„So wirst du leben.“ (Lk 10,28)

Europa in Solidarität – Evangelische Impulse

Europa eine Seele geben – mit Herz, Verstand und Händen

von Anne Gidion und Matthias Rogg

Europa eine Seele geben...

Wenn heute von Europa geredet wird, dann meist im Zusammenhang von ungelösten Herausforderungen und Krisen. Die Zahl der unbearbeiteten Großbaustellen ist kaum noch zu überschauen: Euro- und Finanzkrise, erst drohender Grexit, dann beschlossener Brexit, Vertrauensverlust in die proeuropäischen Parteien der Mitte, zunehmender Rechtspopulismus und Nationalismus, ein hilfloses Agieren Europas als internationaler Akteur, offener Streit der Mitgliedstaaten über den Umgang mit Flüchtlingen und nicht zuletzt die Brüsseler Bürokratie. Die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung bei den zurückliegenden Europawahlen und der sprunghafte Anstieg bei den euroskeptischen Parteien verstärken das Bild von Europa in einer tiefen Krise.

Dabei sind Krisen für Europa nicht neu. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Weg zu einem geeinten Europa steinig und kurvenreich, aber er war auch von Enthusiasmus und von Visionen begleitet – und von vielen Erfolgen, die in der Rückschau verblasst sind. Zu den größten Herausforderungen zählten bis vor Kurzem die Neuorientierung Europas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, die Umsetzung des Maastricht-Vertrages, die Integration neuer Mitglieder und das alles im Angesicht eines blutigen Bürgerkriegs auf dem Balkan, mitten in Europa.

In diesem Prozess der Ungewissheiten und offenen Fragen versuchte der damalige Kommissionspräsident Jaques Delors einen Impuls zu setzen, als er im Februar 1992 vor der Konferenz Europäischer Kirchen leidenschaftlich für ein spirituell erneuertes Europa warb, um „Europa eine Seele zu geben“ (Redeauszug s. S. 39). In diesem öffentlich geführten Diskurs sah Delors die Kirchen in einer besonderen Verantwortung, „sich aktiv zu beteiligen“. Sie waren gefragt als wichtige Stimme der europäischen Idee: der Sehnsucht nach Frieden, des Wunschs nach gemeinsamer Wohlfahrt der Bürgerinnen und Bürger, der Verpflichtung zu Solidarität und des Bewusstseins, dass Großes nur mit gemeinsamer Tatkraft erreicht werden kann.

...mit Herz und Verstand

Fast ein Vierteljahrhundert später ist diese Verpflichtung aktueller denn je. Gerade weil Europa Gemeinschaftsaufgabe und ständiger Gestaltungsprozess ist, sind die Religionen und die Kirchen in besonderem Maße gefordert.

Europa braucht eine Seele, unbedingt, aber es braucht auch Herz und Verstand: ein Herz, das mutig ist, kraftvoll und zuverlässig einen Rhythmus vorgibt und nicht aufhört, neue Ideen und Impulse in den ständigen Kreislauf der Diskussionen und Debatten zu pumpen, und einen Verstand, der klarmacht, dass es nicht zuletzt die logischen und pragmatischen Gründe sind, die für und nicht gegen Europa sprechen. Selbst wenn es möglich wäre, es wäre töricht, die Zeit zurückzudrehen. Ohne Europa geht es nicht, mit Europa geht es besser. Die größten Herausforderungen erfordern gemeinsames Handeln. Große Themen wie Frieden, Gerechtigkeit, Umwelt und Klima können offenkundig nur über die Landesgrenzen hinweg wenn nicht gelöst, so doch in Angriff genommen werden. Weil es alle angeht, sind alle gefordert. In der Verantwortung für eine friedlichere, gerechtere und solidarischere Welt müssen sich die Kirchen, und damit auch die Evangelische Kirche in Deutschland, zu Europa verhalten. Was ist der eigene Beitrag und die genuin evangelische Stimme? Europa braucht eine Seele, mehr denn je, mit Herz und Verstand!

