Predigt im Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche Dresden

Margot Käßmann

01. Januar 2010

Liebe Gemeinde,

„Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ – so lautet die Losung, die uns für das neue Jahr 2010 mit auf den Weg gegeben ist.

Das ist eine wunderbare Zusage an einem ersten Januar. Denn wir stehen ja am Beginn eines neuen Jahres meist in einer Spannung zwischen der Hoffnung, dass alles gut wird, und den Ängsten, dass Schweres auf uns zukommen könnte.

Die Jahreslosung für 2010 ist zuallererst eine Ermutigung: nicht erschrecken! Habt keine Angst! Mit Gottvertrauen sollen wir in das neue Jahr gehen: Glaubt an Gott und glaubt an mich.

Hört sich das nicht etwas naiv an, diese Antwort auf das Erschrecken: glaubt an Gott? Das klingt so einfach. Mich erinnert das an einen Satz, den ich auf vielen Karten gelesen habe, die ich letzte Weihnachten erhielt: „Alles wird gut!“ Das ist offenbar eine ganze Serie - herausgegeben von einer Fernsehmoderatorin. „Alles wird gut!“ Ist das die christliche Botschaft, die uns die Jahreslosung mitgibt, habe ich mich gefragt. Eine Hoffnung ist das schon. Alles soll gut werden! Ein neues Jahr beginnt. Da wünschen sich viele Menschen, dass die Sorgen unserer Welt irgendwie aufgehoben sein könnten.

Und diese Hoffnung packt zum Jahreswechsel auf wundersame Weise unsere ganze Gesellschaft, so verschieden wir auch sonst sind. Der Briefträger ruft mir zu: „Frohe Neues!“ Die junge Frau an der Kasse sagt: „Guten Rutsch auch!“ Die Mitarbeiterin verabschiedet sich fröhlich: „Auf eine Neues nächstes Jahr“. Neu. Vorfreude. Neugier auch. Der Neubeginn als Chance. Wir dürfen gespannt sein, was kommt. Voller Hoffnung und Erwartung. Alles ist gut. Oder wie Xavier Naidoo in seinem neuen Lied singt: „Alles kann besser werden!“ Das ist ein schönes Gefühl. Und das dürfen wir auch zulassen.

Aber – ja, auf dieses aber haben Sie sicher schon gewartet. Denn leider ist eben nicht alles gut. Wir haben allen Grund, zu erschrecken. Damit ist nicht ein lustiger Spaß nach dem Motto: huch, da habe ich mich erschrocken gemeint! Kein Halloweenunfug oder Horrorfilm oder Scherz. Nein, es geht hier um echtes Erschrecken, tiefe Erschütterung, Lebensangst in einer existentiellen Dimension.

Wenn unser Herz so erschrickt, dann ist unser Leben zutiefst berührt. Unser Herz, das ist in der Bibel der Ort, an dem der Mensch nichts verbergen kann. Da kommen Fühlen und Denken zusammen, unsere ganze Existenz ist im Spiel, wenn es um das Herz geht. Da geht es um die elementaren Fragen unseres: Wer bin ich überhaupt? Macht mein Leben Sinn? Wo will ich hin? Wie will ich diese Situation bewältigen? Mein Gott, ich weiß nicht weiter!

Erschrecken - weil ich erkenne, dass es keine Perspektive gibt für mein Leben. Ich werde nicht mithalten können beruflich, in der Schule, im Leistungssport.

Erschrecken - meine Ehe wankt, ich befinde mich in einem Hamsterrad, So geht es nicht weiter.

Erschrecken - ich habe Schuld auf mich geladen. Das kann ich nicht wieder gut machen, da gibt es keinen Weg zurück.

Erschrecken - ich bin krank, ich werde sterben. Vielleicht schon dieses Jahr. Das muss ich begreifen: mein Leben ist endlich.

