3. Tagung der 12. Synode der EKD

Magdeburg, 3. bis 9. November 2016

Einbringung des Kundgebungsentwurfes zum Schwerpunktthema: „So wirst du leben (Lk 10,28). Europa in Solidarität – Evangelische Impulse"

Prof. Dr. Matthias Rogg und Anne Gidion

07. November 2016

Prof. Dr. Matthias Rogg und Anne Gidion

Synodale Gidion: Die gute Nachricht ist: Gott lebt und er wohnt in Brüssel. Wie wir sehen, hat er dort einiges zu tun; denn nur 17 % trauen den Kirchen tatsächlich zu, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Wenn Sie der Frage, warum Gott in Brüssel wohnt, weiter nachgehen wollen, schauen Sie bitte den Film „Das brandneue Testament“. Der lohnt sich sowieso. Gott wohnt also in Brüssel.

Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie evangelische Solidarität beim Thema Europa funktioniert.

Synodaler Prof. Dr. Rogg: Wir wollen in den nächsten Minuten Ihnen den Kundgebungsentwurf vorstellen, ohne dass Sie in die Papiere hineinschauen müssen. Sie können das aber natürlich. Wir wollen mit eigenen Worten noch einmal wiedergeben, was wir miteinander erarbeitet haben und wie wir jetzt Impulse setzen wollen für die anschließende Diskussion.

Vor gut zehn Monaten hat die Präses uns beide gebeten, den Vorsitz für den Vorbereitungsausschuss zu übernehmen zum Schwerpunktthema der Synode in diesem Jahr. Wir haben uns gleich zu Anfang gefragt: Wie macht man das eigentlich? Wie geht man da vor? Wie sollen wir das Ganze angehen bei einem Thema, das sich offensichtlich jeden Tag verändert?

Schnell war uns klar, dass wir einen Leiterfaden, ein Narrativ brauchen, möglichst ein biblisches Narrativ, um in die Geschichte einzusteigen. – Anne, wie kam es dazu?

Synodale Gidion: Wir haben gedacht, wir brauchen einen biblischen Leitfaden, damit wir eine Richtschnur für die Debatte, damit wir aber auch einen Faden haben, damit das, was wir hier mit anderen gemeinsam produziert haben, nämlich ein Europa für die Handtasche, ein Rückgrat hat. Bei der Diskussion um dieses Rückgrat ist uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter sehr schnell präsent gewesen.

Wir haben sie geschüttelt. Sie war uns am Anfang ein Öffner, dann aber auch immer wieder ein Hemmschuh, weil sie so bekannt ist. Wir haben gedacht, jeder glaubt, er kennt diese Geschichte. Andererseits, so haben wir gedacht, steckt eigentlich alles in ihr drin. Das steht eigentlich auch dafür, dass wir gesagt haben, dass wir keine neues Narrativ brauchen. Vielmehr ist das zentrale Motiv der christlichen Solidarität und Nächstenliebe schon da. Deshalb ist die Geschichte von diesem Mann, der unter die Räuber fiel, als Antwort auf die Frage, wer eigentlich mein Nächster ist, eine gute Geschichte.

Wir haben gesagt: Der Samariter ist Pragmatiker. Öl und Wein. Wunden verbinden, delegieren und die Nachsorge Profis überlassen, das ist eine gute Attitüde. Überzeugt hat uns, dass der Gedanke der Solidarität einer ist, der sich nicht nur auf seine Bodys erstreckt, sondern auch – wie es die Erzbischöfin auch gesagt hat – auf die im Graben. Das fanden wir plausibel.

Jesus sagt: Tu so etwas, wie es dieser Samariter getan hat. – Das ist ja eine Antwort auf die theologische Frage, was man tun soll, um das ewige Leben zu erlangen. Daraufhin erzählt Jesus diese Geschichte und sagt: Tu das, so wirst du leben. – Das ist dann die Überschrift geworden, unter der jetzt de facto die ganze Synode steht. Tu das, so wirst du leben.

Vor welchem Horizont – wir kommen zum zweiten Punkt im Kundgebungsentwurf – argumentiert denn eigentlich dieser Entwurf? – Matthias, wie wollen wir leben? Was für ein Europa wollen wir eigentlich?

