„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„Miteinander für Europa“

Wie sich ein christliches Netzwerk für die europäische Einigung einsetzt

„Begegnung – Versöhnung – Zukunft“: Unter diesem Motto kamen am 2. Juli 2016 auf dem Karlsplatz in München 5000 Menschen zusammen. Die Stimmung war fröhlich und entspannt wie bei einem Kirchentag. Es gab Tanz und Musik, Vertreter evangelischer und katholischer, charismatischer und orthodoxer Gemeinschaften sprachen, der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm stand auf der Bühne, ebenso der Münchener Kardinal Reinhard Marx. Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I. sandten Grußbotschaften per Video.

Schon an den beiden Tagen zuvor hatte man sich zu einem Kongress getroffen. In Foren und Podien ging es um Flüchtlinge und ihre Integration, um Ökumene, die Umwelt, den Dialog mit dem Islam sowie Wege aus der Wirtschaftskrise und vieles mehr. Hinter allem steht der Wunsch, sich gemeinsam für die Einheit Europas einzusetzen, ja, dem Kontinent zu helfen, seine christliche Seele neu zu entdecken. Denn dieses vor allem in unseren Tagen nicht ganz kleine Ziel hat sich „Miteinander für Europa“ gesetzt, ein Netzwerk christlicher Bewegungen und Gemeinschaften. Heinrich Bedford-Strohm ist überzeugt: „,Miteinander für Europa‘ ist eine geistliche Bewegung und genau das brauchen wir heute: Wir brauchen neue geistliche Kraft in Deutschland, aber eben auch in Europa.“

Begonnen hat alles am 31. Oktober 1999, als Vertreter der römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes in Augsburg die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichneten. Dieser historische Schritt setzte einen Schlussstrich unter fast 500 Jahre des Streits zwischen den Konfessionen. Bei der anschließenden Feier trafen sich erstmals auch Vertreter evangelischer und katholischer Bewegungen. Zu ihnen gehörte die (2005 verstorbene) Gründerin der Fokolar-Bewegung, die Italienerin Chiara Lubich. Eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen, Eli Folonari, erinnert sich: „Wir haben plötzlich gespürt, wie nah wir uns waren, obwohl wir zu verschiedenen Kirchen gehörten. Damals sagte Chiara Lubich: Warum diskutieren wir in der Ökumene eigentlich immer nur über das, was uns trennt? So kommen wir nie zu einer Einheit der Christen. Wir sollten uns stattdessen gemeinsam für das einsetzen, was uns verbindet: für Christus.“

Man beschloss künftig in Kontakt zu bleiben. „Miteinander für Europa“ war geboren. Und aus dem spontanen Impuls bei der Feier zur „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ entwickelte sich innerhalb von nur wenigen Jahren ein europaweites Netzwerk.

Ein Schlüsselerlebnis war für alle Beteiligten eine Begegnung im Jahr 2000: Gerhard Proß lud damals als Vorsitzender des Leiter-Kreises evangelischer Bewegungen in Deutschland die neu gewonnenen katholischen Freunde und Freundinnen zu einem ökumenischen Treffen nach Rothenburg ein. An diesem Tag wurden Referate gehalten, die aufzeigten, wie die Kirche aufgrund ihrer Spaltung an Ausstrahlungskraft verloren hatte. Dann geschah etwas Unerwartetes, berichtet Gerhard Proß. „Uns wurde plötzlich klar: Dadurch, dass man sich im Glauben getrennt hat, ging die Glaubwürdigkeit des Evangeliums verloren. Diese erschreckende Einsicht hat in uns eine Art Umkehr bewirkt.“

Ein katholischer Priester bat daraufhin um Vergebung für das, was die katholische Kirche der evangelischen im Lauf der Jahrhunderte angetan hatte. „Dann haben wir Evangelischen diese Vergebung gewährt und gleichzeitig unsererseits um Vergebung gebeten“, erinnert sich Gerhard Proß. „Das war ein sehr bewegender Moment.“ Ein Jahr danach besiegelte bei einem Treffen in der Münchener Matthäus-Kirche ein „Bund gegenseitiger Liebe“ die Absicht der Beteiligten, für Europa zusammenzuarbeiten.