Europa in Solidarität – evangelische Impulse

Das Präsidium der Synode der EKD entschloss sich früh, dem Thema „Europa“ mit einem Themenschwerpunkt breiten Raum zu geben und dafür einen Vorbereitungsausschuss aus Synodalen und Experten zu berufen. Dieser Ausschuss hat nun das Thema fast ein halbes Jahr engagiert, auch strittig, aber am Ende mit großem Gewinn zunächst einmal für die am Prozess Beteiligten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Beim Vermessen des Themenfeldes und nach den ersten Diskussionen wurde schnell klar, dass die Größe und Komplexität möglichst einfache und klare Strukturen als Grundlage für eine synodale Debatte erfordern. Der Ausschuss hat nach einem Narrativ, einer sinngebenden Erzählung gesucht, die eine Grundlage und einen Zugang für die Diskussionen auf der Synode geben kann. Dieses Narrativ sollte biblisch, bekannt und zugänglich sein – und doch vielschichtig genug, um es für die Herausforderungen heute neu auszulegen. Zugleich soll es anschlussfähig sein für die Diskussionen außerhalb der Synode, in den Landeskirchen, kirchlichen Gremien und Gemeinden, in Gesellschaft, Politik und Medien.

Früh kam dabei das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25–37) in den Blick. Es erhält viele Facetten des großen Themas Solidarität – nicht umsonst wird es häufig als biblische Begründung des diakonischen Auftrags der Kirchen genannt. Zugleich steckt die Erzählung voller politischer, ethischer und religiöser Pointen für eine Diskussion um evangelische Beiträge in einem Europa in Solidarität. Der Samariter bewegt sich außerhalb seines eigenen religiösen Kontextes. In der Fremde wird er zum Nächsten. Er handelt selbst und kann auch delegieren. Daraus lässt sich für Europa heute herauslesen: Verantwortliches Handeln muss sich lösen von den engen Grenzen religiöser, nationaler, ethnischer oder sozialer Gruppen. Die hier gezeigte Nächstenliebe ist pragmatisch und gut, denn sie ist der Schlüssel für ein kluges und verantwortliches Miteinander: mit Seele, Herz und Verstand und einem nüchternen Blick für die Konsequenzen. Und diese Liebe ist mehr: In so verstandener, grenzen- und bedingungsloser Nächstenliebe zeigt sich, wie Gott Menschen liebt. Und wie Menschen einander lieben können und sollen.

Der Schriftgelehrte aus der Rahmengeschichte will seine Zuständigkeiten begrenzen, indem er nach seinem Nächsten fragt. Und Jesus antwortet mit der Erzählung vom Barmherzigen Samariter: Wer unser Nächster ist? Das wirst du schon sehen, wenn du mit offenen Augen die Straße entlang gehst. Jesus grenzt nicht ein und beschreibt Zuständigkeiten, sondern er spielt den Ball zurück. Das ist nicht nur radikal, es ist vor allem eine Herausforderung und Aufforderung für den Fragenden und alle, die sich angesprochen fühlen: „Tu das, so wirst du leben.“ So gelesen und auf Europa heute bezogen sind evangelische Christenmenschen mit aller Kraft gefordert. Es geht darum, der Verantwortung gerecht zu werden im solidarischen Handeln – ganz gleich, ob es um Lastenausgleich in Europa geht oder darum, geflüchteten Menschen zu helfen. Es gilt, vor der zunehmenden Gewalt nicht zu verzagen, sondern ihr mutig und aktiv entgegenzutreten – ganz gleich, ob es sich um die verbale Gewalt von Nationalisten und Rechtspopulisten oder die offene Gewalt von verbrecherischen Schleusern oder Kriegstreibern geht. Es geht darum, vor der ungerechten Verteilung existentiell notwendiger Ressourcen nicht die Augen zu verschließen, sondern nach Lösungen zu suchen.

Bei den Vorlagen für die Synode steht dabei Europa im Zentrum – mit klarem Blick für das Handeln Europas in der Einen Welt.

Evangelische Impulse sollen dazu Anstöße liefern und Debatten auslösen. Das Thema ist groß und die Herausforderungen sind es auch. Worte werden nicht reichen. Haltung ist gefragt und Handeln auch: denn Europa braucht eine Seele, mit Herz, Verstand und Händen.