Synodaler Prof. Dr. Rogg: Darüber haben wir in unserem Vorbereitungsausschuss viel diskutiert. Ich habe mich auch gefragt: Was wäre, wenn ich Ihnen jetzt eine SMS schicken und Sie fragen würde, wie wir leben wollen? Mit welchem Icon würde ich diese SMS versehen, wie wir uns ein Europa vorstellen? Mit einem Smiley, mit einem „Daumen nach unten“ oder vielleicht doch eher mit einem Fragezeichen?

Wir haben im Vorbereitungsausschuss festgestellt, dass wir zunächst einmal sehr viele Unsicherheiten definieren müssen, was wir unter Europa verstehen. Wir haben uns intensiv ausgetauscht über die Fliehkräfte, die wir zurzeit spüren, über die nationalpopulistischen Strömungen, über die gestern und heute schon so viel gesprochen wurde.

In all diesen Debatten haben wir gesehen, dass es ganz wichtig ist, den Blick zurück zu werfen, wofür ich als Historiker ohnehin immer plädieren würde. Das heißt, wir verstehen Europa wirklich nur mit einem Blick in die Geschichte.

Ein Historiker hat einmal vom großen europäischen Bürgerkrieg gesprochen. Damit hat er vor allem das 20. Jahrhundert mit seinen ganzen Verwerfungen in den Blick genommen. Europa als Friedensprojekt verstehen wir wirklich nur vor dem Hintergrund, dass Europa in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Trümmern lag, und zwar vollständig, politisch, wirtschaftlich, sozial.

Dieses Friedensprojekt sagt den Menschen heute aber immer weniger. Frieden, Freizügigkeit und Reisefreiheit gelten vielen als selbstverständlich. Das war es aber nicht, und wahrscheinlich ist es das auch nicht.

Europa als Solidargemeinschaft, das war die nächste Frage, die wir uns gestellt haben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, und zwar nicht nur innerhalb der einzelnen Staaten Europas, sondern auch zwischen Europa und den Staaten außerhalb der Europäischen Union.

Bei alldem, so haben wir festgestellt, taten wir uns innerhalb der Vorbereitungsgruppe sehr schwer – und Sie tun sich wahrscheinlich auch schwer –, die Kern, das Markenzeichen zu erkennen. Vieles ist uns zu diffus. Die Grenzen des europäischen Raumes werden erweitert. Wer kann aus dem Stehgreif alle europäischen Mitgliedstaaten benennen? Die Verwaltung in Europa wird immer undurchsichtiger. Dafür steht der Begriff der Eurokratie.

Das größte Defizit – das haben wir auch so in unserem Kundgebungsentwurf herausgearbeitet – ist also eine gemeinsame Vorstellung, ein gemeinsames Narrativ, eine Vision von dem, was Europa ist, was es sein soll wie wir mit Europa weitermachen wollen. Ganz deutlich hat sich dieses Defizit vor allem im letzten Jahr beim Umgang mit den Flüchtlingen gezeigt. – Anne!

Synodale Gidion: Wir haben uns nach den Hintergründen gefragt. Wir haben uns gefragt, wie Europa funktioniert. Dafür gibt es diesen kleinen Wegweiser. Wir haben uns aber auch nach den Hintergründen der Situation, die sich jetzt zeigt, gefragt. Zwar ist das Thema Flüchtlinge seit September 2015 auf aller Leute Tagesordnung. Das hat aber nicht erst dann angefangen. Es ist schließlich kein neues Phänomen, dass sich die Staats- und Regierungschef nicht auf einheitliche Verfahren an den Grenzen einigen konnten. Dieses Phänomen ist jetzt nur auf ganz andere Art und Weise im Bewusstsein.

Wir haben uns gefragt: Was sind die Kriterien? Was sind eigentlich die Kriterien, zu denen wir als Kirchen überhaupt etwas sagen können? Ich finde, das hat die Podiumsdiskussion sehr deutlich gemacht. Was ist unser Spiel, das wir einspielen können? Was ist unsere Farbe?

Zur unhintergehbaren Würde des einzelnen Menschen haben Christen etwas zu sagen. Wir treten ein für die Geltung und die Verteidigung der Rechte des Einzelnen in Politik und Gesellschaft.

Damit wird die Flüchtlingsfrage zu einer Gerechtigkeitsfrage. Es kann nicht sein, dass Kirchen bei einer Gerechtigkeitsfrage uneindeutig argumentieren. Was genau haben die Kirchen aber eigentlich beizutragen außer Soft Skills? Wo genau ist ihre Verantwortung? – Matthias!