Die Zahl der Bewegungen, die sich dem Netzwerk anschließen, wächst seither zusehends: Neben evangelischen und katholischen Gruppen finden immer mehr Anglikaner und Angehörige von Freikirchen den Weg zu „Miteinander“, aber auch orthodoxe Bewegungen. Ihre Gegenwart scheint angesichts der aktuellen politischen Krisen besonders wertvoll.

Christophe D‘Aloisio vertritt die internationale orthodoxe Jugendvereinigung Syndesmos. „Wir sehen die Zusammenarbeit mit den anderen Konfessionen als Chance“, sagt er, „jene Länder, in denen viele orthodoxe Christen leben, besser in die europäische Wirklichkeit zu integrieren.“ Die russisch-orthodoxe Christin Larisa Musina leitet in Moskau die Bruderschaft „Transfiguration Brotherhood“. Durch „Miteinander für Europa“, so die engagierte Russin, habe die Kirche für sie eine neue Dimension bekommen: „Wir ignorieren keineswegs die Probleme, die zwischen den Kirchen noch bestehen, aber wir vertrauen gemeinsam Christus und dem Heiligen Geist. Und wir erleben, dass die Frucht des Vertrauens die Erfahrung von Einheit ist.“

Heute gehören zu „Miteinander für Europa“ mehrere Hundert christliche Bewegungen, darunter auch die katholisch geprägte Laienorganisation Sant‘Egidio und der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM). Einige Gemeinschaften zählen Tausende von Mitgliedern, andere nur eine Handvoll. Insgesamt vertritt das Netzwerk Millionen von Christen aller Konfessionen.

Kardinal Walter Kasper, ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, unterstützt die Initiative seit Langem. „Wir sind gemeinsam Christen, singen und beten miteinander, diskutieren auch miteinander, feiern miteinander und geben damit ein gutes Zeichen für die Einheit Europas, die ja auf christlichen Wurzeln basiert“, sagt er.

„Miteinander für Europa“ beweist, dass das oft zitierte Ideal der „Einheit in Vielfalt“ mehr ist als eine abstrakte Idee. Im Lauf der Jahre wuchs auch die praktische Kooperation zwischen den einzelnen Bewegungen. Immer mehr gemeinsame Projekte sind entstanden. So unterstützt man einander etwa im Kampf gegen Aids in Afrika, schafft Beratungsstellen für Straßenkinder oder organisiert Schulungen für Behinderte. Christliche Barmherzigkeit bekommt heute in Europa noch einmal neues Gewicht durch die Probleme, die von der Wirtschaftskrise und der aktuellen Flüchtlingswelle aufgeworfen werden. Man wolle „christliche Lösungen“ aufzeigen, heißt es aus der Initiative durchaus selbstbewusst.

Walter Kasper, der das offizielle Gespräch zwischen den Kirchen über Jahrzehnte mitgestaltet hat, hält „Miteinander für Europa“ für eine der fruchtbarsten ökumenischen Bewegungen, die es gegenwärtig gibt. „Das ist kein Ersatz für die offizielle Ökumene zwischen den Kirchen selber, die soll weitergehen und geht auch weiter. Aber es ist sozusagen eine parallele, informelle Ökumene, die sehr lebendig, sehr frisch, sehr spontan und hoffnungsvoll ist aus meiner Sicht.“

Es sei höchste Zeit, erklärt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, dass die getrennten christlichen Konfessionen beim Thema Versöhnung mit gutem Beispiel vorangingen: „Denn dass wir getrennt sind, ist ein Skandal!“ Die Menschheit sei zerrissen, die Gewalt nehme manchmal überhand. „Wir als Kirchen, so der Bischof, wollen ein Zeichen der Hoffnung setzen, dass die Gewalt am Ende nicht das letzte Wort hat. Und das können wir am besten dadurch bezeugen, dass wir selbst miteinander die Versöhnung leben.“

Von Amet Bick nach einer Radio-Sendung von Corinna Mühlstedt im Bayerischen Rundfunk in der Reihe Evangelische Perspektiven am 26.6.2016.