Liebe Gemeinde, wenn wir so von tiefstem Herzen erschrecken, dann steht unser ganzes Leben auf dem Prüfstand. Allzu oft weichen wir davor lieber aus. Der Jugendliche hängt vor dem Computer ab, die alte Dame schaut Fernsehen, der Geschäftsmann betrinkt sich, die Familienmutter geht einkaufen. Klischees, ja, ich weiß. Aber sie stehen für Fluchtmanöver, die das Erschrecken verdrängen sollen.

Sich selbst konfrontieren mit den großen Fragen des Lebens, mit dem was mein Leben in Frage stellt, das braucht Mut und Vertrauen. Gottvertrauen, wie Jesus es meint mit dieser Aufforderung: Glaubt an Gott und glaubt an mich. Vertraut euch an! Ihr könnt nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Unser Gott weiß etwas vom Leben, weil er eben nicht in fernen Himmelswelten blieb, sondern mitten unter uns war, auch Leid, Sterben und Tod kennt. An ihn glauben heißt, die Spannungen unseres Lebens auch im neuen Jahr nicht ausblenden, sondern mutig aus Gottes Hand nehmen, was kommt und unser Leben verantwortlich gestalten so gut wir es vermögen. Wenn wir beten, nehmen wir diese Haltung an: Vertrauen wagen und Mut erbitten.

Im Altarbild von Johann Christian Feige, das in der Dresdner Frauenkirche zu sehen ist, konnte ich heute Morgen die wunderbare Szene anschauen, wie die Bewegung des betenden Christus von einem Engel aufgenommen wird. Bei dem Engel mag der Künstler an das Lukasevangelium gedacht haben: „Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn“, heißt es dort. Seine Geste hat etwas Segnendes, aber auch etwas Wegweisendes. Darauf hoffen wir am Beginn eines neuen Jahres, auf Segen und auf Wegweisung. Betend wie Christus wünschen wir uns gehalten und getragen zu sein durch die Höhen und Tiefen, die da kommen mögen, auch dann, wenn wir erschrecken. Im Gebet erfahren wir die Ermutigung, uns einzubringen in diese Welt.

Unter dem Hinweis auf diesen Engel bestärkte (im 17.Jahrhundert) der Dresdner Oberhofprediger Philipp Jacob Spener seine Predigthörer mit den Worten: „Mangelts an Menschen, und sehen wir um uns keinen Halt, so solle uns vom Himmel ein Engel trösten, das ist, Gott wird uns so unvermutet Trost lassen zukommen, als ob er einen Engel vom Himmel sendete: entweder von innen selber in unsern Seelen ... oder dass er andere zu uns schicket, die unser Engel werden.“

Nein, noch nicht vollkommen Gottes Reich, in dem alle Tränen abgewischt sein werden, aber wir können einander zu Engeln werden, zu Boten Gottes. Gott lässt sich nicht greifen, nicht auf eine Festplatte speichern, nicht einsperren, auch nicht in Kirchen. Aber Gott lässt sich erfahren in unserem Leben wo wir Trost finden, begleitet und getragen werden, Umkehr möglich machen, Vertrauen erfahren. „Euer Herz erschrecke nicht“ – das aber ist sozusagen die Visitenkarte Gottes. Wir dürfen darauf vertrauen: Gott will uns begleiten auf allen unseren Wegen - Gottes Engel weichen nie. Es gibt einen Kontrast zwischen Gottes Zusage und unserem unfertigen, unvollkommenen Leben. Das ist offensichtlich. Da ist eine Verheißung spürbar, aber die Realität ist knallhart….

Denn Erschrecken gibt es ja nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch mit Blick auf unsere Welt.

Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Da ist Erschrecken angesagt und Mut zum Handeln, gerade nach dem Klimagipfel in Kopenhagen.

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt….

