„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

„Wir haben den richtigen Zeitpunkt verpasst!“

Die Europäische Union muss wieder dahin kommen, ihren Beitrag zum Flüchtlingsschutz zu leisten, fordert Doris Peschke, die sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal von Flüchtlingen und der EU-Politik beschäftigt.

Wie schätzen Sie aktuell die Lage der Flüchtlinge in Europa ein?

In Italien und Griechenland kommen immer noch viele Flüchtlinge an. Da sie nicht weiterkommen, der Zugang zum Asylverfahren erschwert wurde, sind sie gezwungen, eine lange Zeit in Unterkünften zu bleiben, die nur für wenige Tage gedacht waren. Dort sind die Zustände oft prekär. Viele wenden sich an Schlepper, verschulden sich, damit sie über die Grenzen gebracht werden. Das bedeutet, dass sie es noch lange mit diesen kriminellen Netzwerken zu tun haben. Das sehen wir als ein großes Problem an. Doch wir haben eine weltweite Flüchtlingskrise. 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. 1,3 Millionen sind im letzten Jahr nach Europa gekommen.

Haben Sie den Eindruck, dass Europa sich abschottet und zu einer Festung wird?

Es wurde im September verabredet, dass europäische Länder 160.000 Flüchtlinge übernehmen sollen, die in Griechenland oder Italien ankamen. Umverteilt wurden bisher 3000. Es kommt etwas in Gang, und Länder wie Portugal, Rumänien und Estland machen mit. Aber es muss schneller gehen. Bis September 2016 starben bereits 3212 Menschen bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Das ist die höchste Zahl an Toten im Vergleich zu den Vorjahren. Ja, das ist eine Konsequenz der restriktiven europäischen Politik, die kaum legale Einreisemöglichkeiten für Flüchtlinge schafft. Das darf uns nicht egal sein.

Es wird darüber debattiert, dass ein Land seine Grenzen schützen muss, um Eigeninteressen zu wahren. Wie sehen Sie das?

Sowohl Waren als auch Menschen gehen am besten kontrolliert über die Grenze. Flüchtlinge müssen natürlich registriert werden. Da sie aber im Moment häufig an den Grenzen abgewiesen werden, suchen sie sich andere Wege, an den Kontrollposten vorbei. Wir brauchen ein gutes Gleichgewicht zwischen Grenzschutz und Asylrecht. Momentan ist es unverhältnismäßig, es wird sehr viel mehr in den Grenzschutz als in das Asylsystem investiert. Wenn es über ein Jahr dauert, bis jemand überhaupt als Flüchtling registriert wird, dann ist das zu lang. Der Weg nach Europa wurde erschwert, Flüchtlinge werden in die Illegalität gedrängt. Das zeigt einen Mangel an politischem Willen, hier etwas zu verändern und in den Flüchtlingsschutz zu investieren.

Was hat die europäische Politik versäumt?

Rückblickend würde ich sagen: Es gab zu viele Forderungen und zu wenige diplomatische Gespräche. Das führte zu Widerstand in einzelnen Ländern. Und es wurde wertvolle Zeit verloren. Bereits 2013/2014 hat die UN darauf hingewiesen, dass mit mehr Flüchtlingen zu rechnen sei. Wenn man das ernst genommen hätte, hätte man sich frühzeitig darauf einstellen und entsprechende Strukturen schaffen können. Der Großteil der Flüchtlinge bleibt in der Region ihrer Heimatländer. Jordanien, Libanon und die Türkei, die die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen haben, hätte man rechtzeitig unterstützen müssen. 50 Prozent der Flüchtlinge sind minderjährig, damit keine "lost generation" heranwächst, hätte man viel früher in Bildung investieren müssen. Wenn die Menschen in ihrer Region eine Perspektive haben, dann würden weniger nach Europa wandern. Wir haben einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst.

Deutschland hat im Vergleich sehr viele Menschen aufgenommen, von 1,2 Millionen ist die Rede. Ist das zu schaffen?

Ich frage mich immer, wo diese Zahl herkommt. 2015 haben 442 000 Menschen in Deutschland einen Asylantrag gestellt, bis zum Sommer 2016 kamen noch einmal 358 000 dazu. Es mögen 1,2 Millionen eingereist sein, viele sind aber weitergewandert. Natürlich ist es für ein Land eine große Herausforderung, wenn jeden Tag einige Tausend Menschen ankommen und versorgt werden müssen, keine Frage. Aber ich denke, Deutschland kann mehr tun. Man muss in den Wohnungsbau, die Ausstattung der Schulen mit Lehrern, in Sprachkurse investieren und Teilnahme und Teilhabe organisieren.

Haben Sie den Eindruck, die Kirchen zeigen Solidarität in der Flüchtlingskrise?

Die Kirchen haben viel getan in den vergangenen drei Jahren, darauf dürfen wir auch stolz sein. Kirchengemeinden sind gute Orte für die Integration, weil es hier die Möglichkeit zur Begegnung mit Flüchtlingen gibt. Es gibt Interesse an den Menschen, und nicht so sehr diese Haltung: Ihr müsst so werden wie wir. Integration ist ein Veränderungsprozess für beide Seiten. Die, die neu hinzukommen, haben ein Recht mitzuentscheiden, wie sie leben möchten, auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Um sich anzunähern, muss man Gespräche führen. Da können die Kirchen vermitteln. Die Kirchen in Europa haben sich gegenseitig bei diesen Herausforderungen gestärkt, sich besucht und finanziell unterstützt, wo es dringend war und ist.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Flüchtlingsarbeit in Europa?

Die EU muss wieder dahin kommen, dass sie ihren Beitrag zum Flüchtlingsschutz leisten will, angesichts der internationalen Krise kann man nicht vorrangig die Zahlen in Europa reduzieren wollen. Europäische und internationale Kooperation muss verbessert werden. Aber auch in den Gesellschaften müssen wir die Akzeptanz für den Flüchtlingsschutz erhöhen. Wir müssen Ängste davor abbauen, alles rolle einfach nur über uns hinweg. Angst lähmt und führt zu Entsolidarisierung. Dabei können wir viel mehr selbst und mit Flüchtlingen gestalten, wenn wir uns darauf einlassen. Auch dies haben im vergangenen Jahr Hunderttausende von Freiwilligen überall in Europa erlebt.

Das Interview führte Amet Bick