Synodaler Prof. Dr. Rogg: Die Verantwortung und der Beitrag der Kirchen sind vielfältig. Martin Junge – die Präses hat es gestern zitiert – hat das so schön in den Satz gekleidet: Die Reformation ist eine Weltbürgerin. – Sie ist es aber nicht nur gewesen, sie muss es auch heute sein.

Wir haben einen Auftrag, der uns geradezu dazu verpflichtet, Grenzen zu überwinden. Außerdem – und das haben wir immer wieder gesehen – trägt hier das scheinbar so abgegriffene Narrativ vom barmherzigen Samariter, das wir alle vom Kindergottesdienst an, weil wir an dieser Stelle sehen können, dass es jenseits des diakonischen Auftrags etwas anderes gibt, nämlich menschliche Solidarität, die nicht einen nationalen, nicht an ethnischen und nicht an religiösen Grenzen Halt machen darf.

Für uns als Evangelische Kirche in Deutschland und darüber hinaus muss das eigentlich selbstverständlich sein. Was das für konkretes Handeln heißt, haben wir ja gerade im letzten Spätsommer gesehen, als ein Signal der Mitmenschlichkeit und Solidarität von Deutschland ausgegangen ist.

Daraus leiten sich für uns, für die Evangelische Kirche in Deutschland, zahlreiche Forderungen ab. Wir bekennen uns ganz klar – das hat der Vorbereitungsausschuss mehrfach deutlich gemacht – zu einem Europa der Einheit und Vielfalt. Wir weisen jede Form von Rechtsextremismus und von Fremdenfeindlichkeit entschieden zurück. Wir brauchen mehr Aufklärung und Erklärung, warum unsere Verschiedenheit gut ist und was unsere gemeinsamen Interessen sind. Ein Blick auf den Brexit, der uns alle so in Turbulenzen gebracht hat, zeigt, wie wichtig und wie notwendig es ist, unsere guten Kontakte zur anglikanischen Kirche zu nutzen und in Debatten einzubringen.

Wir müssen – das leitet sich auch daraus ab – nicht nur den interkonfessionellen, sondern auch den interreligiösen Dialog vorantreiben.

Eine der größten Herausforderungen der Zukunft wird sicherlich sein, einerseits eine klare Position gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, gegen zunehmenden Nationalismus und Populismus – insofern war es ein sehr Mut machendes Wort unseres Ratsvorsitzenden in seinem Bericht – zu beziehen, andererseits auch klarzumachen, dass wir im Dialog stehen müssen. Das heißt, dass wir die Gespräche nicht abbrechen, sondern auch mit denen, deren Haltung uns nicht gefällt, den Dialog weiterführen müssen.

Diese allgemeinen Forderungen sind wichtig für unsere Standortbestimmung. Zugleich haben wir gesagt, wir müssen im Kundgebungsentwurf deutlich machen, was unsere konkreten Forderungen für unser Tun sind.

Synodale Gidion: Ich bin gewiss, dass das das ist, was wir heute den Tag über noch stärker diskutieren werden. Wir haben dafür Überschriften benannt: Sichere und legale Werge in die EU für Schutzsuchende. – Auch dafür ist das Narrativ ein guter Referenzpunkt.

Europa als Friedensprojekt? Europa als zentrale Achse für die Sicherheitspolitik und für die Entwicklungszusammenarbeit? – Hier sind die Kirchen ein geübter Player und strukturell vernetzter als viele andere Player. Wir sind für strategische Partnerschaften und vor allen Dingen für ein soziales Europa, das sich immer wieder auf seine Wurzeln von Solidarität und Subsidiarität besinnt, auch wenn es Wörter sind, von denen man meint, man wisse, was sie bedeuten. In der jeweils neuen Situation gilt es, das jeweils neu durchzubuchstabieren.

Wir sind für ein nachhaltiges Europa. Wie gehen wir mit Terrorismus um? Wie gehen wir damit um, dass es im Namen der Religion gewalttätige Invasionen in die offene Gesellschaft gibt? Wie können wir die Vision und die Praxis einer offenen Gesellschaft dagegenhalten?

