, oder unter dem Dach der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) eine Möglichkeit finden, präsent zu sein. Nicht jede Kirche kann für 16 Wochen dort sein, aber jede zumindest auf Zeit Teil des Geschehens werden. Dank der Schulderklärung des Lutherischen Weltbundes gegenüber den Mennoniten als Erben der sogenannten Täuferbewegung werden auch Mennoniten, Methodisten und andere in Deutschland „Freikirchen“ genannte Kirchen der Reformation 2017 mitgestalten. Die römisch-katholische Kirche wird mit einem eigenen Zentrum im Themenbereich Ökumene und bei vielen Veranstaltungen sichtbar teilnehmen.

Für mich ist diese Weltausstellung das Herzstück des Reformationssommers 2017. Menschen können für einen Tag kommen und miterleben, mitdiskutieren, miterdenken, was Reformation für uns heute bedeutet etwa mit Blick auf Spiritualität und Globalisierung oder mit Blick auf die Ökumene und den Dialog der Religionen oder hinsichtlich Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Dazu gibt es Themenwochen, die Menschen an speziellen Tagen zu spezifischen Themen einladen: Europa oder Frieden, Ökumene oder Schöpfung. International ist die Ausstellung einerseits, weil Menschen aus aller Welt kommen und Kirchen aus aller Welt präsent sind. Andererseits, weil sie Reformation im weltweiten Horizont versteht und vorwärts denkt.

Kurzum: 2017 wird ein internationales Reformationsjubiläum, das ist keine Frage mehr. Schon heute treffen sich Menschen aus aller Welt in der Lutherstadt Wittenberg, etwa im LWB-Zentrum, aber auch bei vielen Tagungen. Die dortigen Veranstaltungen 2017 werden von Anfang an über nationale Grenzen hinaus konzipiert. Das zeigt sich schon am europäischen Stationenweg. In 67 Städten wird der Reformationstruck oder auch Geschichtenerzählbus ab Anfang November 2017 Station machen. Menschen werden erzählen, was ihre reformatorische Geschichte ist in Genf oder Rom, in Budapest oder Tukur, in Zürich oder Graz. Und sie werden Thesen mit zurück nach Wittenberg geben, die etwas darüber aussagen, wo Reform und Reformation bei ihnen heute notwendig sind.

Ich kenne die Kritik der Eventisierung. Aber ich bin überzeugt, es lohnt sich, in aller Welt von der Reformation zu sprechen, nicht nur unter theologischen Experten. Die Reformation hat die Kirche zurück zu ihren Grundlagen gebracht, sie hat Menschen befreit, auch in Glaubensfragen selbstständig zu denken, sie hat Christus und die Bibel wieder ins Zentrum gestellt – das ist ein Grund zum Feiern. Und: Reformatorische Kirchen sind lernfähig. Wir feiern 2017 nicht anti-katholisch, sondern im ökumenischen Horizont. Der Antijudaismus Luthers ist überwunden. Reformation ist keine nationale Angelegenheit, sondern eine, die wir mit Geschwistern im Glauben über nationale Grenzen hinweg kennen. Auch das ist ein Grund zum Feiern.

Gekürzte Version eines Beitrages in Zeitzeichen 9/2016