Nein, es ist nicht alles gut, wenn so viele Kinder arm sind im eigenen Land. Diese Kinderarmut versteckt sich oft ganz still im Hintergrund. Da erzählt mir eine Mutter, dass die Klasse ihres 15-jährigen Sohnes einen Auslandaufenthalt geplant habe. Sie konnte das erforderliche Geld nicht aufbringen. Die Klasse wollte ihn unbedingt dabeihaben und gemeinsam haben sie das notwendige Geld aufgetrieben. Aber der Sohn wollte nicht mitfahren, weil er sich zu sehr geschämt hat, dass andere für ihn bezahlen. Selbst als der Lehrer anrief, ließ sich ihr Sohn nicht umstimmen. Er blieb als Einziger zuhause.

Nichts ist gut, Erschrecken ist angesagt, wenn es in einer Gemeinschaft so schwer, so beschämend ist, Hilfe anzunehmen bei Jungen und Alten, bei Armen, Kranken und Behinderten. Da braucht es einen tatkräftigen Glauben, der für die Würde jedes Menschen eintritt.

Es ist nicht gut, nein, es ist entsetzlich traurig, wenn ein Spitzensportler Angst hat, seine Depression offiziell behandeln zu lassen. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn seine Krankheit öffentlich bekannt geworden wäre, hätte er kaum weiter Nationaltorwart bleiben können. Dass sein Tod so viele Menschen berührt hat liegt wohl auch daran, dass Robert Enke stellvertretend für die Ängste vieler steht. Sie wurden an die Abgründe der eigenen Angst erinnert. Der Angst nämlich, nicht mehr mitzuhalten und nicht mehr eine Fassade von Größe, Schönheit und Stärke aufrechtzuerhalten.

Nichts ist gut, wir erschrecken, wenn wir erkennen, wie bei uns eine solche Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen – wie unmenschlich! Da haben wir Zeugnis zu geben von der Nächstenliebe, die unserem Glauben entspringt.

Nein, es ist nicht alles gut. Aber trotzdem müssen wir nicht deprimiert oder mit gesenktem Haupt ins neue Jahr gehen. „Seht auf und erhebt eure Häupter“ heißt es in der Bibel. Aber ja doch! Wir glauben an den auferstandenen Christus und nicht an einen Toten. Wir haben Hoffnung für diese Welt und über diese Welt hinaus. Deshalb können wir die Spannung aushalten zwischen Erschrecken und Gottvertrauen, zwischen Ängsten und Mut zur Weltverbesserung. Wir können fröhlich feiern, ohne Fassaden. Denn unser Glaube blendet Leid und Kummer in der Welt nicht aus! Das ist für mich entscheidend. Schon im Stall von Bethlehem war wahrhaftig nicht alles gut. Jesus wurde in Armut geboren. Der Vater ahnt, dass eine Flucht bevor steht, die junge Mutter ist allein in der Fremde. Aber Christinnen und Christen glauben, dass in dem Kind in der Krippe Gott selbst Mensch wurde - mit Windeln und Wickeln, mit Haut und Haaren, mit Freud und Leid.

Gott ist kein einsamer Himmelsherrscher, sondern mitten unter uns wie ein Freund oder eine Schwester, wie ein Mensch, der etwas weiß von den Höhen und Tiefen des Lebens, von Liebe und Glück, aber auch von Ängsten und Sorgen. Dieser Glaube führt gewiss nicht dazu, dass alle Mühen und Ängste, aller Schrecken und alle Fragen unserer Welt aufgehoben sind. Als Christen sind wir eben gerade nicht weltfremd oder weltentrückt! Aber wir glauben, dass die Lebenszusage Gottes diese Welt mit ihren vielen Sorgen verwandeln kann. Sie ermutigt uns, gegen das Erschrecken anzutreten in dieser Welt. Indem wir den einsamen alten Nachbarn besuchen, dem Jungen die Scham nehmen und offen darüber sprechen, was Armut bedeutet. Indem wir gegen Feindbilder antreten. Oder durch einen nachhaltigen Lebensstil praktizieren. Viele kleine Schritte sind möglich jeden Tag. So gewinnt nicht das Erschrecken Oberhand, sondern Gottvertrauen.