Daraus ergeht ein Auftrag. Das sind riesige Themen, die die Kirchen nicht alleine bewegen können und die nicht nur die Kirchen beschäftigen. Unser programmatischer Titel „So wirst du leben“ beinhaltet kein beschränktes Du, das sich nur auf die Kirchen bezieht. Vielmehr geht es darum, wie wir in der Gesellschaft leben werden. Was heißt das für uns?

Synodaler Prof. Dr. Rogg: „So wirst du leben.“ Das ist für uns einerseits Zusage, andererseits Auftrag, also beides in einem. Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gerechtigkeit – das müssen Grundlagen für ein friedliches Miteinander in Europa sein. Und die Unterschiedlichkeit in Europa wird nicht infrage gestellt, sondern mehr als eine Herausforderung, als eine Chance begriffen, also als Einheit in Vielfalt, von der in den letzten Tagen schon so oft die Rede war. Die Ökumene – und das ist uns wichtig herauszustellen – wird hier zum Lackmustest, dass Europa gelingen kann und Europa gelingen muss.

Wir haben versucht, all das in einem knappen Kundgebungsentwurf zusammenzufassen. Aber bevor wir mit Ihnen in die Diskussion einsteigen, möchten wir einigen Danke sagen.

Zunächst einmal geht der Dank ans Präsidium, an unsere Frau Präses und an das gesamte Präsidium, dass wir den Auftrag bekommen haben, diesen Vorbereitungsausschuss mit vielen zusammen gestalten zu können, und dass wir heute hier stehen können. Herzlichen Dank dafür!

Synodale Gidion: Dann geht der Dank an die Hauptamtlichen aus dem Kirchenamt. Hier wollen wir vor allen Dingen Detlef Görrig als Geschäftsführer in turbulenten Zeiten nennen, weiterhin Katharina Ratschko, Johannes Goldenstein, Heidi Heine, die uns unterstützt und die Feder geführt haben. Dieses Büchlein wäre ohne Frau Ratschko sicher nicht in dieser Schönheit entstanden.

Synodaler Prof. Dr. Rogg: Zwei sind uns dabei noch ganz wichtig. Das ist einerseits Frau Hatzinger, die uns mit ihrer großen Europakompetenz wichtige Impulse gegeben und viele Dinge klargestellt hat. Sie hat uns auf unserem Weg geholfen, europäische Instanzen besser verstehen zu können. Das ist andererseits – und ihn möchte ich wirklich herausheben – Horst Gorski. Lieber Herr Gorski, Sie haben in einer entscheidenden Phase die Feder in die Hand genommen und die undankbare, aber doch sehr schöne Aufgabe übernommen, den Kundgebungsentwurf, den wir diskutiert haben, in Worte zu fassen. Ihnen und der gesamten Geschäftsführung gilt unser herzlicher Dank.

Synodale Gidion: Im Übergang zu der Phase, die jetzt kommt, möchten wir den Menschen danken, ohne die das überhaupt nicht möglich gewesen wäre, nämlich dem Ausschuss. Diejenigen aus dem Ausschuss, die jetzt anwesend sind und mitgearbeitet haben, möchte ich bitten, sich von ihren Plätzen zu erheben.

Wir haben uns vorgestellt, dass die Arbeitsgruppen, in die Sie sich schon eingetragen haben oder in die Sie sich noch in letzter Sekunde eintragen werden, der Resonanzraum für die Erstreaktionen sind. Also, identifizieren Sie eine Person Ihres Vertrauens. Wahlweise folgen Sie Ihrem Programm. Dort stehen die Orte, wo Ihre Arbeitsgruppe tagt. In der Arbeitsgruppe werden Sie auf eine Person aus dem Ausschuss treffen, die das moderiert, und auf eine sogenannte Ressource Person, die aus der Synode, der Kirchenkonferenz oder dem Rat kommt und einen Impuls geben wird. Insofern ist es eine Debatte aus der Synode für die Synode, die die Nachmittagsplenumsdebatte vorbereitet.

Synodaler Prof. Dr. Rogg: Die Ausschussmitglieder, die das Ganze moderieren, spielen uns wiederum die Diskussionspunkte zurück, die wir einbringen und bündeln wollen, um den Kundgebungsentwurf zu schärfen und weiter zu profilieren.

Synodale Gidion: Genießen Sie die Debatte. Bis heute Nachmittag!