Ja, wir alle würden gern ganz persönlich und für diese ganze Welt erfahren, dass das Leben heil werden kann. Danach hört sich die Botschaft doch an: "Euer Herz erschrecke nicht". Jesus Christus will Heiland für uns sein. Die Realität aber ist: der Alltag. Und die Erfahrung: Vieles gelingt, vieles scheitert. Die Welt bleibt unerlöst, es wird nicht alles heil. Gott setzt die bessere Welt nicht mit Gewalt und Waffen durch. Wir hoffen weiterhin auf Gottes Zukunft, so sehr wir hier und jetzt Zeichen von Gerechtigkeit und Frieden setzen wollen. Vielleicht wenigstens besser.

Das wissen wir doch alle: Es gibt kein perfektes oder makelloses Leben. Brüche in unserem Leben kennen wir alle. Deshalb ist es wichtig, einmal still zu werden, zur Ruhe zu kommen. Schön, wenn eine Gesellschaft das zumindest zur Jahreswende noch kann.

Wolfgang Dietrich schreibt:

Es ist ein Gesang in der Welt. Horcht doch!

Selbst die Sterne lauschen herab.

Der Gesang singt zum Leben.

Er nimmt sich Flügel und fliegt bis zum äußersten Ende der Erde.

Da heben die Trostlosen ihr Haupt.

Elende werden heimisch.

Waisen tragen königliche Kronen.

Und selbst aus verdorrten Bäumen weckt der Gesang unverwelkliche Blätter.

Als die Entwurzelten und wir wurzeln uns ein.

Als die Verdorrenden und wir treiben das Blatt.

Als die Saftlosen und wir bringen die Frucht.

Als die Umherirrenden und uns grüßt der Stern.“

Hören wir also! Gehen wir unseren Weg von Gottvertrauen getragen. Auch da, wo wir trostlos oder verdorrt sind, können wir Wurzeln treiben und Frucht bringen. Denn unser Leben steht unter der Zusage: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Oder auch: "Gottes Engel weichen nie" - das feiern wir, das leben wir, davon singen wir, darauf vertrauen wir auch am Beginn eines neuen Jahres. Das ist eine ganz eigene Melodie für unser Leben, die wir hören und unsere Hoffnung, auf die wir bauen.

Schön, wenn wir glücklich sind. Dann können wir dankbar sein. Aber wir wissen, wie verletzbar unser Glück ist, unsere Beziehungen sind, dafür sind wir am Beginn eines neuen Jahres besonders sensibel. Da kann es Veränderungen geben, Krankheit, Scheitern und Sterben. „Alles wird gut“ ist viel zu banal. Als Christinnen und Christen sagen wir stattdessen: Erschrecken wir nicht! Alles ist aufgehoben bei Gott. Ich kann darauf vertrauen, Gott begleitet mich in den Höhen und Tiefen meines Lebens. Ob ich allein bin oder in Gemeinschaft, fröhlich oder sorgenvoll, erfolgreich oder gescheitert, in ruhiger Bahn oder an einem Wendepunkt. Ich darf mich anvertrauen! Und ich darf mich ermutigt wissen, selbst zu handeln, meinen Teil beizutragen, damit das Erschrecken geringer wird in dieser Welt. Wenn viele Menschen viele kleine Schritte gehen, kann sich das Gesicht der Erde verwandeln….

Lasst uns also mit Gottvertrauen und Mut in dieses neue Jahr gehen. Unser Herz muss nicht erschrecken, wir sind gehalten und wir können halten, wir sind ermutigt und können andere ermutigen, wir sind durch den Glauben veränderte Menschen und können etwas verändern, damit andere nicht länger erschrecken müssen.

Das hören annehmen können, bedeutet, gesegnet sein. Dankbar, froh, aber eben auch gehalten, getragen in den Zeiten von Fragen, Auseinandersetzung und innerer Unruhe.

So wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Neues Jahr.

Amen.